Der Mensch und seine Maschinen

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Ein Filmklassiker vorweg, eine tiefgründige Diskussion im Anschluss: Die Science Movie Night am 7. Februar beleuchtete den Umgang der Menschheit mit künstlicher Intelligenz und stellte grundsätzlich Fragen: Wie ist das Verhältnis von Mensch zur Maschine? Wie menschlich sind Roboter? Und warum haben wir so viel Angst vor unserer Technologie? 

Künstliche Intelligenz mit freundlichem Gesicht: Cimon ist der weltweit erste autonome Astronauten-Assistent mit KI. (Foto: DLR/T.Bourry/ESA)
Künstliche Intelligenz mit freundlichem Gesicht: Cimon ist der weltweit erste autonome Astronauten-Assistent mit KI. (Foto: DLR/T.Bourry/ESA)

Das Podium: ein weltweit anerkannter Robotik-Professor, ein Physiker, der als Projektleiter einen einmaligen Weltraum-Roboter mitentwickelt hat, dazu zwei Astronauten. Einer davon ist Cimon. Cimon ist kein Mensch. Er sieht aus wie ein weißer Fußball mit Display, und wenn er sich zufällig nicht in der Schwerelosigkeit befindet, muss man ihn auf einen Stuhl legen, damit man ihn überhaupt sieht. Der Cimon auf der Science Movie Night, die der künstlichen Intelligenz gewidmet war, ist nicht einmal funktionstüchtig. Er ist zum Leidwesen seines Entwicklers Dr. Christian Karrasch nur ein Dummy. Der original Cimon, Cimon 1.0, der weltweit erste autonome Astronauten-Assistent mit künstlicher Intelligenz, war mit dem deutschen Astronauten Alexander Gerst 2018 auf der ISS. Karrasch sagte, die beiden seien gut miteinander ausgekommen. Der Dummy, Cimon 1.1, blieb während der Diskussion stumm, was ganz gut zum Bild passt, das an diesem Abend über Algorithmen gezeichnet wurde. Denn schnell wurde klar: Künstliche Intelligenz ist zuallererst künstlich, erst dann intelligent. Der Mensch hat das Sagen – die Maschinen sagen nur, was ihnen gesagt wird. Wenn überhaupt. Aber wird das auch in Zukunft so bleiben?

Podium während der Diskussion zu "Künstliche Intelligenz erobert den Weltraum"

"Die Entscheidungen muss der Mensch treffen"

Es geht um Gegenwart und Zukunft, beim filmischen Meisterwerk des Regisseurs Stanley Kubrick, das an diesem Abend den visuellen Auftakt bildete, aus einer Vergangenheit gedacht, die mittlerweile mehr als 50 Jahre zurückliegt. Kubricks künstliche Intelligenz war ein Supercomputer, der menschliche Verhaltensweisen entwickeln konnte, Emotionen zeigte und ein reflektiertes Über-Wesen verkörperte – den Menschen weit überlegen.

Reinhold Ewald – der zweite Raumfahrer in der illustren Runde, im Gegensatz zum Arbeitskollegen Cimon aber Mensch und noch dazu Rheinländer – outete sich als Fan des Film-Klassikers. Der zentralen Aussage des Films mochte Ewald trotzdem nichts abgewinnen. Ja, künstliche Intelligenz habe in die Automatisierung Einzug gehalten und sei in der Raumfahrt im Einsatz, aber: "Diese Automaten sind nicht intelligent!" Zum Einsatz kämen die Maschinen bei der Abwicklung serieller Aufgaben, echte Verantwortung würde ihnen der raumfahrende Mensch nie übereignen: "Die Entscheidungen muss der Mensch treffen. Wir lassen uns nicht zum Mars chauffieren." Reinhold Ewald ist Professor am Institut für Raumfahrtsysteme an der Universität Stuttgart, als Kosmonaut der deutsch-russischen Weltraummission MIR verbrachte er 1997 19 Tage im Weltraum. Er träumt nach eigener Aussage bis heute davon. Christian Karrasch, Cimon-Projektleiter für künstliche Intelligenz im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn, bezeichnete die Computer des Jahres 2020 als "Insellösungen", die beispielweise gut Schach spielen könnten, darüber hinaus aber nicht sinnvoll einsetzbar seien.

Prof. Dr. Sami Haddadin.  Fotocredit: Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung
Prof. Dr. Sami Haddadin forscht intensiv an verschiedenen Formen künstlicher Intelligenz. (Foto: Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung)

"Meinung ist nicht Wissenschaft"

Die Bevölkerung muss Technik verstehen, um Berührungsängste abzubauen, da war sich das von Drehbuchautor Roland Zag moderierte Podium einig. Ein Smartphone sei schwierig zu erklären, räumte Reinhold Ewald ein, aber es müsse möglich sein, Nutzern die grundlegende Funktionsweise zu vermitteln. Die von Haddadin beschriebene Technikfeindlichkeit habe ihre Ursache in korrupten Informationskanälen, so Ewald. Die Fülle von Meinungs-Blasen und menschengemachte Fehlmeldungen, versendet von Computer-Bots, erschaffe eine wissenschaftsskeptische Parallelwelt, zum Beispiel beim Thema Klimawandel. "Aber Meinung ist nicht Wissenschaft!", betonte der Raumfahrer. Szenenapplaus. Im Umgang mit Verschwörungs-Theoretikern habe sich ein kurzer, knapper Umgang bewährt. Den Vorwurf "Ihr wart doch gar nicht auf dem Mond" kontere er mit "Das stimmt, aber ich darf nicht drüber reden".

Prof. Dr. Sami Haddadin.  Fotocredit: Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung
Prof. Dr. Sami Haddadin befasst sich auch mit Assistenzrobotern (Foto: Isabel Winarsch für VolkswagenStiftung)

Künstliche Intelligenz ist kein guter Begriff

Wenig glücklich zeigten sich die drei Wissenschaftler auf der Bühne mit der Begrifflichkeit der künstlichen Intelligenz. KI, künstliche Intelligenz – was verbirgt sich präzise dahinter? "Ich bin kein Fan dieses Begriffs", bekannte Haddadin. Der in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts geprägte Oberbegriff KI werde inflationär benutzt. Ob künstliche Intelligenz mehr sei als Computer mit Inhalten, ob es sie überhaupt gebe? Die drei renommierten Wissenschaftler meldeten Bedenken an. Schließlich sei der Name "künstliche Intelligenz" auch eine Kränkung für den Menschen, für seine Intelligenz, und könne ein Grund für die Reserviertheit der Menschen auf diesem Gebiet sein, befand Sami Haddadin. Neben der technischen Entwicklung und der Vermittlung dieser Technologie sei zunächst eine korrekte Benennung wichtig. Wie diese aussehen könnte, ließen die Diskutanten auf dem Podium an diesem langen Abend offen. 

Autor: Bruno Brauer