Subsidiarität oder Substitution: Freiwilligendienst in der Diskussion
Am 16. Januar 2014 fand ein Herrenhäuser Gespräch zum Thema "Einfach mitmachen! – Zur gesellschaftlichen Bedeutung freiwilligen Engagements" statt.
In seiner Einleitung bezeichnete Moderator Stephan Lohr von NDR Kultur Freiwilligendienste als "Scharnier in unserer Gesellschaft".
Freiwilligendienste werden in sozialen Einrichtungen, im Sport- und Kulturbereich, in Form eines Freiwilligen Ökologischen Jahres sowie in der Entwicklungspolitik und im Katastrophenschutz im In- und Ausland angeboten. Der internationale Freiwilligendienst blickt auf eine lange Tradition zurück: Seit den 1960er Jahren wurden bereits in der Friedens- und Gedenkstättenarbeit im In- und Ausland Angebote geschaffen. Freiwilligendienste können mindestens drei bis maximal 24 Monate dauern und betragen min. die Hälfte der Arbeitszeit einer Vollzeitstelle. Durch die Dienste erhalten die Freiwilligen die Gelegenheit, informell Einblicke in ihnen bisher fremde gesellschaftliche Realitäten zu gewinnen, gleichzeitig ihre sozialen Kompetenzen zu verbessern und soziale Verantwortung zu übernehmen. Die Träger profitieren hingegen von dem jugendlichen, frischen Blick der Freiwilligen ebenso wie von deren erbrachter Leistung. Doch die Ausprägung der Freiwilligendienste muss auch kritisch betrachtet werden: Sie werden eher von jungen Frauen als von jungen Männern, und stärker von Gymnasiasten als von Haupt- und Realschülern wahrgenommen, wobei der Anteil letzterer in den vergangenen Jahren stieg. Ebenso können mit der Einführung des staatlich organisierten Bundesfreiwilligendienstes im Jahr 2011, der an die Stelle des Wehr- und des Zivildienstes getreten ist, auch Personen mit einem Alter von über 27 Jahren am Freiwilligendienst teilnehmen - hierzu zählen beispielsweise Arbeitssuchende oder Pensionäre. Ist das wünschenswert für den Freiwilligendienst? Und was bedeutet es für die Selbstdefinition: Ergänzt der Freiwilligendienst subsidiär zivilgesellschaftlich oder wird er gar langfristig als staatlicher Dienst empfunden?
Mit Moderator Stephan Lohr diskutierten zur Klärung dieser Fragen vier Gesprächspartner: Prof. Dr. Gisela Jakob, Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule Darmstadt; Prof. Dr. Beate Finis Siegler, Professorin für Ökonomie und Sozialpolitik an der Fachhochschule Frankfurt am Main; Prof. Dr. Rupert Graf Strachwitz, Politikwissenschaftler und Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der HU Berlin; Bischof Jan Janssen, Beauftragter des Rates für Evangelische Freiwilligendienste.
Freiwilligendienste: Aus der Zivilgesellschaft oder vom Staat gelenkt?
Welche Bedeutung hat das freiwillige Engagement in Deutschland? Dies diskutierten am 16. Januar: Moderator Stephan Lohr, Dr. Rupert Graf Strachwitz, Prof. Dr. Gisela Jakob, Prof. Dr. Beate Finis Siegler und Bischof Jan Janssen (v.l.n.r.). (Foto: Volker Crone für VolkswagenStiftung)
Bundesfreiwilligendienste für Arbeitssuchende und Pensionäre
Welcher Nutzen besteht für die Teilnehmer?
Anfangs äußerte sich Bischof Janssen schmunzelnd unter theologischen Gesichtspunkten: "Ich glaube, es gibt eine Sympathie Gottes für freiwilliges Engagement." Aber dennoch bestünde die seit 60 Jahren ungebrochene Attraktivität der Freiwilligendienste unter anderem in der Möglichkeit, sich freiwillig zu binden, Verantwortung zu übernehmen und fremde Berufsfelder nach der Schule auszuprobieren. Graf Strachwitz ergänzt die Zunahme an Freiwilligenengagement ebenso mit dem Beispiel der USA: Dort sei ein "Community Engagement" im Lebenslauf unerlässlich für das spätere Vorankommen. Auch in Deutschland werde das Engagement durchaus von Unternehmen anerkannt, da es Aufschluss über soziale Kompetenzen von Bewerben gebe.Welchen Problemen stehen die Träger gegenüber?