Kultur als Teil des Menschseins verteidigen

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Vernichtung oder Raub von Kulturgütern hat strategische Bedeutung im bewaffneten Kampf um Ideologien und Identitäten. Wie lässt sich Kulturgut in Kriegen vor politisch motiviertem Vandalismus schützen? Welche Opfer sollten zum Schutz historischer Stätten gebracht werden – und welche nicht?

Veranstaltungsbericht zur Leopoldina Lecture der VolkswagenStiftung in Kooperation mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina im Xplanatorium im Schloss Herrenhausen am 22. März 2022: "Die Zerstörung von Kulturgut als Kriegsstrategie. Wie kann der militärische Kulturgutschutz in bewaffneten Konflikten verbessert werden?" mit Alexander Gatzsche, Prof. Dr. Hermann Parzinger, Prof. Dr. Matthias Rogg, Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer und Dr. Christian F. Trippe (Moderation)

Videomitschnitt der Veranstaltung:

Video Titel
Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer auf Podium
Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer stellt ein Aufflammen kultureller Kriegsführung fest. (Foto: Ludwig Schöpfer - Leopoldina/VolkswagenStiftung)

Verlust und Konsequenzen

"Kulturgutzerstörung, noch dazu absichtliche, hat keinen Platz im 21. Jahrhundert", stellt Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer entschieden fest. Sie ist Professorin für Völkerrecht, Recht der EU und Internationale Beziehungen an der Technischen Universität Dresden und Mitglied der Arbeitsgruppe Archäologisches Kulturerbe der Leopoldina. Sie führt aus: "Kulturgutzerstörung zielt auf den Verlust des historischen Gedächtnisses, verletzt unsere Würde und Identität." Dennoch sei ein Aufflammen kultureller Kriegsführung festzustellen, identitätsbasierter Gewalt – mit Konsequenzen: "Anlässlich von Zerstörungen durch nichtstaatliche Aggressoren unter anderem in Syrien, dem Irak und Mali haben die Vereinten Nationen in den vergangenen Jahren geschlossen gehandelt", erläutert von Schorlemer.

Neben einem ersten Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Kulturgutzerstörung habe auch die UNESCO zum Beispiel durch Partnerschaftsabkommen mit humanitären Akteuren reagiert, berichtet Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer. "Ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Einhaltung universeller Rechtsregeln ist die Basis einer Solidarität der internationalen Gemeinschaft." Neben mehr sicheren Häfen zur Evakuierung bestehe eine große Herausforderung im Schutz unbeweglichen Kulturguts, so von Schorlemer: "Die Vereinten Nationen können ein Mandat für Kultur-Blauhelme erteilen – solche Aufträge müssen aber auch in reguläre Friedensmissionen integriert werden."

Oberst im Generalstabsdienst Prof. Dr. Matthias Rogg am Podium
Prof. Dr. Matthias Rogg findet, dass Wissen um Kulturschutz in die Stabsarbeit der Bundeswehr zu integrieren ist. (Foto: Ludwig Schöpfer - Leopoldina/VolkswagenStiftung)

Beratung und Forschung

Oberst im Generalstabsdienst Prof. Dr. Matthias Rogg, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg und ehemaliger Gründungsdirektor des Militärhistorischen Museums Dresden, verbildlicht die Notwendigkeit von Expertise anhand eines Erlebnisses als junger Offizier: "Bei einer taktischen Geländebesprechung schilderte ein Brigadekommandeur, ein bestimmtes Viadukt müsste im Ernstfall gesprengt werden." An die Intervention eines Reservisten erinnere er sich nachhaltig, so Rogg: "Ich bin der Landesdenkmalpfleger und ich sagen Ihnen, Sie sprengen hier gar nichts!" Es gelte, Wissen um Kulturschutz in die Stabsarbeit der Bundeswehr zu integrieren – politische Entscheidung setzte Beratung voraus: "Dazu brauchen wir auch mehr Forschung."

"Kulturgutschutz hat eine strategische Dimension", betont Oberst i. G. Prof. Dr. Matthias Rogg. Kultur als symbolische Ressource werde immer häufiger zum Primärziel: "Wir schauen alle mit Sorge auf Kiew – Kulturgutzerstörung kann stärker wirken als das Vernichten von Infrastruktur, denn Kultur emotionalisiert und mobilisiert." Ohne einen kulturellen Zeichenvorrat seien der Wiederaufbau von Gesellschaften und die Versöhnungsarbeit erschwert, erklärt Rogg. Dennoch bestehe durch unterschiedliche Logiken eine Betrachtungskluft: "Soldaten und Politiker denken sehr ziel- und zeitorientiert, Kulturwissenschaftler in Methoden und Prozessen – da ist es oft schwer, eine Brücke zu finden."

Podium mit Gästen
Ökonomische Motive, Bilderstürme und kulturelle Vernichtungen gehen Hand in Hand, berichtet Prof. Dr. Hermann Parzinger, der per Video zugeschaltet ist. (Foto: Ludwig Schöpfer - Leopoldina/VolkswagenStiftung)

Erinnerung und Ökonomie

Prof. Dr. Hermann Parzinger bringt historische Dimensionen ins Spiel: "Absichtliche Kulturgutzerstörungen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte." Er ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Sprecher der Arbeitsgruppe Archäologisches Kulturerbe der Leopoldina. Die Geschichte zeige die Bandbreite möglicher Motivationen, von politischen und ideologischen über religiöse bis hin zu ökonomischen. "Schon vor der Antike kam es zu gewaltsamem Unterbrechen von Erinnerung durch Zerstörungen", erläutert er. Seit der Spätantike spiele die Ökonomie eine immer größere Rolle: "Der Raub von Kulturgütern führte zu wirtschaftlicher Macht, Verstaatlichung oder Vermögensumverteilung."

Wie ökonomische Motive, Bilderstürme und kulturelle Vernichtungen Hand in Hand gehen, zeigt Parzinger an zahlreichen Beispielen auf – von der Reformation über die Französische Revolution und den Kolonialismus bis hin zum Holocaust als Tiefpunkt der Entwicklung. "Das Ausradieren von Geschichte ist Teil ideologischer Kriegsführung", erklärt Parzinger. Zugleich sei mit geplündertem Kulturgut auch oft Handel betrieben worden. Zuletzt habe unter anderem der Krieg im ehemaligen Jugoslawien gezeigt, welchen hohen Symbolgehalt Kulturgut bei ethnischen Konflikten haben könne. "Dabei war die systematische Vernichtung gebauten Kulturerbes oft besonders präsent", erinnert Parzinger.

Alexander Gatzsche am Podium
Alexander Gatzsche behält beim Verein Blue Shield Deutschland derzeit nicht nur die Ukraine sondern auch die Konflikte in Begkarabach, Aserbaidschan und Nordäthiopien im Auge. (Foto: Ludwig Schöpfer - Leopoldina/VolkswagenStiftung)

Fokus und Dokumentation

Alexander Gatzsche ist Vorstandsmitglied des Vereins Blue Shield Deutschland, dem deutschen Nationalkomitee von Blue Shield International. Er erklärt: "Wir sind eine Nichtregierungsorganisation, die sich bemüht, die Umsetzung der Haager Konvention im Auge zu behalten." Und er fügt hinzu: "Wir sind gerade sehr beschäftigt." Die dramatischen Ereignisse in der Ukraine seien nicht der einzige Grund: "Wir müssen auch aus dem Fokus geratende Konflikte in Begkarabach, Aserbaidschan oder Nordäthiopien im Auge behalten." Gerade der Krieg in der Ukraine sei aber ein Beispiel dafür, wie wichtig es sei, so früh wie möglich Informationen zusammenzutragen, ohne zunächst zu bewerten. "Eine gute Dokumentation erlaubt die Verfolgung absichtlicher Zerstörungen als Kriegsverbrechen", erläutert Gatzsche.

Die blau-weißen Schilder, Symbole der Haager Konvention und Namensgeber der internationalen Organisation Blue Shield, seien für den Kulturgutschutz das völkerrechtliche Äquivalent zum Roten Kreuz für humanitäre Hilfe, stellt Alexander Gatzsche fest. Er sagt: "Die humanitäre Katastrophe wird umso größer, je mehr Kulturgut zerstört wird." Und er warnt davor, dieses gegen Menschenleben aufzuwiegen: "Das gehört zusammen, Kultur definiert uns als Menschen." International bildeten sich seit einigen Jahren viele neue Kulturgutschutzeinheiten, berichtet Gatzsche. Zudem komme es zu immer mehr Kooperationen und der Koordination von Hilfsangeboten.

Handeln und Unterlassen

"Jahrhundertelang lag Straflosigkeit wie ein Fluch über den Schutzbemühungen um Kulturgut", stellt Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer fest. Heute sei jedoch jede Vertragspartei entsprechenden Vereinbarungen verpflichtet, Verstöße als Kriegsverbrechen zu verfolgen – und in der Lage, dies vor nationalen Gerichten zu tun. Von Schorlemer betont, auch die Russische Föderation habe die Haager Konvention ratifiziert – und dies im Jahr 1992 nochmals bekräftigt. Sie differenziert zudem: "Sowohl Handeln als auch Unterlassen können strafwürdig sein." Dass die US-Armee im Jahr 2003 die Plünderung des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad nicht verhindert habe, habe Kontroversen unter Völkerrechtler:innen ausgelöst.

Katja Lembke stellt Publikumsfrage
Auch Gäste in Schloss Herrenhausen wie Prof. Dr. Katja Lembke, Direktorin des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover, beteiligten sich an der spannenden Diskussion. (Foto: Ludwig Schöpfer - Leopoldine/VolkswagenStiftung)

Dr. Christian F. Trippe verweist auf den Spielfilm "Monuments Men" von George Clooney, der auf der wahren Geschichte einer Abteilung der US-Armee zum Schutz von Kulturgütern während des Zweiten Weltkriegs beruht. Ob es angebracht sei, für den Kulturschutz Menschenleben zu riskieren, fragt er: "Blut für Steine?" Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer plädiert dafür, beides zusammenzudenken: "Immerhin kann eine Zerstörung von Kulturgut Situationen eskalieren lassen." Oberst i. G. Prof. Dr. Matthias Rogg pflichtet bei: "Kommandeure brauchen mehr Sensibilität für die strategische Bedeutung von Kulturgut." Prof. Dr. Hermann Parzinger fügt hinzu: "Auch auf Plünderungen und illegalen Handel müssen wir zum Beispiel Zollbehörden vorbereiten." 

Verpackung und Speicher

Nach Strategien für den akuten Schutz von Kulturgut in der Ukraine befragt, weist Oberst i. G. Prof. Dr. Matthias Rogg darauf hin, die UNESCO beobachte die Weltkulturerbestätten im Land wie auch die etwa 20 Anwärterstätten rund um die Uhr per Satellit: "Zudem wäre eine Zusammenarbeit mit Geheimdiensten fruchtbar." Prof. Dr. Hermann Parzinger erklärt, die UNESCO sei außerdem sofort bereit, Kulturgüter ins Ausland zu evakuieren, wenn die Ukraine dies wolle: "Das ist allerdings natürlich mit Risiken verbunden – zunächst versorgen wir bereits Museen und Bibliotheken mit geeignetem Verpackungsmaterial für einen Schutz vor Ort." Außerdem stelle man große Speicherkapazitäten für digitalisiertes Material zur Verfügung.

Dr. Katja Lembke, Direktorin des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover, wirft aus dem Publikum ein: "Eigentlich sieht die russische Führung die Ukraine doch als ihr eigenes Land an und sollte ein Interesse daran haben, deren Kulturgut zu erhalten." Prof. Dr. Hermann Parzinger ist der Meinung, die Angriffe erfolgten nicht zwangsläufig gezielt: "Es wird einfach Rücksicht auf gar nichts genommen, erst recht nicht auf die Kultur." Noch gebe es jedenfalls keine Anhaltpunkte für strategische Zerstörungen. Oberst i. G. Prof. Dr. Matthias Rogg sieht allerdings eine Gefahr in der Verschleppung von Kulturgut nach Russland. Nach einer Perspektive gefragt, ist sich Prof. Dr. Dr. Sabine von Schorlemer sicher: "Es wird in fünf Jahren mehr Strafurteile gegen Kriegsverbrechen an Kulturgut geben – auch bezüglich des Ukraine-Konflikts."

von Thomas Kaestle