Generationen in der Erbengesellschaft

Team
Prof. Dr. Sigrid Weigel, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin

Prof. Dr. Peter Breitschmid, Universität Zürich, Rechtswissenschaftliches Institut

Prof. Dr. Martin Kohli, European University Institute, Florenz, Department of Social and Political Sciences

Ausgehend von der gegenwärtig herrschenden Konzeptualisierung von Phänomenen soziokultureller Veränderungen als 'demographischer Wandel' unternimmt das Projekt diskursanalytische und empirisch-qualitative Untersuchungen sowie begriffs-, wissenschafts- und kulturgeschichtliche Reflexionen. Eine solche Analyse der epistemischen und konzeptuellen Voraussetzungen der Demographie-Debatte nimmt insbesondere jene grundlegenden Veränderungen in den Blick, die mit demographischen Größen nur unzureichend analysiert werden können.

Im Zentrum stehen dabei die – semantisch vieldeutigen – Konzepte 'Generation' und 'Erbe', weil sie eine Schlüsselfunktion in der Verknüpfung verschiedener Register, Diskurs- und Handlungsfelder – und grundlegender noch: eine Scharnierfunktion und Zwischenstellung zwischen soziokultureller Entwicklung und biologischem Reproduktionsgeschehen – einnehmen. Nur mit ihnen können soziokulturelle Phänomene als demographische Daten gefasst werden. Diese Konzepte sowie deren Ort, Bedeutung und Funktion in den gegenwärtigen Diskussionen werden auf ihre theoretischen, historischen und disziplinären Implikationen hin untersucht.

Damit geht es um die vielfältigen Deutungen, Formen und Praktiken intergenerationeller Übertragungen im Zusammen- und Wechselspiel zwischen ökonomischen, rechtlichen, sozialen und kulturellen Aspekten, die den aktuellen Verhandlungen über den Umbau des Sozialstaats, die Neuverteilung der Vor- und Fürsorge zwischen Familie und Staat, die Veränderungen der Lebensarbeitszeit, über 'Generationengerechtigkeit' und 'Generationenvertrag' zugrunde liegen.

Das interdisziplinäre Format einer Kooperation zwischen sozial-, rechts- und kulturwissenschaftlichen Kompetenzen macht es möglich, vielfältige Frageperspektiven zu verfolgen: von der Bedeutung der Intergenerationalität für das Programm des 'kulturellen Erbes' über die Generationalisierung der Ökonomie und verwandter Disziplinen im 20. Jahrhundert über die Kategorie der 'Altersgruppe', die Auswirkungen des Wandels von Verwandtschafts- und Lebensformen auf erbrechtliche Fragen und die Nachfolgeprozesse in Familienunternehmen, die Verarbeitung der Verschiebung der Generationenverhältnisse und der Sorge um das Alter in der Literatur, einer Art literarischer Demographie, bis zur Entwicklung kulturwissenschaftlicher Perspektiven auf bioethische Fragestellungen und deren Verhältnis zur biodemography.

Mit diesem Vorhaben werden vorausgegangene Forschungen (1) zur Begriffs-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte der 'Generation', (2) zum historischen Wandel von Überlieferungs/ Übertragungskonzepten und Verwandtschaftsstrukturen im 'Erbe'-Begriff zwischen Vormoderne und Moderne, (3) langjährige empirisch-qualitative und interkulturell-vergleichende sozialwissenschaftliche Forschungen zum Generationentransfer und zur gesellschaftlichen Konstruktion von Alter und Lebenslauf und (4) vergleichende Forschungen zum Erbrecht auf den gegenwärtigen Wandel und dessen Thematisierung bezogen, um aus dieser interdisziplinären Perspektive Expertisen zur aktuellen Problemlage zu erarbeiten.