Hilfe in der Krise: Zwischen Solidarität und Politik

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Die Covid-19-Pandemie wirkt wie ein globales Brennglas: Das Virus steigert die Ungerechtigkeit, indem es Armut und Not in vielen Teilen der Welt verschärft. Welche Rolle kann humanitäre Hilfe in dieser Situation spielen? Und ist die globale Gerechtigkeit in der Krise? Darüber diskutierten am 28. Oktober 2020 im Herrenhäuser Forum Forschende und Akteure von Hilfsorganisationen. 

Weltweit verschärft die Corona-Pandemie Not und Armut. Wie steht es in solchen Krisenzeiten um internationale Solidarität und globale Gerechtigkeit? (Foto: LightField Studios - stock.adobe.com)
Weltweit verschärft die Corona-Pandemie Not und Armut. Wie steht es in solchen Krisenzeiten um internationale Solidarität und globale Gerechtigkeit? (Foto: LightField Studios - stock.adobe.com)

Es war vielleicht die letzte Veranstaltung im Xplanatorium in diesem Jahr, dem Krisenjahr 2020. Am selben Tag verkündete die Bundesregierung einen Teil-Lockdown, um die steigenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland wieder in den Griff zu bekommen. Während also Menschen hierzulande zunächst einmal auf sich selbst, auf Zahlen, Kurven oder Kapazitäten im Gesundheitssystem blicken, konnten die Gäste des Herrenhäuser Forums über die Grenzen hinaus schauen. Dahin, wo das Virus bereits bestehende Armut und Not weiterhin verschärft. Axel Rahmlow vom Deutschlandfunk Kultur, der die Podiumsdiskussion zum Thema "Globale Gerechtigkeit in der Krise. Die Politik humanitärer Hilfe im Zeichen von Covid-19" im Schloss Herrenhausen moderierte, erinnerte zu Beginn deshalb auch daran, nicht das Leid der anderen zu vergessen. 

Davon hatten die Gäste einiges zu berichten. Eine Wissenschaftlerin sowie zwei Mitarbeitende von Hilfsorganisationen gaben dem Publikum zunächst einmal einen Einblick in die Situation einiger Länder. Prof. Dr. Lena Kroeker vom Institut der Kulturwissenschaften der Universität der Bundeswehr München hat ihren Forschungsschwerpunkt auf Afrika gelegt. Und dort, so die Wissenschaftlerin, habe sich Covid-19 zumindest gesundheitlich nicht so stark ausgewirkt wie anderorts. In Afrika würde wenig getestet, die Dunkelziffer liege hoch und viele Menschen seien bereits erkrankt, ohne es zu wissen. Doch weil die afrikanische Bevölkerung sehr jung sei, blieben die Todeszahlen auf einem geringen Niveau. "Die Menschen haben weniger Probleme mit Corona, sondern leiden viel mehr unter den Kollateralschäden, insbesondere den wirtschaftlichen", so Lena Kroeker. Katastrophen wie die Heuschreckenplage oder Überschwemmungen kämen verstärkend hinzu.

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"Die Länder haben so viele Probleme, da ist Covid-19 noch ein weiteres", so Katja Maurer von medico international. (Foto: Franziska Gilli für VolkswagenStiftung)

Zahl der Armen weltweit wird wieder wachsen

Die Situation in Schwellen- oder Entwicklungsländern wie Afghanistan erläuterte Katja Maurer von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international. Dort gebe es weitaus mehr Todesopfer durch Covid-19 zu beklagen. Zumindest viel mehr als es die Regierungen offiziell verkünde, so die Erfahrung Maurers. Die Zahlen seien zum Politikum geworden – "alle unser Helfer vor Ort haben Verwandte verloren", sagte die Sprecherin der Hilfsorganisation. "Die Länder haben so viele Probleme, da ist Covid-19 noch ein weiteres."

Anders sei die Situation in Lateinamerika: Dort habe man hohe bestätigte Infektionszahlen, allerdings auch bessere Gesundheitssysteme. Doch in Staaten wie Brasilien oder auch Chile stünden eben genau diese Systeme unter starkem Privatisierungsdruck. "Das öffentliche Gesundheitssystem ist praktisch nicht mehr vorhanden", konstatierte Katja Maurer. "Gesundheit muss wieder ein Allgemeingut werden", forderte sie. Die durch Corona ausgelöste globale Wirtschaftskrise beginnt nach Maurers Meinung im Süden. Tatsächlich wird nach Berechnungen der Weltbank erstmals seit über 20 Jahren die Zahl der Armen weltweit wieder wachsen. Als Folge der Krise werden in diesem und im kommenden Jahr bis zu 150 Millionen Menschen in die extreme Armut stürzen. Viele davon begeben sich auf die Flucht aus ihren Heimatländern.

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Chris Grodotzki arbeitet für Sea Watch, die Organisation rettet seit ihrer Gründung 2015 in Seenot geraten Flüchtlinge im Mittelmeer. (Foto: Frankziska Gilli für VolkswagenStiftung)

Eine Katastrophe, die Chris Grodotzki von Sea Watch in seiner täglichen Arbeit hautnah miterlebt. Sea Watch rettet seit seiner Gründung 2015 in Seenot geraten Flüchtlinge im Mittelmeer. "Durch Covid-19 haben sich unsere Missionszeiträume deutlich verlängert", sagte er. Viele Gerettete an Bord seien an Corona erkrankt. Für die Helfer und Helferinnen keine einfache Situation. "Wir müssen jetzt auch Schutzanzüge tragen, eine Sache, die wir nie wollten, weil sie eine Art von Rassismus repräsentiert." Chris Grodotzki berichtete eindringlich davon, wie eine gesellschaftliche Krise wie die Corona-Pandemie von der Politik ausgenutzt werde. "Malta hat seine Häfen als unsicher tituliert. Die Flüchtlinge in den Booten dürfen nicht anlegen und werden sogar mit privaten Fischerkuttern abgefangen und zurück nach Libyen deportiert." Teilweise seien Flüchtlinge, darunter viele erkrankte, auf Fähren in rechtsfreien Räumen eine längere Zeit festgehalten worden. 

Für Prof. Dr. Johannes Paulmann vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz ist das Handeln der Länder aus historischer Sicht nicht überraschend. Krisen seien schon immer politisch ausgenutzt worden. "Auch humanitäre Hilfe ist immer politisch, alles andere ist Fiktion", sagte der Historiker. Dem mussten auch die Praktiker zustimmen. "Ich bin nicht neutral", sagte Chris Grodotzki. Die Rettungsschiffe seien eben auch ein Symbol gegen rechtspopulistische Strömungen. Katja Maurer hat es immer wieder erlebt, dass Hilfe verteidigt werden muss und Neutralität besonders in Kriegssituationen permanent in der Kritik steht. Die Pandemie macht die Hilfe für Helfende schwierig. "Da werden infizierte Leute eingesperrt – es sind dramatische Szenen, die sich in Europa abspielen", sagte sie mit Blick auf das griechische Flüchtlingslager Moria.

Podium
Moderator Axel Rahmlow (r.) diskutierte mit Chris Grodotzki, Katja Maurer, Prof. Dr. Johannes Paulmann und Prof. Dr. Lena Kroeker (v.l.n.r.). (Foto: Franziska Gilli für VolkswagenStiftung)

Umverteilung von Wissen und Mitteln nötig

Die Corona-Krise kennt keine Grenzen und lässt sich nicht allein aus der Sicht der westlichen Welt lösen, so der Tenor des Podiums. "Die Abschottung der gesunden Welt funktioniert nicht, das macht die derzeitige Krise für Historiker wie mich so interessant", sagte Johannes Paulmann. "Die gegenseitige Hilfe ist das einzige, was uns durch diese Krise bringt", fasste Chris Grodotzki zusammen. Alle Diskussionsteilnehmer warnten davor, bei der Überwindung der Covid-19-Krise immer nur auf einen Impfstoff zu schauen, den die westliche Welt sozusagen von oben herab verteilt. Man brauche eine Umverteilung von Wissen und Mitteln sowie einen Schuldenerlass für viele Länder. Besorgt zeigte sich Katja Maurer von medico international vor einem drohenden Verteilungskampf beim Impfstoff: "Etwa 13 Prozent der Weltbevölkerung haben sich schon 50 Prozent eines möglichen Impfstoffes gesichert." Lena Kroeker sagte dazu, dass das Problem sei, dass "dort, wo die Labore sitzen, auch das Geld sitzt". Die Wissenschaftlerin kritisierte, dass derzeit nur das Wissen des globalen Nordens als wertig angesehen werde. Dabei habe insbesondere Afrika – ein Kontinent, der alle gesundheitlichen Krisen wie Aids oder Ebola auf der Agenda hatte – eine jahrzehntelange Expertise. "Der westlichen Welt fehlt die Bereitschaft, sich belehren zu lassen. Das ist arrogant", betonte Kroeker und schlägt vor, das Wissen des Südens miteinzubeziehen, dort zu öffentlichen Gesundheitssystemen zurückzukehren und Organisationen zu fördern, die dabei helfen, eine Zivilgesellschaft aufzubauen. 

Ausschnitt Podium
Laut Prof. Dr. Johannes Paulmann (2.v.r.) vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz sind Krisen schon immer politisch ausgenutzt worden. (Foto: Franziska Gilli für VolkswagenStiftung)

Ob eine Pandemie wie Corona grundsätzlich in der globalen Welt etwas ändern werde? Nach Ansicht von Johannes Paulmann gibt es dafür keine historischen Belege. "Die Probleme von davor sind auch nach einer Pandemie nicht weg." Zumindest könnten Krisen kleinere Innovationen wie Homeoffice oder schnellere Digitalisierung voranbringen, sagte Lena Kroeker. Und Chris Grodotzki gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Erfahrungen, die Menschen derzeit machten – nämlich dass sich bestehende Verhältnisse ganz schnell ändern können – politisches Eingreifen unausweichlich mache. Als Folge der Pandemie werden noch mehr Menschen fliehen, sagte Katja Maurer. "Wir müssen also teilen und das bedeutet auch Einschnitte. Das ist aber besser, als uns abzuschotten." 

Zum Schluss der Veranstaltung kam die Frage aus dem Publikum auf, warum in der Diskussion der Begriff der Gerechtigkeit kaum gefallen sei. Mit dem Begriff taten sich die Diskutierenden offenbar schwer – vielleicht auch, weil die globale Gesellschaft von Gerechtigkeit weit entfernt ist. Johannes Paulmann brachte es auf dem Punkt: "Globale Gerechtigkeit war immer in der Krise." 

Autorin: Heike Manssen

 

Die Veranstaltung zum Nachhören

Die ganze Veranstaltung zum Nachhören finden Sie bei Deutschlandfunk Kultur unter Globale Gerechtigkeit ist nicht in Sicht