Wissenschaft braucht Gesellschaft und Gesellschaft braucht Wissenschaft - 11. Forschungs- und hochschulpolitisches Werkstattgespräch

Datum

Veranstaltungsbericht zum 11. forschungs- und hochschulpolitischen Werkstattgespräch "Wissenschaft braucht Gesellschaft und Gesellschaft braucht Wissenschaft – die besondere Aufgabe der Universitäten" am 13. und 14. April 2018 in Schloss Herrenhausen, Hannover

Die Wissenschaft ist schon seit Jahren aus dem berühmten Elfenbeinturm herabgestiegen – Kinderuniversitäten, Wissenschaftsnächte, Science Slams werden landauf, landab organisiert und finden auch regen Zulauf von Interessierten aus der breiteren Öffentlichkeit. Und doch ist immer wieder von einer Vertrauenskrise der Wissenschaft die Rede. Hintergrund dieser neuen Diskussion über die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft ist zweifelsohne eine Entwicklung, die "die Welt" – nicht zuletzt durch die sich ausweitende Globalisierung und die zunehmende Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche – immer komplexer erscheinen lässt; Verunsicherung ist die Folge. Gleichzeitig wird das Wissenschaftssystem, und zwar gerade durch seine Expansion und Kostenexplosion, im öffentlichen Bewusstsein auch in die Pflicht genommen. Dass die Wissenschaft die Gesellschaft braucht wie umgekehrt auch die Gesellschaft die Wissenschaft, ist eigentlich allgemeiner Konsens. Doch was ist in dieser Situation die besondere Aufgabe der Universitäten? Dieser Frage widmete sich das 11. forschungs- und Hochschulpolitische Werkstattgespräch in Herrenhausen, an dem 23 Rektor(inn)en, Präsident(inn)en, Hochschulpolitiker(innen) und Wissenschaftler(innen) teilnahmen.

In seiner Begrüßung wies der Generalsekretär der VolkswagenStiftung WILHELM KRULL (Hannover) darauf hin, wie widersprüchlich die Situation ist: Auf der einen Seite lasteten riesige Erwartungen auf Wissenschaft und Technik, auf der anderen Seite begegneten ihr viele Menschen voller Angst und Vorbehalte. Innerwissenschaftliche Probleme wie die Reproduzierbarkeitskrise und wissenschaftliches Fehlverhalten durch Plagiate würden in der Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit diskutiert. Hier Abhilfe zu schaffen könne allerdings nicht bedeuten, die politischen Kontrollfunktionen zu erhöhen und dadurch die Dynamik der Wissenschaft zu blockieren. Die Transparenz in der Wissenschaft müsse erhöht und eine neue, offenere Interaktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft geschaffen werden. Denn eines sei gewiss: Das klassische Sender-Empfänger-Modell zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit könne heute nicht mehr funktionieren.

Als ein zentraler Grund dafür wurde der Medienwandel benannt, der im Zentrum der ersten Keynote stand. Der Journalist und Medienforscher CARSTEN KÖNNEKER (Karlsruhe) informierte in seinem Beitrag "Wie sichern wir gesellschaftliches Vertrauen im Zeitalter digitaler Kommunikation?" über die Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie1. Danach werde die Entwicklung derzeit von drei Faktoren geprägt, die sich insbesondere am Mediennutzungsverhalten der Jüngeren ablesen lassen: (1) Social-Media-Nutzung, (2) Bewegtbild-Nutzung und (3) mobile Nutzung vor allem über Smartphones. Auch wenn klassische Wissenschaftsvermittler wie "Spektrum der Wissenschaft", "Geo" oder "National Geographic" auch im Digitalen immer noch ihr Publikum fänden – Spektrum.de als Marktführer erreicht rund 2 Millionen unique user pro Monat –, so seien in den Sozialen Medien neue teils einflussreiche Anbieter entstanden: So habe die Seite "I fucking love Science"2, die vor allem Skurriles und Staunenswertes aus der Wissenschaft präsentiert, auf Facebook 25 Millionen Follower. In sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf Videoportalen wie Youtube träfen sich die Angebote verschiedenster Akteure: Journalisten, PR, Forschende, Laien – bis hin zu Verfechtern pseudowissenschaftlicher Theorien. Auf Facebook habe etwa die "Flat Earth Society" ähnlich viele Fans wie die Max-Planck-Gesellschaft. Könneker stellte eine Reihe von psychologischen und technologischen Effekten vor, die in Summe bedingen, dass sich wissenschaftsskeptische Einstellungen in Sozialen Medien stärker verfestigen können als in vergleichbaren Offline-Diskursen. Zu diesen Effekten gehören u.a. Gruppenpolarisierung, d.h. die sukzessive Verschärfung der Tonlage, die Gefühlsansteckung, also die Angleichung an den affektiven Zustand der Peers, oder der Partisan Bias: Informationen der Gegenseite werden vorderhand abgewertet. Könneker forderte die Wissenschaft auf, die Sozialen Medien selbst stärker zu nutzen. Eine eigene Untersuchung unter Digital Natives bei den Lindau Nobel Laureate Meetings sowie den Heidelberg Laureate Meetings zeige, wie notwendig hier ein Wandel ist: Selbst junge Nachwuchsforschende – die privat Soziale Medien extensiv nutzen – kommunizieren hier kaum über ihre Arbeit. Das Wissenschaftssystem wiederum müsse externe Kommunikation stärker honorieren, zeitliche Ressourcen schaffen, den Nachwuchs schulen und nicht zuletzt den aktuellen Strukturwandel zum Objekt von Forschung machen.

Über die Frage, was dieser Medien- und Öffentlichkeitswandel für die Universitäten und das Wissenschaftssystem bedeutet, dachte der Kommunikationswissenschaftler und ehemalige Prorektor seiner Universität OTFRIED JARREN (Zürich) nach. Er wies auf die erhöhten Anforderungen an die Universität nach externer Kommunikation mit der Öffentlichkeit wie auch gleichzeitig nach interner Kommunikation mit den verschiedenen Ebenen und einzelnen Mitgliedern der Universität hin. Universitäten müssten beispielsweise, um im Wettbewerb um die Ressourcen zu bestehen, nicht nur exzellente Wissenschaft betreiben, sondern auch über ihre Exzellenz kommunizieren. "Wir sind exzellent" werde zu einem Verkaufsargument nach außen und nach innen. Jarren vertrat die These, dass die neuen Formen der Kommunikation, insbesondere Social Media, weitere soziale Prozesse auslösen werden. Diese Entwicklung zu einer unternehmensähnlichen Organisation werde gestützt von der Einführung des New Public Management, das auf der einen Seite den Universitäten mehr Autonomie brachte, sie aber auf der anderen Seite externen Regeln bei Akkreditierung und Berichtspflicht unterwarf. So vereine die moderne Universität heute höchst unterschiedliche Organisationstypen mit verschiedenen Handlungsrationalitäten unter einem Dach. Die Folgen: Die internen Schnittstellen nähmen laufend zu; die Managementnotwendigkeiten in der Mehr-Ebenen-Matrix-Struktur stiegen. Die bislang vorherrschenden hochgradig informellen akademischen Abstimmungs- und sogar Entscheidungsformen würden mehr und mehr formalisiert und mit hierarchischen Strukturen hinterlegt. Gleichzeitig seien die Universitäten aber auch mit den Folgen der segmentären Differenzierung der gesamten Gesellschaft3 wie auch mit dem von Könneker beschriebenen Medien- wie Öffentlichkeitswandel konfrontiert. Für Jarren sind dabei vor allem die Sozialen Medien Ausdruck, Beschleuniger wie Katalysator der segmentären Differenzierung. Die Universitäten, so Jarrens Schlussfolgerung, befänden sich in einem fundamentalen Neuinstitutionalisierungsprozess und müssten sich darin auf ihre Kernaufgabe besinnen. Die internen wie externen Kommunikationsformen wie -weisen sollten von den Universitäten bewusster reflektiert und gestaltet werden.

Demgegenüber plädierte SIMONE SCHWANITZ (Stuttgart), Abteilungsleiterin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, aktiv dafür, dass die Universitäten ihre Rolle als Keimzelle der Bürgergesellschaft annehmen sollten. Sie verwies auf zwei zentrale Paragraphen im "Gesetz über die Hochschulen in Baden-Württemberg": §2(5) "Die Hochschulen tragen zum gesellschaftlichen Fortschritt bei" und §2(8) "Die Hochschulen unterrichten die Öffentlichkeit regelmäßig über die Erfüllung ihrer Aufgaben und die dabei erzielten Ergebnisse". Neben Forschung und Lehre gehöre Transfer nun zu den Kernaufgaben der Universität. Schwanitz verwies auf das Positionspapier des Wissenschaftsrats "Wissens- und Technologietransfer als Gegenstand institutioneller Strategien"4, nach dem es ein Anerkennungsdefizit für Transferleistungen innerhalb der Wissenschaft gibt. Schwanitz unterstützte die Position, dass jede Universität eine Transferstrategie als integralen Bestandteil ihrer Gesamtstrategie definieren solle; auch die Einführung eines Vizepräsidentenamtes für Transfer könne hierbei sinnvoll sein. Neben Kommunikation und Beratung sei Anwendung der dritte Bereich von Transfer. Als ein positives Beispiel für den Transfer in die Gesellschaft und die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft nannte Schwanitz die Förderung sogenannter "Reallabore" durch das Stuttgarter Ministerium, das dafür 18 Millionen Euro zur Verfügung stellt5. Wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Akteure würden hier den Forschungsprozess gemeinsam designen und durchführen. Auch wenn die Realität zeige, wie schwierig dieses Vorgehen sei, und nur erste Ergebnisse der Evaluation der Experimente vorlägen, so seien diese doch ermutigend. Spannend sei vor allem der Ansatz des Co-Designs, der gesellschaftliche Akteure aktiv in die Forschung einbezieht. Dadurch werde die Gesellschaft nah an den Forschungsprozess herangeführt und durch diese neuen Formen der Beteiligung könne das Verständnis für Wissenschaft und Forschung in der Gesellschaft besser verankert werden.

Diese Position wurde in der anschließenden Diskussion von den anwesenden Hochschulleitungen mit Nachdruck hinterfragt. Es gebe auch zahlreiche negative Beispiele, wie das gesellschaftliche Engagement einer Universität kippen könnte. So sei in Barcelona die Universität zur Speerspitze der politischen Unabhängigkeitsbewegung geworden. Transfer als Kernaufgabe der Universität zu verstehen, widerspreche in Deutschland zudem der Verfassung: Im Grundgesetz sei Wissenschaft ausschließlich durch Forschung und Lehre definiert. Auch wenn der Universität zweifelsohne weitere gesellschaftliche Aufgaben zugewachsen seien, so könne es sich dabei doch nicht um ihre Kernaufgabe handeln. Das Gegeneinander der Aufgaben wurde von Diskussionsteilnehmer(inne)n teilweise drastisch formuliert: "Ich schlachte meine wissenschaftlichen Fakultäten, um die Transferaufgabe leisten zu können". Hingewiesen wurde auch darauf, dass es sich bei den von Schwanitz genannten "Reallaboren" nicht um Grundlagenforschung handelt, was ebenso bestätigt wurde wie die Tatsache, dass sich im Miteinander von Wissenschaft und Zivilgesellschaft mitnichten sofort – wie beabsichtigt – Vertrauen bildet: Auch Frustration sei zu verzeichnen. Abschließend wurde diskutiert, wie schwierig es für die Wissenschaft ist, nicht-wissenschaftliche Akteure überhaupt zu erreichen – auch die Politik.

Eine Definition von Third Mission setzte PEER PASTERNACK (Wittenberg) vom Institut für Hochschulforschung an den Anfang seines Vortrags: Unter "Third Mission" seien Aktivitäten einer Hochschule zu verstehen, die im Kontext von Forschung und Lehre stattfinden, ohne selbst und allein Forschung und Lehre zu sein. Dieser Begriff sei sehr praktikabel, weil er als "Dach" viele unterschiedliche Bereiche umfassen kann. Die zentralen Säulen der Third Mission seien Weiterbildung, Wissenschafts- und Technologietransfer und schließlich gesellschaftliches Engagement mit den Handlungsfeldern Bürgerschaftliches Engagement, Community Service und Partizipation. Pasternack wies darauf hin, dass Third Mission kein historisch neues Phänomen sei. Untersuchungen von 25 Hochschulen hätten zudem ergeben, dass praktisch überall mehr Aktivitäten in diesem Bereich existieren, als die Hochschule selbst weiß6. Drei praktische Probleme müssten bewältigt werden: Third-Mission-Aktivitäten seien oft unsichtbar, dezentral und sehr vielfältig; es gebe große Probleme, sie zu erfassen und zu dokumentieren, und noch größere Probleme, sie zu messen. Insofern sei es jeder Hochschule zu raten, die Engagements auf dem Feld der Third Mission aktiv zu unterstützen. Pasternack sprach sich jedoch dagegen aus, diesen Bereich mit Indikatoren messbar zu machen. Auch warnte er vor allumfassender Dokumentation, die die politische Detailsteuerung früherer Zeiten zu ersetzen drohe. Allerdings begrüßte Pasternack, dass Third Mission die Wissenschaft dazu zwinge, das eigene Komplexitätsniveau zu verlassen: Dies müsse sie tun, wenn sie in die Gesellschaft, die dazu neige, Komplexität abzuweisen, hineinwirken wolle.

Nicht "Transfer" oder "Third Mission", sondern den Begriff "gesellschaftsorientierte Wissenschaft" wollte der Vorsitzende des Forschungszentrums Jülich WOLFGANG MARQUARDT genutzt wissen. Seine historischen Wurzeln sah er in Leibniz und dessen Diktum, man "müste gleich anfangs das Werck samt der Wissenschaft auf den Nutzen richten"7. Marquardt zitierte auch den US-amerikanischen Wissenschaftler und Wissenschaftspolitiker Vannevar Bush: "Science can be effective in the national welfare only as a member of a team, whether the conditions be peace or war”. Für Marquardt ist die Frage heute nicht, ob, sondern wie die Wissenschaft mit der Zivilgesellschaft in Austausch geht. Dabei stehe die Größe und Kom-plexität der gesellschaftlichen Herausforderung oft im Widerspruch zu den einzelnen Mitgliedern auf den unterschiedlichen Ebenen. Marquardt sprach sich für kontinuierliche Feedbackschleifen zwischen beiden Bereichen aus und plädierte für eine "streitfähige, kommunikationsfreudige Wissenschaft". Als Beispiel für ein besonderes Austauschformat zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nannte er den "Jülicher Nachbarschaftsdialog", der seit drei Jahren organisiert wird und bei dem die Themen nicht von der Wissenschaft gesetzt werden. Laut Marquardt geht es darum, gemeinsame Schnittmengen bei Themen herauszufinden.

In der Diskussion wurde von den Diskussionsteilnehmer(inne)n zwar mehrfach betont, dass das Sender-Empfänger-Modell ausgedient habe und "Informationskonsumveranstaltungen" das negative Gegenstück zu solchen Bürgerdialogen seien – gleichzeitig wurden auch Grenzen des Austauschs eingeklagt: Es könne nicht angehen, so mehrere Stimmen, dass die Gesellschaft Agendasetting für die Wissenschaft betreibe. Der Bürgerdialog könne und müsse genau dafür genutzt werden, solche "Übergriffe" zu verhindern. Die Autonomie der Wissenschaft müsse gewahrt bleiben; Wissenschaft könne und dürfe nicht zur "Serviceeinrichtung für die Gesellschaft" werden. Als einen besonderen "Raum der Freiheit" wurde die Deutsche Forschungsgemeinschaft bezeichnet, die eine Selbstorganisation der Wissenschaft erlaube; umgekehrt sei die Wissenschaft aber gerade aus diesem Grunde gegenüber der Gesellschaft rechenschaftspflichtig. Schließlich wurde in der Diskussion betont, dass das Nein der Gesellschaft in den Medienkampagnen häufig überschnell und unreflektiert erfolge, wie zuletzt der "Kreuzzug gegen den Dieselmotor" gezeigt habe. Die Folgen einer auf solchen Kampagnen gründenden politischen Entscheidung – etwa bei dem Ausstieg aus der Kernenergie – müsste dann wieder die Wissenschaft tragen. Hinzu komme, dass Wissenschaft und Teile der Gesellschaft durchaus gegensätzliche Wertvorstellungen verfolgen können, etwa wenn in Mecklenburg-Vorpommern gefordert wird, die Geschichtswissenschaft zu "Pommernkunde" umzudeuten.

An diesem Punkt setzte auch der Impulsvortrag von WALTER ROSENTHAL (Jena) an: Unter dem Titel "Debatten führen gegen die Angst" warb er dafür, gegen die in der Gesellschaft grassierende Angst – vor dem Islam, dem Kalten Krieg, dem Klimawandel – die Werte der Universität zu verfolgen. Ihr Ziel müsste sein, aus "Angstbürgern" "Mutbürger" zu machen. Sich auf Karl Jaspers beziehend, sah Rosenthal die Universität als "Bezeugung der Freiheit durch Wahrheit"8. Die Universitäten müssten die Freiheit nach außen tragen. Rosenthal forderte dazu auf, sich mit der Angst auseinanderzusetzen und mit der Zivilgesellschaft "auch jenseits der reinen Vernunft" in Kontakt zu treten. Die Universität Jena als eine mittelgroße Universität in den neuen Bundesländern habe 2016 zu der Kampagne "Denken ohne Grenzen" aufgerufen, als Neonazis Demonstrationen gegen die Universität starteten. 2012 wurde ein Kompetenzzentrum Rechtsextremismus gegründet und in der Aktion "Thüringen für alle" arbeite seine Universität seit diesem Jahr mit der Landesregierung zusammen. Angesichts der Tatsache, dass laut Thüringen-Monitor ein Drittel aller dortigen Bürger(innen) fremdenfeindlich eingestellt sind, gehe es um "politische Prophylaxe".

Dass und warum Wissenschaft ein gesellschaftlicher Akteur ist, dieser Frage ging SASCHA SPOUN (Lüneburg) in seinem Impulsvortrag nach. Auch er warf zunächst einen Blick zurück: Erst als sich das Militär in der frühen Neuzeit für die Ergebnisse der Wissenschaft interessierte, sei die Vorstellung geboren worden, dass die Wissenschaft eine Aufgabe in der Gesellschaft habe. Das Militär – konkret: der Sputnikschock 1957 – sei es wieder gewesen, das zuletzt der Wissenschaft viel Aufmerksamkeit entgegen- und damit Geld in die Kassen brachte. Heute aber werde die Wissenschaft von dieser Aufmerksamkeit, die Erwartungen erzeugt, eingeholt. Habe die Wissenschaft überhaupt eine Wahl? Für Spoun nicht. Sie habe ganz klar einen gesellschaftlichen Auftrag und müsse sich zudem darauf einstellen, dass die Gesellschaft jederzeit die Finanzierung einstellen oder reduzieren kann. Spoun führte hier das Beispiel der Universität Basel an, die mit einer Mittelkürzung von 20 Millionen CHF durch den Kanton Basel Land zu kämpfen hat. Je teurer und länger Projekte werden, desto größer würden die Unfreiheiten. Und desto größer sei auch die Gefahr für die Freiheit der Wissenschaft. Diese könne auch darin bestehen, Nein zu sagen um den Preis, ihre Finanzierung zu verlieren und sich quasi selbst aufzugeben. Spoun sieht Verantwortung darin, nie für eine Seite käuflich zu sein.

Der nächste Vortrag führte in die Praxis. Die Leiterin der Stabsstelle Presse und Kommunikation der TU Braunschweig ELISABETH HOFFMANN präsentierte einen ganzen Strauß von Aktivitäten, in die die Kommunikation ihrer Universität eingebunden ist: von der Organisation der "TU-Night" mit 20.000 Gästen über Studiengangsmarketing bis hin zum heftig geführten Nachbarschaftsdialog beim Bau eines Forschungszentrums der TU, als Anwohner(innen) sich vor eventuell emittierten Lösemitteln sorgten. Hoffmann erwähnte auch zwei Ereignisse, bei denen die TU gefordert war, bei internen Zielkonflikten der Wissenschaft Position zu beziehen: In einem Fall führte die Einladung des Genderforschungsgegners Ulrich Kutschera zu Diskussionen, ob die TU einer solchen Meinung Raum geben sollte. Im anderen Fall ging es um ein "Deutschland-Seminar" mit rechtsextremen Rednern, zu dem die Burschenschaft "Thuringia Braunschweig" 2017 an der Universität einlud. Die TU hatte keine Möglichkeit, dagegen rechtlich vorzugehen; die Präsidentin nahm daher in Person an der Gegendemonstration teil. Insgesamt gesehen habe Wissenschaftskommunikation die Aufgabe, auch in kritischen Situationen "Komplexität zu erklären". Hoffmann wies abschließend auf das Positionspapier "Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR"9 hin.

Was aber tun, wenn die Universität zur Zielscheibe von Kampagnen wird? Diese Frage griff HANS-JOCHEN SCHIEWER (Freiburg) auf. Als Beispiel wählte er die Diskussion um die Nachbesetzung des sogenannten Heidegger-Lehrstuhls im Jahr 2015. Die Überlegungen der Freiburger Universität, diesen in der Tradition der Phänomenologie stehenden Lehrstuhl in eine Juniorprofessur für Logik und sprachanalytische Philosophie umzuwandeln, wurde von Jürgen Kaube in der FAZ10 in Zusammenhang gebracht mit dem Erscheinen des 4. Bandes von Heideggers "Schwarzen Heften" und dessen antisemitischen Äußerungen. Der Vorwurf: Die Universität wolle Heidegger loswerden und beende damit gleichzeitig die phänomenologische Tradition. Die analytische Philosophie setze sich durch und gleichzeitig werde das Fach Philosophie durch die Ausschreibung nur einer Juniorprofessur abgewertet. Darauf sei ein Tsunami in den Sozialen Medien entstanden, eine Unterschriftenaktion "Save phenomenology and hermeneutics in Freiburg" bei openpetition.de wurde lanciert. Als Schiewer in einem Interview sagte, er verstehe die ganze Aufregung nicht, hieß es in Kaubes nächstem Artikel: "Ein Rektor versteht nicht". Daraufhin habe Schiewer mit einem der Kritiker, dem Philosophen Volker Gerhardt, ein gemeinsames Konzept für eine neue Akademieprofessur mit Schwerpunkt Kulturphilosophie entwickelt. Glaubwürdigkeit, Handlungsfähigkeit, Entschlossenheit und Transparenz seien in solchen Konflikten wichtige Eigenschaften und auch ein Rektor müsse lernen, Soziale Medien auszuwerten und zu bedienen.

Der Praxisbezug in der Lehre und dessen Auswirkungen auf die Interaktion mit der Gesellschaft war Thema des Präsidenten der Hochschule Niederrhein HANS-HENNIG VON GRÜNBERG (Krefeld/Mönchengladbach). Seine Hochschule sei der "Platzhirsch" in der Provinz und direkt mit den Vorstellungen und Forderungen der Region konfrontiert. Die Erwartungen der Gesellschaft an die Hochschulen hätten sich nicht zuletzt durch die Akademisierung maximal geändert – der Praxisbezug müsse heute im Fokus stehen. Von Grünberg sah sich in dieser Einschätzung durch ein Papier der EU-Kommission bestätigt, in der eine europäische Erneuerungsagenda für die Hochschulbildung gefordert wird. Danach sollten sich "Hochschuleinrichtungen […] an der Entwicklung ihrer Städte und Regionen beteiligen, sei es durch einen Beitrag zu Entwicklungsstrategien, durch die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, dem öffentlichen und Freiwilligensektor oder durch die Förderung des öffentlichen Dialogs über gesellschaftliche Fragen"11. Von Grünberg betonte, dass für ihn Transfer kein Appendix, sondern eine eigene Leistungsdimension sei. Der Innovationsindikator 2017 des BDI12 mache deutlich, dass hier mehr Anstrengungen nötig sind. Mit Blick auf die Aufgabenteilung des Hochschulsystems entwickelte von Grünberg abschließend eine "Ideenkette": von der Universität über die Hochschule in die Fläche.

In der anschließenden Diskussion wurde gefordert, dass zwischen Universitäten und (Fach-)Hochschulen die öffentlichen Ressourcen austariert werden müssten. Danach stand das Verhältnis von Universität zu den Medien im Fokus. Festgestellt wurde, dass mittlerweile auch im Qualitätsjournalismus – wie in den Sozialen Medien – "Kampagnen losgetreten" würden, was auch damit zusammenhänge, dass es den Qualitätsmedien "dramatisch schlecht" gehe. Die Universitäten seien gefordert, einen Teil von deren Aufgaben zu übernehmen und nicht nur "Marketing in eigener Sache" zu betreiben. Die Wissenschaft müsse lernen, für sich selber zu sprechen. Dabei müsse sie sich eingestehen, dass auch aus ihren Reihen Medienkampagnen gestartet werden, etwa in der Auseinandersetzung zwischen Hochschulleitung und Disziplinen um die Ausrichtung von Lehrstühlen und Instituten. Nicht unterstützt wurde von der Mehrheit der Anwesenden jedoch die an einer Universität geltende Regelung, dass ausschließlich die Pressestelle berechtigt ist, mit Journalisten zu sprechen; den einzelnen Wissenschaftler(inne)n ist dies verboten. Das wurde als "Maulkorb" bezeichnet. Die Universitätsleitungen seien jedoch gefordert, ihre Leitungsentscheidungen nach innen wie außen klar zu kommunizieren. Universitäres Profil, Governance und Kommunikation hingen eng zusammen.

Beim Abschlusspodium wurden noch einmal drei unterschiedliche Facetten eingebracht: Die neue Präsidentin der Universität Lübeck GABRIELE GILLESEN-KAESBACH informierte über die Aktion "LübeckHoch3", in der sich in Lübeck die Universität, die Fachhochschule und die Musikhochschule zusammengetan haben, um mit exzellenten Projekten in der Hansestadt sichtbar zu sein. Als Präsidentin habe sie dazu angefangen, selber zu bloggen, und sei von dem Erfolg überrascht. JOHANNA ELEONORE WEBER (Greifswald) berichtete über den heftigen Streit um den Namen ihrer Universität: Die 1456 gegründete Universität Greifswald wurde 1933 auf Betreiben von deutschnationalen rechtsextremen Kräften unter der Professorenschaft und mit Bestätigung durch Göring in Ernst-Moritz-Arndt Universität umbenannt. 1946 wurde der Name abgelegt und 1954 erneut aufgenommen – nun aber nicht im Sinne nationalsozialistischer Ideologie, sondern u.a. wegen Arndts Eintreten für ein einheitliches Deutschland. Die Debatte um den Namen der Universität wurde jahrelang unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit erbittert geführt und war gekennzeichnet durch wieder aufbrechende Konflikte zwischen Ost und West und dem Versuch einer politischen Einflussnahme auf die Universität (so das Eintreten der AfD für Arndt) und der Beschneidung ihrer Hochschulautonomie. Weber betonte, dass sie den genuinen Auftrag der Universität im Osten im Eintreten für Demokratie sehe. Die Universität müsse ihre Unabhängigkeit und Freiheit bewahren, nicht zuletzt für diese besondere Rolle werde sie von der Gesellschaft finanziert. WOLFGANG-UWE FRIEDRICH (Hildesheim) stimmte Weber hierin zu: In Zeiten der Kommunikationsrevolution durch neue Medien und der Herausforderung durch den Populismus seien "Forschung und Lehre in einer demokratischen Gesellschaft" die Kernaufgabe der Universität. Über die Aktivitäten seiner Universität im Bereich der Third Mission wollte Friedrich ein ungefähres Bild gewinnen, nicht aber die Vorgänge quantifizieren. Kommunikation sei heute zentral: Die Universität müsse heute selber sprechfähig und auf alle Krisen vorbereitet sein. Die Pressestellen hätten neue Aufgaben und die Hochschule müsse ihren Mitarbeiter(inne)n Kommunikationstraining anbieten. Er wolle gezielt jedes Jahr ein Projekt in die Stadt Hildesheim und den Landkreis hineintragen.

Das elfte forschungs- und hochschulpolitische Werkstattgespräch führte vor Augen, dass und wie stark die Universitäten einerseits in die Gesellschaft eingebunden sind, andererseits aber auch, wie vielfältig, schillernd und letztlich ungeklärt ihr Auftrag für die Gesellschaft ist. Während Third Mission und Transfer für (Fach-)Hochschulen zur Kernaufgabe gehören, sind sie für Universitäten eine nicht weiter spezifizierte Zusatzaufgabe, die einerseits politisch gefordert wird, für die aber andererseits weder Geld zur Verfügung gestellt wird noch wissenschaftsintern Anreizstrukturen bestehen. Sehen sich die Rektor(inn)en und Präsident(inn)en auch gegenüber der Gesellschaft rechenschaftspflichtig, so wehren sie sich mit Vehemenz gegen alle Tendenzen, die Forschungsagenda von der Gesellschaft oder der Politik definieren zu lassen. Zudem bestand unter ihnen Einigkeit darin, dass der Bereich des Transfers oder der Third Mission nicht mit Indikatoren quantifiziert erfasst werden solle. Deutschland geht damit – noch? – einen anderen Weg als Großbritannien, wo bei der nächsten Evaluation des Wissenschaftssystems im Jahr 2010/2021 der Transferbereich ("Impact") ein Viertel der Gesamtnote eines Fachs an seiner Universität ausmachen wird.

Bericht: Dr. Vera Szöllösi-Brenig
 

1 Vgl. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/files/2017/Artikel/Kern-Ergebnisse_ARDZDF-Onlinestudie_2017.pdf [28.5.2018]

2 http://iflscience.com/ [28.5.2018]

3 Nach Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp

4 Vgl. https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/5665-16.pdf [28.5.2018]

5 Vgl. https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/forschung/forschungspolitik/wissenschaft-fuer-nachhaltigkeit/reallabore/ [28.5.2018].

6 Vgl. Justus Henke, Peer Pasternack, Sarah Schmid: „Die Vielfalt jenseits hochschulischer Forschung und Lehre: Konzept und Kommunikation der Third Mission“ 
http://www.hof.uni-halle.de/web/dateien/pdf/Dritte-Mission.pdf [28.5.2018].

7 Leibniz, Gedancken von Aufrichtung einer Societatis Scientiarum et Artium (1700) (Leibniz seit 1923, IV, 8, Nr. 78, 426)

8 Karl Jaspers, Die Idee der Universität, 1923/1946/1961.

9 https://www.wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/Trends_und_Themen/Dokumente/Leitlinien-gute-Wissenschafts-PR_final.pdf [28.5.2018]

10 http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/streit-um-heidegger-lehrstuhl-martin-edmund-13452086.html [28.5.2018]

11 "Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen über eine europäische Erneuerungsagenda für die Hochschulbildung" (30.5.2017), vgl. http://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2017/DE/COM-2017-247-F1-DE-MAIN-PART-1.PDF [28.5.2018]

12 http://www.innovationsindikator.de/2017/home/#!/zentrale-befunde [28.5.2018]