Wie kann man sich Sicherheit in der Zukunft vorstellen?

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Wissenschaftliche Grundlagen einer zukunftsorientierten europäischen Sicherheitspolitik bieten Langzeitperspektiven – die jedoch immer wieder neu an aktuelle Entwicklungen angepasst werden müssen.

Podium bei Leopoldina-Lecture Sicherheit in Europa in Schloss Herrenhausen
Das Podium diskutierte über die Sicherheit und das Sicherheitsgefühl in Europa. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Veranstaltungsbericht zur 12. Leopoldina-Lecture der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Kooperation mit der VolkswagenStiftung im Schloss Herrenhausen am 28. Februar 2018

"Wie sicher ist Europa? Perspektiven der Sicherheitspolitik in einer globalisierten Welt" mit Prof. Dr. Sigmar Wittig, Prof. Dr. Cord Jakobeit, Prof. Dr. Heribert Dieter und Verena Gonsch (Moderation).

Sicherheit und Garantieverweigerung

Eine Garantie für Sicherheit? Die kann es gar nicht geben, da ist sich Prof. Dr. Sigmar Wittig sicher. Er war unter anderem Leiter des Instituts für Thermische Strömungsmaschinen am Karlsruher Institut für Technologie, Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sowie Vorsitzender des Rates der Europäischen Weltraumorganisation. "Wenn Sie eine Brücke betreten, vertrauen Sie in deren Stabilität", sagt er in seinem Grußwort als Präsidiumsmitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Und ergänzt: "Als Ingenieur kann ich Ihnen aber sagen, dass die niemals zu 100 Prozent gewährleistet ist." Ähnlich verhalte es sich in Politik und Gesellschaft: "Technologie, Bevölkerungsentwicklung, Globalisierung, Umwelt, Armut oder Terrorismus sind Themen, die einer sorgfältigen Gefahrenabschätzung bedürfen."

Politikberatung und Planungshorizont

Unsicherheit präge unsere gesamte menschliche Existenz, sagt Prof. Dr. Sigmar Wittig. Damit stehe sie einem zentralen Bedürfnis von Individuen entgegen: "Wir wollen uns möglichst sicher fühlen." Gerade für Politik und Gesellschaft sei deshalb eine möglichst breite wissenschaftliche Grundlage beim Blick in eine unsichere Zukunft notwendig. "Deren Planungshorizont darf nicht von Tagespolitik und Wahlzyklen bestimmt sein", betont Wittig. Er verweist auf die Möglichkeiten einer wissenschaftsbasierten Politikberatung, wie sie die Leopoldina anbietet. Deren Wert liege nicht zuletzt in einer langfristigen Perspektive.

Prof. Dr. Cord Jakobeit bei der Leopoldina-Lecture Sicherheit in Europa in Schloss Herrenhausen
Prof. Dr. Cord Jakobeit, Politikwissenschaft an der Universität Hamburg, erläutert das Bedürfnis des Menschen, die Zukunft zu kennen. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Seher und Wissenschaftler

Prof. Dr. Cord Jakobeit lehrt Politikwissenschaft an der Universität Hamburg und untersucht dort unter anderem globale Machtverschiebungen durch den wirtschaftlichen Aufstieg einzelner Staaten. In seinem Impulsvortrag geht es um "Möglichkeiten und Grenzen der Risiko- und Sicherheitsforschung". "Es gibt den Beruf des Zukunftsforschers schon seit Jahrtausenden", erläutert er das Bedürfnis des Menschen, die Zukunft zu kennen. "Aus Sehern und Hofastrologen sind heute Wissenschaftler geworden", spitzt er zu. Die müssten sich allerdings immer wieder rechtfertigen, weil ihre Disziplin die wissenschaftliche Voraussetzung der Nachprüfbarkeit nicht erfülle: "Wie kann man erforschen, was es noch nicht gibt?" Wichtig sei also das Bewusstsein der jeweils aktuellen Perspektive, so Jakobeit: "Wir beschäftigen uns mit gegenwärtiger Zukunft, nicht mit zukünftiger Gegenwart."

Erwartungshorizont und Unvorhergesehenes

Bei der Arbeit mit Modellen und Prognosen werde zunächst von einer Kontinuität der Entwicklungen ausgegangen, berichtet Prof. Jakobeit. "Unvorhergesehene, so genannte disruptive Ereignisse machen regelmäßige Anpassungen notwendig", führt er aus. Doch gerade die schwer kalkulierbaren Verläufe jenseits eines Erwartungshorizonts seien wichtig für nachhaltige politische Entscheidungen. "Eine gegenseitige Bewertung von Einschätzungen in Expertendiskussionen ist unerlässlich", meint Jakobeit. Empfehlungen würden dann anhand von Trends und Szenarien gegeben. "Szenarien für Europa beschäftigen sich zum Beispiel mit Demografie und Migration", erläutert er: "Gesteuerte Migration kann unsere demografische Entwicklung in Deutschland ausgleichen." Zugleich könne sie bei mangelnder Integrations- oder Aufnahmebereitschaft zum Problem werden.

Globalisierung und Verflechtung

Auch Wissenschaft und Technologie seien Themen für Szenarien, so Prof. Dr. Cord Jakobeit: "Neue Waffensysteme oder Überwachungsmöglichkeiten können Gleichgewichte verschieben." Das gelte auch für die Auswirkungen von Klimawandel und Ressourcenknappheit: "Dramatische Auswirkungen können drastischere Reaktionen provozieren." Die Globalisierung führe generell zu einer immer engeren Verflechtung von Ereignissen, sagt Jakobeit: "Komplexe internationale Wertschöpfungsketten werden durch einen Handelsrückgang gestört – oder durch Digitalisierung und Automatisierung sogar umgekehrt." Gerade für Entwicklungsländer habe dies wirtschaftliche Konsequenzen, die dann auch Europa zu spüren bekäme. "Wir müssen uns mit solchen Problemen in Nachbarregionen beschäftigen", fordert Jakobeit. Zudem sieht er die Notwendigkeit langfristiger Zukunftsanalysen, die regelmäßig öffentlich diskutiert werden.

Prof. Dr. Heribert Dieter bei der Leopoldina-Lecture Sicherheit in Europa in Schloss Herrenhausen
Prof. Dr. Heribert Dieter, der in der Forschungsgruppe „Globale Fragen“ der Stiftung Wissenschaft und Politik arbeitet, erklärte, dass durch Automatisierung und Digitalisierung zwar die Produktion zurück in westliche Länder kehre, nicht aber die Arbeit. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Fehlentwicklungen und Krise

Auch Prof. Dr. Heribert Dieter setzt sich mit den Konsequenzen der Globalisierung auseinander. Er arbeitet in der Forschungsgruppe "Globale Fragen" der Stiftung Wissenschaft und Politik, ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Potsdam sowie Gastprofessor für internationale politische Ökonomie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Er zitiert den Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, der zwar nach wie vor das Schaffen einer grenzenlosen Gesellschaft über nationalstaatliche Interessen stelle, aber inzwischen nach neuen Formen von Globalisierung frage. "Es gilt, die Vorteile zu erhalten und zugleich Fehlentwicklungen zu reduzieren", fasst Dieter zusammen. Die Krise der Globalisierung drücke sich unter anderem im Aufkündigen eines bisherigen Konsenses in der Finanz- und Handelspolitik zugunsten von Binneninteressen aus: "Das könnte auch sicherheitspolitische Folgen haben."

Konkurrenz und Konflikt

Interessant sei die Beobachtung eines neuen Nord-Süd-Gefälles in der Wahrnehmung der Globalisierung, so Prof. Dr. Heribert Dieter. Deren Auswirkungen würden zum Beispiel in Frankreich, Großbritannien, Deutschland oder den USA zunehmend kritisch gesehen, während sie zum Beispiel in Indien, Vietnam oder auf den Philippinen begrüßt würden. "Manche Sorgen der westlichen Industrienationen sind begründet", erläutert Dieter. Durch Automatisierung und Digitalisierung kehre zwar die Produktion inzwischen wieder zurück in westliche Länder, nicht aber die Arbeit: "Die Arbeitsplätze ungelernter Arbeiter bleiben verloren", so Dieter. In Chinas Wirtschaft sieht er eine systemische Konkurrenz für den Westen: "Da zeichnet sich ein neuer Großkonflikt ab." An der Seite Chinas sei für Deutschland mehr Geld zu verdienen als an der Seite westlicher liberaler Gesellschaften. Zugleich habe Europa wenig Einfluss auf den Konflikt zwischen China und den USA. "Wir werden aber dessen Folgen spüren – müssen uns also auch frühzeitig damit auseinander setzen", fordert Dieter.

Verena Gonsch bei der Leopoldina-Lecture Sicherheit in Europa in Schloss Herrenhausen
Die Wirtschaftsjournalistin und Modetatorin des Abends, Verena Gonsch, fragte nach den Disruptionen im Verhältnis zu den USA. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Umbruch und Destabilisierung

Die Wirtschaftsjournalistin Verena Gonsch fragt als Moderatorin des Podiums nach den Disruptionen im Verhältnis zu den USA: "Wie wirken sich die neuen politischen Verhältnisse auf Handel, Militär, Umwelt und Sicherheit aus?" Prof. Dr. Cord Jakobeit betont die Bedeutung des Umbruchs: "Die Macht, die unsere westliche liberale Ordnung geprägt hat, zieht sich daraus zurück." Dies könne jedoch auch ein notwendiger Anstoß für Europa sein, neue eigene Strukturen zu entwickeln. Prof. Dr. Heribert Dieter sieht eine historische Parallele zum Abschied der USA aus der Weltwirtschaft zu Beginn der 1930er Jahre und der darauf folgenden weltweiten Destabilisierung: "Nachdem der Kongress gegen die Ratschläge aller Experten eine Erhöhung der Außenzölle beschlossen hatte, forderte Theodore Roosevelt bereits "America first" – seine Sprache war dabei nur angenehmer als die Trumps.

Union und Selbstverständnis

Auch mit Blick auf Europa stellt Prof. Dr. Cord Jakobeit ein Schwinden der staatlichen Bindekräfte fest: "Der Ruf der Europäischen Union in den Mitgliedsstaaten ist schlecht, rechtspopulistische Mehrheiten denken über minimale Freihandelszonen nach und schränken die Freiheit von Medien, Wissenschaft und Justiz ein." Jakobeit sieht keinen Grund zu Optimismus: "Die Wurzeln des europäischen Selbstverständnisses stehen infrage – zugleich werden die Staaten aber mit den globalen Veränderungen alleine nicht fertig." Prof. Dr. Heribert Dieter fordert mehr wirtschaftspolitische Konsequenz von der Europäischen Union: "Sie muss den Menschen nützen und Fehlentwicklungen wie eine mangelnde Steuersolidarität korrigieren." Während die deutsche Mittelschicht noch von der Flexibilität einer "Globalisierung 1.0" profitiert habe, so Jakobeit, sehe sie sich von der Digitalisierung der "Globalisierung 2.0" nun bedroht: "Die Besorgnis wächst, der Zusammenhalt schwindet."

Prof. Dr. Sigmar Wittig bei Leopoldina-Lecture Sicherheit in Europa in Schloss Herrenhausen
Prof. Dr. Sigmar Wittig, Präsidiumsmitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, weiß, dass es keine Garantie für Sicherheit geben wird. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Prognosen und Erwartungen

Die letzte Podiumsfrage von Verena Gonsch blickt wieder in die Zukunft: "Wie sieht die Welt im Jahr 2030 aus?" Prof. Dr. Heribert Dieter erwartet einen weiteren Rückgang der globalen Armut, allerdings keine Stabilität internationaler Beziehungen. Der neue Großkonflikt mit China könne prägend werden. "Allerdings kann sich der Fall China auch auf ähnliche Weise von selbst erledigen wie der Fall Japan vor 30 Jahren", gibt er zu bedenken. Prof. Dr. Sigmar Wittig sieht keine gravierenden Auswirkungen eines globalen Konfliktes für Europa. Vielmehr erwartet er technologischen Fortschritt: "Information und Kommunikation werden dominanter, wir müssen uns auf neue Arbeitswelten einstellen und werden Fortschritte bei Mobilität und Gesundheit erleben." Prof. Dr. Cord Jakobeit erwartet, dass sich langfristigere Perspektiven auf die Zukunft durchsetzen: "Wissenschaft und Gesellschaft müssen breiter, informierter und intensiver über mögliche Entwicklungen nachdenken."

Thomas Kaestle