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Gesundheitsversorgung ohne Sprachbarriere: die Hamburg Declaration
Sprachbarrieren können die Gesundheitsversorgung erschweren. Ein internationales Forschungsteam hat deshalb die Hamburg Declaration entwickelt, die Mehrsprachigkeit strukturell im Gesundheitssystem verankern will.
Eine Diagnose verstehen, Risiken erkennen, einer Behandlung zustimmen: Im Gesundheitswesen hängt vieles davon ab, dass Patient:innen und Fachkräfte einander verstehen. Sprachbarrieren beeinflussen, ob man angemessen und gut versorgt wird. In Deutschland ist jeder zehnte Kontakt zwischen Patient:innen und Gesundheitspersonal von Sprachbarrieren gekennzeichnet: Wer kein Deutsch spricht, muss häufig Angehörige hinzuziehen, auf maschinelle Übersetzung nutzen oder darauf hoffen, dass Mitarbeitende übersetzen können. Solche Behelfslösungen können zu Missverständnissen und Kommunikationsfehlern führen und damit die Patient:innensicherheit gefährden.
Ein internationales Forschungsteam aus Deutschland, den Niederlanden, Rumänien und Südafrika hat deshalb die Hamburg Declaration for Multilingual Healthcare (Hamburger Erklärung zur mehrsprachigen Gesundheitsversorgung) entwickelt. Sie fordert, Mehrsprachigkeit als festen Bestandteil einer hochwertigen und gerechten Gesundheitsversorgung zu verankern, statt die Verantwortung für die Verständigung den Patient:innen zu überlassen. Sprachbarrieren werden nicht als individuelles Kommunikationsproblem, sondern als strukturelle Aufgabe des Gesundheitssystems gesehen.
Die zentrale Botschaft lautet: Sprachliche Verständigung ist keine freiwillige Zusatzleistung, sondern eine Voraussetzung für Patient:innensicherheit und Versorgungsqualität. Gesundheitseinrichtungen und politische Entscheidungsträger:innen müssen deshalb strukturelle Voraussetzungen für gelingende mehrsprachige Kommunikation schaffen.
Die Hamburg Declaration beschreibt die Folgen von Sprachbarrieren und formuliert Empfehlungen für sechs Handlungsfelder:
1. Patient:innensicherheit und gerechte Versorgung
Sprachbarrieren können den Zugang zur Gesundheitsversorgung erschweren, Missverständnisse verursachen und zu Fehldiagnosen, Behandlungsfehlern oder schlechteren Behandlungsergebnissen führen. Die Erklärung fordert deshalb einen gleichberechtigten Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Versorgung – unabhängig von den Sprachkenntnissen der Patient:innen.
2. Verantwortung der Gesundheitseinrichtungen
Krankenhäuser, Praxen und andere Einrichtungen sollen Mehrsprachigkeit systematisch organisieren. Dazu gehören professionelle Dolmetschdienste, mehrsprachige Informationsmaterialien, die die systematische Erfassung und Dokumentation der bevorzugten Sprache von Patient:innen und verbindliche Leitlinien. Mehrsprachigkeit soll zudem in die Qualitätssicherung einfließen. Wie solche Lösungen in der Praxis aussehen können, zeigen Beispiele aus Deutschland: Die 77 Vitos-Kliniken in Hessen verfügen über ein dreistufiges Dolmetschsystem. In Hamburg können niedergelassene Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen professionelle Dolmetschleistungen kostenlos nutzen.
3. Qualifizierung und Unterstützung der Mitarbeitenden
Alle Beschäftigten im Gesundheitswesen können zur einer barriereärmeren Verständigung beitragen. Die Erklärung empfiehlt regelmäßige Schulungen, etwa zu verständlicher Sprache und zur Zusammenarbeit mit Dolmetscher:innen. Angehörige Kinder sollen nicht zum Dolmetschen herangezogen werden. Mehrsprachige Mitarbeitende dürfen außerdem nicht ohne angemessene Qualifizierung und Vergütung zusätzlich belastet werden.
4. Gesundheitspolitik und Finanzierung
Politische Entscheidungsträger:innen sollen rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen schaffen und ausreichende Mittel für bessere Verständigung bereitstellen. Wo professionelle Dolmetscherdienste nicht verfügbar sind, sollen Alternativen ermöglicht werden.
5. Aus- und Weiterbildung
Mehrsprachige Kommunikation soll Bestandteil der Ausbildung und beruflichen Weiterbildung aller Gesundheitsberufe werden. Die Erklärung spricht sich zudem für Qualifizierungsangebote für professionelle und nicht professionelle Sprachmittler:innen aus.
6. Forschung
Forschungsförderung soll Projekte ermöglichen, die sprachlich unterversorgte Bevölkerungsgruppen einbeziehen. Dafür müssen Forschungsdesigns, Ressourcen und Kommunikationswege an den sprachlichen Bedürfnissen unterschiedlicher Patient:innengruppen ausgerichtet werden.
Die Erklärung wurde im Juni 2026 auf der internationalen Abschlusskonferenz des Forschungsprojekts MiM2M am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) offiziell verabschiedet und der Fachöffentlichkeit sowie politischen Akteuren vorgestellt.
Das Forschungsprojekt MiM2M (Multilingualism in providing quality mental health care to migrants - needs, resources and practices) wurde im Rahmen unserer Förderinitiative Mobility – Global Medicine and Health Research gefördert. Geleitet wurde es von Mike-Oliver Mösko, Professor für klinische Psychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Zahlreiche Organisationen und Institutionen unterstützen die Erklärung, darunter die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), das Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V., das Deutsche Rotes Kreuz (DRK) und das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS). Damit die Empfehlungen Wirkung entfalten, müssen nun Gesundheitseinrichtungen, Politik, Bildung und Forschung gemeinsam daran arbeiten, die notwendigen Strukturen, Ressourcen und Qualifizierungsangebote für eine verlässliche mehrsprachige Gesundheitsversorgung zu schaffen.