Einfach helfen? Gar nicht so einfach!

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Kriege und die Klimakatastrophe, wir leben in einem Zeitalter sich überlappender Krisen – humanitäre Hilfe ist nötiger denn je. Aber wie kann man effektiv helfen? Welche Motive stehen hinter dem Helfen und entscheiden, wo wir helfen wir, wo nicht? Es sind vor allem zwei Elemente, die die vier Expert:innen auf dem Podium des Herrenhäuser Forums als Auslöser für Hilfe ausmachen: Aufmerksamkeit und Nähe.

Die Bilder aus der Ukraine, das Leid der Flüchtlinge, haben in Deutschland eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Gleichzeitig tobt in der äthiopischen Region Tigray ein mörderischer Krieg, werden Flüchtlinge an der bosnischen Grenze oder auf der griechischen Insel Lesbos menschenunwürdig behandelt – das Interesse der deutschen Öffentlichkeit? Nahezu null. Humanitäre Hilfe ist und war nie gerecht verteilt. Niemand auf dem Podium oder im Publikum missgönnt den Ukrainerinnen und Ukrainern die Hilfe, die ihnen zuteilwird. Aber sie sind ein aktuelles Beispiel dafür, wie unterschiedlich wir Hilfsbedürftigkeit erkennen, definieren und dann helfen.

Videomitschnitt der Veranstaltung

Humanitäres Handeln in der Krise – Wie können wir noch helfen?
Prof. Dr. Gerhard Trabert sitzt auf einem Podium
Prof. Dr. Gerhard Trabert ist der Ansicht, dass ausreichend Geld vorhanden ist, nur die Verteilung stimmt nicht. (Foto: Philip Bartz/VolkswagenStiftung)

Humanitäre Hilfe ist eine Verteilungsfrage

Der Gründer des Vereins "Armut und Gesundheit in Deutschland", Prof. Dr. Gerhard Trabert, sagte, es sei zwar "immer schwieriger, humanitäre Hilfe zu finanzieren", aber dies sei keine Frage des Geldes. "Wir haben genug Geld." 2022 habe es 70.000 zusätzliche Millionär:innen in Deutschland gegeben. Deutschland sei ein reiches Land, es handele sich vielmehr um eine Verteilungsfrage. Anschließend wies der Mediziner auf einen aus seiner Sicht enorm wichtigen Zusammenhang hin: Humanitäre Hilfe sei elementar, wenn es um den Schutz der Demokratie gehe. Armutsbekämpfung habe einen stabilisierenden Effekt und mache die Menschen unempfänglicher gegenüber Populist:innen. Trabert: "Humanität ist die Basis einer jeglichen Demokratie. Soziale Gerechtigkeit ist die Bewährungsprobe einer Demokratie."

Es sei gut, dass Deutschland Menschen aus der Ukraine aufnehmen, aber das müsse auch für andere Flüchtlinge gelten. Es dürfe keine Mehrklassengesellschaft von Flüchtlingen geben, forderte Trabert. Der Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie warnte davor, bedürftige Menschen gegeneinander auszuspielen, also beispielsweise einen wohnungslosen Deutschen gegen eine Frau aus Somalia. "Die Menschenrechte gelten für alle." Man helfe gern in dem eigenen kulturellen Kontext – weil man ihn verstehe, so ein Erklärungsansatz von Andrea Struwe für die Fokussierung auf europäische Flüchtlingsströme.

Prof. Dr. Esther Möller sitzt auf einem Podium.
Prof. Dr. Esther Möller erinnert daran, dass viele arabische Staaten nicht nur Empfänger von Hilfe sind, sondern auch selbst im großen Maßstab helfen. (Foto: Philip Bartz/VolkwagenStiftung)

Ägypten schickte Hilfspakete nach Polen und Ungarn

Zwei weitere Aspekte humanitärer Hilfe brachte Prof. Dr. Esther Möller, Gastprofessorin an der Science Po in Paris ins Spiel: Wer hilft, schafft Souveränität und mehrt sein Selbstbewusstsein. Die Historikerin erinnerte daran, dass viele Gesellschaften und Menschen in der arabischen Welt nicht nur Empfänger:innen von Hilfe sind, sondern auch selbst helfen, aufbauend auf die islamische und christliche Tradition der Wohltätigkeit. Ein Beispiel sei Ägypten unter britischer Kolonialherrschaft gewesen, wo das Land zwar unterdrückt, aber trotzdem humanitär tätig war und so eine gewisse Selbstbestätigung als Nation erfuhr. Ägypten habe in der Vergangenheit nicht nur palästinensischen Geflüchteten geholfen, sondern – eine Episode, die in Europa weitgehend in Vergessenheit geraten ist – im Zweiten Weltkrieg sogar Hilfspakete nach Polen und Ungarn geschickt, so Möller. 

Unterschiedliche Maßstäbe

Trabert und Struwe berichteten aus eigener Anschauung, welch unterschiedliche Maßstäbe unsere Gesellschaft bei Flüchtlingen anlegt. Während wir relativ intensiv auf die Ukraine schauen, finden die desolaten Zustände der Flüchtlinge in Bosnien oder auf den ägäischen Inseln fast keinen öffentlichen Widerhall. Trabert erzählte, dass es auf Lesbos sehr viele Menschen mit körperlichen Einschränkungen gesehen habe, die aus Kriegsgebieten nach Europa gekommen sind. Im Prinzip könnten sich diese Menschen als "vulnerabel" einstufen lassen und so leichter Zugang zum europäischen Festland bekommen – wie etwa Minderjährige. "In der Theorie gibt es das, aber in der Praxis ist das ungeheuer schwierig", schränkte die Juristin Andrea Struwe aus eigener Erfahrung diese Möglichkeit allerdings ein.

 Prof. Dr. Johannes Paulmann sitzt auf einem Podium.
Humanitäre Hilfe ist häufig mit anderen Interessen verbunden, sagt Prof. Dr. Johannes Paulmann. (Foto: Philip Bartz/VolkswagenStiftung)

Katharina Stornig wollte von den Expert:innen eine Einschätzung, wie unabhängig humanitäre Hilfe sei kann. Wer entscheidet, wem geholfen wird? Welche Motive liegen der Hilfe zugrunde? Historiker Paulmann erinnerte an die Missionsbewegung im 19. Jahrhundert und schloss daraus: "Humanitäre Hilfe ist häufig mit anderen Interessen verbunden." Bei den Missionaren war es ein religiöses Interesse, oft handele es aber auch um politisches Motive. "Nebenmotive lassen sich nie ausschließen." Esther Möller bezweifelte prinzipiell die Unparteilichkeit großer Hilfsorganisationen, da der Hilfe so gut wie immer Absprachen mit Regierungsstellen vorausgingen. 

Nicht alle Motive sind edel

Gerhard Trabert fand es "interessant", dass in Europa der christliche Aspekt immer noch eine Rolle spiele. Das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos werde unter anderem von Vertreter:innen der sehr religiösen "Amish People" gestaltet. Wer mit einer Bibel in der Schlange zur Essensausgabe stehe, genieße offensichtlich eine Bevorzugung. "Das darf es nicht geben", stellte Trabert kategorisch fest. Es gelte, bei der Hilfe religiöse Kategorien zu überwinden, weil solche Kategorien Hilfe nur einschränkten. Andrea Struwe nannte humanitäre Hilfe mit Nebenmotiven "keine Hilfe". Sie plädierte für die Mitwirkung von Einheimischen bei der Organisation von Hilfe, es brauche migrantische Hilfe und migrantische Organisationen, um effektiv helfen zu können. Und: "Es braucht Dialog und Brücken."

Welche Strukturen werden genutzt?

Ein Dilemma humanitärer Hilfe ist die Frage, welcher Strukturen man sich vor Ort bedient und wessen Machtposition man damit stärkt. "Es ist immer eine Gratwanderung. Welche der Ideale der humanitären Hilfe verletze ich, um Menschen zu erreichen?", fragte Gerhard Trabert rhetorisch in die Runde. Johannes Paulmann gab zu bedenken, dass – soll Hilfe ihr Ziel erreichen – man stets lokale Strukturen nutzen müsse, die eben immer auch Machtstrukturen seien. Manchmal stoßen selbst lokale Hilfsorganisationen wegen zu großer Nähe zu ungeliebten Machthabern auf Skepsis. Esther Möller nannte als Beispiel die Aktivitäten des Roten Halbmonds in Ägypten während des Arabischen Frühlings 2011. Dort sei der Hilfsorganisation eine zu große Nähe zum Mubarak-Regime vorgeworfen worden, so Möller. Im besten Fall verändern Hilfsorganisationen Versorgungsstrukturen im betreffenden Land, fasste Trabert zusammen. Aber die Manifestierung von Unrechtsstrukturen durch Hilfsorganisationen – "das wird viel zu wenig diskutiert, wenn es um Hilfe geht", so der Mediziner.

Dr. Andrea Struwe ist einem Podium per Videocall zugeschaltet.
Dr. Andrea Struwe sieht eine klare politische Verantwortung Deutschlands, Ortskräften in Afghanistan zu helfen. (Foto: Philip Bartz/VolkswagenStiftung)

Das Versagen bei der Seenotrettung

Wie steht es um die Verantwortung von Staaten wie Deutschland oder einem Staatenbund wie Europa, wenn es um die Rettung von Flüchtlingen geht? Andrea Struwe unterstützt Ortskräfte aus Afghanistan, die von den Taliban verfolgt werden und sich um Aufnahme in Deutschland bemühen. Die Juristin sieht eine "klare politische Verantwortung Deutschlands", diesen Menschen zu helfen. Sie sieht aber auch eine Abwehrhaltung des Staates, ein komplett intransparentes Verfahren. Sie finde das "mehr als unverantwortlich", auch moralisch, aber: Der rechtliche Rahmen sehe so aus, dass Deutschland nicht verpflichtet sei, Verfolgte aufzunehmen. Gleiches gelte für die Seenotrettung im Mittelmeer. "Wir erklären uns juristisch für nicht verantwortlich."

Es hätte ein sehr pessimistischer Ausklang des Abends werden können, Deutschland kümmert sich nur um die Flüchtlinge, die uns kulturell nah zu sein scheinen und vergisst seine ehemaligen Helfer:innen am Hindukusch, bei der Seenotrettung Geflüchteter versagt Gesamt-Europa und verhält sich "absolut ignorant", wie Gerhard Trabert es bezeichnete. Dazu geraten Helfer:innen durch Rechtspopulisten immer mehr unter Druck, und Kriegsparteien zerstören unter Missachtung jeglichen Völkerrechts zivile Versorgungsstrukturen wie Schulen und Krankenhäuser – mitten in Europa.

Aber am Ende steht aber das Bekenntnis der Diskutant:innen, weiterzumachen. Menschen mit Hilfe dazu zu befähigen, ihr Leben selbst zu gestalten. Zusammenzuarbeiten für eine gerechtere Welt. Und Verständnis für Migration zu schaffen, wie Kerstin Struwe eindringlich forderte. Das gefühlte, aufmunternde Schlusswort sprach Gerhard Trabert: "Wir dürfen nicht aufgeben, nicht schwach werden."

Von Bruno Brauer