Veranstaltungsbericht: "Interdisciplinarity Revisited"

Datum
Symposium participants standing at tables
Im Humboldt Forum fanden auch zwischen den Sessions von "Interdisciplinarity Revisited" angeregte Diskussionen statt. (Foto: SHF / David von Becker)

3./4. Oktober 2019
Internationales Symposium 
"Interdisciplinarity Revisited"

Humboldt Forum, Berlin

Veranstaltungsbericht

Wissenschaftliche Innovationen entstehen vor allem an den Rändern der Disziplinen – diese viel und gern geäußerte These hatte in den letzten Jahrzehnten zur Folge, dass die Forderung nach Interdisziplinarität in aller Munde war. Diese Forderung wurde noch lauter, als gleichzeitig das wissenschaftliche Wissen exponentiell wuchs und die Ausdifferenzierung der (Teil-)Fächer notgedrungen fortschritt, so dass dem einzelnen Wissenschaftler und der einzelnen Wissenschaftlerin der Blick aufs Ganze immer weniger möglich war. Schließlich und endlich kam aus Politik und Gesellschaft die Anforderung, dass sich Forschung verstärkt auf die Probleme der Welt auszurichten hat. Diese substanziellen Verschiebungen des gesamten Wissenssystems wurden von den in vielen Aktivitäten eingespannten Forscher(inne)n in den letzten Jahren jedoch wenig reflektiert1.

Hier Abhilfe zu schaffen und die Bedeutung von Interdisziplinarität in Wissenschaft und Universität auszuloten, war Gegenstand eines internationalen Symposiums, das von VolkswagenStiftung, Humboldt Universität zu Berlin und Stiftung Humboldt Forum gemeinsam organisiert wurde und im wiedererrichteten Berliner Stadtschloss stattfand. Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt, der in unzähligen Bereichen wie Physik, Chemie, Geologie, Mineralogie, Botanik, Vegetationsgeographie, Zoologie, Klimatologie, Ozeanographie und Astronomie seine Studien betrieb, diente damit im noch nicht offiziell eröffneten Humboldt Forum sozusagen als Schirmherr der Veranstaltung.

Doch als Ahnherr von Interdisziplinarität taugt Humboldt nicht. Zu diesem Ergebnis kam der Historiker JÜRGEN OSTERHAMMEL (Freiburg) in seiner Einführung. Osterhammel erklärte die deutsche Begeisterung für Humboldt aus der Tatsache, dass Deutschland ihn als "the good and global German" präsentieren kann. Humboldt habe zwar aus Perspektiven geschrieben, die heute verschiedenen Disziplinen zugeordnet werden, und sei ein geradezu unglaublicher Netzwerker mit einem eigenen "web of science" gewesen, doch sei er, so Osterhammel, außerhalb des akademischen Systems seiner Zeit angesiedelt gewesen und sah sich selbst als Amateur, der alle echten Experten bewunderte. Besonders, wenn man sein fünfbändiges Werk "Kosmos" lese, so Osterhammel, erkenne man Humboldt als eine "Figur der fernen Vergangenheit".

Die sieben Sektionen des Symposiums beleuchteten die Gegenwart von Interdisziplinarität in Wissenschaftssystem und Institution. CATHRYN CARSON (UC Berkeley) schilderte in ihrer Keynote die radikale Veränderung ihrer Universität: "The amount and pace of this change is breathtaking.” Disziplinen definierte Carson als "Dimensionen des Wissens" – die Welt jedoch sei multidimensional. Die Folge sei, dass die Universitäten mit ihrer aus dem 19. Jahrhundert stammenden disziplinären Struktur heute gefordert sind, aus ihrer "institutional hibernation" aufzuwachen und interdisziplinäre Einheiten zu bilden. Berkeley habe drei interdisziplinäre "interdepartmental programs" zu Klimawandel, sozialer Gleichheit und Datenwissenschaft eingerichtet – Letzteres leitet sie selber. Die Hälfte aller Studienanfänger(innen) belegten derzeit Kurse in Datenwissenschaft. Habe dieser Prozess – der Integration der digital literacy in die akademische Ausbildung – ursprünglich bottom up begonnen, werde er seit etwa zwei Jahren top down gefordert. Interdisziplinarität versteht Carson als "superposition" der disziplinären Grundstruktur und gleichzeitig als "process of change". Eine solche Weiterentwicklung sei jedoch nur möglich, wenn man die Disziplinen nicht als geschlossene "silos", sondern nach Foucault als "schematized practices" bzw. als "trained form of practices" verstehe.

Doch Carson gestand ein, dass die UC Berkeley den institutionellen Veränderungsprozess eher vorsichtig angeht. Mit großem Interesse beobachte Berkeley als Mitglied der Ivy League die viel grundsätzlicheren Umstrukturierungen an der Arizona State University (ASU). Unter dem Titel "The future of Interdisciplinarity – the new American University” stellte deren Präsident MICHAEL CROW (Tempe) die neue Struktur der ASU vor. Das Design der klassischen Universität sei "insufficient". Die Universitäten stünden heute im Zentrum der Demokratie und müssten hier Verantwortung übernehmen. "The purpose of the university is to serve the community". Die Disziplinen aber bildeten die Probleme nicht mehr ab. Es müsse daher darum gehen, so Crow, die Disziplinen zu verschmelzen. An der ASU habe er daher die Fakultäten zugunsten von interdisziplinären "Schools" aufgelöst: z. B. School of Social Transformation, School of Sustainability, School for the Future of Innovation in Society. Crow stellte dann exemplarisch das wissenschaftliche Profil von drei Professor(inn)en vor mit ihrer spinnennetzartigen Verbindung zu unzähligen unterschiedlichen disziplinären Feldern. Es herrsche eine "free flowing self organization". In seinem Fazit sah Crow "a post-disciplinary awakening" der Universität heute.

Crows Position blieb nicht unwidersprochen. Der Philosoph USKALI MÄKI (Helsinki) warnte vor einer unbedachten Auflösung der Disziplinen und malte die Gefahr einer "science as mush" an die Wand. Laut Mäki stehen Disziplinen für "academic rigor”, während Interdisziplinarität weder gemeinsame Standards noch eine gemeinsame Agenda habe. Die Forschung über Interdisziplinarität sei zudem selbst eine interdisziplinäre Angelegenheit. Man müsse unterscheiden zwischen (a) enger vs. weiter Interdisziplinarität; (b) Interdisziplinarität innerhalb der Academia vs. Interdisziplinarität zwischen Academia und Öffentlichkeit; (c) Bottom-up-Entwicklung vs. Top-down-Verordnung; (d) "autonomous innovation" vs. "administered and measured interdisciplinarity". Mäki zeigte sich als erklärter Gegner jeder von oben angeordneten Interdisziplinarität, vor allem, wenn sie mittels Metriken zur Grundlage von Rechenschaftspflicht wird. Der Soziologe RUDOLF STICHWEH (Bonn) wiederum bezeichnete Disziplinarität und Interdisziplinarität als heute ko-konstitutiv, wobei sich Interdisziplinarität erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausgebildet habe. Den Trend zu Interdisziplinarität zeige exemplarisch die Entstehung und Entwicklung der Ko-Autorschaft bei Publikationen. Disziplinen könnten jedoch heute nicht mehr als geschlossene Einheiten verstanden werden; auch entstünden Innovationen nicht mehr, wie lange behauptet, eher an den Rändern, sondern auch innerhalb der Disziplinen selbst.

Dass Disziplinen als historisch und kulturell konstruierte Einheiten zu verstehen sind, machten zwei Beiträge deutlich. Der Wissenschaftshistoriker MANFRED STÖCKLER (Bremen) erklärte Disziplinen als Folge der Arbeitsteilung in der Wissenschaft, die mit Methoden, Arbeitsbereichen, epistemologischen Weltverständnissen und Bedarfen in der Wissenschaft(slandschaft) wie auch in der Gesellschaft korreliert sind. Disziplinen stabilisierten sich in Institutionen und seien darüber hinaus historische Produkte. Die ugandische Wissenschaftspolitikerin CONNIE NSHEMEREIRWE (Kampala), Mitglied der Global Young Academy, schilderte dann, wie der Export des westlichen Disziplinensystems nach Afrika dazu geführt hat, dass die Academia wie ein Fremdkörper von der lokalen Gesellschaft getrennt bleibt und ihre Ergebnisse keinen oder kaum Eingang finden in die Lösung bestehender gesellschaftlicher Probleme. Das Universitätsfach Geschichte sei weiterhin die Geschichte der Kolonialherren und nicht Geschichte und Kultur der Menschen vor Ort.

Interdisziplinarität löst dieses Problem nicht, sondern definiert es neu. Wenn, wie der Soziologe HARTMUT ROSA (Jena) feststellte, Disziplinen eine "world disclosing function" haben, dann kann Interdisziplinarität nur über gemeinsam definierte Probleme hergestellt werden. Doch diese gelte es nun global zu definieren und diese Anforderung bringe eigene Schwierigkeiten mit sich, so Rosa als Moderator der Sektion "Global Issues as Challenges for Interdisciplinary Research". Drei Problemfelder wurden vorgestellt: "Materials and Immaterials", "Environmental Studies" und "Digitization". Die Umweltethnologin SANDRA BELL (Durham) forderte, dass Interdisziplinarität in ihrem Bereich eine eigene Methodologie ausbilden müsse und dass interdisziplinäre Expertise auch im Rahmen einer akademischen Karriere anerkannt und valorisiert werden müsse. Diese Forderung sekundierte an anderer Stelle des Symposiums auch der Informatiker ULRICH BRANDES (Zürich), der darauf hinwies, dass dies voraussetze, dass Interdisziplinarität auch Gegenstand von Begutachtung wird. Im Bereich "Digitization" wiederum mahnten zwei Vortragende größere Bemühungen um Standardisierungen an, um die mit der Datennutzung bestehende Chance auf interdisziplinäre Zusammenarbeit zu nutzen: Die Informationswissenschaftlerin CHRISTINE BORGMAN (UCLA) wies darauf hin, dass Annotation und Metadaten sehr disziplinenspezifisch geprägt sind und dass beispielsweise ein Ingenieur und ein Biologe ganz unterschiedliche Dinge unter "Temperatur" verstehen. Daten aus einem disziplinären Kontext herauszunehmen und in einen anderen hineinzusetzen, sei eine große Herausforderung. Die Bioinformatikerin FRÉDÉRIQUE LISACEK (Genf) führte aus, dass es selbst innerhalb der Biologie und zwischen deren verschiedenen Teilbereichen nötig sei, beispielsweise die Herstellungsbedingungen zu standardisieren, da die Daten auch innerhalb der eigenen Disziplin nicht miteinander vergleichbar sind.

Die Chance, die gerade in Digitalität und Datenwissenschaft und damit in Design und Simulation für neue interdisziplinäre Arbeitszusammenhänge liegt, wurde in mehreren der sogenannten "Lightning Talks" deutlich, die 22 von der VolkswagenStiftung mit einem Reisestipendium eingeladene Nachwuchswissenschaftler(innen) aus aller Welt hielten. Unter anderem wurden "Computational modelling" als interdisziplinäre Wissenspraxis sowie entwurfsbasierte Interventionen in transdisziplinärer Forschung vorgestellt.

Immer wieder wurde bei dem Symposium auch für alternative Bezeichnungen zu Interdisziplinarität votiert: "transdisciplinarity" (Carson), "post-disciplinarity" (Crow), "entanglement" (SIMON CHAPLIN, London), "multiperspectivity" (JOHANNA PFAFF-CZARNECKA, Bielefeld). Eine letzte Keynote forderte vor allem die Geisteswissenschaften auf, sich regelrecht zu "de-disziplinieren". Der US-amerikanische Wissenschaftsphilosoph ROBERT FRODEMAN (Wyoming), der 2010 das "Oxford Handbook of Interdisciplinarity" herausgegeben hatte, entwarf noch einmal das große Bild: Man müsse den dramatischen Veränderungen Rechnung tragen – habe es um 1900 in den USA 250 Promotionen pro Jahr gegeben und diese Promotionen hätten ausschließlich auf eine akademische Karriere vorbereitet, so summiere sich die Zahl heute auf 55.000 pro Jahr und die meisten Absolvent(inn)en würden danach die Universität verlassen. Die Universität sei es heute ja auch beileibe nicht mehr allein, die Wissen generiere: Die 20 größten Unternehmen der Welt gäben pro Jahr 175 Mrd. US-Dollar für Forschung und Entwicklung aus. Da Interdisziplinarität bislang aber noch nicht ein eigener disziplinärer Standard geworden sei, empfahl Frodeman stattdessen die Entwicklung von "critical university studies". Ihr Potenzial liege im Denken von "the whole of knowledge". Gefragt sei die Zusammenarbeit mit Menschen außerhalb der Wissenschaft und die fallorientierte Erforschung von Themen und Problemen. 

Auch wenn dieser Vorschlag Frodemans von den mehr als 160 Teilnehmer(inne)n der Veranstaltung nicht aufgegriffen und als Option für eine Lösung des Spannungsfelds von Disziplinarität und Interdisziplinarität diskutiert wurde, machte sein Vortrag noch einmal den großen Veränderungsdruck deutlich, unter dem die Universitäten weltweit und auch in Deutschland stehen. Sie werden eine Antwort finden müssen, welche Organisationsstruktur sie sich in Zukunft geben wollen, i.e., wie die Finanzströme innerhalb der Universität in Zukunft gelenkt werden sollen. In Deutschland wie bisher über die Fakultäten? WILHELM KRULL (VolkswagenStiftung Hannover) wies auf die realen Machtstrukturen an deutschen Universitäten hin. Doch neue Governance-Modelle wurden bei der Veranstaltung zwar vorgestellt, aber nicht in der Tiefe diskutiert. Auch die Frage, was interdisziplinäre Expertise tatsächlich ausmacht und welchen Standards sie genügen muss, damit sie in Zukunft wissenschaftlichen Credit auf einem akademischen Lebensweg bieten kann, wurde nur aufgeworfen. Ebenso nur angerissen wurde das Thema, wie "Disziplinen" resp. "Fächer" heute verstanden werden müssen – eine hierarchische Ordnung mit Baumstruktur dürfte der Vergangenheit angehören und einer horizontalen Anordnung wie einer Landkarte weichen. Mitorganisatorin SABINE KUNST (HU Berlin) war insgesamt zuzustimmen, dass dieses Symposium die Teilnehmenden mit vielen wichtigen Fragen entließ, die in Zukunft verstärkt diskutiert werden müssen. Wie seine Mitorganisator(inn)en konnte auch HARTMUT DORGERLOH, der Direktor der Stiftung Humboldt Forum (Berlin), mit der ersten akademischen Veranstaltung im Berliner Schloss zufrieden sein: Das noch nicht offiziell eröffnete Humboldt Forum hat sich als Rahmen für angeregten Austausch und intensive Diskussionen bereits bewährt.


Vera Szöllösi-Brenig, Förderreferentin, VolkswagenStiftung

 

1 Eine Ausnahme ist das Grundsatzpapier der League of European Research Universities: LERU (2016) "Interdisciplinarity and the 21st century research intensive university". https://www.leru.org/files/Interdisciplinarity-and-the-21st-Century-Research-Intensive-University-Full-paper.pdf [07.11.2019]. Der Wissenschaftsrat hat Fragen der Disziplinarität und Interdisziplinarität bislang nur im Kontext der Entwicklung einzelner Fächer, Fachgruppen und wissenschaftlicher Felder behandelt. Für 2020 ist ein Positionspapier zu dem Thema in Vorbereitung.