Warum die Lebenserwartung nicht für alle gleich steigt

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Wohnort und Arbeitsplatz beeinflussen die Lebenserwartung. Trotz des hohen Wohlstands in Deutschland und Europa wirkt sich soziale Ungleichheit dramatisch auf die Gesundheit aus. Umweltmedizinerin Prof. Dr. med. Barbara Hoffmann und Medizinsoziologe Prof. Dr. Johannes Siegrist erläuterten und diskutierten Hintergründe sowie Möglichkeiten der Prävention bei der 17. Leopoldina Lecture am 20. Oktober im Xplanatorium Schloss Herrenhausen.

Der soziale Status kann Schutzschirm sein: Einkommen und Bildung haben Einfluss auf unsere Lebenserwartung (Illustration: Adobe Stock / Vectorarte)

Die Corona-Hygieneregeln zwangen die Veranstalter der Leopoldina-Lecture zur gesundheitlichen Ungleicheit, eine "neue Normalität auszuloten", sagte Dr. Georg Schütte, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, in seiner Begrüßung. Er entschuldigte den Präsidenten der Leopoldina, Prof. Gerald Haug, der sich in Berlin in einem Corona-Risikogebiet aufhielt und aus diesem Grund auf die Anreise verzichtet hatte. Das Thema des Abends, die Lebenserwartung, betreffe uns alle, sagte Schütte. Sie steige in Deutschland und Europa kontinuierlich, allerdings gebe es einen "Makel im positiven Trend": "Die Lebenserwartungschancen sind sehr ungleich verteilt. Je reicher man ist, desto gesünder, je ärmer, desto kränker." Die VolkswagenStiftung beleuchte dieses Thema im Rahmen des Förderprogramms "Globale Herausforderungen" auch aus internationaler Perspektive.

Videomitschnitt der Veranstaltung

Frau hält Vortrag
"Sag mir, wo du wohnst und ich sag' dir, welche Krankheiten du hast - Wie die Umwelt zur gesundheitlichen Ungleichheit beiträgt", so der Titel von Prof. Dr. med. Barbara Hoffmann vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universität Düsseldorf. (Foto: Philip Bartz)

Auf dem Stadtplan von Düsseldorf zeigte sie zur Einführung die ungleichen Verteilungsmuster von Diabetes und COPD. Beide Krankheiten häufen sich in den gleichen Stadtteilen. Woran das liegen könne? Hoffmann macht dafür auf Grundlage ihrer Forschung Umweltgifte mit verantwortlich. Umweltnoxen entstünden in der Stadt etwa durch Verkehr, Müllverbrennung oder Lärm. Bestimmte Bereiche in einer Stadt seien beispielsweise mit Luftverschmutzung durch Stickstoffdioxid stark belastet, andere wenig. Luftverschmutzung aber wirke schädlich auf Organe und Stoffwechsel und könne Krankheiten wie Diabetes auslösen. "Es ist nicht zufällig auf die Bevölkerung verteilt, wer wo wohnt. Wer es sich leisten kann, wohnt nicht an der stark befahrenen Straße", sagte Hoffmann. 

Den Sinn und Nutzen gesetzlicher Grenzwerte stellte sie in Frage. So hätten Untersuchungen an Millionen Menschen weltweit bewiesen, dass Luftverschmutzung deutliche gesundheitliche Effekte entlang der gesamten Kurve zeige, also auch unterhalb der gesetzlich festgelegten Grenzwerte. 

Gesamte Belastungskurve verschieben

Ein weiteres Problem bestehe darin, dass sich Grenzwerte vor allem auf die Risikopatienten bezögen, also besonders empfindliche Menschen, die geschützt werden müssten. Dies habe aus verschiedenen Gründen wenig Sinn: "Fast jeder" gehöre schließlich zur Gruppe jener Menschen, die auf Luftverschmutzung empfindlich reagieren. Die Zahl der besonders zu Schützenden sei daher schlicht zu groß. Von einer Verringerung der Spitzenwerte für Luftverschmutzung würden umgekehrt nur sehr wenige Menschen profitieren. 

An den Gesetzgeber richtete Hoffmann daher eine konkrete Forderung: Statt einer Senkung der Spitzen-Grenzwerte, die nur an einzelnen Orten mit besonders hoher Luftverschmutzung zum Tragen käme, solle eine Verringerung des "Average Exposure Indicators" für Feinstaub der Partikelgröße PM 2,5 verpflichtend werden. Jener Indikator misst über drei Jahre den Mittelwert der Feinstaubbelastung an allen Hintergrundstationen – also auch fernab der Hotspots. Auf diese Weise, sagte Hoffmann, würde die Belastungskurve von Feinstaub in der Luft für die gesamte Bevölkerung verschoben. "Dies würde zu riesigen Gesundheitsgewinnen führen", schätzte sie.

Mann hält Vortrag
Prof. Dr. Johannes Siegrist hält die Seniorprofessur "Psychosoziale Arbeitsbelastungsforschung" an der Universität Düsseldorf. (Foto: Philip Bartz)

Soziale Ungleichheit zieht sich durch gesamten Lebenslauf

Moderator Tobias Armbrüster gab das Wort daraufhin weiter an Prof. Dr. Johannes Siegrist, der als Seniorprofessor am Institut für Medizinische Soziologie ebenfalls an der Universität Düsseldorf tätig ist. Dieser begann seinen Vortrag "Gute Arbeit - gute Gesundheit: Ein Ansatz zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit" mit Zahlen aus dem Sozioökonomischen Panel 1992-2016, die den allgemeinen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und der sozialen Schichtzugehörigkeit verdeutlichen: Je höher das Haushaltseinkommen, desto höher ist die Lebenserwartung. "Dieser sozialer Gradient wirkt durch die gesamte Gesellschaftsstruktur hindurch, also auch schon von der höchsten zur zweithöchsten Einkommensstufe", betonte Siegrist. "Das ist erstaunlich, das hatte man eigentlich nicht erwartet."

Wie kann man sich diesen starken Zusammenhang erklären? Darauf gebe es keine einfache Antwort, sagte Siegrist. Alle Stationen des Lebensverlaufs seien von großen Unterschieden geprägt, abhängig von der sozialen Stellung. Sein Themenschwerpunkt, das Arbeitsleben, sei ein bedeutender von vielen Faktoren, welche die Gesundheit und Lebenserwartung beeinflussen. So weise eine Studie von 2015 große Unterschiede in der Lebenserwartung je nach beruflicher Position nach: Die Differenz zwischen oberster und unterster beruflicher Stellung beträgt danach zehn Jahre bei Männern und 7,2 Jahre bei Frauen. Nach einer europäischen Studie sei zudem das Risiko einer krankheitsbedingten Frühverrentung in der niedrigsten von drei Berufsgruppen drei bis vier Mal so hoch wie in der höchsten. "Das sind enorme Unterschiede und gewaltige Herausforderungen", sagte Siegrist.

Nationale Strategien für gute Arbeitsbedingungen

Wer in niedrigeren Positionen arbeite, sei in verstärktem Maße bestimmten Formen des Arbeitsstresses ausgesetzt. Arbeitsstress entstehe etwa in Situationen mit viel Zeitdruck bei gleichzeitig fehlender Möglichkeit, Kontrolle auszuüben, oder auch bei mangelnder Belohnung trotz hoher Verausgabung. Zahlreiche Studien zeigten, dass davon Betroffene auch häufiger an verschiedenen Krankheiten wie koronarer Herzkrankheit und Depression litten.

Eine Verbesserung der Qualität von Arbeit sei ein zentraler Ansatz zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit, schlussfolgerte Siegrist. Gute betriebliche Bedingungen seien nötig, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen – doch genüge es nicht, wenn einzelne Unternehmen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz bei sich umsetzten: "Wir brauchen eine nationale und sozialpolitische Strategie, um die sozialen Ungleichheiten systematisch zu verringern." Leider bestehe eine "große Kluft" zwischen vorhandenen Erkenntnissen und deren Umsetzung in die Praxis.

Podium
Im Anschluss an die Vorträge diskutierte Moderator Tobias Armbrüster (m.) mit den beiden Vortragenden. (Foto: Philip Bartz)

"Luftverschmutzung sieht und spürt man nicht"

Im Anschluss an die Vorträge wollte Tobias Armbrüster von Barbara Hoffmann wissen, ob die Politik im Bereich der Luftverschmutzung denn die richtigen Wege einschlage. Bisher sei die europäische Gesetzgebung weit von den Empfehlungen der WHO entfernt, antwortete Hoffmann. In der Bevölkerung rege sich wenig Widerstand, "weil man Luftverschmutzung nicht sieht und nicht spürt". Bevor sie mit ihrer Forschung begonnen habe, habe sie selbst gedacht: Das könne doch alles gar nicht so schlimm sein. Heute aber verzichte sie etwa auf die Nutzung ihres Holzkamins: "Der darf zum Leidwesen meines Mannes nicht mehr angemacht werden." 

Von Johannes Siegrist wollte Armbrüster erfahren, ob sich etwas ändern könne, um die Unterschiede in der Lebenserwartung zumindest verkleinern. Dazu gibt es laut Siegrist viele Möglichkeiten: "Ich kann von der Fließbandarbeit wegkommen, die Arbeitsqualität verbessern, leistungsgerechte Bezahlung durchsetzen, das Führungsverhalten verbessern." Viele betriebliche Gesundheitsangebote, etwa Kurse zur Rauchentwöhnung oder Entspannungsübungen in der Pause, änderten dagegen nichts an den harten Bedingungen. Ganze 85% der Gesundheitsförderung in den Betrieben seien nach Erkenntnissen der Forschung nicht dazu geeignet, etwas an den ungleichen Verhältnissen zu ändern. 

Publikum
Mit Abstand nah dran: Auch im Publikum gilt der Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 m. (Foto: Philip Bartz)

Aus dem Publikum meldete sich eine Seniorprofessorin für Pharmakologie mit einer Frage zu Geschlechterunterschieden zu Wort: Bei Covid-19-Prognosen stünden Männer schlechter da als Frauen, trotz der Benachteiligung von Frauen beim Einkommen. Wie ließe sich dies erklären? Siegrist erläuterte, Männer seien – außer in der Pflege – in Berufen stärker vertreten, bei denen die Exposition für Ansteckung am Arbeitsplatz häufiger sei, etwa Gastronomie, Transport oder Fleischverarbeitung.

Ein nach eigenen Angaben "Mediziner im Unruhestand" fragte nach der "Henne und dem Ei": Führten die sozioökonomische Bedingungen zu Krankheiten, oder führten umgekehrt Krankheiten zu einer niedrigeren Schichtzugehörigkeit? In einigen Fällen könne eine niedrige Schichtzugehörigkeit die Folge von Krankheiten sein, räumte Siegrist ein. Zu 85 Prozent gelte aber der umgekehrte Zusammenhang. 

Umweltpolitischer Rollback befürchtet

Zum Ende der Veranstaltung bat Moderator Armbrüster die beiden Vortragenden um einen Blick in die Zukunft: "Wieviel Hoffnung besteht, dass sich in fünf Jahren etwas an den Zahlen grundlegend geändert hat?" Siegrist hielt es für realistisch, die absoluten Zahlen zu senken. So nähmen etwa Herzkreislauferkrankungen bei allen Gruppen gleich stark ab. "Ich bin aber skeptisch, ob wir die Unterschiede zwischen den Gruppen senken können, denn die Obersten sind immer die schnellsten – bei allen Gesundheitsmaßnahmen", glaubt Siegrist. 

Hoffmann fürchtet einen umweltpolitischen Rollback wegen der Corona-Pandemie. So würden in den USA bereits Umweltgesetze rückgängig gemacht. Andererseits gebe es auch Hoffnung. So schlügen viele Städte den Weg zu einer nachhaltigen, autoarmen Stadt ein, was die Bevölkerung zu schätzen scheine: "Eine autoarme Innenstadt bietet so viel mehr Lebensqualität, das wird immer mehr Menschen bewusst." 

Autorin: Christina Schneider