Eine Flut kommt selten allein: Die vergessenen Hochwasser von 1342 und 1343
#Freigeist-Fellowship
Aus dem „Ehrenspiegel“ des Jakob Fugger. BSB München, CGM 895, fol. 133v. (Lizenz: Public Domain Mark 1.0 Universal)
Darstellung von extremen Niederschlägen und Hochwassern des 13. Jahrhunderts im "Ehrenspiegel" des Jakob Fugger, einer Prachthandschrift zur Geschichte der Habsburger Dynastie.
War die verheerende Magdalenenflut von 1342 wirklich ein Einzelereignis? Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Nature mit Beteiligung des Umwelthistorikers und Freigeist-Fellows Martin Bauch zeigt: Europa erlebte damals eine ganze Kette schwerer Hochwasser – eine Erkenntnis, die auch für den heutigen Hochwasserschutz wichtig ist.
Noch heute erinnern Gedenktafeln und Hochwassermarken im mitteleuropäischen Binnenland an die Magdalenenflut vom Juli 1342. Sie gilt als das schwerste Hochwasser Mitteleuropas im vergangenen Jahrtausend. Doch die Naturkatastrophe war offenbar kein Einzelereignis: Zwischen dem Winter 1341/42 und Ende 1343 wurde Europa von 16 großen Hochwassern getroffen. Vier davon waren sogar sogenannte Jahrtausendfluten.
"Diese Hochwasser waren kein isoliertes Naturereignis, sondern Teil einer außergewöhnlichen Folge von meteorlogischen Extremereignissen in einer Zeit tiefgreifender Krisen, die wenige Jahre später im Schwarzen Tod gipfelten", erklärt Umwelthistoriker Dr. Martin Bauch.
Diese Hochwasser waren kein isoliertes Naturereignis
Besonders betroffen von den Fluten waren Mittel- und Osteuropa – mit zum Teil verheerenden Folgen: In Prag wurde eine Vorgängerin der heutigen Karlsbrücke fortgerissen, auch zahlreiche Brücken in Deutschland wurden zerstört. Große Flüsse wie Donau, Elbe, Main und Rhein traten massiv über die Ufer. Sie erreichten nie zuvor gemessene Pegelstände. Die Fluten zerstörten ganze Dörfer, spülten fruchtbaren Oberboden weg und gruben riesige Schluchten in den Boden. Tausende Menschen kamen ums Leben, unzählige weitere verloren ihre Lebensgrundlagen.
Freigeist-Fellow legte Grundlage für Kooperationsprojekt
Mehr als 30 Wissenschaftler:innen aus ganz Europa haben nun gemeinsam über 1.000 historische Quellen ausgewertet – darunter Rechnungsbücher, Briefe, Chroniken und Urkunden. So konnten sie rekonstruieren, wann und wo die Fluten auftraten. Ihre Erkenntnisse konnten sie jetzt in der Fachzeitschrift Nature publizieren.
Eine zentrale Grundlage für die Studie wurde in dem von der VolkswagenStiftung geförderten Freigeist-Forschungsprojekt von Martin Bauch gelegt. Der Umwelthistoriker vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Klimageschichte des späten Mittelalters, und dabei auch mit der Magdalenenflut. Für die aktuelle Studie trug er historische Quellen aus Norditalien und dem östlichen Mitteleuropa zusammen und wertete sie aus.
Auch die Zusammenarbeit mit der Erstautorin der Studie, Dr. Andrea Kiss, hat einen direkten Bezug zum geförderten Projekt: Die Historikerin und Geographin forschte 2025 als Gastwissenschaftlerin in der Freigeist-Forschungsgruppe von Martin Bauch am GWZO in Leipzig und finalisierte dort die nun veröffentlichte Studie.
Historische Erkenntnisse für zukünftige Extremereignisse nutzen
Dass die Magdalenenflut Teil einer ganzen Folge von Hochwassern war, verändert den Blick auf die Katastrophen des 14. Jahrhunderts. Zugleich hat die Erkenntnis eine überraschende Aktualität: Auch heute werden einzelne Extremhochwasser häufig für sich betrachtet. Die Studie zeigt jedoch, dass mehrere schwere Ereignisse innerhalb kurzer Zeit zusammen auftreten können. Mit Blick auf den Klimawandel könnte das künftig wichtiger werden. Die Forschenden plädieren deshalb für einen historisch informierten Hochwasserschutz, der nicht nur einzelne Extremereignisse, sondern auch ganze Abfolgen von Katastrophen berücksichtigt.