Freigeist-Fellow untersucht den Wunsch nach Normalität

An Gerichtsakten aus der Zeit von 1944 bis 1952 untersucht Benjamin Lahusen, wie sich der Wunsch der Gesellschaft nach Normalität in der juristischen Verwaltung widerspiegelt.
Sie sprachen an, dass Sie verwundert über die heile Welt aus den Akten gewesen seien. Gibt es Beispiele dafür, wo der Wunsch nach Normalität Sie besonders überraschte?
Viele Fälle sind irritierend. In einem Fall wurde etwa die Wiederherstellung einer Hecke eingeklagt, die der Beklagte eigenmächtig abgeholzt hatte mit der Begründung, sie sei nicht ordentlich geschnitten worden. Der Kläger wehrte sich dagegen, weil er im Krieg keinen Gärtner bekommen könne und nunmehr sein schönes Villengrundstück verschandelt sei. Das Ganze spielt im März 1945. So etwas verblüfft mich.
Aber noch eigenartiger wird es, wenn sich solche Fälle über Jahre hinziehen. Ein Vermieter verklagt im Herbst 1944 eine Mieterin, die mit ihren drei augenscheinlich ziemlich ungezogenen Kindern in seinem Mietshaus wohnt. Die Kinder seien zu laut, sie würden die Hausordnung missachten, es gäbe Ungeziefer in der Wohnung, der Abort würde nicht gereinigt usw. Also soll ihnen jetzt gekündigt werden. Darüber hört das Gericht im Dezember 1944 fünf Zeugen, die sich aber alle widersprechen. Deshalb bleibt der Fall erstmal liegen.
Im Februar 1949 erkundigt sich das Gericht beim Kläger, ob er eigentlich noch Interesse an dem  Verfahren hat. Und ob! Der Kläger antwortet empört, er sei gerade aus mehrjähriger Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und müsse feststellen, dass sich die Zustände zwischenzeitlich noch weiter verschlimmert hätten: die Hausordnung wird noch immer nicht beachtet, aber zusätzlich empfängt die Frau jetzt regelmäßig Herrenbesuch. Er bittet deshalb endlich um Entscheidung und fügt mit Nachdruck hinzu: "Dieser Kampf dauert nun schon zehn Jahre". Diese Formulierung hat mich sehr beeindruckt. Mit "Kampf" ist nicht der Krieg oder die Gefangenschaft gemeint, sondern die individuelle Leidensgeschichte im eigenen Haus. Übrigens verliert der Vermieter diesen Kampf später. Was ist an diesen Fällen für Sie so spannend?
Alle Fälle, die ich untersuche, laufen den Erzählungen über diese Zeit diametral zuwider. Dass solche Fälle überhaupt existierten, hat mich verwundert, weil ich davon ausgegangen war, dass es in den letzten Kriegsmonaten weder Interesse noch Ressourcen für solche Banalitäten gab. Jeder kennt die Bilder der zerstörten Städte und die Geschichten aus dem Bombenkeller. Dazu passt es einfach nicht, wenn sich hinter diesem Ausnahmezustand ein Netz von alltäglichen juristischen Handlungen entfaltet. Für mich sind die öffentliche Erinnerung und die konkreten Ereignisse, die ich anhand der Quellen untersuche, schwer miteinander zu vereinbaren. Man muss die Geschichte deshalb nicht neu schreiben, aber man sollte sich vielleicht vergegenwärtigen, dass es in einer komplexen Gesellschaft immer auch solche Gegen-Geschichten gibt.