Tierversuche in der Medizin: Argumente, Aufklärung und Dialog

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Welche Begründungen kommen in der Debatte um Tierversuche in der Medizin und der Abwägung von Tierwohl zum Tragen? Wie kann der gesellschaftliche Diskurs über Tierversuche gefördert werden? Darüber diskutierte eine Fachrunde beim Herrenhäuser Forum. 

Tierversuche spielen bei der Impfstoffentwicklung noch immer eine zentrale Rolle. (Foto: Hugethank – stock.adobe.com)
Tierversuche spielen bei der Impfstoffentwicklung noch immer eine zentrale Rolle. (Foto: Hugethank – stock.adobe.com)

Dr. Georg Schütte, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, begrüßte das Publikum zum digitalen Herrenhäuser Forum "Aus die Maus? - Tierversuche in der Medizin" in Kooperation mit der Wissenschaftlichen Sozietät zu Hannover am 21. Juni 2021. Das Thema Tierversuche bewege die Gesellschaft, die öffentliche Diskussion darum setze Forschende unter Druck, sei schwierig zu führen und doch dringend notwendig, sagte Schütte. Es brauche den Dialog zwischen Forschung und Öffentlichkeit, denn "wenn es darum geht, Menschenleben gegen Tierleiden abzuwägen, wird es kritisch."

Warum es so schnell einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus geben konnte, sei derzeit häufiges Gesprächsthema ihrer Patienten und Patientinnen, erzählte eingangs Moderatorin Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Dabei kämen auch Tierversuche zur Sprache, deren Ergebnisse "einen entscheidenden Beitrag zum Erkenntnisgewinn" darstellten. Denn Untersuchungen an Tieren beantworteten wissenschaftliche Fragen, auf die andere Methoden, Technologien oder Systeme keine Antwort geben. 

Videomitschnitt der Veranstaltung

Frau im Livestream
Die aktuelle Entwicklung der RNA-Impfstoffe habe gezeigt, wie sehr die angewandte Forschung auf den Schultern der Grundlagenforschung stehe, so Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert. (Foto: VolkswagenStiftung)

Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert, Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie in der Medizin an der Universität Münster, sieht "unendlich viele offene medizinische Fragen und einen schreienden Bedarf an Therapien weltweit". Die Entwicklung der RNA-Impfstoffe gegen das neue Coronavirus habe gerade gezeigt, wie sehr die angewandte Forschung auf den Schultern der - an sich nicht zweckgebundenen - Grundlagenforschung stehe. Für einen generellen Ausstieg aus allen Tierversuchen gibt es daher ihrer Einschätzung nach weder für die Grundlagen- noch für die angewandte Forschung hinreichende Argumente.

Die methodische Herangehensweise von Forschenden sei aber eine Frage der Abwägung von Fall zu Fall. "Wir Ethiker:innen können nicht sagen, so oder so ist es richtig", erklärte sie. "Wir können die Konsistenz, die Widerspruchsfreiheit, die Überzeugungskraft von Tierschutzpositionen darlegen, indem wir darauf hinweisen, welche Auswirkungen und Implikationen es hätte, diese oder jene Position zu beziehen." In dieser Diskussion müssten wir uns zunächst klarmachen, dass eine wissenschaftliche "Notwendigkeit” oder die Forderung nach "guten Gründen” für Tierversuche an sich keine objektiven Begriffe seien, sondern immer auch ein Ergebnis von Abwägungen. "Die Kardinalfrage für diese Abwägungen ist: Sehen wir Menschen und Tiere moralisch auf derselben Stufe?", sagte Schöne-Seifert. 

Mann im Livestream
Prof. Dr. Stefan Treue sieht die Aufgabe, in grundsätzlichen Fragen nach Würde und Schutz einen Konsens zu finden und Entscheidungen zu treffen, bei der Gesellschaft. (Foto: VolkswagenStiftung)

Quallen sind anders als Rhesusaffen 

Der moralische Status eines Wesens werde unter anderem in Abhängigkeit von dessen Empfindungsvermögen beurteilt, aber auch von komplexeren Fähigkeiten wie Zukunftsplanung oder Selbstbewusstsein. "Deshalb sind Quallen anders zu behandeln als Rhesusaffen", bringt Schöne-Seifert eine allgemein akzeptierte Sichtweise auf den Punkt. Auch zur Frage nach der Legitimation von Forschung an menschlichen Embryonen, die aus dem Publikum kam, liefere das Argument der Empfindungsfähigkeit einen Begründungszusammenhang: Ein sehr früher menschlicher Embryo sei wissenschaftlich durchaus als Zellhaufen zu betrachten, der von jeder Empfindungsfähigkeit weit entfernt sei.

Eine vergleichende Debatte, die allein auf diesem Argument fuße, berge jedoch gesellschaftliche Gefahren, warnte Schöne-Seifert: "Solche Argumente könnten uns dazu bringen, bestimmte Menschengruppen auszugrenzen - das möchte niemand", betonte sie. "Deshalb reicht das Kriterium der Empfindungsfähigkeit alleine nicht, um Fragen nach Recht und Würde und Schutzzuschreibung zu beantworten." Eine andere Perspektive in dieser komplexen Diskussion biete die Argumentation entlang von Spezies- oder Gattungsgrenzen, auf der die Forderung basiere, alles Menschliche mit einem anderen Schutz auszustatten als Nicht-Menschliches.

Konsens zu finden Aufgabe der Gesellschaft

"Nehmen wir das Kriterium der Empfindungsfähigkeit, tun wir uns noch vergleichsweise leicht", ergänzte Stefan Treue. "Denn wir glauben, zu verstehen, welche Tiere mehr oder weniger leiden." Doch nicht immer gelte, dass komplexere Organismen mehr Leid erlebten, als weniger hoch entwickelte. Es gebe auch die umgekehrte Logik: "Eine Tierart mit hohen kognitiven Fähigkeiten kann eine Situation besser erfassen und mit Stress möglicherweise besser umgehen, als eine kognitiv weniger hoch entwickelte Art", erläuterte er.

"Dem weniger hoch entwickelten Tier würden wir eine geringere Leidensfähigkeit zusprechen, es leidet aber wegen der Unüberschaubarkeit der Situation unter viel höherem Stress." In der Diskussion um die Würde eines Wesens schließlich, gehe es um grundsätzliche Fragen nach dem Leben an sich. Diese Diskussion sprenge die Grenzen der Naturwissenschaften, sagte Treue. Die Wissenschaft könne Fakten zur Diskussion beitragen. In grundsätzlichen Fragen nach Würde und Schutz einen Konsens zu finden und Entscheidungen zu treffen, sei jedoch Aufgabe der Gesellschaft.

Mann im Livestream
Die Berichterstattung deutscher Medien über Tierversuche sei vergleichsweise ausgewogen, so Prof. Dr. Christoph Klimmt. (Foto: VolkswagenStiftung)

Welche Rolle die Medien in der Diskussion um Tierversuche spielen, fragte Moderatorin Wenker den Kommunikationsforscher Prof. Dr. Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Ist der mediale Druck ein Motor für die Entwicklung von Alternativen? 

Als "vergleichsweise ausgewogen" bezeichnete Christoph Klimmt die Berichterstattung deutscher Medien über Tierversuche. Der Journalismus bemühe sich, neutral und ausgewogen zu berichten und der Austausch zwischen Wissenschaft und Medien laufe nicht schlecht, befand der Kommunikationsexperte. "Allerdings erleben unmittelbar Beteiligte öffentlicher Diskussionen häufig, dass die mediale Berichterstattung zu ihren Ungunsten unfair verzerrt wahrgenommen wird", schilderte er. Gleichzeitig sollten beispielsweise Empörungsdynamiken in sozialen Medien seiner Ansicht nach nicht zu viel Beobachtungsgewicht bekommen. "Die Aufregungswellen dort flachen auch schnell wieder ab."

Raum und Zeit für Aufklärung

Der öffentliche Druck auf die Wissenschaft sei komplex gelagert, erklärte Klimmt weiter. Im Wesentlichen sehe er zwei gesellschaftliche Motoren: Der erste seien gut sichtbare Aktivist:innen. "Sie versuchen mit rabiaten Methoden, auch mit Faulspiel im öffentlichen Diskurs, ihre Interessen durchzusetzen", beschrieb Klimmt das Verhalten dieser Akteure. "Indem sie auf Skandale und Einzelvorgänge eingehen, etwa die Tierhaltungsbedingungen in einzelnen Einrichtungen oder das vermeintliche Fehlverhalten einzelner Wissenschaftler:innen, entfachen sie emotionale Debatten." Der zweite Motor sei eine eher schweigende Mehrheit, die Säugetieren einen merklich höheren Stellenwert beimesse als früher. "Deren Haltung übersetzt sich in bestimmte ethische Grundlagen und Abwägeprozesse in der öffentlichen Meinung ‒ beispielsweise was die Größe des angesprochenen moralischen Unterschiedes zwischen Tier und Mensch angeht", erläuterte Klimmt. 

Podium im Livestream
Bei der Veranstaltung sprachen (v.m.o. bis r.u.) Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert, Prof. Dr. Christoph Klimmt, Moderatorin Dr. Martina Wenker, Prof. Dr. Stefan Treue und Prof. Dr. Brigitte Vollmar miteinander. (Foto: VolkswagenStiftung)

Während der Coronapandemie sei von diesen en Aktivist:innen vergleichsweise wenig zu hören gewesen, bemerkte Klimmt. "Offenbar war ihnen klar, dass angesichts der deutlich fühlbaren Notwendigkeiten bei diesem Thema gerade nicht viel zu holen war." Extreme Aktivistengruppen vernachlässigten oft die Bedeutung, die Tierversuche für die Patientensicherheit haben. "Corona hat das geändert", stellte Klimmt fest. Insgesamt habe sich die Sicht der Gesellschaft auf Tierversuche nicht dramatisch gewandelt. Zwar nehme die Skepsis gegenüber Tierversuchen zu, die Mehrheit der Gesellschaft habe aber einen pragmatischen Blick auf das Thema, gepaart mit einem robusten Vertrauen in die Wissenschaft.

Ein strukturelles Problem sei allerdings, dass es dem Wissenschaftsjournalismus an vermittelnden Profis fehle. Forschende Institutionen bauten ihre Kommunikation inzwischen deutlich aus, in ihren Aktivitäten vermische sich jedoch die erklärende und Transparenz schaffende Kommunikation mit den institutionellen Interessen der Public Relations. "Die Kontroll- und Kritikfunktion der Presse in einer Demokratie können wir Wissenschaftler alleine nicht ausfüllen", sagt Klimmt. Insofern sehe er für den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft durchaus noch Verbesserungsbedarf. Damit dieser Austausch gelingt, fügte Stefan Treue hinzu, brauche es mehr Wissenschaftskompetenz in der Öffentlichkeit. Komplexe wissenschaftliche Probleme ließen sich nicht auf einfache Sätze reduzieren. "Plakative Aussagen sind immer falsch", urteilte Treue, und fordert: "Aufklärung muss Raum und Zeit haben." Nur so könnten diejenigen, die Tierversuche aus welchen Gründen auch immer ablehnten auch verstehen, was das bedeute. 

Autorin: Dr. Ulrike Schneeweiß