Islamisierung der Radikalität oder Radikalisierung des Islam?

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Warum Dschihadismus und islamistischer Terror oft gar nicht viel mit dem Islam zu tun haben, wie Religion instrumentalisiert und kriminalisiert werden kann – und warum Unterhaltungssendungen manchmal mehr erreichen als Nachrichten. Veranstaltungsbericht sowie Fotos und ein Audiomitschnitt zum Herrenhäuser Forum am 27. Februar 2018.

Das Plenum auf dem Herrenhäuser Forum "Islam, Gewalt und Öffentlichkeit"
Das Plenum auf dem Herrenhäuser Forum "Islam, Gewalt und Öffentlichkeit". (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Islam und Islamismus

Der Abend endet wie er beginnt: mit dem Wunsch nach mehr Differenzierung. "Mehr Menschen sollten in der Lage sein, deutlich zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden", wünscht sich Prof. Dr. Dr. Ina Wunn vom Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Das eine sei eine große, monotheistische Religion, ebenso gut oder schlecht wie alle anderen. Das andere sei eine politisierte Form dieser Religion, die nun einmal wie alle Religionen auch Anknüpfungspunkte für Gewalt enthalte.

Wunn hat gemeinsam mit Prof. Dr. Beate Schneider vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und der VolkswagenStiftung das Konzept des Herrenhäuser Forums "Islam, Gewalt und Öffentlichkeit – Wer macht Dschihadisten?" erarbeitet..

Vokabular und Assoziation

Prof. Dr. Christoph Klimmt, Institutskollege von Prof. Dr. Beate Schneider, pflichtet Prof. Dr. Dr. Ina Wunn bei: "Wenn man müde vor der Tagesschau sitzt, darf eine Nachricht über Terrorismus nicht zur Begriffsverwirrung führen." Mit einer Religionszugehörigkeit solle niemals pauschal der Hang zu Gewalt verbunden werden: "Wir müssen am Vokabular arbeiten, um das zu vermeiden."

Katja Ebeling von der VolkswagenStiftung hatte bereits in ihrer Begrüßung zur Veranstaltung darauf hingewiesen, dass es bei der komplexen Frage nach Ursachen religiös assoziierter Gewalt sowohl darum gehe, welche Einflüsse unsere Sichtweise auf den Islam in der Vergangenheit prägten als auch darum, wer heute maßgeblichen Einfluss darauf habe, wie wir den Islam wahrnehmen und was dieses verzerrte Islambild wiederum auszulösen vermag.

Publikum und Verunsicherung

Prof. Dr. Dr. Ina Wunn geht in ihrem Impulsvortrag zunächst auf historische Hintergründe des Dschihadismus ein. Der Islam habe den überregionalen, nicht-staatlichen Terrorismus nicht erfunden, relativiert sie zunächst. Vielmehr sei es die anarchistische Bewegung gewesen, die vor etwa 100 Jahren erstmals die neuen Kommunikationsmöglichkeiten durch Zeitungen oder die Telegrafie nutzte, um mit ihren Attentaten ein größeres Publikum zu verunsichern.

Prof. Dr. Dr. Ina Wunn.

"Islam, Gewalt und Medien. Wer macht Dschihadisten?"

Prof. Dr. Dr. Ina Wunn, Institut für Theologie und Religionswissenschaft, Leibniz Universität Hannover

"Auch heute sind es nicht nur Dschihadisten, die religiös motivierten Terrorismus ausüben", führt Wunn aus. Auf Sri Lanka fänden Anschläge mit hinduistischem Hintergrund statt, in Indien übten sie Anhänger des Sikhismus aus und in den USA evangelikale Christen.

Fundamentalismus und Reform

Islamismus, Fundamentalismus und Salafismus seien nach dem Zerfall der großen islamisch geprägten Weltreiche wie dem osmanischen, dem persischen und dem Mogulreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Reformbewegungen entstanden, erläutert Prof. Dr. Dr. Ina Wunn: "Geistliche Eliten gaben daran einem Versagen des Islam die Schuld, der angeblich unislamisch geworden sei."

Die Reformbewegungen seien als Graswurzelbewegung entstanden, einerseits mit dem Ziel, den europäischen Kolonialherren eigene Werte entgegensetzen zu können. "Andererseits ging es dabei auch um die Etablierung eines starken Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesens", so Wunn. Als die Staaten jedoch schließlich ihre nationale Unabhängigkeit erhielten, habe dies zu Diktaturen und Willkürherrschaften geführt.

Untergrund und Radikalisierung

"Anstatt sie an der Macht zu beteiligen, wurden die religiösen Reformbewegungen verfolgt und in den Untergrund getrieben, wo sie sich weiter radikalisierten", erklärt Prof. Dr. Dr. Ina Wunn. Als grundlegend für den heutigen Dschihadismus sieht sie den ägyptischen Autor Sayyid Qutb, der im Jahr 1951 der sunnitisch-islamistischen Muslimbruderschaft beitrat und zu einem ihrer wichtigen Theoretiker wurde.

"Laut Koran folgt ein Dschihad engen Regeln", erläutert Wunn. Dazu zähle, dass er nur gegen Feinde des Islam geführt werden dürfe. Sayyid Qutb verglich die ungläubigen Mekkaner, gegen die Mohammed in den heiligen Krieg zog, mit den nur nominellen Muslimen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die seiner Meinung nach kein islamisches Ethos hatten – und folgerte, auch gegen diese sei ein Dschihad erlaubt.

Regionalkriege und Globalisierung

"Diese These hatte für die islamische Welt grauenhafte Folgen", stellt Prof. Dr. Dr. Ina Wunn fest und führt aus: "Nun war es für die Fundamentalisten legitim, innerhalb der islamischen Welt mit Gewalt gegen andersdenkende Muslime vorzugehen." Diese Entwicklung habe sich schließlich über den Islam hinaus globalisiert, als Großmächte in regionale Konflikte eingriffen. Wunn erklärt: "Durch das Eingreifen der USA im zweiten Golfkrieg bezogen sie für sich und ihre Verbündeten Stellung in einem regionalen Krieg innerhalb der islamischen Welt."

Dies habe erst zum Export des dschihadistischen Terrors geführt: "Der Anschlag auf das World Trade Center war eine direkte Reaktion auf die Einmischung der USA im Irak." Deutschland sei in diesen Konflikt hineingezogen worden, als die westlichen Verbündeten Solidarität einforderten. Inzwischen habe sich die Situation so polarisiert, dass viele Muslime die westliche Welt als generell islamfeindlich sehen. "Sie sehen sich als Opfer einer Neuauflage der christlichen Kreuzzüge", fasst Wunn zusammen.

Prof. Dr. Andreas Zick von der Universität Bielefeld
Prof. Dr. Andreas Zick von der Universität Bielefeld sieht einen negativen Blick auf den Islam in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft verankert. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Mitte und Intoleranz

Prof. Dr. Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld schließt seinen Impulsvortrag an solcherart Überlegungen zu den Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlich vermittelten Islambildern und islamistischen Reaktionen an.

"Ein negativer Blick auf den Islam ist in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft verankert", sagt er. Dies reiche von Antipathie über Intoleranz und Abgrenzung bis hin zu Angst vor Unterwanderung durch Feinde im eigenen Land. Der Islam werde dabei selbst von mehr als der Hälfte der Bevölkerung als eine Religion der Intoleranz wahrgenommen – die Zahlen lägen in europäischen Nachbarländern sogar noch höher.

Vorurteile und Feindbilder

Die Vorurteile gegenüber dem Islam seien in Deutschland im Norden und Osten stärker ausgeprägt, so Prof. Dr. Andreas Zick – obwohl oder gerade weil dort deutlich weniger Muslime leben. In Korrelation mit rechtspopulistischem, rechtsextremem oder fremdenfeindlichem Gedankengut würden Muslime nicht mehr als andersgläubige Mitbürger, sondern pauschal als Zuwanderer wahrgenommen, die sich gegen Deutschland und das Christentum stellten. "Das Kreuz wurde in den Demonstrationszügen von Pegida von Anfang an mitgeführt", betont Zick. Er ergänzt: "Wenn Sie an eine Verschwörung und Unterwanderung glauben, dann sehen Sie die auch."

Rekrutierung und Lebensperspektive

"Das Gefühl, als Muslim in Deutschland ein von der Gesellschaft ungewolltes Opfer zu sein, ist wesentlich für die Rekrutierung durch Islamisten", erläutert Prof. Dr. Andreas Zick. Radikale Milieus stellten dem ihre eigenen Nischen- und Erlebniswelten entgegen. Die Analyse des Nachrichtenverlaufs in einer islamistischen Whats-App-Gruppe habe gezeigt, dass eine Radikalisierung so sehr schnell verlaufen könne – in diesem Fall seien nur vier Monate bis zu konkreten Anschlagsplänen vergangen.

"Den Mitgliedern werden in enger Gruppendynamik eine alternative Kultur und eine neue Lebensperspektive vermittelt", erklärt Zick: "Sie radikalisieren sich so sehr, dass sie sogar alles als unrein betrachten, was ihre Eltern tun."

Bedürfnisse und Lego

"Radikalisierte Muslime basteln sich ihre eigene Religion zusammen, eine Art Lego-Islam, der nicht mehr viel mit dem Koran zu tun hat", stellt Prof. Dr. Andreas Zick fest. Es gehe dabei um Abgrenzung und Sinnsuche: "Fast alle haben Krisen erlebt, Krankheiten, Gewalt oder Verlust – und sie haben auf daraus gewachsene Bedürfnisse keine Antworten erhalten."

Eine Distanzierung von bisherigen Lebenswelten stellten die Anwerber oft durch das Verstricken in Kleinkriminalität her. Die Organisationen seien oft in Drogen- und Menschenhandel verstrickt. "Religion wird dabei nur als rechtfertigendes Versatzstück und Identitätsversprechen benutzt", sagt Zick: "Die meisten Akteure haben recht wenig Ahnung davon, aber Religion muss sich ja auch nicht im Faktischen bewegen." Zick spitzt zu: "Es bleibt unklar ob es hier um eine Radikalisierung des Islam geht – oder um eine Islamisierung der Radikalität."

Elmar Theveßen, Terrorismusexperte, stellv. ZDF-Chefredakteur
Elmar Theveßen, Terrorismusexperte und stellvertretender ZDF-Chefredakteur, sagt, dass wir die Probleme, die durch Krieg, Terror und Migration entstehen, selbst mit erschaffen haben. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Prävention und Bewusstsein

Es sei wichtig, nicht den Eindruck zu erwecken, durch solche Analysen die Täter entschuldigen zu wollen, wirft Elmar Theveßen in der Podiumsdiskussion ein. Er ist Terrorismusexperte und stellvertretender Chefredakteur des ZDF. "Jeder, der zum Täter wird, ist ein Verbrecher", verdeutlicht er. Zugleich mahnt auch er Differenzierungen an: "Wir dürfen das Problem nicht nur mit Repressionen durch Militär, Polizei oder Geheimdienst angehen."

Ohne Prävention und den Kampf gegen die Gewalt rechtfertigende Ideologie sei dieser Ansatz wirkungslos. Dazu gehöre auch das Bewusstsein, dass von Europa aus betriebene Globalisierung weltweit Lebensperspektiven vernichte: "Wir haben die Probleme, die durch Krieg, Terror und Migration entstehen, selbst mit erschaffen."

Hintergründe und Oberflächlichkeiten

"Dem Extremismus den fruchtbaren Boden abzugraben bedeutet auch, zu verhindern, dass sich Islamismus und Rechtsextremismus gegenseitig aufschaukeln", stellt Elmar Theveßen fest. Er ergänzt: "Wir dürfen uns nicht einreden lassen, wir befänden uns mitten in einem Kampf der Kulturen."

Dazu gehöre auch die Verantwortung von Journalisten, bei Terror nicht nur über Tat und Täter zu berichten, sondern auch Zusammenhänge und Hintergründe zu erklären. "Das muss dann eben auch einmal in einer ausführlichen Dokumentation zur besten Sendezeit geschehen", fordert er. Prof. Dr. Christoph Klimmt weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Kapazitäten eines Mediennutzers für das Vorstellen oder Merken komplexer Zusammenhänge begrenzt seien: "Sie springen auf Oberflächliches an, auf Angst, Bedrohung oder Opferzahlen."

Lehrpläne und Medienkompetenz

Elmar Theveßen fordert zur Prävention ein stärkeres Engagement der Schulen: "Das Thema Terrorismus muss im Unterricht hart und offen diskutiert werden, ebenso wie das Thema des Missbrauchs von Religionen zur Gewaltrechtfertigung." Zurzeit gebe es dazu weder eine Verpflichtung in Lehrplänen, noch irgendwelche Unterrichtsmaterialien.

Prof. Dr. Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
Prof. Dr. Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover mahnt, dass das korrekte Vokabular wichtig für den Diskurs ist. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Begegnung und Respekt

Prof. Dr. Dr. Ina Wunn fragt, ob nicht das durch Unterhaltungssendungen vermittelte Weltbild ebenso zu Meinungsbildung beitrage, wie eine gut gemachte Dokumentation. Prof. Dr. Christoph Klimmt pflichtet ihr bei: "Fiktionale Darstellungen von Wirklichkeiten haben Einfluss auf unsere Wahrnehmung." Deshalb sei es wichtig, Vorurteile nicht in Unterhaltungssendungen fortzusetzen oder gar zu steigern. Prof. Dr. Andreas Zick hält es ebenfalls für wesentlich, niemanden im Diskurs zu beschädigen: "Menschen dürfen nicht als zweitklassig dargestellt werden."

Letztlich führe der Königsweg immer über Kontakt und Begegnung, um Vorurteile abzubauen. Zick spitzt zu: "Wir haben Jahrzehnte lang zugelassen, dass Moscheen in Hinterhöfe abgedrängt werden – das holt uns jetzt ein." Letztlich sind sich alle Podiumsteilnehmer einig: Gerade der Respekt vor dem Islam hilft dabei, Islamisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Thomas Kaestle