Kontingenz und Moderne. Sozialphilosophische, ideengeschichtliche und historisch-soziologische Dimensionen

Gruppenfoto anlässlich der ersten Tagung im Rahmen des Projekts mit Reinhart Koselleck am 14. und 15.1.2005 am Max-Weber-Kolleg in Erfurt (Foto: Doreen Hochberg)
Gruppenfoto anlässlich der ersten Tagung im Rahmen des Projekts mit Reinhart Koselleck am 14. und 15.1.2005 am Max-Weber-Kolleg in Erfurt (Foto: Doreen Hochberg)

Team:

Prof. Dr. Hans Joas, Universität Erfurt, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien

Prof. Dr. Christoph Menke, Universität Potsdam, Institut für Philosophie

Prof. Dr. Peter Wagner, ICREA und Universität Barcelona, Soziologie

Prof. Dr. Michael Werner, L'École des Hautes Études en Sciences Sociales, Centre de Recherches Interdisciplinaires sur L'Allemagne, Paris

Ziel des interdisziplinären Forschungsprojekts war es, die Bedeutung eines sozial- und politikphilosophisch fundierten Kontingenzbegriffs für die historisch-soziologische Analyse von langfristiger Gesellschaftsentwicklung unter Bedingungen der Moderne herauszuarbeiten. Dabei galt die besondere Aufmerksamkeit den Zusammenhängen zwischen historischen Erfahrungen von Kontingenz und semantischen Verschiebungen im Begriff von Kontingenz. Der ursprüngliche Antrag sah vor, diese Frage am Beispiel von drei Perioden größerer soziopolitischer und semantischer Transformation zu untersuchen: der „Sattelzeit“ um 1800 und ihren Folgen, den Jahren um den Ersten Weltkrieg und der Periode nach 1968.

Aufgrund der Empfehlungen der VolkswagenStiftung wurde der Zuschnitt des Projekts gleich zu Beginn entgegen den ursprünglichen Absichten im wesentlichen auf den Zeitraum seit 1900 eingeengt. Die Analyse des vorherigen Zeitraums seit der Sattelzeit wurde im wesentlichen durch vielfältige kritische Beschäftigung mit dem Werk Reinhart Kosellecks geleistet. Dabei gelang der Nachweis einer ungenügenden Differenzierung zwischen Historismus und Romantik und damit zweier verschiedener Formen von Kontingenzbewusstsein im Werk Kosellecks, sehr verschiedener Antwortmöglichkeiten des Geschichtsdenkens des 19. Jahrhunderts auf die „soziale Frage“ und einer untergründigen Abhängigkeit bestimmter Teile von Kosellecks Werk von einer linearen (und d.h. nicht kontingenzoffenen) Säkularisierungstheorie.

Bezogen auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde insbesondere die Veränderung der Sicht auf historische Kausalität um 1900 und damit des Verhältnisses zwischen Philosophie und Geschichtswissenschaft untersucht; diese Veränderung war durch eine Krise des Positivismus und der Vorstellung linearen historischen Fortschritts ausgelöst worden. Wesentlich verstärkt durch die historische Erfahrung des Ersten Weltkrieges, veränderte sich damit ein weites Begriffsfeld. Diese Veränderung sollte auch nicht nachträglich zur notwendigen Phase in einem letztlich doch linearen Prozess der Modernisierung verklärt werden.

Hinsichtlich der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt sich, dass weder das Jahr 1968 noch ein angeblicher Wandel zur „Postmoderne“ sich als epochale Einschnitte historisch verifizieren lassen. Kritik an der „Moderne“ fand nicht erst „postmodern“ statt. In der französischen Ideengeschichte wandelt sich allerdings der Begriff der „Differenz“ von einem statischen Relationsbegriff zu einer Dynamik des „Immer-anders-Werdens“ in philosophischen Projekten, die diese Konzeption auch in ihrem Stil performativ zu zelebrieren versuchen. Es beginnt damit aber auch eine Entproblematisierung der Kontingenz – von der Frage ihrer Bewältigung zu den Chancen der Kontingenztoleranz. Für diese Prozesse spielen auch die Erfahrungen mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle.

Die zahlreichen Publikationen, die aus diesem Projekt hervorgehen, liefern Bausteine einer Begriffs- und Erfahrungsgeschichte von „Kontingenz“ und eines kontingenzbewussten Verständnisses des sozialen Wandels; sie tragen damit zur Überwindung historisch irreführender Dichotomien wie vormodern/modern und modern/postmodern bei.