Sterben in Würde: Diskussionsrunde über das selbstbestimmte Sterben

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Wie kann ein selbstbestimmtes Leben in einem selbstbestimmten Sterben enden? Diese und andere Fragen diskutierten Fachleute beim 64. Herrenhäuser Gespräch am 8. Oktober im Schloss Herrenhausen. 

Im Februar dieses Jahres änderte das Bundesverfassungsgericht § 217 grundlegend. (Foto: N. Theiss - stock.adobe.com)
Im Februar dieses Jahres änderte das Bundesverfassungsgericht § 217 grundlegend. (Foto: N. Theiss - stock.adobe.com)

"Was könnte ein gutes Sterben sein?", fragte Moderator Dr. Ulrich Kühn, Redakteur bei NDR Kultur, in seiner Einführung zur Diskussion über assistierten Suizid: Geht es dabei um einen möglichst einfachen Tod oder einen dem Leben angemessenen? "Ein quälendes Sterben droht den Blick auf das gute Ganze zu verderben", so Kühn. Also rückten Fragen nach Lebensqualität, Sinn, Selbstbestimmtheit und Würde in den Vordergrund: "Will ich ein Leid mit allen Mitteln dehnen – oder suche ich mir Hilfe beim Gehen?" Im Februar entschied das Bundesverfassungsgericht, Paragraf 217 des Strafgesetzbuchs, der seit dem Jahr 2015 eine "geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung" unter Strafe stellte, sei verfassungswidrig. Kühn unterhielt sich dazu beim Herrenhäuser Gespräch "Wenn das Leben Schmerz ist - Gedanken über das selbstbestimmte Sterben" mit Fachleuten aus vier unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen.

Podium
Moderator Dr. Ulrich Kühn (r.) diskutiert beim 64. Herrenhäuser Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher, Prof. Dr. Gunnar Duttge, Dr. Petra Bahr und Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Eckhard Nagel (v.l.) über selbstbestimmtes Sterben. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Seelsorge und Ethik

Dr. Petra Bahr benennt für ihre Haltung zwei oft widersprüchliche Perspektiven. Sie ist Regionalbischöfin des Sprengels Hannover der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover und Mitglied des Deutschen Ethikrats. Als Pastorin sei sie einerseits Seelsorgerin und sagt: "Menschen, die schwer leiden oder lebenssatt sind, kann ich nicht mit schnellen Floskeln begegnen." Andererseits sei ihr Blick auf ethische Zusammenhänge auch einer auf die ganze Gesellschaft: "Auch Selbstbestimmung lebt immer in Beziehungen." Sie sei bereit, Grenzbereiche und Grauzonen auszuhalten, so Bahr: "Nicht alles kann restlos gelöst werden." Dennoch bleibe die Frage nach einer leitenden gesellschaftlichen Norm: "Die Urteilsbegründungen aus Karlsruhe sind eine Art Hintergrundgrammatik für gesellschaftliche Veränderungen."

Begleiten und Sprechen

Ein Sterbewunsch, so Bahr, sei gerade im Alter oft auch eine Botschaft: "So will ich nicht leben." Jenseits von individuellen Biografien werfe das Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang zum Beispiel mit Einsamkeit und Gemeinschaft auf. Gerade auch durch die Corona-Pandemie sei die Frage nach der Sinnlosigkeit des Lebens häufiger geworden, so Bahr. Sie plädiert: "Wir dürfen die Debatten nicht abkürzen." Manches lasse sich eben nicht durch Gesetze lösen – oder durch Medikamente. Bahr positioniert sich als Pastorin: "Meine Profession ist die der Retardierung, wenn es um vermeintlich schnelle Lösungen geht." Sie nennt Hospize als Orte, an denen Sterben individuell begleitet werden kann – und Kirchen als mögliche Orte, an denen ein Sprechen über Sterben wieder geübt werden kann.

Mann
„Wir dürfen einen solchen Diskurs nicht flächendeckend durch das Strafrecht tabuisieren“, so Prof. Dr. Gunnar Duttge. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Strafrecht und Handlungsmöglichkeiten

Prof. Dr. Gunnar Duttge von der Abteilung für strafrechtliches Medizin- und Biorecht der Universität Göttingen begrüßt das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu Paragraf 217 als ein Zeichen des Aufbruchs. "Wir dürfen einen solchen Diskurs nicht flächendeckend durch das Strafrecht tabuisieren", sagt er und fragt – wie das Gericht – vor allem nach der Strafwürdigkeit einer Hilfe zum Suizid. Auf welche Situationen sich die Entscheidung beschränke, sei wesentlich, so Duttge. Es gehe um reflektierte, subjektiv rationale Gründe jenseits von Hilferufen: "Für dieses Szenario gibt es kein Recht, Menschen zum Weiterleben zu zwingen." Es gehe um den Umgang mit mündigen, aufgeklärten Menschen. Duttge kritisiert: "Hier mit dem Strafrecht Handlungsmöglichkeiten zu beschränken, ist illiberal."

Verantwortung und Sicherheit

Auch Duttge setzt eher auf einen gemeinsamen Diskurs: "Ethische und philosophische Fragen sind keine juristische Kernkompetenz." Es sei notwendig, über assistierten Suizid nachzudenken, die Gesellschaft dürfe jedoch keine allzu einfachen Ausgänge aus dem Leben schaffen. Duttge warnt davor, Mediziner mit der Aufgabe alleine zu lassen: "Es muss ein verantwortliches Setting geben, das für alle Beteiligten Sicherheit garantiert." Im Bundesgesundheitsministerium werden zurzeit etwa 50 Stellungnahmen zur veränderten Rechtslage ausgewertet – es gehe darum, einen rechtssicheren Rahmen zu schaffen, aber Anreize für einen Suizid zu vermeiden. Duttge ist sicher: "Hier werden überzogene Erwartungen an das Recht gerichtet." Eine Veränderung werde sich erst langsam durch behutsame Aufklärung einstellen.

Frau und Mann auf Podium
Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Eckhard Nagel sagt, dass Thema "selbstbestimmtes Sterben" sei schon so lange in der Welt wie es Menschen gäbe. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Lebenswille und Suizidwunsch

"Das Thema des selbstbestimmten Sterbens ist schon so lange in der Welt wie es Menschen gibt", sagt Prof. Dr. Dr. Dr. Dr. h.c. Eckhard Nagel, geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. Es gehe also vor allem um die kulturellen Veränderungen beim Umgang damit. Naturwissenschaftlich betrachtet, gelte die Grundannahme: "Was leben kann, will auch leben." Wenn der Verlust der Möglichkeit zur Selbstversorgung bei Menschen zum Verlust von Lebenswillen führe, so Nagel, müsse das nicht gleichbedeutend mit einem Suizidwunsch sein. "Dennoch muss es ein Recht geben, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden", sagt er – ergänzt aber: "Das kann nicht bedeuten, dass der Staat oder Ärzte hierfür Angebote machen müssen."

Begleitung und Akzeptanz

Nagel fragt nach Zuständigkeiten und Ansprechpartnern für selbstbestimmtes Sterben: "Neben Medizinern könnten das ebenso gut Juristen oder Geistliche sein." Das sei auch eine Frage von fehlender Fachkenntnis: "Wir bringen in der medizinischen Ausbildung keinem bei, wie man tötet." Im Gegensatz zum aktiven Eingreifen in das Leben habe sich allerdings die 1996 eingeführte ärztliche Sterbebegleitung als Teil medizinischen Selbstverständnisses etabliert, so Nagel. Er ist überzeugt: "Die Palliativmedizin ist eine der wesentlichen Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre." Ärztliche Sterbebegleitung sei der Versuch, Menschen zu helfen, sich in der letzten Phase ihres Lebens zurechtzufinden – und das Sterben im besten Fall zu akzeptieren.

Mann mit Mikro
Die Utopie Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbachers sei eine Integration kontrollierter Suizidassistenz in die Palliativmedizin. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Pluralismus und Achtung

Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher vom Institut für Philosophie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf hält die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid für eine Anerkennung des unaufhebbaren Pluralismus in der eigenen Lebensgeschichte – wie auch schon die Betonung von Patientenrechten im Patientenverfügungsgesetz. "Selbstbestimmung steht in der Tradition der Aufklärung", sagt Birnbacher und verweist auf parallele Entwicklungen bei Partner- und Berufswahl, sexueller Orientierung und Lebensentwürfen. Beim Sterben könne sich Selbstbestimmung auf Art und Zeitpunkt des Todes auswirken: "Ein Behandlungsabbruch wird zum Beispiel schon lange nicht mehr tabuisiert." Auch in der Palliativmedizin habe sich eine Achtung vor Selbstbestimmung durchgesetzt.

Kommunikation und Sterbekultur

Birnbachers Utopie sei eine Integration kontrollierter Suizidassistenz in die Palliativmedizin, sagt er. Er plädiert zudem für Differenzierung: "Sterbewünsche sind oft keine Suizidwünsche." Birnbacher ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben. Die habe im März dieses Jahres ein Beratungstelefon eingerichtet, erzählt er. Erste Erfahrungen damit belegten die Bedeutung eines Gesprächsangebots: "Die Menschen wollen sich langfristig auseinandersetzen, da geht es selten um akute, temporäre Krisen." Die Antworten auf die Frage, wie gutes Sterben geschehen könnte, seien meist ähnlich: friedlich, schmerzfrei, gut begleitet, bewusst und vorauswissend. An mehr Kommunikation über das Sterben, da stimmt Birnbacher den anderen Experten auf dem Podium zu, führe kein Weg vorbei: "Wir brauchen eine Sterbekultur."

Autor: Thomas Kaestle