Mehr Wachstum, mehr Wohlstand, mehr Mehr – oder geht es auch anders?

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Wie lange wollen wir noch den sozialen und ökologischen Preis für globales Wirtschaftswachstum zahlen? Wie könnte ein am Gemeinwohl orientiertes Wirtschaftswachstum aussehen? Die Expert:innen im Herrenhäuser Forum waren sich in einen Punkt einig: Es braucht Regeln.

50 Jahre ist es her, dass der Club of Rome seinen Bericht zu den "Grenzen des Wachstums" vorlegte. Die Studie war ein viel beachteter Ausblick zur Endlichkeit von Ressourcen auf diesem Planeten und der Notwendigkeit zum Maßhalten, im Übrigen seinerzeit finanziert von der VolkswagenStiftung. Nicht alle beschriebenen Szenarien haben sich bewahrheitet, die Kernaussage von damals ist heute aber noch gültig: Wir leben über unsere Verhältnisse. Das Herrenhäuser Forum unter dem Titel "Wachsen - aber wohin? Zeitgemäße Modelle für die Wirtschaft" knüpfte genau an diesen Punkt an. Wo genau sehen wir heute die Grenzen unseres Wachstums, welche Alternativen stehen uns zur Verfügung? Gibt es auch in Zukunft eine Welt mit Wohlstand für viele – aber ohne Wachstum um jeden Preis?

Dabei zeigte sich in der von Annette Riedel, Deutschlandfunk Kultur, in Schloss Herrenhausen moderierten Diskussion schnell, dass es darauf keine einfachen Antworten und Lösungen gibt. Denn der Wohlstand der westlichen Welt hat nicht nur eine ökonomische und eine ökologische Dimension, er wirft auch soziale Fragen auf. Das Podium, besetzt mit Prof. Dr. Ulrich Brand, Prof. Dr. Dr. h.c. Lars P. Feld, Prof. Dr. Alexandra Palzkill und Dr. Katharina Reuter, hatte durchaus unterschiedliche und teilweise sehr pointierte Ansätze, wie nachhaltiges Wirtschaftswachstum aussehen könnte, indem der Ressourcenverbrauch verträglich gestaltet wäre.

Videomitschnitt der Veranstaltung:

Video Titel
Ulrich Brand auf Podium
Ulrich Brand fordert ein Wohlstandsmodell, das jenseits von Wachstumszwang und Ausbeutung liegt. (Foto: Patricia Kühfuss für VolkswagenStiftung)

Gelingt die Entkoppelung von Wohlstand und Wachstum?

Der Politikwissenschaftler Ulrich Brand von der Universität Wien glaubt, dass Wohlstand und Lebensqualität auch ohne Wachstum wie wir es kennen möglich sind, aber: "Wir brauchen ein anderes Wohlstandmodell." Der Kapitalismus sei zunehmend destruktiv, eine Abkehr vom Wachstumszwang und der Ausbeutung von Natur und Menschen sei unausweichlich, so Brand. Ziel müsse ein auskömmliches Leben für alle sein. Wobei "alle" die Weltgemeinschaft meine und nicht nur die privilegierte Welt. Als Beispiel für Wachstum ohne Wohlstand nannte Brand das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro, das infolge des Ukraine-Krieges in die Bundeswehr fließen soll.

Man müsse genau hinschauen und differenzieren, forderte Alexandra Palzkill, Wirtschaftswissenschaften aus Wuppertal. "Was wächst wie und wohin?" Man müsse anerkennen, dass im jetzigen Wirtschaftssystem Wachstum ein maßgeblicher Faktor sei, um gesellschaftlichen Wohlstand zu erzeugen. "Aber: Muss das so sein?" Auch für Palzkill ist eine der entscheidenden Fragen, wie sehr wir Wohlstand an Wachstum koppeln oder besser – künftig entkoppeln. Für sie können Innovationen aber nicht alleinige Lösung sein. Im Übrigen müsse man, wenn man die ökologische Frage ernst nehme, auch berücksichtigen, dass es eine Schrumpfung von Teilen der Wirtschaft geben werde. "Und darauf sind wir null vorbereitet", so Palzkills Befürchtung.

"Wir brauchen Regeln für die Weltwirtschaft"

Vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen müsse man die Grenzen der Nutzung politisch setzen, forderte Ulrich Brand. "Wir brauchen Obergrenzen, Regeln für die Weltwirtschaft und hohe Sozialstandards." Grund sei die neue Materialität der Ökonomie, wo für ein Handy von 150 Gramm global 100 oder mehr Kilogramm Material bewegt würden. "Das ist eine neue Herausforderung, und die müssen wir ernst nehmen." Die Digitalisierung als Heilsversprechen betrachtet Brand kritisch, auch dort müsse man viele Prozesse hinterfragen, weil dies mitnichten eine immaterielle Ökonomie sei. Innovation und technischer Fortschritt – zum Beispiel die E-Mobilität – sind für den Politikwissenschaftler keine hinreichend adäquaten Antworten auf die Herausforderungen dieser Zeit.

Katharina Reuter auf Podium
Katharina Reuter spricht sich ebenfalls dafür aus, dass die Wirtschaftlichkeit gleichberechtigt neben der Umwelt und dem Sozialen steht. (Foto: Patricia Kühfuss für VolkswagenStiftung)

Könnte die Gemeinwohlökonomie ein Ansatz zu einer größeren, allgemeinen Lösung sein, fragte Annette Riedel in die Runde. "Auf jeden Fall! Die Wirtschaft muss dem Gemeinwohl dienen, dem Menschen, der Umwelt und dem Klima", bestätigt Katharina Reuter. Die Wirtschaftlichkeit sollte nicht über allem stehen, sondern gleichberechtigt neben der Umwelt und dem Sozialen. Auch Reuter sprach sich im Laufe der Diskussion eindeutig für ein Ordnungsrecht aus: "Wir brauchen Gesetze." In diesem Zuge brach die BNW-Geschäftsführerin eine Lanze für den Mittelstand in Deutschland. Der sei in Sachen Nachhaltigkeit oft beispielhaft und viel weiter als die Politik oder große Interessenverbände.

 

Lars P. Feld auf Podium
Lars P. Feld fordert, durch die passende politische Weichenstellungen eine Entkopplung von massivem Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum vorzunehmen. (Foto: Patricia Kühfuss für VolkswagenStiftung)

Wo Gemeinwohlunternehmen an Grenzen stoßen

Es sei immer problematisch, ein bestimmtes Modell für eine ganze Volkswirtschaft vorzusehen, merkte Lars P. Feld an. Aber: "Marktwirtschaftliche Ergebnisse einhegen durch die richtigen Rahmenbedingungen – das finde ich einen richtigen Ansatz", stimmte er der Forderung von Brand nach Leitplanken zu. Angesichts der Klimakrise gelte es, durch die passenden politischen Weichenstellungen eine Entkopplung von massivem Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum vorzunehmen. So bekäme man einen Wohlstand durch Wachstum ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch – wenn die Entkopplung funktioniere. Alexandra Palzkill schränkte ein, dass die Gemeinwohlökonomie derzeit zwar in einer Nische funktioniere. Die große Herausforderung sei es aber, die Nische in den Mainstream zu überführen, so die Transformationsforscherin. "Da stoßen Gemeinwohlunternehmen an Grenzen."

Alexandra Palzkill auf Podium
Alexandra Palzkill sieht die Gemeinwohlökonomie derzeit nur in einer Nische funktioniere, sie muss aber in den Mainstream überführt werden. (Foto: Patricia Kühfuss für VolkswagenStiftung)

Die Gemeinwohlökonomie sei ein freiwilliger Ansatz, warf Ulrich Brand ein. Seine Überlegung sei, Großunternehmen zu sozialisieren. Er denke an Genossenschafts- und Stiftungsmodelle sowie Beteiligungen von Beschäftigen. So ließe sich die Steuerung dieser Unternehmen stärker mit gesellschaftlichen Interessen synchronisieren. Dem Wunsch von Brand nach einer Postwachstums-Ökonomie in Teilen der Wirtschaft, zum Beispiel in der Daseinsvorsorge, setzte der Ökonom Feld den Gesundheitssektor entgegen, einem "extrem stark wachsenden Bereich". Da könnte man sich – zum Beispiel bei Krebstherapie – durchaus mehr Technisierung wünschen, um die Kosten zu senken, so Feld.

"Wahre Preise" als Einstieg in die sozialökologische Marktwirtschaft?

Kann man schwarze Zahlen mit grüner Technologie schreiben? Katharina Reuter bejahte, unter einer Bedingung: "Wenn man es mit sozialer Nachhaltigkeit verbindet." Man müsse an einer sozialökologischen Marktwirtschaft arbeiten, in der alle Komponenten der Dienstleistungen und Waren eingepreist seien. Wenn sich nicht nachhaltiges Wirtschaften nicht mehr rechne, weil die Verbraucher "wahre Preise" bezahlen müssen, dann könne eine Green Economy gelingen, die sich nicht allein am Bruttoinlandsprodukt, dem BIP, orientiere. Konjunktur – und damit die Bestimmung eines BIP als Messgröße – sei etwas anderes, als in der Diskussion um eine strukturelle Veränderung der Wirtschaft, konterte Lars P. Feld. "Das muss man unterscheiden." Für Ulrich Brand sind auch Preise als Korrektiv nur ein unzureichendes Mittel, am Ende brauche es aus seiner Sicht Obergrenzen und Verbote.

Die Setzung politischer Leitplanken, sei es durch Preise oder Regeln – ohne wird der Wandel der Wirtschaft in eine sozialverträglichere und ökologisch nachhaltigere Form nach Meinung der Expert:innen nicht zu gestalten sein. Denn auf freiwilliger Basis verzichtet der Mensch nicht gern auf Wohlstand. Aber Transformation braucht zwingend eben jene Menschen und eine Zivilgesellschaft, die Einsicht zeigt. Muss die Menschheit zu ihrem Glück gezwungen werden? Zumindest ein bisschen, so schien es an diesem Abend.

von Bruno Brauer