Geistes- und Sozialwissenschaften im "Dual Use": Neue Förderausschreibung
Jonas Willingstorfer für VolkswagenStiftung
Die neue Ausschreibung der VolkswagenStiftung widmet sich der Frage, wie Konzepte aus den Geistes- und Sozialwissenschaften in andere Kontexte übertragen und dort politisch oder ideologisch genutzt werden – beispielsweise, um Vertrauen in Wissenschaft, Medien oder Institutionen demokratischer Öffentlichkeit zu schwächen. Stichtag ist der 6. Oktober 2026.
Geistes- und sozialwissenschaftliche Konzepte entfalten ihre Wirkung häufig weit über den wissenschaftlichen Kontext hinaus. Doch was passiert, wenn Theorien und Denkfiguren aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und für andere, nicht beabsichtigte Zwecke verwendet werden?
In den Natur- und Technikwissenschaften ist dafür der Begriff "Dual Use" etabliert. Mit der Ausschreibung NEXT – "Dual Use" von Ideen und Konzepten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften eröffnet die Stiftung Wissenschaftler:innen nun die Möglichkeit, diesen Begriff auf geistes- und sozialwissenschaftliche Ideen zu übertragen. Die neue Ausschreibung ist Teil des NEXT-Förderangebots, mit dem die Stiftung neue, zukunftsrelevante Themen erschließt.
Im Mittelpunkt stehen Fälle, in denen Konzepte aus ihrem Kontext gelöst, zugespitzt und für antiliberale, antiwissenschaftliche oder antidemokratische Zwecke eingesetzt werden. Ein Beispiel: Die erkenntniskritische Einsicht, dass Wissen auch sozial konstruiert ist, wird zu der pauschalen Aussage verkürzt, alles sei lediglich Meinung. Dadurch entsteht der Eindruck, wissenschaftliche Ergebnisse seien beliebig – und Wissenschaft und Medien insgesamt unglaubwürdig.
Dr. Pierre Schwidlinski, Förderreferent der VolkswagenStiftung: "Wenn zentrale Gedanken der Geistes- und Sozialwissenschaften entkontextualisiert und für ideologische Zwecke eingesetzt werden, trifft das Wissenschaft und Demokratie gleichermaßen. Mit unserer neuen Ausschreibung schaffen wir Raum für risikobereite Forschung, die diese Mechanismen sichtbar macht, und Wege aufzeigt, wie wir verantwortungsvoll über komplexe Ideen sprechen können."
Im Rahmen der neuen Ausschreibung fördert die Stiftung in drei Dimensionen:
- Sie fördert explorative Grundlagenforschung, die sichtbar macht, wo und unter welchen Bedingungen solche Umnutzungen vorkommen und welchen Mechanismen sie folgen.
- Sie schafft Raum für wissenschaftsphilosophische Reflexion darüber, wie Theoriebildung ihre möglichen Wirkungen außerhalb der Wissenschaft mitdenken kann, ohne die Freiheit von Forschung und Lehre einzuschränken.
- Und sie erwartet Impulse für eine Wissenschaftskommunikation, die komplexe Konzepte verständlich vermittelt, ohne sie unzulässig zu verkürzen.
Rahmenbedingungen und Termine
In der Ausschreibung fördert die Stiftung Kooperationsprojekte bis zu zwei Jahre mit bis zu 650.000 Euro. Antragsberechtigt sind Projektteams aus promovierten Forschenden an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen; internationale Kooperationen sind möglich.
Für vertiefte Informationen bietet die Stiftung Online-Sprechstunden am 11. August 2026 und am 8. September 2026 an. Stichtag für Anträge ist der 6. Oktober 2026.
Weitere Informationen finden Sie unter NEXT – "Dual Use" von Ideen und Konzepten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften.