Language, Gender and Sustainability: A pluridisciplinary and comparative study of development communication in traditional societies

Team:
Prof. Dr. Rainer Voßen, Universität Frankfurt am Main, Institut für Afrikanische Sprachwissenschaften
Prof. Dr. Thomas Bearth, Universität Zürich, Seminar für Allgemeine Sprachwissenschaft
Prof. Dr. Michael Fremerey, Universität Kassel, Institut für Soziokulturelle Studien
Prof. Dr. Bernd Nothofer, Universität Frankfurt am Main, Südostasienwissenschaften

Welchen Platz sollte Sprache im Design von Entwicklungsstrategien einnehmen, die globalen Standards von Nachhaltigkeit genügen, wie sie etwa auf der Konferenz von Rio 1992 festgelegt und mit den Millenniumsentwicklungszielen im Jahr 2000 fortgeschrieben wurden? Einen Vorstoß in diese interdisziplinäre terra incognita unternahmen Wissenschaftler der Universitäten Frankfurt, Kassel, Münster und Zürich zwischen 2003 und 2007, in Kooperation mit Partnern in der Elfenbeinküste (Swiss Center of Scientific Research), in Namibia (University of Namibia, Windhoek), Indonesien (Universitas Tadulako, Palu), sowie mit verschiedenen lokal agierenden Entwicklungsinstitutionen. Als ethnische Gemeinschaften beteiligten sich an der Forschung die Tura (Elfenbeinküste), die Herero (Namibia), und verschiedene einheimische Populationen in der Umgebung des Lore Lindu Nationalparks in Zentralsulawesi. Gemeinsames Kennzeichen dieser Zielgruppen war eine Situation kommunikativer Abhängigkeit, in der eine ungleiche Verteilung sprachlicher Kompetenzen typischerweise einhergeht mit Asymmetrien von Macht und Einfluss. In Verbindung mit Armut entsteht daraus ein sich selbst reproduzierender Zyklus der Marginalisierung gerade jener Akteure, denen in besonderem Maß eine Schlüsselrolle bei der Erreichung global anerkannter Ziele nachhaltiger Entwicklung zukommt.
Im Gegensatz zu kommunikativer Abhängigkeit, die potentielle Akteure zu passiven Empfängern von Information degradiert, fördert kommunikative Nachhaltigkeit die Beteiligung an Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen. Es konnte gezeigt werden, dass die Befähigung (empowerment) zu Aushandlungsprozessen und die Teilhabe daran als Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung in weit stärkerem Ausmaß als gemeinhin angenommen von linguistischen Faktoren abhängen, insbesondere der Lokalsprache.
Durch Multi-Media-Techniken unterstützte Feldforschung und die kollaborative Analyse von Akteursdiskursen lieferten die empirische Grundlage für

- die Überprüfung der Kernhypothese unter Feldbedingungen: kommunikative Nachhaltigkeit als Voraussetzung für Nachhaltigkeit, die ihrerseits als zentrales Entwicklungsziel angestrebt wird.

- die Erarbeitung einer lokalsprachlichen Hermeneutik als methodischer Entsprechung: eine Reihe von Prinzipien, zu denen die Vorrangstellung lokaler Analyse, der Rückgriff auf lokale Quelltexte (auch oraler Art) sowie die Beteiligung lokaler Akteure an der Erarbeitung von Hypothesen und deren Validierung gehören;

- die Auslotung der soziologischen und sprachlich-interaktionalen Dimension: im Vordergrund stehen dabei Aushandlungsprozeduren als kulturell determinierte Routinen, die für die Aneignung entwicklungsrelevanten Wissens und für die daraus folgenden Entscheidungsprozesse aus Sicht der lokalen Bevölkerung unverzichtbar sind.

- Erarbeitung eines vorläufigen Inventars von Indikatoren für kommunikative Nachhaltigkeit.

Es konnte gezeigt werden, dass die Lokalsprache in mehrfacher Hinsicht nicht nur zufälliges Medium, sondern eigenständige, bewusst einzusetzende Ressource sowohl für Entwicklung als auch für Entwicklungsforschung ist: 1. als unerlässliches Erkenntniswerkzeug zur methodisch differenzierten Interpretation von "lokalen Analysen" unter Einbeziehung der Akteure; dies wiederum ermöglicht ein besseres Verständnis der menschlichen Faktoren, auf denen lokales Handeln oder Nicht-Handeln beruht; 2. als mitbestimmender Faktor für soziale Kohäsion, der durch sprachlich vermittelten Ausschluss bzw. Einschluss wirksam wird (Inklusivität); 3. als bevorzugtes Mittel der Aushandlung, Umsetzung und Kontrolle (monitoring) lokaler Entwicklungsprozesse; 4. als "Kitt " zur Herstellung der Verbindung zwischen Expertenwissen und lokalem Wissen; 5. als bevorzugtes Mittel der Ausbildung von lokal verfügbaren Fähigkeiten der Analyse und Beratung und damit der Verringerung der Abhängigkeit lokaler Akteure von externen Experten und ihrem Wissen; 6. als Mittel der Sinngebung ökologischer Eigenverantwortlichkeit, z.B. über das Zusammenspiel sprachlich tradierten Umweltwissens und der Erhaltung der Biodiversität; 7. schließlich als eigenständiges Entwicklungsziel unter Einbeziehung mündlicher, schriftlicher und multimedialer Ausdrucksformen.