Aufbruch aus der Warteschleife
Ein Jahr nach dem Positionspapier des Wissenschaftsrats ringt die deutsche Forschungslandschaft um verlässlichere Karrierewege für den akademischen Mittelbau. Bei einer Podiumsdiskussion in Hannover zeigte sich am 26. August: Der Reformwille ist da, doch bei der Umsetzung prallen unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Lesen Sie unseren Veranstaltungsbericht oder sehen Sie den ganzen Abend im Videomitschnitt.
VolkswagenStiftung
Videomitschnitt der Veranstaltung vom 26.8.26.
Von der Promotion bis zur Professur ist es in Deutschland ein langer, oft steiniger Weg – geprägt von viel Arbeit, großer Unsicherheit und einer hohen Wahrscheinlichkeit, die Wissenschaft am Ende doch verlassen zu müssen. Wie lässt sich die sogenannte Postdoc-Phase klarer definieren? Wie können Hochschulen verlässlichere Karrierewege schaffen? Und wie lässt sich die Mobilität zwischen Wissenschaft und der freien Wirtschaft verbessern? Um diese Fragen kreiste am Abend des 26. August eine Podiumsdiskussion in Schloss Herrenhausen. Ihr Titel: "Die Zukunft der Postdocs im deutschen Forschungsökosystem: Wo stehen wir ein Jahr nach dem Positionspapier des Wissenschaftsrates?"
"Es ist Schwung in der Debatte"
Im Juli 2025 hatte der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, einen umfassenden Wandel der Personalstrukturen in der Wissenschaft gefordert: Daueraufgaben und Qualifizierung müssten klarer getrennt und attraktive Karrierewege neben der Professur geschaffen werden. Ein Jahr zuvor war die Ampelregierung kurz vor ihrem Zerbrechen mit ihrem ersten Anlauf einer Novellierung des umstrittenen Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) gescheitert. Dieses billigt Hochschulen eine zwölfjährige Ausnahme vom Verbot aufeinanderfolgender Kurzzeitverträge zu – je sechs Jahre vor und sechs nach der Promotion.
Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, zeigte sich auf dem Podium in Hannover dennoch optimistisch: "Es ist Schwung in der Debatte." In sieben Bundesländern – Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Sachsen – seien neue Kategorien und Strukturen für den akademischen Mittelbau in Arbeit. "Ob in Verwaltung, Politik oder Wissenschaftssystem: Sehr viele sind inzwischen davon überzeugt, dass wir attraktivere, differenziertere Optionen für das Wissenschaftssystem brauchen."
Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats
Was ist das, ein Postdoc?
Fragt man Yves Klinger, sollten diese Neuerungen indes besser heute als morgen greifen. "Ich bin jetzt im elften Jahr", erklärte der Postdoktorand der Justus-Liebig-Universität Gießen. Im kommenden Jahr dürfte sich entscheiden, ob seine Zukunft überhaupt im akademischen System liegen kann. Klinger engagiert sich im German Postdoc Network (GPN), das mit der VolkswagenStiftung rund um die Podiumsdiskussion eine dreitägige Themenwoche mit mehreren Symposien zur Zukunft akademischer Laufbahnen veranstaltete. Wie grundsätzlich es in dieser zuging, zeigt ein Blick auf das Symposium, das Klinger dafür vorbereitet hatte. "Im Grunde fragen wir uns: Wer ist überhaupt ein Postdoc?".
Denn die derzeitige Definition sei "blurry and messy" – unscharf und chaotisch; vom just Promovierten bis zur Forscherin mit vielen Jahren Berufserfahrung falle unterhalb der Professur nahezu jede und jeder unter diesen Begriff. Das GPN plädiert für eine klar strukturierte und kürzere Postdoc-Phase, die sich mit Abweichungen am Karriererahmen R1 bis R4 der Europäischen Kommission orientiert. Auf Stufe R2 steht der Postdoc – in einer Phase eines "wachsenden Gefühls der Unabhängigkeit".
Yves Klinger vom German Postdoc Network
Mögliche Wege in die Zukunft
"Wer dauerhaft lehrt und forscht, den nennen wir nicht Postdoc – sondern Senior Lecturer oder Senior Researcher", erklärte Linda Jauch. Die Leiterin des Hub of Academic Career & Research Culture an der Universität Hamburg bezeichnete die Schaffung neuer Personalkategorien als überfällig. Stellen dürften nicht nur immer dann geschaffen werden, wenn und solange Geld verfügbar sei. "Es gibt weder echte Karriereplanung noch eine echte Personalstrukturentwicklung", sagte Jauch mit Blick auf die Mehrzahl der Hochschulen, aus denen die Uni Hamburg seit drei Jahren mit neuen Personalkategorien auszubrechen versucht. Doch sie sagte auch: Zu einer Reform gehöre nicht nur ein Wandel hin zu "Dauerstellen für Daueraufgaben" – sondern auch eine realistische Beratung jener, die auch weiterhin das System verlassen werden müssen.
Linda Jauch, Universität Hamburg, im Gespräch mit den anderen Podiumsgästen in Hannover.
Und wer soll diesen Wandel vorantreiben? Während Jauch zuvorderst die Bundesländer in die Verantwortung nahm, Deutschland mit einheitlichen Berufskategorien auch international attraktiver zu machen, appellierte Wick an seine eigene Berufsgruppe: die Professorinnen und Professoren. "Ich halte Selbstverwaltung für einen echten Weg." Einheitlichkeit sei nicht zwingend erforderlich, sondern die föderale Vielfalt eine Stärke, weil sie die Erprobung unterschiedlicher Modelle ermögliche. Gareth O’Neill nahm die Postdocs selbst in die Pflicht: "Sie müssen bessere Arbeitsbedingungen und bessere Verträge einfordern – und bereit sein, auch mal Nein zu sagen." Dass sie das oft nicht täten, schrieb der Experte für Open Science beim internationalen Beratungsunternehmen Technopolis einer Mischung aus antrainierter Resilienz und widersinnigem Optimismus zu: "Wenn man ihnen sagt, dass 99 Prozent gehen müssen, denken sie: 'Ich werde das eine Prozent sein, das bleibt.'"
Kostenpunkt: unklar
Und wie teuer wäre so eine Reform? Darüber war sich das Podium am wenigsten einig. Gelinge der Kulturwandel und wären möglichst viele bereit, Privilegien und Stellenanteile abzugeben, würde die Transformation "gar nicht viel Geld" kosten, argumentierte Wick. Jauch widersprach entschieden: Wer attraktive Stellenkategorien flächendeckend etablieren wolle, müsse den Hochschulen Anreize bieten – ähnlich wie einst bei der Einführung der W1-Juniorprofessur. Ohne eine strukturelle Anschubfinanzierung drohe die Reform in den angespannten Hochschulhaushalten stecken zu bleiben. Ob die aktuelle Finanzkrise der Universität Hamburg dafür womöglich ein beredtes Beispiel sei? Diese Frage mochte sich Moderator Jan-Martin Wiarda an dieser Stelle nicht verkneifen.
Moderator Jan-Martin Wiarda
Mobilität – nur als Einbahnstraße
Mehr Einigkeit herrschte bei der Analyse der "intersektoralen Mobilität", der wechselseitigen Bewegung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. "Faktisch geht es nur in eine Richtung: raus aus der Wissenschaft", konstatierte Gareth O’Neill. Das ist umso bemerkenswerter, als mit den Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Deutschland ein eigener Hochschultyp existiert, an dem mehrjährige Berufserfahrung außerhalb der Hochschule nicht nur erwünscht, sondern Voraussetzung für eine Professur ist. Die entsprechenden Stellen sind oft schwer zu besetzen.
Doch wenn alternative Karrierewege, für hochqualifizierte Menschen selten schwer zu finden, attraktiver sind: Hält das deutsche Wissenschaftssystem die, die es halten will? "Nein", konstatierte Linda Jauch, "wir verlieren die Frauen, und zu viele Internationale". Und auch die Männer, ergänzte Klinger, der von sich selbst sagte, er wolle schon eines Tages wissen, wo er sich dauerhaft niederlässt. "Das Erreichen einer Professur verliert bereits an Attraktivität", beobachtet er. Zu lange müssten persönliche Entscheidungen zur Familienplanung oder zum Wohnort dem Karriereziel untergeordnet werden.
Gareth O'Neill von der Technopolis Group
Ein Problem ist das indes nicht nur in Deutschland: Auch in anderen Ländern, berichtete O’Neill am Beispiel der Niederlande, täten sich Hochschulen mit der Konkurrenzfähigkeit schwer: "Wenn die Bedingungen, die Behandlung sowie die Gehälter außerhalb der Wissenschaft besser sind – natürlich verlieren wir dann Talente."
Der Abend in Hannover zeigte deutlich: Die Diagnose ist gestellt, Einiges in Bewegung. Doch bis aus Papieren echte Perspektiven werden – für einen attraktiven Wissenschaftsstandort ebenso wie für hochqualifizierte Menschen – sind alle Akteur:innen gefragt. Die Themenwoche des German Postdoc Network und der VolkswagenStiftung hat wichtige Impulse für den Weg dorthin geliefert. Nun müssen Taten folgen.