Die "Grenzen des Wachstums" sind erreicht - wie geht es weiter?

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Technischer Fortschritt und Dekarbonisierung reichen nicht mehr aus, um die Klimawende zu erreichen. Gefragt ist ein sozialer und kultureller Wandel. Darin waren sich die Expert:innen im Herrenhäuser Forum zur Wirkung der Studie "Grenzen des Wachstums" einig.

5 Menschen sitzen auf einer Bühne.
Vor 50 Jahren bewilligte die VolkswagenStiftung ihr populärstes Forschungsprojekt: die Studie "Die Grenzen des Wachstums". Wurde sie zu lange ignoriert? Was jetzt zu tun ist, diskutierten Expert:innen am 8. Juni 2022 in Hannover. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Vor 50 Jahren veröffentlichte der Club of Rome die Studie "Grenzen des Wachstums", finanziert von der VolkswagenStiftung. Damals war es den Forschenden um Dennis Meadows gelungen, erstmals eine dynamische Systemtheorie aufzustellen. Das interdisziplinäre Team nahm fünf globale Trends in den Blick und rechnete verschiedene Szenarien dafür durch: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung der Rohstoffreserven und Zerstörung von Lebensraum. Würden diese unverändert anhalten, so der Befund, würden die absoluten Wachstumsgrenzen der Erde binnen hundert Jahre erreicht werden. 

Die Bestseller-Studie wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Ihre Ergebnisse hatten "große gesellschaftliche Durchschlagskraft", sagte Georg Schütte, Generalsekretär der VolkswagenStiftung zu Beginn des Herrenhäuser Forums 50 Jahre "Grenzen des Wachstums": Prominent ignoriert?!. Seither seien die Szenarien differenzierter, die Modelle präziser geworden. Aber, so stellte Schütte fest, "die Risiken, die damals formuliert wurden, sind bedrückender denn je." Heute gehe es nicht nur darum, die Herausforderungen für den globalen Norden zu beschreiben, sondern die globale Ungleichverteilung von Chancen und Risiken zu adressieren. 

Videomitschnitt der Veranstaltung:

Prominent ignoriert?! 50 Jahre Grenzen des Wachstums
Mojib Latif spricht auf einer Bühne.
Prof. Dr. Mojib Latif, forscht am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft des CLUB OF ROME. (Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Es ist bereits "nach 12"

Prof. Dr. Mojib Latif, Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, erklärte, dass die Grundthesen der Studie Grenzen des Wachstums richtig gewesen seien. Trotzdem sei gerade in der Frage des Klimaschutzes deutlich zu sehen, dass sich nichts geändert habe. Die Konzentration des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre steige weiterhin ungebremst an: "Man kann nicht mehr sagen, es ist fünf vor zwölf, es ist nach zwölf." Denn die kaum noch abwendbare Erderwärmung von 1,1 bis 1,2 Grad sei bereits zu viel.

Einen Grund für die unzureichende Reaktion auf die Ergebnisse der Studie sieht Prof. Dr. Harald Welzer, Direktor des Norbert Elias Center for Transformation Design & Research der Europa-Universität Flensburg, darin, dass das "auf Wachstum gebaute" Wirtschaftssystem, "also die Organisation unseres Stoffwechsels, sich nicht nur nicht verändert, sondern globalisiert hat." Solange diese Organisation sich nicht verändere, solange werde die Ressourcenplünderung anhalten. 

Veränderung von unten

Tanja Brumbauer, Gründerin und Geschäftsführerin des Next Economy Lab wies darauf hin, dass es für Veränderung einen "sozialen Umraum" brauche, in dem Menschen "anders leben und arbeiten können". Es sei nicht der einzelne Mensch, der etwas verändere, sondern es brauche viele Menschen, die sich gegenseitig motivieren. Beispielsweise könne die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie mit sozialen und ökologischen Faktoren in Bürgerräten oder Zukunftswerkstätten stattfinden, um in Kommunen und Unternehmen entsprechende Veränderungen in einem komplexen Umfeld zu erreichen. In Unternehmen könnten Gewerkschaften die Transformation "von unten" vorantreiben und eine politische Sichtbarkeit derjenigen herstellen, deren Arbeitsplätze durch die Veränderungen bedroht seien.

Eine Frau sitzt auf einer Bühne und spricht in ein Mikrophon.
Laut Tanja Brumbauer, Gründerin und Geschäftsführerin des Next Economy Lab, brauche es für Veränderung einen "sozialen Umraum", in dem Menschen "anders leben und arbeiten können" (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Noura Hammouda von der BUND Jugend Nordrhein-Westfalen betonte, dass unter jungen Menschen bereits das Bewusstsein bestehe, "dass wir anders produzieren müssen", anders sei Nachhaltigkeit nicht zu erreichen. Die Lösungen für die gegenwärtigen Krisen könnten nicht nur aus der Wissenschaft, sondern müssten auch aus der Zivilgesellschaft kommen. Veränderungsansätze kämen, so Hammouda, "von denen, die immer wieder an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden". Das Konzept der Klimagerechtigkeit etwa seit von indigenen Widerstandsbewegungen entwickelt worden, die gegen Landnahme und Kapitalismus Widerstand leisteten.

Wenige, aber mächtige Akteure blockieren

Ein Problem sieht Mojib Latif darin, dass eine kleine, aber politisch einflussreiche Minderheit Veränderungen in Richtung Nachhaltigkeit noch immer blockieren könne. Die Politik dürfe hier keine Rücksicht auf diejenigen nehmen, die sich radikal dem Klimaschutz verweigerten. Die Ungerechtigkeit, die viele Menschen in Deutschland, aber auch auf der ganzen Welt erfahren, dürfe nicht ruhig hingenommen werden. Das Beispiel der erfolgreichen Klimaklagen vor dem Bundesverfassungsgericht zeige, dass Erfolg möglich sei.

Auch Harald Welzer wies auf die Blockaden von Akteuren hin, deren Geschäftsmodell auf permanenter Expansion basiere. Die Botschaft der Studie Grenzen des Wachstums werde noch immer nicht "in der Vitalität des Denkens und Handelns übersetzt". So werde beispielsweise nicht thematisiert, dass der Ukraine-Krieg auch ein ökologisches Verbrechen sei, das als völkerrechtswidrig geahndet werden könne. Maßnahmen der Regierung wie Tankrabatte seien "anti-aufklärerisch" und "antidemokratisch". Dass Mobilität einen wesentlichen Teil zur Verschärfung der Klimakrise beiträgt, sei längst wissenschaftlich bewiesen. Trotzdem schafft die Regierung neue Anreize, Auto zu fahren.

Auf einer Bühne sitzen Menschen, ein Mensch ist auf einem Bildschirm zu sehen.
Harald Welzer (rechts im Bild) schaltete sich digital in die Podiumsdiskussion. (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Es fehlt ein Kapitalismus, der dem Gemeinwohl dient

Die soziale Frage steht nach Ansicht aller Podiumsteilnehmer:innen im Mittelpunkt der notwendigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen. Dass "wir im falschen System leben" sei daran zu erkennen, so Latif, dass systemrelevantes Krankenhauspersonal nicht leistungsgerecht entlohnt werde, dass Vorstandsvorsitzende hundertmal mehr verdienten als normal Arbeitende und dass nicht-nachhaltige Produkte weiter in den Markt gedrückt werden. Ein ökologischer, stärker auf das Gemeinwohl verpflichteter Kapitalismus, ergänzte Welzer, zeichne sich durch die Abbildung sozioökologischer Kosten auf Warenpreise aus. Eine solche Veränderung sei aber nicht durch ein Mehr an Wissen zu erreichen, sondern durch eine De-Privilegierung von Eliten.

Welzer wandte sich dediziert gegen den "Glauben, dass Technologie und Dekarbonisierung ausreichten, diesen ungebrochen voranschreitenden zerstörerischen Prozess irgendwie zu stoppen." Es gehe vielmehr um das politische Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Der Topos der Klimagerechtigkeit sei von "entscheidender Bedeutung", denn "wir leben über die Verhältnisse von anderen Menschen an anderen Stellen der Welt und von Menschen, die jung sind oder noch gar nicht geboren." 

Noura Hammouda sitzt auf einer Bühne und spricht in ein Mikrophon.
Noura Hammouda (Mitte) sieht sich als Klimagerechtigkeitsaktivistin und unterstrich, dass soziale Bewegungen "solidarische Netzwerke knüpfen". (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Hammouda unterstrich, dass soziale Bewegungen "solidarische Netzwerke knüpfen" – und sich dabei am Prinzip der Gleichheit orientieren: So gehe es darum "unsere Grenzen weiter aufzumachen, wenn wir uns die bestehenden und kommenden Kriege um Ressourcenverteilung anschauen." Diese Grenzen würden noch immer gezogen "zwischen Arm und Reich, zwischen Männern und Frauen und zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten."

Zukunft erfahrbar machen

Den Menschen werde es "nur gut gehen, wenn wir nicht in diesem falschen System verharren, sondern dieses System umbauen", forderte Welzer. Das Arbeiten im Homeoffice etwa habe sich stärker verbreitet als es ohne die Corona-Krise der Fall gewesen wäre. Dies ermögliche weitere Veränderungen wie etwa Coworking Spaces auf dem Land oder neue Nutzungsarten für Büroflächen in der Stadt, die gleichzeitig die Lebensqualität verbesserten.

Brumbauer betonte: "Wir brauchen Erfahrungsräume, dass Menschen sehen, wie es anders gehen kann."  Eine nachhaltige Zukunft müsse "erfahrbar gemacht" werden, stimmte Mojib Latif zu. Wenn Bioprodukte und öffentlicher Personennahverkehr billiger würden, "werden die Menschen von ganz allein nachhaltig werden", zeigte sich Latif überzeugt. Gleichzeitig sei es wichtig, erinnerte der Klimaforscher, das Vorsorgeprinzip zu beleben: Nicht alle Folgen unseres Handelns seien vorhersehbar und es gebe Grenzen der Anpassungsfähigkeit: Man könne Temperaturen von 50 Grad nicht aushalten und nicht jedes Jahr die Folgen von Starkregenkatastrophen und Fluten finanziell bewältigen.

Aufgeben ist keine Option

Die Aussichten sind düster – doch alle Gesprächsteilnehmer wandten sich gegen die fatalistische Haltung, man könne nichts tun. Mojib Latif forderte mit den Worten von Aurelio Peccei, dem Co-Gründer des Club of Rome, eine "kulturelle Revolution", ohne die ein Umsteuern nicht möglich sei. Harald Welzer erinnerte daran, dass "alles, was Menschen erfunden haben, Menschen auch verändern können." Für Noura Hammouda ist "jedes Leben es wert, bewahrt zu werden." Wenn man dies hinterfrage, sei es zu spät. Wie lässt sich Hoffnung aktivieren, fragt zum Schluss ein Teilnehmer aus dem Publikum. Für Tanja Brumbauer sind es andere Menschen, Menschen "um uns herum", Netzwerke, die sie motivieren: "Die Flinte ins Korn werfen, ist keine Option."

Christiane Schulzki-Haddouti