Repräsentation: Theorien, Formen und Techniken

Publikationen

S. Freudenberger, Die semiotische Konstruktion des Objektes bei Charles S. Peirce. In: L. Pastore (Hg.), Repräsentation und Gegenstandskonstitution, Frankfurt/M. u.a. 2010.

S. Freudenberger, Charles S. Peirce: Reality as Semiotic Construction (in Vorbereitung für Semiotica, Journal of the International Association for Semiotic Studies).

M. Hoffmann, Wissenskulturen, Experimentalkulturen und das Problem der Repräsentation, Frankfurt/M. u.a. 2009.

M. Hoffmann, Experimentalsysteme und Gegenstandskonstitution – epistemische Dinge. In: L. Pastore (Hg.), Repräsentation und Gegenstandskonstitution, Frankfurt/M. u.a. 2010.

S. Nannini, Seele, Geist und Körper. Historische Wurzeln und philosophische Grundlagen der Kognitionswissenschaften, Frankfurt/M. u.a. 2006.

S. Nannini, Naturalismo cognitivo. Per una teoria materialistica della mente, Macerata 2007.

S. Nannini, Action Theory and Cognitive Turn: How Can the Content of Intentions Contribute to Causing Actions? In: C. Lumer/ S. Nannini (eds.), Intentionality, Deliberation and Autonomy: The Action-Theoretic Basis of Practical Philosophy, Aldershot/ Ashgate 2007.

S. Nannini, Intentionality Naturalised. In: C. Penco/ M. Beaney/ M. Vignolo (eds.), Explaining the Mental: Naturalist and Non Naturalist Approaches to Mental Acts and Processes, Cambridge 2007.

S. Nannini, La Nottola di Minerva. Storie e dialoghi fantastici sulla filosofia della mente, Milano/ Mimesis 2008.

S. Nannini, Cognitive Naturalism and Cognitive Neuroscience: A Defence of Eliminativism and a Discussion with G. Roth. In: M. de Caro/ E. Rosaria Egidi (eds.), The Architecture of Knowledge. Epistemology, Agency, and Science, Roma 2010.

H.J. Sandkühler, Repräsentation und Wissenskulturen. (Hg.), Frankfurt/M. u.a. 2007. Darin: Wissenskulturen, Überzeugungen und die Rechtfertigung von Wissen.

H.J. Sandkühler, Kritik der Repräsentation. Einführung in die Theorie der Überzeugungen, der Wissenskulturen und des Wissens, Frankfurt/M. 2009.

Team:
Prof. Dr. Hans-Jörg Sandkühler,

Dr. Silja Freudenberger, beide Universität Bremen, Institut für Philosophie

Professor Dr. Andreas K. Engel, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Neurophysiologie u. Pathophysiologie

Professor Dr. Sandro Nannini, Università degli Studi di Siena, Dipartimento di Filosofia e Scienze Sociali

Professor Dr. Dr. Kai Vogeley, Klinikum der Universität zu Köln, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

In der Philosophie, in den Kulturwissenschaften und auch in den Science Studies wird häufig der Begriff der Konstruktion dem der Repräsentation gegenübergestellt. Es wird argumentiert, die Idee der Repräsentation befinde sich in einer Krise, müsse gegebenenfalls ganz aufgegeben werden, und es gelte, alternative Paradigmen menschlicher Erkenntnis zu formulieren.

Im Teilprojekt P1 Erkenntnis, Repräsentation, Zeichen und Wissenskulturen (Prof. Dr. Hans Jörg Sandkühler/Dr. Silja Freudenberger/Melanie Hoffmann M.A., Bremen) war Teil A dem Repräsentationsproblem primär in allgemeiner zeichentheoretischer Hinsicht gewidmet; es wurde im Anschluss an die Semiotik von Charles S. Peirce ein Repräsentationskonzept entwickelt, das sich dem Problem der angeblichen Alternative von 'Repräsentation' und 'Konstruktion' verschließt und die Stärken der diesen jeweils zugrundeliegenden Intuitionen in einem Konzept zusammenfasst. Teil B beschäftigte sich v. a. mit der Kontextualität von Repräsentationen in Wissens- bzw. Experimentalkulturen.
Ein wesentliches Ergebnis von Teil A ist: Konstruktion und Repräsentation müssen nicht als Gegensätze begriffen werden. Peirce stellt eine Methode bereit, mit der erklärt werden kann, wie Wissensobjekte in Repräsentationsprozessen hergestellt werden – ohne dass bereits existierende Dinge einfach abgebildet (re-präsentiert) werden müssten, aber auch ohne die reale Existenz der Dinge, die repräsentiert werden, aufgeben zu müssen. In semiotischen Prozessen der Repräsentation wird das Wissensobjekt konstruiert. Die Peircesche Semiotik bietet eine einzigartige, doch in der gegenwärtigen Debatte weitgehend unbeachtet gebliebene theoretische Option. Diese Option lässt sich verdichten auf die radikale Formel: Repräsentation ist Konstruktion. Die Entstehung von Wissensobjekten im Prozess ihrer Erforschung (Peirce: "reality consists in the future ") kann für die Naturwissenschaften ebenso beobachtet werden wie für die Geisteswissenschaften.

Wesentliche Ergebnisse von Teil B sind: (i) Aussagen, auch in den Wissenschaften, sind keine Kopien des zu Erkennenden, sondern mit Voraussetzungen geladene Artefakte: geladen mit wissenskulturellen und praktisch-sozialen Voraussetzungen, epistemischen und praktischen Bedürfnissen und Interessen, sowie mit von Überzeugungssystemen abhängigen propositionalen Einstellungen. (ii) Durch Vorstellungen, Denken, sprachliche Zeichen, Symbole, Metaphern, Modelle und Bilder wird der Realitäts-Status des Repräsentierten verändert. Repräsentation ist Stellvertretung. Das Repräsentandum 'erzwingt' keine Beziehung der Ähnlichkeit, Isomorphie oder Identität mit dem Repräsentat. (iii) Der Bezeichnungs-Dualismus 'neural/mental', der ontologisch auf einen Entitäten-Unterschied zu verpflichten scheint, ist einer Methoden- und Theorienwahl geschuldet. In beiden Fällen handelt es sich um Bezeichnungen, um Aussagen in Zeichensystemen, um Bedeutungszuschreibungen zu Repräsentationen, deren Explikation in das Ressort der Semantik und Semiotik fällt. (iv) Es ist sinnvoll, jeden Ausdruck der Form "b ist eine Repräsentation von a" mit einer Signatur zu verbinden: Von Repräsentation wird in einem Überzeugungssystem Ü unter bestimmten epistemischen Bedingungen eB in einer bestimmten Sprache S gesprochen. (v) Wahrnehmungen und Erfahrungen, Beobachtungen und Experimente, Überzeugungen, Repräsentationen und Wissen sind eingebettet in Netzwerke von Wissenskulturen. In der Perspektive 'Wissenskulturen' wird ein rationalistisch verengter Wissensbegriff erweitert: Berücksichtigt wird ein mehrstelliges Relationengefüge unter Einschluss vorrationaler Tiefenschichten, aus denen heraus sich – vermittelt durch Emotionen, Einstellungen und Überzeugungen – Wissen bildet. Damit öffnet man den Wissensbegriff für die Einsicht, dass in Kulturen unterschiedliche Einstellungen und Überzeugungen zu konfligierenden Wahrheitsansprüchen führen können. Je eigene epistemische Traditionen, Argumentations- und Repräsentationsstile sowie Selbst- und Fremdbilder sind Grundlagen für epistemische Identitäten. (vi) Die These, Wissen sei gerechtfertigte wahre Überzeugung, muss erweitert werden: Wissen ist in wissenskulturellen Kontexten und gemäß wissenskulturell akzeptierten Rechtfertigungsstandards gerechtfertigte wahre Überzeugung; die Annahme, Repräsentation könne als zweistellige Relation b repr a gefasst werden, ist unhaltbar. Die Repräsentationsrelation ist mehrstellig: b repr a unter den wissenskulturellen Bedingungen c, d, e; repräsentiert wird a als ac oder als ad oder als ae. (Sandkühler) (vii) Abbildtheorien sind zum Verständnis von Repräsentation ungeeignet. Die Kritik eindimensionaler Erklärungen von Repräsentation und Wissen eröffnet der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie Wege zur Berücksichtigung von Konstruktivität, Subjektivität, epistemische Aktivität, Kommunikation und sozio-kulturellen Vernetzungen bei der Entstehung und Entwicklung von Wissen. Dies zeigt auch die Analyse von Experimentalkulturen, die in Wissenskulturen eingebettet sind.

Im Teilprojekt P2 Mentale Repräsentation und Naturalisierung der Intentionalität (Prof. Dr. Sandro Nannini, Michaela Tacca, Siena) wurden theoretische und experimentelle Untersuchungen auf die Implementierung der Wahrnehmungen durch Hirnprozesse fokussiert und auch in den Jahren 2007-2008 fortgesetzt. S. Nannini hat (z.T. in Zusammenarbeit mit M. Tacca und mit dem Teilprojekt P1) versucht, zu erklären, wie mentale Repräsentationen im Allgemeinen und Wahrnehmungen im Besonderen im Rahmen des Naturalismus als Zwischenstationen sensomotorischer Koordination zu betrachten sind; zweitens hat er die Hypothese formuliert, geprüft und bestätigt, dass der Inhalt einer Absicht, eine bestimmte Handlung auszuführen, nur dadurch kausal relevant sein kann, dass er durch eine Modulation der Hirndynamik implementiert wird. Darüber hinaus hat S. Nannini seine Rekonstruktion der historischen Wurzeln und der philosophischen Grundlagen der Kognitionswissenschaften abgeschlossen (vgl. Seele, Geist und Körper, 2006) und in systematischer Perspektive eine materialistische Theorie des Geistes mit dem Ziel der Naturalisierung der Intentionalität und des Geistes entwickelt. Diese Theorie bezeichnet er als 'Kognitiven Naturalismus'. Ihr Schwerpunkt ist die Naturalisierung der Intentionalität und des Bewusstseins (vgl. Naturalismo cognitivo, 2007).

M. Tacca hat fast ein Jahr lang im Rahmen einer von Prof. Dr. A. K. Engel geleiteten interdisziplinären Arbeitsgruppe an der Universität Hamburg elektrophysiologische Untersuchungen durchgeführt. Sie hat diese Untersuchungen 2007-2008 an der Rutgers University weiterentwickelt und unter der Leitung von Prof. McLaughlin die neurologischen Aspekte ihrer Theorie um philosophische und psychologische Aspekte erweitert hat. Der Schwerpunkt ihrer Untersuchungen besteht im Nachweis, dass die Wahrnehmung von unterschiedlichen Formen als Teilen eines Objekts durch die Synchronisierung unterschiedlicher Hirnprozesse implementiert wird. Darüber hinaus haben die so durch die Synchronisierung der Hirnprozesse implementierten Wahrnehmungen eine 'kompositionelle' Struktur, deren Ähnlichkeiten und Unterschiede im Hinblick auf die Kompositionalität der Sprache weiter untersucht worden sind. Im Rahmen des Teilprojekts P2 hat M. Tacca ihre PhD-Dissertation (Doctor Europaeus) "Looking at Vision from as Different Point of View: Compositionality and Systematicity of Visual Feature Binding" mit der Note "eccellente" verteidigt.