Grundlagenforschung: Der Wert des Staunens
#GrundlagenforschungGibt es Fortschritt ohne Grundlagenforschung? Drei Wissenschaftler:innen berichteten in Schloss Herrenhausen über ihre Streifzüge in unbekannte Gefilde. Was sie verbindet: der Wunsch, die Welt zu verstehen – unabhängig von unmittelbaren Anwendungsbezügen.
Manchmal lohnt der Blick auf Vergangenes, um einen Wert in der Gegenwart wirklich zu verstehen. "Zum Beispiel die Künstliche Intelligenz – die ist nun plötzlich der Faktor in der Wirtschaft", sagt Martin J. Lercher, "dabei waren künstliche neuronale Netze jahrzehntelang eine Spielerei von Mathematikern ohne jegliche praktische Relevanz". Der Professor für Bioinformatik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bemüht dieses Beispiel für eine Lobrede: Wenn man weit genug zurückgeht, beruhen alle technologischen Neuerungen auf Grundlagenforschung, die völlig irrelevant aussah."
Mitschnitt der Veranstaltung vom 24. Februar 2026.
An diesem Februarabend geht es in Schloss Herrenhausen bei der Veranstaltung "Die Bedeutung von Grundlagenforschung für den Fortschritt" um diesen Blick. Um die Würdigung grundlegender Neugierde in der Wissenschaft oder um das, was der Journalist Dr. Jan-Martin Wiarda in seiner Anmoderation eine "leise Kraft hinter dem" nennt, "was später groß wird". Grundlagenforschung prägt die Welt von morgen. Aber was macht sie aus, und verschieben sich die Erwartungen an sie?
Diesen Fragen geht die Veranstaltung "Die Bedeutung von Grundlagenforschung für den Fortschritt" der VolkswagenStiftung auf den Grund: Mit Kurzvorträgen von Martin J. Lercher, Claudia Timmreck und Manuela Bojadžijev, die von ihren Forschungsprojekten aus der Grundlagenforschung berichten und dann auf dem Podium mit den über hundert Zuschauern über die Bedeutung solcher Explorationszüge für die gesamte Gesellschaft diskutieren.
Manuela Bojadžijev hat die Professur für Migration in globaler Perspektive an der HU Berlin inne.
Grundlagenforschung ohne Anwendungsorientierung
"Da ist viel durch Neugierde getriebene Motivation dabei, die Welt zu verstehen", sagt Dr. Henrike Hartmann zur Arbeit der drei Wissenschaftler:innen. "Und da geht es nicht notwendigerweise darum, unmittelbar den Nutzen zu erkennen." Sie leitet als Mitglied der Geschäftsleitung der VolkswagenStiftung das Geschäftsfeld Förderung und sieht gerade in der Grundlagenforschung Disruptives und Überraschendes. Natürlich sei es legitim, auch seitens der Politik, angesichts großer gesellschaftlicher Probleme Lösungen zu wollen, "und die Wissenschaft kann dazu beitragen, dass wir Lösungen finden." Doch da sei noch etwas anderes, und hierzu bemüht Hartmann Albert Einstein: "Der hat sich damals nicht überlegt: ‚Wenn wir die Relativitätstheorie haben, kann man viele Jahre später ein schickes Navigationssystem entwickeln.‘"
"Grundlagenforschung sollte nicht hingebogen werden, damit sie doch für anwendungsorientiert ausgegeben werden kann", sagt Hartmann. Dabei gebe es nicht wirklich eine Zweiteilung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung, "natürlich ist es ein Kontinuum". Manuela Bojadžijev schlägt hingegen vor, den Begriff des Kontinuums mit dem der Übersetzung auszutauschen. Die Professorin für Migration in globaler Perspektive am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin: "Es ist eine Übersetzungspraxis, von der Grundlagenforschung in die Anwendungsforschung zu gehen – weil man sich grundlegend Gedanken machen muss, wie man vom einen zum anderen kommt."
Dr. Henrike Hartmann leite das Geschäftsfeld Förderung der VolkswagenStiftung.
Einen weiteren Gedanken streut Dr. Claudia Timmreck ein, sie leitet am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie die Arbeitsgruppe Stratosphärischer Antrieb und Klima: "Es ist oft ein Kreis, oder Iteration." Aus Grundlagenforschung heraus würden zum Beispiel technische Instrumente entwickelt, mit denen wiederum Grundlagenforschung realisiert werden könne.
Nachschub für Ideenpipeline
Doch wie steht es wirklich um die Wertschöpfung dieser Prozesse, gibt es eine Verschiebung hin zu einem stärker instrumentellen Verständnis von Forschung? "Ja, das sieht man auf jeden Fall", bescheidet Hartmann. Und Lercher bringt dazu ein Beispiel: "Mit der Grundlagenforschung ist es ein bisschen wie mit der Infrastruktur bei der Bahn. Wer zehn Jahre lang nicht in Grundlagenforschung investiert, kommt erstmal gut klar. Aber irgendwann merkt man, dass es nicht mehr funktioniert", warnt er vor dem Austrocknen sogenannter Ideenpipelines.
Was Wissenschaftler:innen antreibe, sei Staunen. "Diese Begeisterung kann man auch weitergeben", sagt Lercher zur Kommunikation von Wissenschaft. "Aber Wissenschaftskommunikation sollte keine Bedingung an die Forschenden sein." Außerdem existierten viele Vorurteile, "zum Beispiel: Wer Fantasie hat, soll Schriftsteller:in oder Künstler:in werden. Aber kaum irgendwo braucht man mehr Fantasie und Kreativität als in der Forschung."
Claudia Timmreck forscht am Max-Planck-Institut für Meteorologie und untersucht die Innertropische Konvergenzzone.
Scheitern – Risiko und Chance
All dies birgt die Gefahr des Scheiterns. "Unsere Forschung kann in einer Sackgasse enden", sagt Timmreck. "Auch aus einer falsifizierten Hypothese lässt sich viel lernen", wendet Hartmann ein. Dazu Lercher: "Eine wichtige Eigenschaft in der Forschung ist Resilienz. Wir wissen vorher nicht, was funktioniert und was nicht." Und schließlich fügt Bojadžijev hinzu: "Manchmal führt ein Scheitern zu kreativen Prozessen, und man findet plötzlich Zugänge, die Interessanteres und Neueres hervorbringen, als man ursprünglich geplant hatte.
Rahmenbedingungen für Grundlagenforschung
Bleibt die Frage nach dem Umfeld. Moderator Jan-Martin Wiarda will wissen, ob sich für solche Arbeiten die Bedingungen verschlechtern. "Es kommt Druck aus politischer Richtung", sagt Hartmann. "Das gibt Anlass zu großer Sorge. Die Frage, wie sich alle Akteur:innen im Wissenschaftssystem dazu verhalten, ist eine ganz wesentliche." Bojadžijev berichtet aus der Migrationsforschung, dass diese mit den großen Fluchtbewegungen nach Europa im Jahr 2015 eine große Konjunktur erlebt habe, "die ist ganz eindeutig weg".
Martin J. Lercher forscht am Institut für Informatik der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Beides sei wichtig, kommentiert am Schluss Timmreck zu Grundlagenforschung versus angewandte Forschung. "Sonst schneiden wir uns die Quelle weiteren Fortschritts ab – eben die Risikoversicherung für das Andocken an jenes, was in zehn, 20 oder 100 Jahren auf uns zukommt.
Informationen zur Veranstaltung
In kurzen Vorträgen und Gesprächen berichteten bei der Veranstaltung "Die Bedeutung von Grundlagenforschung für den Fortschritt" am 24. Februar 2026 drei herausragende Wissenschaftler:innen aus ihrer Grundlagenforschung: zur Rolle der Stratosphäre in der Klimaforschung, zur Zellbiologie und zur Migration als globalem Phänomen. Wäre technologischer und gesellschaftlicher Fortschritt ohne Grundlagenforschung überhaupt denkbar? Wie vertieft sie unser Verständnis der Welt? Und ist sie vielleicht doch stärker anwendungsorientiert, als man denkt?