Jenseits der Krise: Die Geistes- und Kulturwissenschaften im Umbruch
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Sinkende Studierendenzahlen, mangelnde Relevanz und chronische Unterfinanzierung? Eine neue Studie im Auftrag der VolkswagenStiftung zeichnet ein differenzierteres Bild der Geistes- und Kulturwissenschaften. Am 21. und 22. September wird die Kartierung beim Symposium "Geistes- und Kulturwissenschaften 2040: Neue Horizonte und Entwicklungen" mit der Fachöffentlichkeit diskutiert.
Wenn von Geisteswissenschaften die Rede ist, fällt das Wort Krise oft schnell. Es fehle an studentischem Interesse wie gesellschaftlicher Relevanz, heißt es dann, oder auch an politischer Unterstützung, ausreichender Finanzierung sowie passenden Förderformaten. Und überhaupt: Wer liest im digitalen Zeitalter überhaupt noch lange, komplexe Texte?
Doch die Lage ist weitaus vielschichtiger, widersprüchlicher – und an vielen Stellen hoffnungsvoller. Das zeigt eine umfassende Kartierung der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland, die das Forschungs- und Beratungsunternehmen Technopolis (Autor:innen: Jan Biela, Niko Wilke, Dr. Jan Sodoge, Marlene Kindler) im Auftrag der VolkswagenStiftung erstellt hat, und die am 21. und 22. September erstmals auf dem Symposium "Geistes- und Kulturwissenschaften 2040 – Neue Horizonte und Entwicklungen" in Schloss Herrenhausen in Hannover diskutiert wird.
Die oberste Lehre, die sich aus der Technopolis-Studie mit dem Titel "Aktuelle Lage der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland. Zahlen, Daten, Fakten" herauslesen lässt: Pauschale Aussagen über "die" Geistes- und Kulturwissenschaften verbieten sich.
Große Unterschiede zwischen den Fächern
Wie komplex und vielfältig die Fächergruppe ist, macht schon ein Blick auf die Studierendenzahlen deutlich. Zwar sank die Zahl der Studierenden in den Geistes- und Kulturwissenschaften insgesamt zwischen 2015 und 2023 bundesweit um 9,3 Prozent – doch in den einzelnen Fächern verläuft der Trend äußerst uneinheitlich. Während mit der Germanistik und den Neueren Europäischen Philologien mehrere große Fächer überdurchschnittliche Rückgänge verzeichnen und die Religionswissenschaften und Theologien sogar mehr als jeden dritten Studienplatz verloren, zeigen andere Fächer Stabilität oder sogar Wachstum. Die Philosophie etwa verzeichnete lediglich einen Rückgang von 1,9 Prozent; bis 2035 wird hier sogar ein moderater Anstieg erwartet. Und die Kulturwissenschaften – Kunst-, Musik-, Theater- und Medienwissenschaften – legten binnen acht Jahren sogar um 8,6 Prozent zu.
Forschungsstark, aber ungleich finanziert
Dass von abgehängten Disziplinen keine Rede sein kann, zeigt auch ein Blick auf die Forschungsleistung. Spitzenreiter bei der Einwerbung kompetitiver Mittel aus Exzellenzclustern, DFG-Sonderforschungsbereichen und EU-Forschungsgrants sind die Geschichtswissenschaften – und das, obwohl sie Studierende verloren haben. Auch die schrumpfende Sozial- und Kulturanthropologie gehört zu den forschungsstärksten Bereichen. Selbst kleineren Fächern wie den Alten Kulturen oder der Philosophie attestiert das Forscher:innenteam hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Ausgewählte Grafiken
Der Anteil der Drittmittel an den laufenden Ausgaben in den Geistes- und Kulturwissenschaften liegt mit 24,5 Prozent im Mittelfeld: deutlich hinter den Ingenieurwissenschaften (41 Prozent), aber weit vor den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (15 Prozent). Was auffällt, ist die ungleiche Verteilung: Während Kunst-, Musik- und Theaterwissenschaften mit ihren betreuungs- und ausstattungsintensiven Studiengängen die höchsten laufenden Ausgaben pro Kopf haben, liegt ihre Drittmittelquote bei nur 8 Prozent. Und: In der Gesamtschau fand das Forscher:innenteam "Hinweise für eine generell abnehmende finanzielle Ausstattung der GuKW zugunsten anderer Fächergruppen".
Geistes- und Kulturwissenschaften im internationalen Vergleich
Auch über Deutschland hinaus haben die Forschenden geblickt – was ebenfalls Interessantes zutage fördert. Denn während in Deutschland meist weiterhin die professorale Lehrstuhl- und Institutsstruktur dominiert, wird im Ausland häufiger in Departments oder Schools gelehrt und geforscht. Und nicht in allen Ländern sinkt die Zahl der Studierenden in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Während sie in Deutschland um fast zehn Prozent zurückging, stieg sie in Griechenland und Italien um fast ein Drittel, in den Niederlanden und Portugal um gut ein Viertel. Insgesamt sind in Deutschland 11,3 Prozent aller Studierenden in geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern immatrikuliert, das sind ein paar Prozentpunkte weniger als im Vereinigten Königreich, Schweden und Frankreich.
Chancen durch Generationenwechsel
Vor allem aber treffen all diese Verschiebungen auf eine strukturelle Besonderheit, die das Gesicht der Disziplinen in den kommenden Jahren radikal verändern wird: Schon bis 2030 geht rund ein Viertel der Professorinnen und Professoren in den Ruhestand, bis 2035 sogar die Hälfte. "Die Geistes- und Kulturwissenschaften zählen zu den Fächergruppen mit der ältesten Professorenschaft in Deutschland", heißt es in der Studie.
Wichtig daran: Die Forscher:innen sehen darin nicht nur eine Herausforderung, sondern auch Chancen in Form "erheblicher Gestaltungsspielräume" für die künftige Ausrichtung der Disziplinen.
Symposium zur Entwicklung der Geistes- und Kulturwissenschaften im September 2021
Um mit Akteur:innen aus Wissenschaft und Praxis frühzeitig Handlungsoptionen für die Zukunft der Geistes- und Kulturwissenschaften zu entwickeln, veranstaltet die Stiftung am 21. und 22. September das Symposium "Geistes- und Kulturwissenschaften 2040: Neue Horizonte und Entwicklungen".
Vier Themenbereiche auf dem Programm
- Zukunftsweisende geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung zwischen Verständnis der Welt und Veränderung der Gesellschaft;
- Grundlegender Beitrag der Geistes- und Kulturwissenschaften zu zukünftigen Kompetenzen in einer komplexen Welt;
- Strukturelle Bedarfe der Geistes- und Kulturwissenschaften in der Zukunft;
- Transfer und Wissenschaftskommunikation.
"Vor dem Hintergrund der tiefgreifenden technologischen, gesellschaftlichen und demografischen Veränderungen möchten wir einen Raum bieten, in dem zentrale Zukunftsfragen zu Rolle, Strukturen und Wirkung dieser Fächergruppe offen diskutiert und Handlungsfelder erarbeitet werden" erklärt Victoria Abakumovski, Förderreferentin bei der VolkswagenStiftung und Mitorganisatorin des Symposiums. "Die Nachfrage zeigt uns, dass der Bedarf für diesen fächerübergreifenden Austausch groß ist." Erwartet werden rund 120 Wissenschaftler:innen, Vertreter:innen der Hochschulpolitik und Universitätsleitungen. Internationale Perspektiven bringen deutschsprachige Wissenschaftler:innen von internationalen Einrichtungen ein.
Die Technopolis-Studie liefert für die Debatte über die Zukunft der Geistes- und Kulturwissenschaften ein passendes datenbasiertes Fundament.
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