Fortpflanzungsmedizin: Müssen juristische Rahmenbedingungen mit medizinischen Möglichkeiten wachsen?

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Expertinnen und Experten erwarten von der Bundespolitik, das 30 Jahre alte Embryonenschutzgesetz in ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz zu überführen und damit empirischen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Realitäten gerecht zu werden.

Mittels Spermieninjektion kann die weibliche Einzelle auf künstlichem Weg befruchtet werden. Allerdings ist ein rechtliches Streitthema, wer die Methode nutzen darf. (Foto: (c)koya979 - stock.adobe.com)

Veranstaltungsbericht zur 14. Leopoldina-Lecture der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Kooperation mit der VolkswagenStiftung im Schloss Herrenhausen am 5. Februar 2019: "Fortschritte in der Reproduktionsmedizin – Brauchen wir ein neues Fortpflanzungsmedizin-Gesetz?" mit Prof. Dr. Heribert Kentenich, Prof. Dr. Jochen Taupitz, Prof. Dr. Claudia Wiesemann und Michael Lange (Moderation).

Möglichkeiten und Regelungsbedarf

Die Britin Louise Joy Brown wurde im Jahr 1978 als erster Mensch geboren, der in vitro gezeugt worden war, also durch die Befruchtung einer Eizelle außerhalb des Körpers. Ihren 40. Geburtstag feierte sie im vergangenen Jahr in Anwesenheit von rund 12.000 Medizinerinnen und Medizinern aus aller Welt. "Ihre Geburt löste eine Vielzahl ethischer Befürchtungen aus und schuf Regelungsbedarf für die Zugriffsmöglichkeiten auf Embryonen", sagt Prof. Dr. Jochen Taupitz in seiner Begrüßung zur 14. gemeinsamen Veranstaltung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der VolkswagenStiftung.

Prof. Dr. Jochen Taupitz
Leopoldina-Mitglied Prof. Dr. Jochen Taupitz von der Universität Mannheim begrüßt die Gäste der Leopoldina Lecture (Foto: Leopoldina/Bartz)

Taupitz ist Ordinarius für Bürgerliches Recht, Zivilprozessrecht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Mannheim und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim. Darüber hinaus leitet er eine Arbeitsgruppe zu Fortpflanzungsmedizin und ihren rechtlichen Rahmensetzungen in Deutschland für die wissenschaftsbasierte Politikberatung der Leopoldina, die im Sommer eine umfangreiche Stellungnahme zum Thema veröffentlichen will.

"Das deutsche Embryonenschutzgesetz von 1990 ist bis heute trotz veränderter medizinischer Möglichkeiten und gesellschaftlicher Realitäten unberührt geblieben", erläutert Taupitz den Handlungsbedarf. Es gehe bei einer Neuregelung um gewichtige ethische Fragen vor dem Hintergrund der Interessen und Bedürfnisse aller potenziell Beteiligten: "Die Naturwissenschaften können dabei letztlich nicht weiterhelfen." Welchen Schutz menschliche Embryonen erhalten sollen, müsse vielmehr von der Rechtsordnung festgelegt werden. Dabei seien jedoch nicht die Freiheiten der Medizin und ihrer Patientinnen begründungsbedürftig. Taupitz stellt fest: "Es sind Verbote, die der Gesetzgeber begründen muss."

Lebensrealität und Widersprüche

Prof. Dr. Claudia Wiesemann wendet sich in ihrem Vortrag gegen eine gesellschaftliche Marginalisierung der Fortpflanzungsmedizin. Sie ist Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Georg-August-Universität Göttingen und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. "Hunderttausende Paare nutzen die Technologien der Reproduktionsmedizin in Deutschland jährlich", sagt sie und folgert: "Wir wissen zu wenig über deren Lebensrealität, ihre Wünsche und Probleme."

In Fallbeispielen präsentiert sie Widersprüche, die durch die aktuelle rechtliche Regelung entstehen. Sie stellt etwa einen krankheitsbedingt unfruchtbaren Mann einer Frau in der gleichen Situation gegenüber: "Er kann legal eine Samenspende erhalten und offen damit umgehen, während sie entweder auf Kinder verzichten oder für die in Deutschland verbotene Eizellspende ins Ausland reisen müsste." Begründet werde das mit der unterschiedlichen Bedeutung der "gespaltenen Vaterschaft" und "gespaltenen Mutterschaft". Das sei heute nicht mehr überzeugend.

Prof. Dr. Claudia Wiesemann am Rednerpult
Prof. Dr. Claudia Wiesemann von der Universität Göttingen bei der Leopoldina Lecture "Fortpflanzungsmedizin: Lücken und Widersprüche im Gesetz" am 5. Februar 2019 (Foto: Leopoldina/Bartz)

Auswahl und Diagnose

In einem anderen Beispiel erläutert Wiesemann die in Schweden übliche Praxis, bei einer In-Vitro-Fertilisation mehrere Eizellen zu befruchten, aber nur den Embryo mit den besten Entwicklungsaussichten in den Mutterleib zu übertragen. "In Deutschland ist es nicht erlaubt, geplantermaßen den hinsichtlich seiner biologischen Überlebenschancen besten von mehreren Embryonen auszuwählen und zu implantieren", sagt sie. Deshalb können Frauen bis zu drei Embryonen erhalten – was in der Folge mit einer Wahrscheinlichkeit von derzeit 21,4 Prozent zu einer Mehrlingsschwangerschaft führe, die Mutter und Kinder durch Schwangerschaftskomplikationen, Frühgeburt oder Entwicklungsschäden beim Kind gefährden könne – in Schweden liege das Risiko dafür bei nur 4,2 Prozent. 

Zugang und Rechte

Ein weiteres Problem ergibt sich durch die aktuelle Regelung der Präimplantationsdiagnostik bei schwerwiegenden erblichen Erkrankungen. "Dabei wird eine Zelle eines mehrzelligen Embryos entnommen und auf das kranke Gen hin überprüft", führt Wiesemann aus. Dafür müsse das Elternpaar aber das positive Votum einer Ethikkomission erhalten. Sowohl die nicht unerheblichen Kosten für die Beurteilung durch die Kommission als auch für die Diagnostik müssten vom Paar übernommen werden. "Darin liegt sowohl ein demokratietheoretisches Problem als auch ein Gerechtigkeitsproblem", sagt Wiesemann. "Das können sich nur wohlhabende Paare leisten." 

Prof. Dr. Claudia Wiesemann am Rednerpult
Prof. Dr. Claudia Wiesemann, Universität Göttingen (Foto: Leopoldina/Bartz)

Ein Recht auf Fortpflanzung beziehungsweise auf ein (gesundes) Kind sieht Wiesemann als vergleichbar mit dem Recht auf Bildung: "Es geht um den Zugang zur Fortpflanzungsmedizin, nicht um das positive Resultat." Wiesemann führt die Defizite des geltenden Embryonenschutzgesetzes darauf zurück, dass bei dessen Abfassung vor 30 Jahren vor allem auf damals drohende Szenarien wie unkontrolliertes Klonen oder Keimbahneingriffe eingegangen wurde. Das Verbot der Eizellspende schien angezeigt, weil kaum Erfahrungen mit der Technik vorlagen. "Inzwischen liegen gute empirische Erkenntnisse in Studien aus anderen, mit Deutschland vergleichbaren Ländern vor", berichtet Wiesemann. So seien 98 Prozent der Eizellspenderinnen zufrieden mit ihrer Entscheidung, und nach den neueren, verbesserten Stimulationsverfahren komme es nur noch selten zu Komplikationen.

Gleichheit und Selbstbestimmung

Wiesemann benennt eine Reihe von Korrekturen der aktuellen Regelungen zur Fortpflanzungsmedizin, die sie für dringlich hält. Dazu zählt das Zulassen einer Embryonenauswahl bei der In-vitro-Fertilisation (der sogenannte Elective Single Embryo Transfer, kurz eSET), um die Schwangerschaftsrate zu verbessern und Risiken wie die Mehrlingsschwangerschaft zu verringern. "Wichtig wäre zudem eine Gleichbehandlung von unfruchtbaren Männern und Frauen, also von Samen- und Eizellspende", so Wiesemann. Auch die Reduzierung sozialer Ungleichheit beim Zugang zu Verfahren der Fortpflanzungsmedizin zählt sie auf. "Außerdem muss die Stellung der Wunscheltern gestärkt werden, insbesondere bei Familien mit zwei Müttern", fordert sie. Durch eine unabhängige psychosoziale Beratung könne sowohl die Selbstbestimmung von Eltern als auch von Spenderinnen und Spendern gestärkt werden.

Michael Lange und Prof. Dr. Heribert Kentenich im Gespräch
Prof. Dr. Heribert Kentenich vom Fertility Center Berlin (r.) mit dem Moderator Michael Lange (Foto: Leopoldina/Bartz)

Not und Unterstützung

Zu Beginn der Podiumsdiskussion der Leopoldina Lecture verdeutlicht Moderator und Wissenschaftsjournalist Michael Lange nochmals die Dimensionen des Themas: "Jährlich kommen 17.000 bis 20.000 Kinder in Deutschland allein durch In-vitro-Fertilisation zur Welt – das bedeutet, dass heute in fast jeder Schulklasse eines sitzt."

Prof. Dr. Heribert Kentenich ergänzt, die natürliche Fortpflanzung funktioniere bei etwa 90 Prozent aller Paare sehr gut. Er ist Gynäkologe und leitet die Kinderwunsch-Praxis Fertility Center Berlin. "Wer allerdings ungewollt kinderlos bleibe, könne darunter sehr leiden", sagt er. Dennoch seien seine Möglichkeiten in Deutschland eingeschränkt: "Manchmal können wir zumindest zu Möglichkeiten in anderen Ländern beraten, aber bei Methoden, die in Deutschland verboten sind, ist uns auch eine Beratung nicht erlaubt." Kentenich hält einige Regelungen und Modelle aus Nachbarländern für übertragbar. Zum Beispiel sei in Belgien die Finanzierung von In-vitro-Fertilisation an ein maximales Alter und eine möglichst niedrige Zahl von übertragenen Embryonen gebunden.

Prof. Dr. Jochen Taupitz
Prof. Dr. Jochen Taupitz, Universität Mannheim (Foto: Leopoldina/Bartz)

Schutz und Wahlmöglichkeiten

"In Deutschland wird das Leben von wenige Tage alten Embryonen geschützt – auf Kosten der schwangeren Frauen und ihrer Kinder", gibt Wiesemann zu bedenken. Zugleich könne aber jeder in vitro gezeugte Embryo verworfen werden, wenn das betroffene Paar keine weitere Behandlung mehr wünscht. Auch bei der Präimplantationsdiagnostik erlaube der Gesetzgeber ja seit einem Urteil des Bundesgerichtshofs im Jahr 2012 eine Auswahl gesunder Embryonen, ergänzt Taupitz. "Auch zu einem späteren Zeitpunkt kommt es bei Mehrlingsschwangerschaften unter Umständen zu gezielten Tötungen von Föten, um den anderen bessere Überlebenschancen zu bieten", sagt er. Die Auswahl so nach hinten zu verschieben, hält er für paradox. Einerseits müsse sich der Gesetzgeber in Deutschland einer historischen Verantwortung stellen: "Seit der Selektion "lebensunwerter" Menschen im Nationalsozialismus sind uns die Gefahren bewusst."

Andererseits sei das Embryonenschutzgesetz vor 30 Jahren als Strafgesetz mit Verboten und Sanktionen formuliert worden, weil es nur so zu einem Bundesgesetz werden konnte. "Es bietet deshalb keinen Auslegungsspielraum", erläutert Taupitz. Inzwischen hätte der Bundesgesetzgeber die Kompetenz für andere Lösungen: "Es traut sich nur niemand an ein solches Gesetz heran." Wiesemann ist sicher: "Wenn ein Land geeignete Rahmenbedingungen schafft, kann sich auch eine Technik wie die Eizellspende sozial verträglich entwickeln." Großbritannien habe dafür eine eigene Behörde eingerichtet, die auch die Forschung beaufsichtige und die Auswirkungen der Techniken regelmäßig evaluiere. Kentenich ergänzt, dort sei auch die Leihmutterschaft gut geregelt, ein Verfahren, bei dem ein vergleichbar hohes Missbrauchspotenzial besteht: "Das Honorar für Leihmütter ist gedeckelt, und sie können sich bis zuletzt anders entscheiden." Selbstbestimmung sei in einem solchen Fall zentral, so Kentenich.

Podium bei der Leopoldina Lecture am 5. Februar 2019
Michael Lange, Prof. Dr. Heribert Kentenich, Prof. Dr. Claudia Wiesemann und Prof. Dr. Jochen Taupitz (v. l.) auf dem Podium der Leopoldina Lecture zum Thema Fortpflanzungsmedizin (Foto: Leopoldina/Bartz)

Maßstäbe und Flexibilität

In der Diskussion mit dem Publikum wird unter anderem die Frage nach einer Altersbeschränkung bei Eizellspenden kontrovers erörtert. Kentenich plädiert für ein maximales Alter von 50 Jahren bei Empfängerinnen: "Eine Schwangerschaft im fortgeschrittenen Alter kann zu gesundheitlichen Problemen wie Bluthochdruck führen." Wiesemann ärgert sich hingegen über zweierlei Maßstäbe bei den Geschlechtern: "Siebzigjährige Männer, die noch Väter werden, dürfen stolz sein, aber späte Mütter sollen sich schämen?" Die Gesundheit im Alter nehme zu – da sei jedenfalls Flexibilität bei den Regelungen angebracht. 

Unter den Besucherinnen und Besuchern der Veranstaltung befinden sich zahlreiche Profis. Eine Ärztin berichtet aus eigener Erfahrung, dass die verbindliche Beratung bei In-vitro-Fertilisation oft vernachlässigt werde. Kentenich plädiert für eine unabhängige psychosoziale zusätzlich zur ärztlichen Beratung.

Fronten und Diskurse

Gegen Ende der Diskussion meldet sich Prof. Dr. Karsten Scholz aus dem Publikum zu Wort, Justiziar der Ärztekammer Niedersachsen. Er fragt, wann sich der Bundestag mit dem Thema beschäftigen werde: "Mehrere Deutsche Ärztetage haben das bereits gefordert." Taupitz hofft auf baldige Erfolge: "Steter Tropfen höhlt den Stein." Das Thema sei eben schwer zu fassen und mit Ängsten behaftet. "Die Fronten verlaufen quer durch die Parteien, deshalb lässt sich daraus kein parteipolitisches Potenzial schlagen", so Taupitz.

Auch Dr. Thela Wernstedt meldet sich zu Wort. Sie ist Ärztin und als niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete Mitglied im Ausschuss für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung. Alle niedersächsischen Fraktionen seien sich über die Bedeutung eines Diskurses einig: "Wir werden die Bundespolitik sensibilisieren und in Bewegung versetzen." Taupitz weist darauf hin, dass ein Ergebnis schwer vorherzusagen sei. Und Kentenich fasst zusammen: "Wir brauchen eine offene Diskussion ohne Scheuklappen auf hohem ethischem Niveau."

Von Thomas Kaestle