Strukturwandel der Anerkennung im 21. Jahrhundert

Team:
Prof. Dr. Axel Honneth, Universität Frankfurt am Main, Institut für Sozialforschung

Prof. Dr. Klaus Günther, Universität Frankfurt am Main, Institut für Kriminalwissenschaften und Rechtsphilosophie

Prof. Dr. Werner Plumpe, Universität Frankfurt am Main, Historisches Seminar

Dr. Stephan Voswinkel, Universität Frankfurt am Main, Institut für Sozialforschung

Prof. Dr. Thomas Welskopp, Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Abteilung Geschichtswissenschaft

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts findet ein Strukturwandel der institutionell eingebetteten Anerkennungsbeziehungen statt. Dieser Wandel spiegelt erstens eine die ganze Moderne umfassende Dynamik der Forderungen nach Anerkennung wider, die die etablierten Institutionen stets überschreiten und damit gefährden.

Zweitens lässt sich empirisch eine steigende Unsicherheit der Anerkennungszuweisungen im Bereich der Arbeit, des Rechts und der Medien nachweisen, die das Potenzial in sich trägt, die Akzeptanz dieser sozialen Institutionen zu gefährden. Daher hängt drittens die normative Bewertung dieser Wandlungsprozesse davon ab, ob sie neue, stabile normative Prinzipien hervorbringen können, die von den Beteiligten als Fortschritt begriffen werden können.

Anerkennung ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit geworden. Gesellschaftliche Konflikte werden von den Beteiligten zunehmend als Kämpfe um Anerkennung beschrieben. Zugleich werden jedoch am Übergang zum 21. Jahrhundert die Kriterien und Normen dafür, was überhaupt erstrebenswerte Anerkennung ist und in welcher Weise sie gesellschaftlich institutionalisiert werden sollte, immer unklarer. In dem Forschungsprojekt "Strukturwandel der Anerkennung im 21. Jahrhundert", das an der Goethe-Universität Frankfurt und am Frankfurter Institut für Sozialforschung von 2007 – 2010 durchgeführt wurde, wurde auf dieses Problemfeld ein interdisziplinärer Zugriff entwickelt.

In der Zusammenarbeit von Historikern, Soziologen, Rechtswissenschaftlern, Philosophen und Medienwissenschaftlern konnte die zunächst verwirrende Struktur von Anerkennungskämpfen, Anerkennungsforderungen und Konflikten der Gegenwart in informativer Weise erstens in eine umfassendere Zeitdiagnose integriert werden: Sobald man die Anerkennungskonflikte der Gegenwart nicht isoliert, sondern als Bestandteil eines die ganze Moderne umfassenden Prozesses begreift, stellt sich heraus, dass in posttraditionalen Gesellschaften Anerkennung nicht nur derzeit, sondern strukturell und prinzipiell immer labil und paradox bleiben muss, weil jede Inklusion und Differenzierung neue Forderungen, Exklusionen und Unsicherheiten erzeugt.

Zweitens konnte in der Verbindung der unterschiedlichen empirischen Studien für die Arbeitswelt (Wandel der Anerkennung in Betrieben), das Recht (Opferrechte im Strafprozess) und die Medien (Mediale Darstellung von Opfern) nachgewiesen werden, dass sich in den derzeitigen Umbrüchen in widersprüchlicher Weise Prozesse der stärkeren Individualisierung und Inklusion in Anerkennungsverhältnisse – etwa durch enttraditionalisierte Formen der beruflichen Anerkennung – mit Phänomenen der Unsicherheit verbinden: Je individueller und umfassender Anerkennungschancen offen stehen, umso schwerer wird es, stabile Kriterien dafür zu entwickeln, welche Anerkennungsformen überhaupt noch die gewünschten Formen sozialer Wertschätzung ausdrücken.

Drittens konnte schließlich durch die Einbeziehung der normativen Perspektive einer sozialphilosophischen Gerechtigkeitstheorie diese Zeitdiagnose zu einer moralischen Bewertung der Gegenwart erweitert werden. In den Forderungen von Individuen nach sozialer Anerkennung spiegelt sich ein Anspruch wider, der für die Partizipation moderner Personen an normativen Ordnungen grundlegend ist: der Anspruch in den sozialen Verhältnissen eine Bestätigung der eigenen Freiheit und der eigenen personalen Identität zu sehen.

Dieser Anspruch trägt in sich eine Entwicklungsdynamik, weil er ständig Erweiterungen und Differenzierungen einklagen muss, die zwangsläufig die geteilte Semantik überschreiten, die in einem historischen Moment besteht. Damit ist jede Anerkennungsordnung ebenso auf ein geteiltes System sozial akzeptierter Gerechtigkeitskriterien angewiesen wie die in ihr produzierten Ansprüche dieses System in Frage stellen und auf seine Umformung drängen müssen.

Inwieweit die Veränderungen der Anerkennungsinstitutionen unserer Gegenwart moralisch akzeptabel sind, muss sich also daran messen lassen, ob neue Formen der Anerkennung es erlauben, in ein stabiles System von Normen überführt zu werden, das hinsichtlich Inklusion und Individualisierung gegenüber seinen historischen Vorgängern einen Fortschritt darstellt.