Corona-Pandemie: Raus aus dem engen Radius

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Wie wirken sich Homeoffice und eingeschränkte soziale Kontakte auf das Miteinander aus? Ein Jahr nach Beginn des ersten Lockdowns versuchten Expertinnen und Experten beim 65. Herrenhäuser Gespräch eine gesellschaftliche Standortbestimmung.

Eine Mund-Nasen-Maske hängt vor blauem Hintergrund.
Corona als Ende der Gleichberechtigung? Soziologinnen und Soziologen befürchten eine Renaissance traditioneller Rollenbilder. (Foto: Sebastian - stock-adobe.com)

"Die Corona-Pandemie – wie hat sie unser Miteinander verändert?" - fragten VolkswagenStiftung und NDR Kultur am 24. März 2021 eine Fachrunde aus Soziologie, Ethnologie und Bildungsforschung.

Die Pandemie hat den Radius der Menschen wesentlich verkürzt. Nicht nur räumlich, weil sie sich darauf auswirkt, wie weit wir uns von unserer Wohnung wegbewegen, stellt Professorin Jutta Allmendinger, Präsidentin vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, fest: "Sondern auch den Radius der Kontakte, die wir noch knüpfen. Wie viele Menschen sehen wir? Wie viele Menschen treffen wir neu?" Außerdem sei sowohl der Denkraum massiv eingeschränkt, "weil wir nur noch mit uns selbst reden", als auch der Entscheidungsradius, weil aktuell nur das Hier und Jetzt im Blick sei. Dabei gerate das soziale Elend um uns Menschen herum aus dem Blick.

Videomitschnitt der Veranstaltung:

Prof. Dilger während der Videokonferenz.
Hansjörg Dilger ist geschäftsführender Direktor am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der FU Berlin. Er sagt: "Wir haben uns bisher als unverletzbar wahrgenommen.". (Foto: VolkswagenStiftung)

Die individuelle Handlungsfähigkeit, gegen strukturelle Probleme wie Bildungs- und soziale Ungleichheit vorzugehen, sei begrenzt, hält Hansjörg Dilger dagegen. Die meisten Menschen seien jedoch sehr geduldig und bereit, die aktuellen Einschränkungen mitzutragen. Die Kritik am politischen Krisenmanagement geschehe nicht allein aus Trotz oder Unzufriedenheit: "Ich habe nicht den Eindruck, dass ungerechtfertigt gejammert wird, sondern dass die Erwartung da ist: Wie gehen wir jetzt mit dieser Krise um?" Angesichts der vergleichsweise schlechten Impfsituation im globalen Süden werde in Deutschland allerdings auf hohem Niveau kritisiert, sagt der Professor und übt selbst Kritik: "Mir fehlt der Lernprozess, der auf der politischen Ebene erfolgen und den Umgang mit der Pandemie proaktiv gestalten würde." Umgekehrt entstehen durch den Vergleich mit Ländern, wo das Impfen und Testen effizienter vorangeht, Kipp-Punkte, ergänzt Jutta Allmendinger. Sie erzählt von "maximalem Knirschen" an ihrem Institut angesichts der Tatsache, dass Kollegen und Kolleginnen im Westen der USA wieder größere Freiheiten haben.

Zur Debatte stand auf dem Podium insbesondere das Homeoffice als wesentliche Veränderung im beruflichen Miteinander. Jutta Allmendinger hält das Bild, das davon gezeichnet wird, für zu positiv. Das Arbeiten von Zuhause aus habe sich nach einer Übergangszeit, in der die technische Ausstattung beschafft werden musste, auf bis zu 50 bis 65 Prozent gesteigert. Dass die Menschen sich darüber freuten, mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, kann die Soziologin nachvollziehen.

Jutta Allmendinger im Livechat der Veranstaltung
"Wir sind schlecht vorbereitet in die Krise reingekommen.", sagt Jutta Allmendinger, Präsidentin des WZB. (Foto: VolkswagenStiftung)

Über die schnell einsetzenden Lobeshymnen ärgert sie sich allerdings: "Lobeshymnen, die mit dem Homeoffice – und einer stärkeren Flexibilität oder Vereinbarkeit – die Gleichstellung von Männern und Frauen gleichgesetzt haben." Wie sollen mehr Frauen in Führungspositionen kommen, wenn sie unsichtbar im Homeoffice sitzen?, fragt sie. Studien hätten gezeigt, dass Homeoffice bei Frauen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gleichgesetzt werde, bei Männern hingegen mit mobilem Arbeiten. Außerdem sei das Arbeiten in den eigenen Wänden ein Privileg, das 60 Prozent der Bevölkerung nicht haben. Viele Menschen hätten es im Verlauf der Pandemie weniger in Anspruch nehmen wollen als zu Beginn, steuert Ute Frevert bei. 

Das direkte Aufeinandertreffen im Büro fehlt. Über Online-Konferenzen als Kommunikations- und Arbeitsmittel war das Podium geteilter Meinung. Ute Frevert hebt die Möglichkeit hervor, dass weit entfernte Kollegen und Kolleginnen sich zuschalten und aktiv teilnehmen können. Auch Jutta Allmendinger hält das Format zukünftig für nutzbar, zumal umweltschädigendes Reisen zu internationalen Konferenzen entfalle. Allerdings würden gerade Menschen aus dem globalen Süden, die keinen Zugang zu gutem Internet haben, aus solchen Gesprächen ausgeschlossen, gibt Hansjörg Dilger zu bedenken und fordert einen kritisch Umgang mit der digitalisierten Arbeitswelt: "Dass wir das demokratische Prinzip des Einschlusses behalten, aber systematisch auch darauf schauen, wo Ausschlüsse und Ungleichheiten entstehen."

Die ideale Gesellschaft gab es schon vor Corona nicht, darin ist sich die Gesprächsrunde einig. Vielmehr habe die Pandemie bereits bestehende Defizite verschärft – egal ob es um die soziale Segregation geht, wie Ute Frevert sagt oder um den Bildungsbereich, dem Jutta Allmendinger schlechte Noten bescheinigt: "Wir waren vorher schon in der Misere. Wir sind schlecht vorbereitet in die Krise reingekommen. Dass wir jetzt eine weitere Spaltung haben, ist alles andere als unerwartet." Rund ein Viertel der Schüler und Schülerinnen werde derzeit im Homeschooling nicht erreicht. Das müsse dringend geändert werden.

Prof. Frevert während der Videokonferenz.
Prof. Ute Frevert, geschäftsführende Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, schlägt einen Bürgerrat vor, der ergänzend zum Parlament die negativen und positiven Erfahrungen der Pandemie-Zeit bilanzieren könnte. (Foto: VolkswagenStiftung)

Pandemische Krisen verweisen auf Fehler und Probleme von Gesellschaften, bestätigt Hansjörg Dilger mit Blick auf medizinhistorische Forschungen. Warum, so fragt er, hat die Politik keine systematische Lösung für die Schulen gefunden? Wie sollen die Bildungsverluste zukünftig aufgeholt werden? Die Krise habe die Bedeutung von Schule sichtbarer gemacht, betont Ute Frevert. Sie habe auch zutage gefördert, welche Bedeutung die soziale Herkunft beim Zugang zu Bildung spielt. "Durch Schule wird das teilweise aufgehoben, wenn auch nie ganz." 

Was können wir aus der Krise lernen und wie unser Miteinander positiv verändern?, fragt Moderator Dr. Ulrich Kühn. Es ist Zeit, aus dem verengten Radius der Krise herauszutreten und vorausschauend zu handeln, so das Fazit. Ute Frevert schlägt einen Bürgerrat vor, der - besetzt mit etwa 150 Menschen - ergänzend zum Parlament die negativen und positiven Erfahrungen der Pandemie-Zeit bilanzieren - und weiterdenken könnte. Hansjörg Dilger spricht sich dafür aus, stärker von anderen Gesellschaften zu lernen, mit globalen Krisen umzugehen. Erfolgreiche Ideen und Projekte aus der Pandemiezeit gelte es jetzt fortzuführen, sagt Jutta Allmendinger. Dadurch könnte die sozial benachteiligte Schülerschaft gezielt gefördert und Männer stärker an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie beteiligt werden. "Wir müssen uns lösen von der Idee, dass wir die Welt aus der Zeit vor der Pandemie wiederhaben wollen."

Isabel Fannrich