Die Experimentalisierung des Lebens. Konfigurationen zwischen Wissenschaft, Kunst und Technik (1830-1930)

Team:
Prof. Dr. Hans-Jörg Rheinberger, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin

Unter "Experimentalisierung des Lebens" versteht dieses Projekt einen Prozess, der Anfang des 19. Jahrhunderts europaweit einsetzte und in seinem weiteren Verlauf Wissenschaft, Kunst und Technik neu konfigurierte. Nachdem die experimentelle Physiologie sich als eine Leitwissenschaft des 19. Jahrhunderts etabliert hatte, wurden auch Psychologie, Linguistik und andere Disziplinen zu Unternehmungen im Labor. An unterschiedlichsten Schauplätzen bildeten sich Experimentalkulturen heraus. So entstand eine Literatur, die mehr und mehr auf Verfahren des Automatismus, der Aleatorik und Kombinatorik zurückgriff. Philosophen begannen, die weitreichenden Konsequenzen dieser Wende zum Experiment zu erkunden, während neue Medien wie die Photographie oder der Film die Künste und die Wissenschaften veränderten. Die Großstädte insgesamt wurden zu Experimentierfeldern, auf denen diverse Lebensversuche unternommen werden.

Das Projekt untersucht diese Experimentalisierung des Lebens hauptsächlich mit Blick auf die materielle Kultur der Instrumente, Gebäude und technische Infrastrukturen. Zu den behandelten Themen zählen der Dialog zwischen Musik und experimenteller Akustik, wie er sich in den 1850er Jahren ausprägte, die sich verändernde Rolle von Modellorganismen in physiologischen und zoologischen Laboratorien um 1900, und die Bedeutung von Experimentierkästen für die Umschreibung und Verbreitung der pädagogischen Ideale der Laborpraxis im frühen 20. Jahrhundert. Das Projekt untersucht das Aufkommen und die Entwicklung psychophysiologischer Zeitexperimente von Helmholtz bis Proust, und es erkundet die Prozesse, durch die Disziplinen wie Ethnographie, Musikwissenschaft oder Sprachwissenschaft in den Gefangenenlagern des I. Weltkriegs in experimentellen Gebrauch – und Missbrauch – kamen. Darüber hinaus zeichnet es die komplexen Prozesse nach, die um 1900 dazu beitrugen, die Kulturtechnik des Lesens in einen Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung zu verwandeln, und es fragt, wie sich "experimentelle Epistemologien" bei so unterschiedlichen Autoren wie Gaston Bachelard und Edgar Wind ausprägen konnten.

Ein Hauptergebnis des Projekts besteht in dem Nachweis, dass die "Experimentalisierung des Lebens" kein eindimensionaler Prozess ist, der mit der Mechanisierung, Rationalisierung oder Modernisierung des Lebens einfach gleichzusetzen wäre. Vielmehr hat sich durch eine Vielzahl von Einzelstudien verdeutlicht, dass es sich um eine vielgestaltige und weit verzweigte Entwicklung handelt, in deren Verlauf sich unterschiedliche Aspekte wissenschaftlicher, technischer und künstlerischer Tätigkeit so integrierten und differenzierten, d.h. solche Konfigurationen herausgebildet wurden, dass Erscheinungen wie die Mechanisierung oder die Modernisierung überhaupt greifen konnten.

Am Projekt beteiligt sind Doktoranden und Postdoktoranden aus Disziplinen wie z.B. Wissenschafts-, Kunst- und Technikgeschichte, Medienwissenschaft, Biologie, Psychologie, Musikwissenschaft, Kulturwissenschaft und Philosophie. Bei der Durchführung wird kooperiert mit Universitäten und Forschungszentren in Deutschland, England und den Vereinigten Staaten. Nationale und internationale Tagungen, Konferenzen und Arbeitstreffen sind Themen wie "Life and Societies", "Sounds of Science" oder "The Shape of Experiment" gewidmet. Forschungsergebnisse werden in Aufsatzform in internationalen Zeitschriften, als Monographien und Sammelbände veröffentlicht. Darüber hinaus sammelt das "Virtuelle Labor" des Projekts die relevanten historischen Quellen und die Ergebnisse der laufenden Projektarbeit und präsentiert sie frei zugänglich im Internet.