Obdachlosigkeit in Hannover: Was können Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit tun?

Datum

Obdachlose gehören zum Bild einer jeden deutschen Stadt dazu. Wie geht Hannover mit diesen Menschen um? Bei einem Herrenhausen Extra am 22. Oktober diskutierten Podiumsgäste und Publikum über Verantwortung und Einstellung gegenüber Obdachlosen und darüber, welche Hilfen überhaupt sinnvoll sind.

Der humane und soziale Umgang mit Obdachlosen in der Stadt geht nicht nur die Politik sondern auch die Öffentlichkeit etwas an. (Foto: ArTo – stock.adobe.com)
Der humane und soziale Umgang mit Obdachlosen in der Stadt geht nicht nur die Politik, sondern auch die Öffentlichkeit etwas an und war daher Thema eines Herrenhausen Extra. (Foto: ArTo - stock.adobe.com)

Für Obdachlose wird das Leben dieser Tage wieder besonders hart – der Winter naht, mit ihm Nässe und Kälte. Doch wie viele Menschen leben eigentlich ohne ein Dach über dem Kopf in Hannover? Nach Expertenschätzungen gibt es 3.000 bis 4.000 Wohnungslose in der Stadt. Das sind diejenigen, die keine eigenen vier Wände besitzen, aber bei Freunden und Bekannten unterkommen. Obdachlos, und damit auf der Straße lebend, sind etwa 300 bis 500 Menschen in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Die Übergänge zwischen diesen beiden Gruppen sind fließend und basieren nur auf Schätzungen.

Dass verlässliche Zahlen fehlen, bemängelten alle fünf geladenen Podiumsgäste, die vor einem vollbesetzten Auditorium im Xplanatorium im Schloss Herrenhausen zum Thema "Unerwünscht, toleriert oder integriert? Obdachlosigkeit in Hannover" diskutierten. Unter ihnen die Sozial- und Sportdezernentin der Landeshauptstadt, Konstanze Beckedorf. Sie, als Vertreterin der Verwaltung, musste sich an diesem Abend einiges an Kritik anhören. So fehle es in der Stadt an Schlafplätzen für Obdachlose, kritisierte Werner Buchna. Buchna spricht aus Erfahrung. Er lebte zehn Jahre auf der Straße, sammelte so seine Erfahrungen in den verschiedenen Wohnheimen Hannovers. Heute arbeitet Buchna beim Hannoverschen Sport-Club.

Obdachlosigkeit Forum
Auf dem Podium stellte sich eine Verantwortliche aus der Politik, eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler, der Geschäftsführer des Asphalt-Magazins sowie ein ehemals Obdachloser den zum Teil sehr kritischen Fragen und Anregungen von Moderatorin und Publikum. (Foto: VolkswagenStiftung)

Das Problem sei bekannt, so die Sozialdezernentin. Sie betonte, dass das Thema Obdachlosigkeit nicht nur in der Verwaltung, sondern auch in der Politik "eine große Stimme" habe. "Ich kämpfe dafür, dass die Lebenssituation der Menschen in unserer Stadt, die am Rande der Gesellschaft leben, besser wird", sagte Beckedorf und verknüpfte diesen Anspruch mit der Bewerbung Hannovers zur Kulturhauptstadt Europas 2025. Unter dem Bewerbungsmotto und der Leitidee "Hier Jetzt Alle für Europa" gehe es auch um ein Miteinander aller Bürger, es gelte, Lösungen gegen die soziale Spaltung in den Städten zu finden. Aber welche Wirkmacht hat ein Kulturprojekt bei der Schaffung eines sozialen Rahmens für ein besseres Verständnis und Miteinander? Nicht nur das Podium war skeptisch, auch im Plenum herrschte die Meinung vor, dass gerade für obdachlose Bürger nicht genügend getan werde. Nach wie vor würden diese Menschen an den Rand gedrängt werden, wie die anschließende sehr erfrischend offene Diskussion zeigte.

Wegschauen ist keine Lösung

"Geht es um Obdachlose, wird viel zu viel weggeschaut", bemängelte Georg Rinke, Geschäftsführer des Straßenmagazins "Asphalt". Man müsse deutlich mehr auf sie zugehen und ihnen Hilfe anbieten. Und nicht nur das: "Ich wünsche mir, dass die Menschen mit den Obdachlosen reden, damit die Betroffenen sehen, dass sie geschätzt werden", unterstrich Werner Buchna immer wieder. "Sprecht mit den Leuten, es lebt doch keiner freiwillig auf der Straße", so sein Appell. 

Tatsächlich sind die Gründe, die zu einer Obdachlosigkeit führen, vielfältig. Faktoren wie Arbeitslosigkeit, mangelnde Schulbildung, Krankheit oder Trennung paaren sich häufig mit Alkohol- und Drogenkonsum. Jede Biografie ist anders, hinter jedem Obdachlosen steht ein persönliches Schicksal. In vielen Fällen landen die Menschen deshalb auf der Straße, weil sie wegen Mietschulden ihre Wohnungen räumen müssen. Professor Harald Ansen von der Fakultät Wirtschaft und Soziales an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg sieht genau darin den Hauptgrund für ein Abrutschen in die Obdachlosigkeit. Seiner Meinung nach wird der Fokus zu wenig auf präventive Maßnahmen gelegt. Der Experte für soziale Sicherungssysteme empfiehlt eine geregelte Mietschuldübernahme sowie ein generelles Verbot von Zwangsräumungen.

Obdachlosigkeit Forum Rathaus Hannover
Kalte Nächte zu überbrücken ist für die Obdachlosen in der Landeshauptstadt Hannover das größte Problem. (Foto: VolkswagenStiftung)

Proaktives Zugehen auf Betroffene wichtig

Außerdem, so Ansen, müssten Behörden mehr aufsuchende Hilfe anbieten. Konkret heißt das: Wenn jemand bereits hoch verschuldet ist, nützt auch kein Behördenbrief mit Hilfsangeboten, der vielleicht nicht geöffnet wird, sondern im  Papierkorb landet. Mitarbeiter müssten auf die Betroffenen direkt zugehen, so Ansen. Ansonsten würden viele gutgemeinte Angebote nicht bei den Menschen ankommen. Das Publikum quittierte seine Vorschläge mit Applaus. 

Wer einmal auf der Straße lebt, findet keine Wohnung mehr. Wer keine Wohnung hat, bekommt keine Arbeit. Und wenn dann noch – wie in Hannover und den meisten anderen deutschen Städten – bezahlbarer Wohnraum fehlt, wird es fast unmöglich, aus der Spirale der Obdachlosigkeit hinauszufinden. Das Thema Wohnraum beherrschte deshalb auch die Diskussion am Abend. Ein Zuhörer bemängelte, dass in Hannover eher Hotels statt günstige Wohnungen gebaut würden. Podiumsteilnehmerin Katharina Schmidt kennt das Problem. Die Wissenschaftlerin, die an der Universität Hamburg zu Geografien der Obdach- und Wohnungslosigkeit forscht, nannte dies den "Konkurrenzkampf um Räume in der Stadt". 

Obdachlosigkeit Forum
Ein Mitarbeiter des ehrenamtlich getragenen Projekts "Ein Zuhause" stellte kurz seine Initiative vor, die 15 kleine, günstige Wohneinheiten baut – und durchaus noch finanzielle Untersützung gebrauchen kann. (Foto: VolkswagenStiftung)

Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf räumte ein, dass Hannover mit bezahlbarem Wohnraum tatsächlich "nicht so schnell hinterherkomme". Es gehe beim Thema Obdachlosigkeit dennoch voran, wenn auch in "kleinen Schritten". Die Dezernentin lobte ehrenamtliche Initiativen und Projekte wie die Stiftung "Ein Zuhause". Hier werden in Kürze 15 kleine, günstige Wohneinheiten mit einem gemeinsamen Fahrradwerkstattraum gebaut. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, angesichts der hohen Zahl von Obdachlosen aber "weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein", meinte Georg Rinke. Er sieht die Verantwortung bei der Politik, die in einem viel größeren Umfang als bisher das Wohnungsproblem angehen müsse. Experten nennen die Strategie "Housing first", die den Kreislauf aus Obdachlosigkeit und sozialem Abstieg durchbrechen will, indem sie Menschen zunächst ein Dach über dem Kopf verschafft. Harald Ansen lobte das "Housing First" als den Königsweg. 

Schutz und medizinische Versorgung noch ausbaubar

Doch nicht nur fehlende Wohnungen machen Obdachlosen das Leben schwer. Auf der Straße sind sie Anfeindungen schutzlos ausgeliefert. Regelmäßig kommt es zu gefährlichen Übergriffen. Darüber hinaus leiden Obdachlose häufig an gesundheitlichen Problemen, es fehlt an ausreichender ärztlicher Versorgung – und das kann tödlich ausgehen. So sterben jährlich Hunderte Obdachlose an Krankheiten, die hausärztlich gut behandelt werden könnten, unterstrich Harald Ansen. 

In den vergangenen Jahren ist zudem zu beobachten, dass immer mehr Frauen wohnungs- oder gar obdachlos werden. Nach Expertenschätzungen sind mittlerweile ein Drittel aller obdachlosen Menschen weiblich. Wie viele Frauen es in Hannover sind, weiß man nicht, wie die Frage einer Besucherin offenbarte. Klar sei zumindest, dass die Zahl auch hier stark angestiegen ist, führte die Sozialdezernentin aus. Weibliche Obdachlose würden auch deshalb nicht so im Stadtbild auffallen, weil sie es verstünden, sich unauffällig zu verhalten. Es sei somit schwer, mit diesen Frauen in Kontakt zu treten, weil sie öffentlich kaum sichtbar seien. Erfahrungsgemäß suchten sich viele Betroffene kurzfristige Übernachtungsmöglichkeiten, die dann oft in Zusammenhang mit sexuellen Gegenleistungen stünden.

Obdachlosigkeit Forum
Vertreterinnen und Vertreter des neu gegründeten Vereins "Selbstvertretung obdachloser Menschen" sparten nicht mit Kritik in Richtung der Politik. (Foto: VolkswagenStiftung)

Im Plenum saßen am Abend auch Mitglieder der neu gegründeten Selbstvertretung obdachloser Menschen. Ihre klar formulierte Botschaft: "Ihr redet immer über uns, aber nicht mit uns." Eine Botschaft, die weit über den Diskussionsabend hinaus wirkt. 

von Heike Manssen