Welche Kunst kann Künstliche Intelligenz schaffen – und wer entscheidet über ihren Wert?

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Können Maschinen kreativ sein? Welche Grundlagen benötigen sie dafür, was machen sie daraus – und werden Innovation, Originalität und Aura dabei irgendwann keine Rolle mehr spielen? Wird es beim Zusammenfügen von Versatzstücken bleiben? Und werden Menschen die Kreativität von Maschinen darüber hinaus überhaupt (an)erkennen können?

Veranstaltungsbericht zum 71. Herrenhäuser Gespräch der VolkswagenStiftung in Kooperation mit NDR Kultur im Xplanatorium Herrenhausen und im Livestream am 10. März 2021. Zu Gast bei der Veranstaltung mit dem Titel "ARTificial – Künstliche Intelligenz in der Kulturlandschaft" waren Dr. Gunter Lösel, Dr. Hanno Rauterberg, Dr. Matthias Röder, Dr. Leila Zickgraf, die Moderation übernahm Dr. Ulrich Kühn.

Videomitschnitt der Veranstaltung:

ARTificial - Künstliche Intelligenz in der Kulturlandschaft
Dr. Leila Zickgraf auf dem Podium
Dr. Leila Zickgraf sucht nach Künstler:innen ohne Angst vor Technologie. Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Faszination und Angst

Dr. Leila Zickgraf vernetzt als Musik- und Tanzwissenschaftlerin Forschung und Kunst beim Thema Künstliche Intelligenz, unter anderem im Projekt "Mensch – Maschine – Musik" an Universitäten in Basel, Salzburg und Berlin. Sie nähere sich der Faszination der Künste für das Maschinelle aus historischer Perspektive, erklärt sie, unter anderem durch ihre Beschäftigung mit Igor Strawinsky: "Er suchte nach Möglichkeiten, Interpreten auszuschalten, Musiker und Tänzer durch Maschinen austauschen." In der industriellen Revolution sei Körper- durch Maschinenkraft ersetzt worden, so Zickgraf, jetzt gehe es um Künstliche Intelligenz und Geisteskraft. Sie suche nach Künstler:innen ohne Angst vor Technologie.

Darstellung und Improvisation

Dr. Gunter Lösel beschäftigt sich als Theaterwissenschaftler, Schauspieler und Psychologe mit Improvisation – unter anderem im interdisziplinären, von der VolkswagenStiftung geförderten Projekt "The Answering Machine". "Das Theater hat als humanistisch geprägte Kunstform zunächst große Angst vor Maschinen", sagt er, beruhigt aber: "Wir wollen Schauspieler:innen nicht ersetzen." Vielmehr interessiere ihn, ob sprachfähige Assistenten in der Lage sind, zu improvisieren. Er verrät: " Die Selbstverständlichkeiten bröckeln, wir haben ein veraltetes Verständnis von Maschinen." Auf der Bühne ergeben sich vor allem Darstellungsprobleme, so Lösel – die Künstliche Intelligenz dürfe nicht zu abstrakt bleiben.

Dr. Hanno Rauterberg auf dem Podium
Dr. Hanno Rauterberg von "Die Zeit" will verstehen, was als Künstliche Intelligenz unser Leben durchdringt. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Triebmittel und Sinnstiftung

Dr. Hanno Rauterberg ist stellvertretender Leiter des Feuilletons bei der Wochenzeitung "Die Zeit" und Buchautor – zuletzt erschien 2021 im Suhrkamp Verlag sein Band "Die Kunst der Zukunft. Über den Traum von der kreativen Maschine". Er sagt dazu: "Ich wollte verstehen, was als Künstliche Intelligenz unser Leben durchdringt – diese Maschinen rücken uns im Alltag ja immer näher." Durch die Kombination mit Kultur ergebe sich nun die Möglichkeit einer Art Sinnstiftung. "Kunst hat eine transzendente Komponente", erläutert Rauterberg und wundert sich: "Das ist eigentlich absurd, dass nun Computer fähig sein sollen, zu wissen, was uns zu Herzen geht." Allerdings könne die Kunst eine Art Triebmittel der Annäherung sein.

Bilder und Dialoge

Nach Anwendungsbeispielen in der Kunst gefragt, berichtet Dr. Hanno Rauterberg vom Malerei-Roboter Ai-Da, dessen Bilder auf Auktionen teuer verkauft werden: "Das findet nicht nur in entlegenen Nischen statt, das wird in der Kunstwelt auch ernst genommen." Dr. Gunter Lösel erzählt von seinen Theater-Experimenten mit Chatbots: "Die wurden an Filmuntertiteln und Popsongs trainiert und können dramatische Dialoge sprechen – nur eben nicht assoziativ, weil sie kein soziales Kontextwissen haben." Die Emotion stecke dabei in den Datensätzen, so Lösel: "Die Künstliche Intelligenz kann das nicht fühlen, aber das Publikum." Er ergänzt: "Wir haben eine Tendenz zur Anthromorphisierung, also Dinge als Personen zu betrachten."

Dr. Matthias Röder auf dem Podium
Unter Leitung von Dr. Matthias Röder wurde Beethovens 10. Sinfonie von einer Künstlichen Intelligenz "finalisiert". (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Ballett und Sinfonie

"Man könnte eine Künstliche Intelligenz auch mit klassischem Ballettrepertoire füttern und in einem bestimmten Stil improvisieren lassen", sagt Dr. Leila Zickgraf. Je abstrakter die Regeln seien, desto interessanter werde es wohl. Dr. Matthias Röder berichtet von seinen zweijährigen Erfahrungen mit Beethovens 10. Sinfonie: "Erhalten waren etwa 45 musikalischen Ideen, vieles hätte Beethoven bestimmt auch verworfen oder weiterentwickelt." Er habe die Künstliche Intelligenz jedoch nicht spekulieren lassen: "Vielmehr haben wir auch verwandte Genres oder Kompositionen von Zeitgenossen hinzugenommen." Wichtig ist Röder: "Wir haben eine mögliche Version gemacht, nicht DIE 10. Sinfonie."

Schwach und stark

Dr. Hanno Rauterberg erläutert den Begriff der "schwachen Kreativität": "Künstliche Intelligenz kann mit dem arbeiten was da ist, Muster filtern, Merkmale herausarbeiten, rekombinieren – sie kann Varianten vorhandener Kunst erschaffen." Eine "starke Kreativität" würde hingegen Unerwartetes hervorbringen, Geistesblitze. "Marcel Duchamp hat einen Flaschentrockner ins Museum gestellt und kraft seines Geistes als Kunst ausgezeichnet – so etwas würden wir einer Maschine nicht durchlassen", führt Rauterberg aus. Er meint: "Kunst ist immer abhängig von Menschen, die etwas als Kunst anerkennen – vielleicht sind wir Menschen noch nicht bereit, der Künstlichen Intelligenz "starke Kreativität" zuzutrauen."

Werkzeug und Eigenleben

Dr. Matthias Röder stimmt Dr. Hanno Rauterberg zu: "Wir wollen keinen eigenständigen Maschinenkünstler erschaffen, sondern ein Werkzeug für Menschen, um neue Formen von Kunst zu kreieren – einen Helfer, Inspirateur oder Konspirateur." Dr. Gunter Lösel glaubt: "Wir werden nicht erkennen, wenn Maschinen wirklich kreativ werden, wir werden nichts damit anfangen können, wenn sie jenseits der menschlichen Kreativität denken." Rauterberg verweist darauf, dass die Rolle von Künstler:innen oft mit einem Geheimnis um Entstehungsprozesse einhergehe: "Vielleicht setzen Projektionen ein, wenn Maschinen beginnen, ein Eigenleben zu führen, vielleicht laden wir ihre Ergebnisse dann mit Wünschen, Träumen und Ängsten auf."

Dr. Gunter Lösel auf dem Podium
Dr. Gunter Lösel sieht durch Künstliche Intelligenzen in der Kunst und neue Produktionsweisen keinen Bedeutungsverlust für die klassischen Künstler:innen. (Foto: Philip Bartz für VolkswaegnStiftung)

Aura und Algorithmus

Dr. Ulrich Kühn fragt angesichts kaum nachvollziehbarer maschineller Vorgänge und beliebiger Reproduzierbarkeit, wie sehr der Prozess der Entstehung mit bisherigen Vorstellungen von Kunst verknüpft sei. Er bringt damit den Anspruch an eine Aura des künstlerischen Originals ins Spiel: "Die kann ja auch nur darin bestehen, dass sich das außer mir niemand sonst leisten kann." Dr. Gunter Lösel sieht zwar Verschiebungen aber keinen Bedeutungsverlust in neuen Produktionsweisen: "Mario Klingemann produziert zum Beispiel unzählige Bilder durch Algorithmen und wählt dann nur eines aus – er ist eher Kurator als Künstler, entwickelt ein verfeinertes Wissen darum, was genau das Kunstwerk ausmacht."

Echtheitszertifikate und Zeitstempel

Dr. Matthias Röder bringt NFTs ins Spiel, Non Fungible Tokens, die digitale Objekte einzigartig machen, obwohl diese kopierbar sind: "Die verweisen als virtuelle Echtheitszertifikate auf den Ursprung, auf die originale Kopie – alle können etwas anschauen, aber nur einer kann es besitzen." Es gehe zudem um den richtigen Zeitstempel – wer früh von einem digitalen Objekt wisse, zeige damit seine Zugehörigkeit zu einem inneren Zirkel und sozialen Wert. Dr. Hanno Rauterberg kommentiert: "Dadurch wird der Kaufakt auratisiert, nicht mehr das Kunstwerk." Er erinnert an Duchamps Zuschreibung und fragt: "Welche Wertigkeiten, welche Kriterien für Qualität werden sich entwickeln?"

Dr. Ulrich Kühn im Gespräch auf dem Podium
Dr. Ulrich Kühn (rechts) führte durch das Herrenhäuser Gespräch. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Humanismus und Transhumanismus

Dr. Gunter Lösel sieht Chancen in Perspektivwechseln, zu denen Künstliche Intelligenz Menschen zwingt. Er konstatiert eine Reihe von Kränkungen und Rückzugsgefechten: "Die Säulen im Tempel des Humanismus werden brüchig und wir merken es nicht so recht." Künstliche Intelligenz lasse uns Begriffe und Definitionen hinterfragen, auf denen unser Menschenbild basiert, so Lösel: "Was ist Intelligenz, Kreativität, Bewusstsein, Intentionalität, Subjektivität?" Dr. Hanno Rauterberg verweist auf die Vorstellung der Transhumanisten, Künstliche Intelligenz sei eine nicht fassbare Schöpferin: "In den USA ist das bereits eine eingetragene Glaubensgemeinschaft – dahinter stecken tiefe Sehnsüchte nach etwas Größerem."

Selbsterkenntnis und Experimentieren

Dr. Gunter Lösel sieht Chancen in einem Post-Anthropozentrismus: "Wenn wir den Menschen nicht mehr als Maß aller Dinge sehen, können wir uns von außen betrachten und Selbsterkenntnis gewinnen." Künstler:innen und Künstliche Intelligenzen zusammen auf eine Bühne zu bringen, berge die Möglichkeit künstlerisch-ästhetischer Erfahrung, allerdings zunächst nur in einer direkten Interaktion. Auch Dr. Leila Zickgraf sieht Potenzial in einer Zusammenarbeit von Mensch und Maschine im künstlerischen Experimentieren: "Künstler:innen müssen sich in diesen Diskurs stärker und mutiger einbringen – dafür müssen sie sich aber mit seinen Zusammenhängen auskennen."

von Thomas Kaestle