Der "Verpöbelung" trotzen

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Lassen sich auch in Zeiten nervöser und häufig oberflächlicher Kommunikation noch "gute" Gespräche führen? Die Podiumsgäste beim 50. Herrenhäuser Gespräch am 3. Mai 2018 haben es bewiesen: Sie debattierten über Debattenstile.

50. Herrenhäuser Gespräch
Beim 50. Herrenhäuser Gespräch in Hannover stand die Debattenkultur im Fokus. (Foto: Stefan Koch für VolkswagenStiftung)

Link zum Audiomitschnitt der Veranstaltung auf NDR.de

"Der Mensch muss reden, palavern, plappern. Wir sind soziale Wesen und wollen uns einander mitteilen", fabuliert der Moderator Ulrich Kühn von NDR Kultur zu Beginn. Und eröffnet mit diesen Worten einen Diskurs, der sich nicht eng an einem roten Faden entlangspinnt, sondern im Plauderton von einer Ansicht zur nächsten hüpft – und auf diese Weise die mehr als 250 Gäste im Auditorium des Tagungszentrums Schloss Herrenhausen unter dem Titel "Wir müssen reden: Über Kommunikation und Debattenkultur" in Hannover gleichermaßen belehrt und unterhält. 

Katja Ebeling leitet das Referat Veranstaltungen der VolkswagenStiftung und spricht im Interview über Ziele, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven. (Grafik: VolkswagenStiftung)
Prof. Susan Neiman
Prof. Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forum Berlin, führt Gespräche vor allem, um der Wahrheit näher zu kommen. (Foto: Stefan Koch für VolkswagenStiftung)

Genau diesen Gestus an Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung vermisst die Philosophin Susan Neiman vom Einstein Forum Berlin in vielen zeitgenössischen Debatten. Sie selbst fühle sich einem aufklärerischen Ideal verpflichtet und führe Gespräche vor allem, "um der Wahrheit näher zu kommen". Dass sie mit diesem hohen Anspruch häufig als aus der Zeit gefallen belächelt wird, nimmt sie in Kauf. Sie registriere sehr wohl, dass es in den öffentlichen Diskursen nicht mehr um "Wahrheit" gehe, sondern um die Sicherung von Macht, von Deutungshoheit und Ideologie. Also um Rechthaberei und Dogmatismus im Sinne Montaignes.

Es gibt keinen "herrschaftsfreien Diskurs"

Der Publizist Tilman Spengler unterstützt die Einschätzung Neimans mit einer persönlichen Erinnerung an Jürgen Habermas in dessen Frankfurter Zeit. Der Philosoph und Soziologe habe damals die Grundlagen für einen "herrschaftsfreien Diskurs" definieren wollen. "Das ist aber gescheitert", resümiert Spengler, der als Studierender dabei war.

Dr. Tilman Spengler
Dr. Tilman Spengler, Autor von "Sind Sie öfter hier? Von der Kunst, ein kluges Gespräch zu führen.", war einer der Gäste auf dem Podium. (Foto: Stefan Koch für VolkswagenStiftung)

"Es gibt viel mehr Möglichkeiten, ein konstruktives Gespräch zu verhindern, als es zu gestalten." Für Spengler ist ein kluges Gespräch eine regelrechte Kunstform – neben der Musik, Malerei und Literatur. Um diese Kunst vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren, sollte die Unesco das kluge Gespräch zum Weltkulturerbe erklären, sagt Spengler mit einem Augenzwinkern.

Medien haben keine Deutungshoheit mehr

Dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist so viel Bildungspathos auf den Seiten Neimans und Spenglers offenbar nicht geheuer. Der Meister geschliffener Bonmots hält mit einem Verdikt dagegen: "Der Wahrheitsfuror ist eine Dialogblockade." Ein gutes Gespräch verenge nicht von vornherein, auch nicht mit dem Anspruch auf Wahrheitsfindung. Es sei prinzipiell in alle Richtungen offen. Von vornherein mit einem Deutungsanspruch in ein Gespräch zu gehen, wäre aus Pörksens Sicht Bevormundung. "Oberlehrerhaft" nennt er denn auch den Anspruch der Traditionsmedien, die sich lange allein dazu befugt wähnten, ihrem Publikum die Welt zu erklären.

Prof. Dr. Bernhard Pörksen
Prof. Dr. Bernhard Pörksen sagte, dass ein gutes Gespräch nicht von vorne herein verenge. (Foto: Stefan Koch für VolkswagenStiftung)

Zwischen "Verpöbelung" und "Stuhlkreis-Rhetorik"

Diese Gatekeeper-Funktion hätten die Medien eingebüßt, so Pörksen: "Der Kommunikationsraum hat sich geöffnet. Wir befinden uns in einer Zwischenphase der Medienevolution, in der dank des Internets plötzlich jeder ein Sender sein kann, sein eigenes Medium." Das führe zu unübersichtlichen Debatten mit lautstarker "Verpöbelung" einerseits und nach innen gewandter "Stuhlkreis-Rhetorik" anderseits, zu "emotionaler Infektion" und Faktentreue, also zur "paradoxen Gleichzeitigkeit von Verschiedenem" – und zu wachsender Verunsicherung bei allen. Pörksen: "Man fragt sich vor allem in den sozialen Medien: Wer spricht da überhaupt zu mir?" Die "Bot-Armeen der Autokraten" würden die Manipulation zusätzlich stimulieren. Die kommunikative Hypernervosität bezeichnet Pörksen im Titel seines Buches so: "Die große Gereizheit". Und beantwortet die Frage des Moderators nach Auswegen mit einer Empfehlung: "Wir brauchen für die vielen neuen Sender eine neue Medienethik. Das ist ein Bildungsauftrag." Spielregeln für ein "gutes Gespräch" auch im virtuellen Raum, die dafür sorgen, dass Kopf und Bauch beim kommunikativen Austausch besser ausbalanciert werden. 

Susanne Beyer, DER SPIEGEL
Susanne Beyer sieht beim SPIEGEL mehr Faktengeschichten im Heft und mehr Emotionen online. (Foto: Stefan Koch für VolkswagenStiftung)

Eine neue Balance von Kopf und Bauch

Für Susanne Beyer, stellvertretende SPIEGEL-Chefredakteurin, sind beide Qualitäten – Kopf und Bauch – in ihrem Haus noch immer auf zwei Lager verteilt: mehr Faktengeschichten im Heft, mehr Emotionen online. "Emotionen sind die Anker für Aufmerksamkeit", sagt Beyer. Mit emotionsgetriebenen Themen würden im Internet Klicks erzeugt, die in Werbe-Erlöse konvertiert würden. Das ist die Basis des Geschäftsmodells. "Viele Geschichten, die bei SPIEGEL Online wunderbar laufen, kann ich mir im Heft allerdings überhaupt nicht vorstellen", gibt Beyer zu. Und plädiert trotzdem dafür, dass Journalisten neben aller Faktenrecherche auch "das Bauchgefühl" nicht vernachlässigen sollten. "Wir Journalisten haben uns zu lange nicht für die Befindlichkeiten unserer Leser interessiert, sondern vor allem für uns selbst", sagt Beyer – "wie die Politik übrigens auch". Jetzt veranstalte der SPIEGEL landauf, landab Dialogforen, um in Gesprächen die entstandene Entfremdung abzubauen.