Freundschaft und Verwandtschaft: Zur Unterscheidung und Relevanz zweier Beziehungssysteme

Team:
Prof. Dr. Fritz Trillmich, Universität Bielefeld, Lehrstuhl für Verhaltensforschung
Prof. Dr. Frank Rexroth, Universität Göttingen, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Prof. Dr. Rudolf Stichweh, Universität Luzern, soziologisches Seminar
Prof. Dr. Günther Schlee, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Priv.-Doz. Dr. Peter Schuster, Universität Bielefeld/Universität des Saarlandes, Lehrstuhl für Geschichte des Spätmittelalters

Ausgangspunkt dieses interdisziplinären Forschungsprojektes, das Geistes, und Sozialwissenschaftler sowie Biologen zusammengeführt hat, war die Beobachtung einer zunehmenden Popularität der Freundschaftsthematik in den Massenmedien und der Ratgeberliteratur. Die dort zugrunde gelegte Annahme, Freundschaft stelle eine der modernen Gesellschaft angemessenere Form persönlicher Beziehung dar als Verwandtschaft, operiert allerdings mit einem eher idealistischen Freundschaftsbild, dessen Wurzeln im 18. Jahrhundert liegen. Zudem wird ein gesellschaftlicher Bedeutungsverlust verwandtschaftlicher Beziehungsformen im 20. Jahrhundert unterstellt und die Bedeutung von Verwandtschaft für vormoderne Gesellschaften überschätzt. Vor dem Hintergrund dieser Debatten beschäftigte sich das Projekt mit der Struktur und Bedeutung von Verwandtschaft und Freundschaft aus soziologischer, historischer, ethnologischer und biologischer Perspektive.

Im Zentrum der interdisziplinären Projektarbeit stand die Frage der konzeptuellen Bestimmung der beiden Beziehungstypen, deren zentrale Unterscheidungskriterien fächerübergreifend in den Merkmalen Zuschreibung versus Freiwilligkeit und Permanenz versus Auflösbarkeit gesehen werden. Über diese Minimalbestimmung hinausgehend interessierte sich das Projekt aber für die konkreten Konstitutionsmechanismen und die damit verbundene Frage nach dem Verhältnis der beiden Beziehungstypen, deren jeweils kontextabhängige Ausgestaltung in den verschiedenen Einzelprojekten herausgestellt wurde. Durch den vergleichenden Zugang konnte nicht nur die Variabilität der Beziehungsmuster herausgearbeitet, sondern zugleich auch gezeigt werden, dass damit eine häufig unscharfe Abgrenzung zwischen beiden Beziehungsmustern verbunden ist, die in einem direkten Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Positionierung der jeweiligen Beziehung steht.