Gendern: Sprache (be-)trifft uns alle

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Wie können wir die Vielfalt in unserer Gesellschaft auch sprachlich abbilden? Darum ging es beim 63. Herrenhäuser Gespräch "Herrlich dämlich? Die Debatte um eine gendergerechte Sprache" am 27. August 2020.

Die Vielfalt unserer Gesellschaft muss sich in Sprache wiederfinden - nur dann herrscht Geschlechtergerechtigkeit. (Foto: Coyote III via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)
Die Vielfalt unserer Gesellschaft muss sich in Sprache wiederfinden - nur dann herrscht Geschlechtergerechtigkeit. (Foto: Coyote III via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

Gendersensible Sprache – für die einen ist sie eine Selbstverständlichkeit und wird als solche im täglichen Gebrauch praktiziert. Für andere ist sie dagegen eine Zumutung und sollte aus dem Alltag so weit wie möglich verbannt werden. Auf dem Podium beim Herrenhäuser Gespräch am 27. August 2020 herrschte dagegen Einigkeit darüber, dass gendergerechte Sprache dazu beitragen kann, gesellschaftliche Vielfalt sichtbarer zu machen.

Doch worin äußert sich die Ungleichbehandlung der Geschlechter in unserer Sprache überhaupt? Prof. Dr. Evelyn Ferstl, Kognitionswissenschaftlerin und Genderforscherin an der Universität Freiburg, konnte in experimentellen Studien nachweisen, dass Teilnehmende zuerst Männer evozierten, wenn ihnen ein Begriff im generischen Maskulinum – etwa "Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker" – in Kombination mit einem Personenbild gezeigt wurde. Zeigte das Foto in diesem Fall eine Frau, waren die Reaktionszeiten wesentlich länger. Auch in der Kommunikationswissenschaft gibt es Untersuchungen, die das bestätigen. 

Podium
Das Podium beim 63. Herrenhäuser Gespräch zum Thema gendergerechte Sprache: Damaris Nübling, Christoph Klimmt, Gabriele Diewald, Evelyn Ferstl und Ulrich Kühn (v.l.n.r.). (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

"In dem Maß, in dem ich geschlechtsinklusive Formulierungen verwende, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Nachrichtenpublikum auch an Frauen denkt", erklärt Prof. Dr. Christoph Klimmt von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Das generische Maskulinum, fügt Gabriele Diewald, Professorin für Germanistische Linguistik an der Leibniz Universität Hannover, hinzu, sei keine Regel, sondern eine Gebrauchsgewohnheit, die sich auch in Ableitungen wie "Ärzteschaft" niederschlage und deshalb schwer zu ändern sei. Ihr Vorschlag lautet deshalb, sich die Verwendung abzugewöhnen: "Wenn das geschafft ist, haben Sie schon 80 Prozent gewonnen".

Frauen werden zur Degradierung ins Neutrum verschoben

Sprache kann aber auch dazu dienen, Personengruppen zu hierarchisieren. Das zeigt sich etwa in der Verschiebung von Geschlechts- und Genusklassen, wie Damaris Nübling, Professorin für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, erläutert. Während es zur Degradierung von Männern reiche, sie sprachlich ins Femininum zu verschieben – zu finden etwa bei "Tunte" oder "Memme" –, würden Frauen – wie etwa bei "Weib" oder "Luder" – überzufällig häufig ins Neutrum statt ins statushöhere Maskulinum verschoben. Ein anderes Beispiel für die männliche Dominanz in unserer Sprache sei die Reihenfolge bei Begriffspaaren wie "Bruder und Schwester", in denen der männliche Begriff stets als erster genannt werde, ergänzt Evelyn Ferstl.

Prof. Dr. Damaris Nübling
Nicht-binäre Personen würden eine Neutralisierung des Geschlechts vorziehen, der Gender-Stern sei für viele nur eine Notlösung, so Damaris Nübling. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Wie machen wir aber diejenigen am besten sichtbar, die sich in keine dieser beiden Kategorien einordnen wollen (lassen)? Der Gender-Stern sei für viele nur eine Notlösung, fasst Prof. Dr. Damaris Nübling die Ergebnisse einer aktuellen Masterarbeit, in der mehr als 300 nicht-binäre Personen befragt wurden, zusammen. Die Mehrheit wolle nicht ausgestellt werden, am allerwenigsten durch den Gender Gap. Eindeutig präferiert wurde in der Studie dagegen eine Neutralisierung des Geschlechts, etwa durch Partizipien oder Umschreibungen wie "Menschen mit …".

Dabei scheiden sich gerade an der Verwendung des Partizip Präsenz die Geister, wie Moderator Dr. Ulrich Kühn am Beispiel der "toten Studierenden", die schließlich nicht beides gleichzeitig tun bzw. sein könnten, ausführt. Prof. Dr. Gabriele Diewald widerspricht jedoch. In diesem Fall handle es sich um eine Rollenbezeichnung, die es schon seit dem 17. Jahrhundert gebe und die erst im 19. Jahrhundert durch den Begriff "Student" abgelöst wurde. Ähnlich wie bei anderen Begriffen – etwa Vorsitzende, Alleinerziehende oder Arbeitssuchende – können Partizipien eine eigene Semantik als Funktionsbezeichnung erwerben und damit – anders als der Zusatz Präsenz es suggeriert – auf Dauer angelegt sein. Es sei eben alles eine Frage der Gewöhnung.

Publikum
Die Forschung zeigt, dass Sprache in der Kommunikation schnell angepasst wird. Eine Ermutigung für alle Anwesenden, zu handeln, wenn sie etwas verändern wollen. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Sprache ist kein empfindliches Pflänzchen

Wie beweglich die deutsche Sprache ist, zeigt auch ein Blick in die Geschichte. In der DDR kämpften in den 50er und 60er Jahren Frauen beispielsweise vergeblich um weibliche Berufsbezeichnungen, wie Damaris Nübling berichtet. Diese Diskussion sei damals unterdrückt worden. Die beginnende Verwendung weiblicher Berufsbezeichnungen in den 60er und 70er Jahren beinhaltete oft Asymmetrien: "Eine Architektin wurde für eine Innenarchitektin gehalten, eine Autorin für eine Kinderbuchautorin." Letztes Relikt aus dieser Zeit seien der Sekretär und die Sekretärin, die auch heute noch ganz unterschiedliche Tätigkeiten darstellten. Und heute übliche Titel wie Amtfrau – statt Amtmännin – mussten gerichtlich erstritten werden. Dieser feministisch induzierte Sprachwandel zeige auch, wie schnell eine Normalisierung in unserer Gesellschaft eintreten könne.

Sprache sei eben kein empfindliches Pflänzchen, dass geschützt werden müsse, sondern ein sehr mächtiges, hoch flexibles Zeichensystem. Gabriele Diewald fügt hinzu, dass es sich bei Sprache ebenso wenig um einen archäologischen Gegenstand handele, der gehütet werden müsse und nicht verändert werden darf. Aufgabe und Funktion der Sprache sei auch, die Welt einerseits zu kategorisieren und diese Kategorisierungen andererseits mittels Kommunikation verständlich zu machen. Da sich das Denken laufend ändere, ändere sich auch die Sprache. 

Prof. Dr. Gabriele Diewald
Gabriele Diewald plädiert beim Thema gendergerechte Sprache für mehr Gelassenheit und Toleranz und sieht dabei als bestes Übungsfeld die eigene Person. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Sprache wird in der Kommunikation schnell angepasst

Für Christoph Klimmt ist Sprache aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive auch eine soziale Technologie: "Wir benutzen sie als Teil des Kitts, der Menschen, Herden, Familien zusammenhält." Im Ausgrenzen, Angreifen und dem Befördern von Konflikten könne Sprache allerdings auch eine asoziale Technologie sein. Die kognitive Linguistik zeigt zudem, dass Sprache in der Kommunikation ganz schnell angepasst wird. In Kommunikationsspielen werden etwa Begrifflichkeiten sofort wirksam, selbst wenn sie nur zwei Leute benutzen, erklärt Evelyn Ferstl. Eine Ermutigung für alle Anwesenden, nicht abzuwarten, sondern zu handeln, wenn sie etwas verändern wollen, da die Auswirkungen unmittelbar sichtbar sind.

Der aktuelle Sprachwandel wird auch durch das Internet und die daraus resultierende Möglichkeit der schriftlichen Partizipation vorangetrieben, erläutert Damaris Nübling. Sie verweist auf die hohe Beteiligung junger Menschen an dieser Bewegung – sichtbar etwa an der Verwendung des "Glottal Stop", einer Sprechpause bei Paarformen, im Umfeld der Fridays-For-Future-Bewegung. Für Christoph Klimmt ist wichtig, dass die Älteren sich den Jüngeren dabei nicht in den Weg stellen, sondern ihre Andersartigkeit zulassen. Gabriele Diewald fügt hinzu, dass es immer sprachliche Varianten und Optionen geben werde und keine richtige Lösung im Sinne von faktischer Wahrheit. Sie plädiert deshalb für mehr Gelassenheit und Toleranz und sieht dabei als bestes Übungsfeld die eigene Person.

Autorin: Lisa Stegner