Flucht oder Konfrontation: Vom Umgang mit Komplexität

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Warum haben Menschen Angst vor dem Unbekannten oder Unbegreiflichen? Wie lassen sich Gefahren des Neuen in einer reizüberfluteten Welt einschätzen und vermeiden?

Herrenhäuser Forum über die Angst vor dem Unbekannten.
Das Herrenhäuser Forum über die Angst vor dem neuen war komplett ausgebucht, selbst Stehplätze waren rar. (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Veranstaltungsbericht zum 34. Herrenhäuser Forum der VolkswagenStiftung im Schloss Herrenhausen am 30. Januar 2018

"Neues wagen? Unsere Angst vor dem Unbekannten" mit Prof. Dr. Borwin Bandelow, Sibylle Lewitscharoff, Prof. Dr. Elke Seefried, Volker Stollorz und Steve Ayan (Moderation).

Frankenstein und Gesellschaft

Eine der berühmtesten Metaphern für die Gefahren wissenschaftlicher Grenzüberschreitung wurde vor wenigen Wochen 200 Jahre alt: Am 1. Januar des Jahres 1818 erschien der Erstlingsroman der erst zwanzigjährigen Mary Shelley, zunächst anonym. "Frankenstein oder Der neue Prometheus" sollte er später in deutscher Übersetzung heißen. Nicht nur nach den Risiken unkontrollierten Fortschritts fragt die Geschichte von Viktor Frankenstein, einem Studenten der Naturwissenschaften an der Universität Ingolstadt, der aus toten Körpern ein menschliches Wesen zum Leben erweckt – sondern auch nach dem angemessenen Umgang der Gesellschaft mit wissenschaftlichen Ergebnissen. "Das Geschöpf wird erst durch die erfahrene Ablehnung böse und gewalttätig", gibt Steve Ayan zu bedenken. Er ist Redakteur beim Verlag „Spektrum der Wissenschaft“ und Moderator des Herrenhäuser Forums zur Angst vor dem Unbekannten.

Schrecken und Skepsis

"Malen wir zu schnell den Teufel an die Wand?", fragt er im Podiumsgespräch die Religionswissenschaftlerin und Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die sich durch Romane und Vorträge den Ruf einer scharfzüngigen Fortschrittsskeptikerin erwarb. "Die Erlösung soll nicht allzu leicht zu haben sein, Furcht und Schrecken müssen immer mitgedacht werden", sagte sie beim Antritt der Poetik-Dozentur an der Universität Koblenz-Landau im Jahr 2014. Die Worte des fiktiven Viktor Frankenstein könnten also ihre Zustimmung finden: "Ich gab mein Herz auf der Suche nach Weisheit und fand nur Wahnsinn und Torheit. Und ich erkannte, dass alles nur Eitelkeit ist und die Seele quält.” Der Frage des Moderators dieses Abends verweigert sie sich jedoch: "Ich habe den Roman nie gelesen, kann dazu also auch nichts sagen." Es ist eine Verweigerung der Spekulation auf der Basis von Literaturgeschichte und Kritik einerseits. Und die Verweigerung von Kommunikation angesichts einer unerwünschten Konfrontation andererseits.

Sibylle Lewitscharoff auf dem Herrenhäuser Forum über die Angst vor dem Unbekannten.
Die Erlösung soll nicht allzu leicht zu haben sein, Furcht und Schrecken müssen immer mitgedacht werden, sagt Sibylle Lewitscharoff. (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Überschaubarkeit und Weltzusammenhang

Diese Konsequenz korrespondiert mit der generellen Haltung, die Sibylle Lewitscharoff zum Thema einnimmt. Sie berichtet von Zeiten, in denen sie sich dem Weltgeschehen durch eingeschränkte Kommunikation entzog: "Die heutige Flut von Informationen führt eher zu Überforderung, Verunsicherung und Apathie." Sie habe immer öfter Lust, sie abzuschalten. "Ich fühle mich in der Welt nicht mehr behaust", bekennt sie resigniert und sehnt sich nach der Überschaubarkeit der Bonner Republik zurück – einer Zeit vor wesentlichen Grenzüberschreitungen der Globalisierung. "Der wachsende Weltzusammenhang mit seinen möglichen Katastrophen drückt aufs Hirn", sagt sie und macht gesellschaftliches Angstpotential in einem zu großen Entscheidungsspektrum aus: "Das immer freiere Leben hat Tücken, weil es weniger soziale Stabilität bietet." Das Erleben von Komplexität, zu der auch wissenschaftlicher und technischer Fortschritt beitragen, scheint für Lewitscharoff vor allem bedrohlich zu sein.

Technik und Folgenabschätzung

Mit der Entscheidung, eine Schriftstellerin einzuladen, habe sie durchaus auch Neues gewagt, kommentierte Katja Ebeling von der VolkswagenStiftung zuvor bereits in ihrer Begrüßung. Zugleich passt der Schritt gut zum Anspruch, frühzeitig einen begleitenden Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu ermöglichen, um so Ängste vor Fortschritt zu nehmen – aber auch ernst zu nehmen. "In einer Zeit der "Fake News" ist es wesentlich, Debatten mit wissenschaftlichen Positionen anzureichern", so Ebeling. Das Podium vereint sehr unterschiedliche Zugänge zur Frage nach dem Umgang mit Unbekanntem. Prof. Dr. Elke Seefried ist Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte in München und Berlin. Sie zeigt auf, wie sich Phasen der Skepsis gegenüber technischen Fortschritten mit solchen der Euphorie abwechseln. Heute gehe es vermehrt um eine Technikfolgen-Abschätzung: "Welche Technologie setzen wir wie ein – und wo liegen die Grenzen?"

Immunsystem und Angstsysteme

Volker Stollorz ist Wissenschaftsjournalist und arbeitet für das Science Media Center in Köln. Er betrachtet Wissenschaft als "Werkstatt des Möglichen" und Technologie als "Kunst des Lösbaren". "Sie können beide einschränken und befreien", so Stollorz. Wissenschaftsjournalismus sei das Immunsystem der Gesellschaft: "Er springt an, wenn etwas Neues, Unverstandenes ins System gerät." Dann sei gemeinschaftlich zu fragen: "Was ist möglich? Wollen wir das? Welche Risiken gehen wir ein?" Prof. Dr. Borwin Bandelow ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen und Vorsitzender der Gesellschaft für Angstforschung. "Die Kategorien der häufigsten Ängste haben sich verschoben", erklärt er in einem Impulsvortrag. An die Stelle greifbarer Bedrohungen wie der Altersarmut seien abstraktere wie die des Terrorismus getreten. Am Beispiel der Flugangst erläutert Bandelow Urängste des Menschen wie die Höhenangst: "Das primitive Angstsystem im Gehirn ist winzig, aber stark", sagt er und fügt an: "Es weiß allerdings nichts von Statistik."

Dr. Borwin Bandelow auf dem Herrenhäuser Forum über Angst vor dem Unbekannten.
Ängste sind sehr subjektiv, erklärt Dr. Borwin Bandelow ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen. (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Bedenkenträger und Unbekümmerte

"Ängste sind sehr subjektiv", so Prof. Dr. Borwin Bandelow. Die Angst vor neuen Gefahren sei dabei unverhältnismäßig größer als die vor bekannten. Jedes Jahr forderten Hitzewellen in Deutschland etwa 20.000 Tote. Die Angst davor sei jedoch wenig präsent: "Wir arbeiten durch falsche Ernährung und mangelnde Bewegung sogar darauf hin." Im Jahr 2016 seien insgesamt elf US-Amerikaner durch Islamisten getötet worden – hingegen 11.737 durch Schusswaffenmissbrauch. "Die Waffenlobby wird von der Regierung aber sogar noch unterstützt", kommentiert Bandelow. In Europa sei ein Nord-Süd-Gefälle der Angst festzustellen: "In nördlichen Ländern gibt es mehr Sicherheitswarnungen, Versicherungen oder Sparkonten, aber weniger Verkehrstote." Das sei auf die Völkerwanderung zurückzuführen, so Bandelow: "Angst war ein Überlebensvorteil im raueren Klima – die Bedenkenträger sammelten Vorräte, die Unbekümmerten starben."

Fehleinschätzung und Raketenmotor

Prof. Dr. Borwin Bandelow benennt einige Schlüsse aus der Neuen Erwartungstheorie, welche die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky im Jahr 1979 veröffentlichten: "Unsichere Situationen führen zu Fehleinschätzungen, unwahrscheinliche Ereignisse werden überbewertet und Verluste schmerzen mehr als Gewinne erleichtern." Zudem kosteten kleine Entscheidungen mehr Zeit als große – fielen aber leichter mit Verlustangst. "Angst kann ein Raketenmotor für Erfolg sein", erklärt Bandelow. Das Yerkes-Dodson-Gesetz von 1908 beschreibe die kognitive Leistungsfähigkeit in Abhängigkeit von unterschiedlichen allgemeinen nervösen Erregungsniveaus: "Bei mittlerer Angst erzielen Sie das beste Ergebnis." Bandelow nennt Beispiele: "Bill Gates und Warren Buffett litten als Kinder an sozialer Phobie – der Angst kritisiert zu werden –, leisteten aber Großes."

Lebenswelten und Prestigeprojekte

Prof. Dr. Elke Seefried erläutert in ihrem Impulsvortrag die wechselnde Bewertung technischer und wissenschaftlicher Innovationen seit der so genannten europäischen "Hochmoderne" um das Jahr 1900. Die habe zunächst einen wesentlichen Schub an Technisierung und Verwissenschaftlichung mit sich gebracht. "Telefon, Auto, oder Elektrizität haben Lebenswelten verändert." Die beiden Weltkriege haben zwar Wissenschaft und Technik beschleunigt – aber auch mit Angst und Schrecken aufgeladen. Die Sechzigerjahre schließlich gälten als Jahrzehnt der Technik: "Potenziale und Chancen standen im Vordergrund, das Wirtschaftswunder sorgte für finanzielle Spielräume." Im Kalten Krieg seien dann in Projekten mit politischer Bedeutung Wissenschaftler(innen) in Großforschungsinstitutionen gefördert worden. Kybernetik, Kernkraft oder Raumfahrt wurden zu Prestigeprojekten. Vor allem in Deutschland sei eine anfängliche Atomeuphorie jedoch seit der Entwicklung alternativer Wertvorstellungen 1968 zunehmend in einen reflektierteren Umgang mit Technik umgeschlagen.

Prof. Dr. Elke Seefried auf dem Herrenhäuser Forum über die Angst vor dem Unbekannten.
Technisierung werde als Entmenschlichung wahrgenommen, berichtet Prof. Dr. Elke Seefried, stellvertretende Direktorin des Instituts für Zeitgeschichte in München und Berlin. (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Wende und Zäsur

"Die ökologische Revolution seit den Siebzigerjahren brachte eine veränderte Wahrnehmung von Umwelt und globalen Ökosystemen mit sich", so Prof. Dr. Elke Seefried. 1972 habe die – von der VolkswagenStiftung geförderte – Studie "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome eine radikale Wende in der Ausbeutung des Planeten gefordert und damit das Fortschrittsverständnis verändert. Technisierung sei außerdem zunehmend als Entmenschlichung wahrgenommen worden, zugleich habe der Zukunftsforscher Robert Jung vor den Auswirkungen von Risikotechnologien gewarnt. Die Einrichtung eines Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag im Jahr 1990 gehe auf Initiativen der Siebzigerjahre zurück. "Außerdem wirkt in Deutschland der Nationalsozialismus mit seiner nicht an moralischen Werten gemessenen Nutzung von Technik als Zäsur nach", erläutert Seefried.

Komplexität und Steuerung

Volker Stollorz benennt aktuelle Herausforderungen eines globalen Umgangs mit technischen und wissenschaftlichen Innovationen: Komplexe Phänomene wie der Klimawandel seien nicht unmittelbar nachvollziehbar: "Ohne die Wissenschaft würden wir lediglich eine Zunahme von Wetterphänomenen wahrnehmen." Es gelte, Bedrohungen sichtbar zu machen und zu vermitteln. "Journalismus konfrontiert die Wissenschaft mit den Erwartungen der Gesellschaft", erläutert Stollorz sein Selbstverständnis: "Er kann Gefahren aufzeigen und Szenarien entwerfen." Vertrauen entstehe beim Laien durch den Eindruck von Kompetenz, Integrität und eines Beitrags zum Allgemeinwohl seitens der Wissenschaft. Berichterstattung komme da einer Kontrolle gleich. Zugleich schwinde die Möglichkeit einer direkten Reaktion bei immer komplexeren Problemen: "Wir müssen uns den Entscheidungen von Regierungen unterwerfen", sagt Stollorz und benennt das Problem globaler Steuerung: "Eine Weltregierung, die wie bei Immanuel Kant weise und klug den Planeten managt, ist eine Utopie."

Volker Stollorz Herrenhäuser Forum über die Angst vor dem Unbekannten.
Lebensrealitäten verändern sich, so der Wissenschaftsjournalist Volker Stollorz. (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Freiheit und Investition

Immer mehr Innovationen würden unabhängig von demokratischen Prozessen auf den Weg gebracht, so Volker Stollorz: "Dabei verändern sich Lebensrealitäten." Welterfahrung werde durch Wissenschaft immer wieder mit Umbrüchen konfrontiert. "Als Galileo Galilei herausfand, dass die Erde sich um die Sonne dreht, war das konträr zu Weltwissen und kollektivem Gefühl", erinnert Stollorz. Und ergänzt: "Wir müssen bei allen Bedenken der Wissenschaft die Freiheit einräumen, Perspektiven zu hinterfragen." Entscheidend sei der Maßstab: "Wissenschaft ist ein Erbauer und Zerstörer von Welten." Stollorz verweist auf ein Interview, das Ralf Krauter vor wenigen Tagen für den Deutschlandfunk mit dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Dr. Martin Stratmann, führte. "Wissenschaft lebt von dem Unerwarteten", sagt dieser. Und führt aus: "[…] wir plädieren für eine Agentur für Sprunginnovationen […], die genau das zum Ziel hat: nämlich das Unerwartete zu identifizieren und im Sinne der Nutzung auch zu fördern." Als Ziel benennt Stratmann: "Das Unbekannte wollen, in das Unbekannte investieren, und wenn es nicht funktioniert, möglichst schnell aufhören […]."

Erbe und Sinn

"Es gibt eine Kultur, Neues als gefährlich darzustellen", erinnert Prof. Dr. Borwin Bandelow in der Diskussion. Bei der Einführung der Eisenbahn sei zum Beispiel gewarnt worden, der Mensch könne Geschwindigkeiten von über 25 km/h auf Dauer nicht überleben. Auch heute werde vor Dingen gewarnt, die eines Tages unser Leben schrecklicher machen werden. "Immer wieder wollen Journalisten von mir hören, dass wir in einer Zeit leben, in der die Ängste zunehmen", sagt Bandelow. Im Grunde sei das Ausmaß der Angst jedoch über die Jahrtausende gleich geblieben. Es habe immer schon globale Bedrohungen gegeben: "Ich erinnere mich, wie wir während der Kubakrise gebannt vor dem Radio saßen und Angst hatten." Gut die Hälfte der Ängste sei vererbt, so Bandelow: "Eine Erfahrung, die ich nicht überlebe, nutzt mir ja nichts." Der Rest sei auf Umwelteinflüsse wie Erziehung, Milieu oder Zeitgeschichte zurückzuführen. "Ängste zu haben ist oft sinnvoll, sonst würden wir den Tag nicht überleben", ist Bandelow überzeugt. Und relativiert: "Weder nur mit Draufgängern noch nur mit Bedenkenträgern würde sich die Welt weiterdrehen."

Thomas Kaestle