Schöner Scheitern: Wie wir aus Misserfolgen lernen

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10.000 Wege, die nicht funktioniert haben, habe er entdeckt, sagte der Erfinder Thomas Alva Edison ‒ statt vom Scheitern zu sprechen. Aber wie übersteht man diese Fehlschläge? Können wir ihnen vielleicht sogar etwas Positives abgewinnen? Und welche Bedeutung hat das Scheitern in der Wissenschaft? Darüber sprachen Expert:innen beim Herrenhäuser Forum am 13. Oktober.

zerknüllte weiße Papiere, dazwischen ein gelbes Papier
Scheitern gehört zum Alltag - und ist dennoch ein Tabuthema. Wie können wir lernen, offener damit umzugehen? (Foto: graf - stock.adobe.com)

"Eigentlich ist Scheitern banal", sagte eingangs Dr. René John, Sozialwissenschaftler am Institut für Sozialinnovation in Berlin. "Wenn ich mit dem Rad stürze, bin ich erst einmal gescheitert." Interessant sei, was man aus der Situation dann mache. Auf dem Podium diskutierte er beim Herrenhäuser Forum "Schöner Scheitern! Wie wir aus Misserfolgen lernen" mit zweit weiteren akademischen Forschern aus den Sozial- und Geisteswissenschaften sowie Manuela Nikui. Die PR-Beraterin aus Ismaning berichtete eindrücklich von ihrem Erlebnis eines beruflichen Scheiterns.

Das herausragende Merkmal ihrer Schilderung war, dass sie ihre eigenen Erwartungen verfehlt hatte. Daher empfiehlt sie aus heutiger Sicht auch, Entscheidungen entlang des Weges zu einem Ziel immer wieder zu überprüfen. "Ich hatte damals eine innere Stimme, die mich schon in der Planungsphase gewarnt hat", erzählt sie. "Aber ich habe diese Stimme ignoriert." Dabei hätte ein früheres Umlenken den späteren Fehlschlag vielleicht verhindert können. Kann früheres Aufgeben, oder Scheitern im Kleinen, das ganz große Scheitern womöglich verhindern? 

Videomitschnitt der Veranstaltung

Dr. Sebastian Schuol, Philosoph am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikation in Erlangen, spekulierte hingegen, dass wir möglicherweise mehr lernen, je heftiger wir scheitern, je tiefer wir fallen. "Muss es richtig weh tun, damit wir aus dem Scheitern lernen können?", fragte Moderator Axel Rahmlow.

René John hielt dagegen: "Denken Sie ans Radfahren oder ans Schwimmen: Das lernen wir nicht durch Stürze oder Fehler, sondern indem wir aufhören, darüber nachzudenken, wie es geht." Nur indem wir weg vom reinen Wissen hin zum praktischen Können gelangten, gelinge echtes Lernen. "Um etwas richtig gut zu können, sind wir auf den Erfolg angewiesen." Für den gesunden Umgang mit Fehlschlägen und Misserfolgen wäre es jedoch gut, meinte John, "das Verhältnis von Erfolg und Scheitern insgesamt abzukühlen." 

Ein Mann auf dem Podium spricht in ein Mikrofon
Für Dr. René John ist Scheitern auch banal: "Wenn ich mit dem Rad stürze, bin ich erst einmal gescheitert". (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Schöner Scheitern, gibt es das? 

John und Schuol beriefen sich für eine Definition des Scheiterns auf Matthias Junge. Der Soziologe aus Rostock beschreibt das Scheitern als den "Wegfall von Handlungsoptionen". Dabei nahm John eine weitere Differenzierung vor. "Es gibt Situationen, in denen wir relativ schnell und einfach neue Handlungsoptionen auftun können", sagte er. In solchen Fällen handele es sich eigentlich um ein in seinen Worten "banales" oder graduelles Scheitern. Das absolute oder existentielle Scheitern dagegen beschrieb er als schwierig zu fassen und soziologisch nicht zu beobachten. Denn es bedeute eigentlich, "unsichtbar für die Gesellschaft zu werden." 

Einen weiteren Hinweis auf die Bedeutung des Begriffs "Scheitern" liefere übrigens seine Herkunft, ergänzte Schuol: In der Nautik bezeichnete es historisch den Schiffbruch, und zwar im Gegensatz zum "Stranden" eine unrettbare Havarie. So ein Schiffbruch sei aus Publikumsperspektive manchmal durchaus schön anzusehen, im Film etwa oder als Gemälde, gab John zu bedenken. 

Kann man aber im echten Leben schöner Scheitern?

"Wie schafft man einen Abgang mit Knicks?", fragte Moderator Rahmenlow. Prof. Ewald Stübinger, evangelischer Theologe an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, nannte "gewisse Richtlinien", die dabei helfen können, das Erlebte produktiv zu verarbeiten und auf positive Weise in das eigene Leben zu integrieren: "Ein wichtiger Schritt ist die Reflexion. Um die zu ermöglichen, brauchen wir zuerst Zeit, um Abstand zum Erlebten zu gewinnen", sagte er. Mit genügend Abstand könnten wir das Geschehen dann analysieren und unseren eigenen Anteil am schief Gelaufenen erkennen. "Wenn man sich den bewusst macht, hat man einen Lerneffekt erzeugt."

Mann spricht in Mikrofon
"Ganz wichtig ist schließlich, die Person und das Geschehene zu trennen und die eigenen Würde nicht in Frage zu stellen", betonte Theologe Prof. Ewald Stübinger. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Im nächsten Schritt können Gescheiterte neue Optionen erkennen. Dabei helfe es, einen Plan B im Hinterkopf zu haben. "Ganz wichtig ist schließlich, die Person und das Geschehene zu trennen und die eigenen Würde nicht in Frage zu stellen", betonte Stübinger. "Auch im Scheitern lasse ich meine Identität nicht zugrunde gehen." Aus ihrer Erfahrung bestätigte Manuela Nikui: Ihr beruflicher Fehlschlag habe sie ins Zweifeln gebracht und die Aufarbeitung sie viel Kraft gekostet. "Im Ergebnis aber", resümierte sie, "bin ich heute beruflich glücklich." 

Scheitern an Normen und Erwartungen

Doch was passiert, wenn man es versäumt, über das Scheitern nachzudenken? Wer sich nicht der Realität stelle, erklärte Stübinger, bekomme ein falsches Selbstbild. Und werde früher oder später unvermeidlich von einem Scheitern eingeholt, dass ihn dann unvorbereitet treffe und "aus allen Wolken fallen" ließe. Aus dem Publikum kam die Frage, ob es einen Unterschied zwischen der Selbst- und der Fremdzuschreibung des Scheiterns gebe. Ja, und doch haben sie eine Gemeinsamkeit, wie Sebastian Schuol hervorhob: Scheitern ist immer ein Zuschreibebegriff. Man kann nur an Erwartungen scheitern, den eigenen oder denen anderer.

"Wir scheitern an der Normativität der Gesellschaft", brachte es René John auf den Punkt. Dabei sei das Risiko, an der Erfüllung eines vermeintlich perfekten Lebens zu scheitern, im vergangenen Jahrhundert stark gestiegen, meint der Sozialethiker Stübinger. Normen und Verhaltensmuster haben sich verändert, ebenso wie Rollenbilder. Im Resultat haben sich Erwartungen auf bestimmte Punkte fokussiert und sind Ansprüche an sich selber und an andere gestiegen, beispielsweise in einer Partnerbeziehung - ob beruflich oder privat. "Die Zahl der Möglichkeiten ist heute exorbitant hoch, und oft ist es ein falscher Schein, der uns vorgespielt wird."

Frau mit Mikrofon
Im unternehmerischen Kontext sei das Scheitern noch immer ein Tabuthema, sagte PR-Beraterin Manuela Nikui. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Auch die Herren auf dem Podium hatten von Erlebnissen des Scheiterns zu berichten, meistens im akademischen Kontext. Da war die übermäßig zeitaufwendige Promotion oder fehlende Finanzierung für Projekte. Allerdings meinte Schuol augenzwinkernd, müsse er sich anstrengen, sich an seine Momente des Scheiterns zu erinnern. Es gebe wohl ein psychologisches Moment, das Scheitern in Erfolge umschreibe, mutmaßte er.

John ergänzte: Unsere Maßstäbe verändern sich ständig, indem wir dazulernen und neue Erfahrungen gewinnen. "Was gestern als Misserfolg galt, kann heute eigentlich ganz gut sein", sagte er. Aus dem Missgeschick eines Fahrradsturzes könne schnell die Geschichte des Helden werden, der wieder aufsteht. Über Erlebnisse zu sprechen, ob mit Freunden, in einer Psychotherapie oder in auch der Beichte, helfe oft, das Narrativ des Scheiterns zu überwinden, sagte John. Deshalb sei auch das aus Amerika importierte Format der Fuck-Up Night eine Bewältigungsstrategie. 

Fehlschläge in der Wissenschaft: ganz normal 

Im unternehmerischen Kontext sei das Scheitern allerdings noch immer ein Tabuthema, sagte PR-Beraterin Nikui. Es gebe geradezu einen Zwang dazu stark zu sein. Das unterstrich sie durch ihre Wortwahl, als sie erzählte, wie Unternehmer:innen, die "auf die Nase gefallen" seien, anschließend "den Kopf in den Sand stecken". Zum Beruf des Wissenschafters oder der Wissenschaftlerin dagegen gehöre wiederholtes Scheitern schon fast selbstverständlich dazu, waren sich die Akademiker auf dem Podium einig. Ereignisse des eher "banalen" Scheiterns fänden sich zahlreich in den Lebensläufen von Wissenschaftler:innen; abgelehnte Bewerbungen oder Projektanträge seien eher die Norm als die Ausnahme.

Ein Mann sitzt auf dem Podium und spricht in ein Mikrofon
Dr. Sebastian Schuol meint, durch das fehlende Kommunizieren vom Scheitern nach außen entstehe ein verzerrtes Bild von Wissenschaft im Elfenbeinturm. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Aus psychologischer Sicht sei ein "CV des Scheiterns", wie es ein Professor der renommierten amerikanischen Universität Princeton veröffentlichte, daher nützlich, findet Schuol. Das enthalte zwar kein Leuterungsmoment, es mache auch das Scheitern an sich nicht populärer; es bilde aber die Realität der wissenschaftlichen Arbeitswelt ab. 

Denn nach außen, da waren sich die Akademiker einig, werde das Wissen ums Scheitern noch immer nicht gerne getragen. Ein Fehler, wie Schuol findet, denn so entstehe ein verzerrtes Bild von Wissenschaft im Elfenbeinturm. Die Frage aus dem Publikum, ob Wissenschaftler:innen ihr Scheitern nach außen verbergen, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden, beantwortete er daher auch nicht mit ja oder nein. "Wenn Außenstehende Einsichten in die Abläufe des wissenschaftlichen Arbeitens erhalten, kann das nur ein Gewinn sein!", meint der erfahrene Bioethiker. Denn das fördere das Verständnis für wissenschaftliche Prozesse.

Blick von der Seite auf Publikum und Podium
Fast alle Anwesenden gaben an, in ihrem Leben schon gescheitert zu sein und alle fanden, sie haben daraus gelernt. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Nur freie Menschen können scheitern

Allerdings unterscheidet Schuol zwei Formen des Scheiterns in der Wissenschaft: Einerseits gebe es das fehlerbedingte, vermeidbare Scheitern, bei dem gilt: "Ich hätte es besser wissen können." Anders zu betrachten sei das Scheitern eines innovativen Prozesses, das auf unvermeidbaren Irrtümern, Fehlannahmen aufgrund des aktuellen Wissenstandes, basiere. Diese Form des Scheiterns sei medial und öffentlich viel weniger präsent als die erste, fehlerbedingte. In der Wissenschaft sei sie aber bekannt und normal. Naturwissenschaften etwa basierten auf der Methode des Experimentierens, des Ausprobierens, das Fehlschläge per definitionem beinhalte. 

Auch in der Wirtschaft, bemerkte Innovationsforscher John, werde der Begriff "Innovation" oft als Phrase gebraucht, wenn es um Fehlschläge gehe. Ein kluges Management aber, erklärte er, halte Ausschau nach Anzeichen von Misserfolgen und nutze diese als Chance für Verbesserungen: "Wir tun Dinge, die wir nicht für möglich gehalten hätten, weil und wenn die, die wir geplant hatten, nicht funktionieren!" 

Schließlich lieferte John einen weiteren positiven Ausblick: Die Sichtweise des Existenzialismus. In dieser Philosophie gibt es kein äußeres Wertesystem, jeder Mensch muss seinen eigenen Lebensentwurf verfolgen. "Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen", zitiert John den französischen Existenzialisten Albert Camus. Indem die mythische Figur nämlich immer wieder daran scheitert, einen Felsen den Berg hoch zu rollen, fühlt Sisyphos bewusst, dass er sich nicht willenlos dem Gang der Dinge ausliefert. Das Scheitern beweist ihm, dass er Urheber seines Lebens ist und seinen eigenen Lebensentwurf verfolgt. Oder, wie Moderator Rahmlow schlussfolgerte: "Nur freie Menschen können scheitern."

Autorin: Dr. Ulrike Schneeweiß