Cancel Culture: Gefahr für die Freiheit oder legitimer Protest?

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Ist Cancel Culture nur ein Kampfbegriff der Neuen Rechten, um eine weitere  Demokratisierung unserer Demokratie zu diskreditieren? Oder bedrohen Aktivist:innen mit dem Löschen, Absagen und Rückgängigmachen die Freiheit von Kunst, Wissenschaft und Meinung? Das 70. Herrenhäuser Gespräch suchte nach Antworten. 

Eine Diskussion ist immer dann spannend, wenn es eine Diskussion gibt. Insofern war das 70. Herrenhäuser Gespräch unter dem Titel "Cancel Culture - Gefahr für die Meinungsfreiheit oder legitimer Protest?" ein Glücksfall. Die rund 130 Gäste im Xplanatorium erlebten einen lebendigen, kontroversen Abend, der "kaum einen Moderator nötig gehabt hätte", wie NDR-Redakteur Ulrich Kühn befand, der das Gespräch mit Prof. Dr. Lars DistelhorstThea DornProf. Dr. Susanne Schröter und Dr. Karsten Schubert führte.

Videomitschnitt der Veranstaltung:

Cancel Culture - Gefahr für die Meinungsfreiheit oder legitimer Protest?
Mann spricht in Mikrofon
Cancel Culture an sich, sagt Prof. Dr. Lars Distelhorst, gebe es seit vielen Jahrzehnten. (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Cancel Culture an sich, sagt Lars Distelhorst, gebe es seit vielen Jahrzehnten. Nur sei darüber kaum geredet worden, weil es die Eliten nicht betroffen habe. "Es trifft jetzt die, die das Canceln nicht gewohnt sind. Es werden Stimmen gehört, die vorher nicht gehört wurden." 

Es geht um Repräsentanz

Ein zentraler Begriff der Diskussion ist der der kulturellen Aneignung. Darf die Schauspielerin Scarlett Johansson in einem Film eine Transperson verkörpern? Dürfen Kinder an Fasching Federschmuck tragen? Oder ist beides verletzend für betroffene Minderheiten? Lars Distelhorst bewertet die Empfehlung der Hamburger Kita, aus der dieses Beispiel kommt, als pädagogisch begründet. "Bestimmte Kostüme sind nicht besonders kultursensibel." Die Frage sei, wie eine solche Kostümierung auf Betroffenen wirke. Im Übrigen: "Wo ist der Verlust, wenn ich ein anderes Kostüm anziehe?" 

Wenn Kunst einen inhärenten Freiheitsanspruch in sich trägt, warum wurde Scarlett Johansson dann daran gehindert, einen Transmann zu spielen? Distelhorst betont, es gehe nicht darum, dass nur eine Transperson eine Transperson spielen könne, vielmehr gehe es um Repräsentanz. "Im Moment spielen Transpersonen in Filmen gar keine Rolle. Und das ist das Problem." Karsten Schubert pflichtet Distelhorst bei, Scarlett Johansson könne noch viele andere Rollen spielen. Susanne Schröter bekommt Beifall aus dem Publikum, als sie konstatiert, dass es das Ende der Schauspielkunst wäre, wenn jeder nur noch sich selbst spielen würde. 

Mann und Frau sitzen auf dem Podium, Frau spricht in ein Mikrofon
Autorin Thea Dorn: „Wenn jeder nur noch aus seiner Innenperspektive erzählt, glaube ich nicht mehr, dass wir uns noch verständigen können.“ (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Gehen Maß und Mitte verloren

Ganz ähnlich argumentiert Schriftstellerin Thea Dorn in Bezug auf die Literatur. Aneignung sei ein substantieller Teil der Literatur. Wenn man darauf verzichte, gebe es keine Literatur mehr. Außerdem: "Wenn jeder nur noch aus seiner Innenperspektive erzählt, glaube ich nicht mehr, dass wir uns noch verständigen können." Schubert fragt rhetorisch, warum man nicht zumindest bei Kinder- und Jugendbüchern auf Werke zurückgreife, die pädagogisch wertvoll sind und keine sexistischen oder rassistischen Stereotype reproduzieren. Dorn verteidigt am Beispiel von Pippi Langstrumpf die literarische Freiheit. "Das war kein pädagogisches Buch – im Gegenteil. Das war frei, wild. Das ist mein Problem: Alles muss heute pädagogisch sein. Nein!" 

Susanne Schröter stimmt Dorn zu. Es sei nicht alles Rassismus, was Grenzen überschreite. "Wenn wir immer nur politisch korrekt wären, dann wäre das Leben wirklich traurig." Aus ihrer Sicht führe die Ausweitung des Rassismus-Begriffes dazu, dass sich die Leute in ihre Echokammern zurückzögen, dies sei keine gute Entwicklung. "Ich habe den Eindruck, dass da im Moment Maß und Mitte verloren gehen."

Podium auf der Bühne
Hybride Diskussion: Prof. Dr. Lars Distelhorst, Thea Dorn, Dr. Karsten Schubert und Moderator Dr. Ulrich Kühn waren vor Ort (v.l.n.r.), Prof. Dr. Susanne Schröter wurde live dazu geschaltet. (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Raum für Wissenschaft wird eingeengt

Schröter sieht in der Debatte um Identitätspolitik und kulturelle Aneignung auch die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr. Dies betreffe ganze Themenblöcke, so sei der Islamische Extremismus weithin diskreditiert. Junge Wissenschaftler:innen und Studierende seien von Repressionen betroffen. Sie wisse von Doktorarbeiten, die abgelehnt worden seien, weil sie das falsche Thema behandelt hätten. Der Raum für Forschung werde eingeengt. "Da sehe ich die Wissenschaftsfreiheit gefährdet." Neu ist für Dorn der Gestus von Cancel Culture. Da werde bei Meinungsverschiedenheiten keine Auseinandersetzung mehr gesucht. Vielmehr werde gefordert: "Da muss was weg!" 

Susanne Schröter sieht in der Cancel Culture einen Ressourcenkampf einer kleinen Gruppe von sehr privilegierten Menschen, in der Regel Akademiker. "Sie haben Positionen, in denen sie sich Gehör verschaffen können. Das ist eine neue Elite, die ihre Spielräume auslotet."  Es gehe um Jobs, Deutungshoheit und auch um Geld. "Die Legitimität der eigenen Vorhaben wird häufig mit Identitätspolitik begründet."

Zwei Männer sitzen nebeneinander auf dem Podium, einer spricht
Der Abbau von Privilegien schaffe Freiheit für vormals Ausgeschlossene, so Karsten Schubert (l.). (Foto: David Carreno Hansen für VolkswagenStiftung)

Falsches Verständnis von Freiheit

Kann der emanzipatorische Anspruch der Cancel Culture mit dem Freiheitsversprechen einer demokratischen Gesellschaft in Konflikt geraten, fragt Ulrich Kühn in die Runde. Die Freiheit sei nicht in Gefahr, versichert Lars Distelhorst. Allerdings werden bestimmte Verhaltensmuster kritisiert, Privilegien müssten teilweise aufgegeben werden. Diese Privilegienabbau schaffe Freiheit für vormals Ausgeschlossene, ergänzt Karsten Schubert. 

Thea Dorn verweist auf die Aggressivität aus den Aktivistengruppen. Diese konfrontative Rhetorik stehe für ein völlig falsches Verständnis  von Freiheit. "Man muss begreifen, dass Freiheit kein Synonym für Rücksichtslosigkeit ist." Dorn sagt, sie habe darüber hinaus ein wachsendes Problem mit der Wankelmütigkeit arrivierter Institutionen. Stehe der Vorwurf von Rassismus oder Sexismus im Raum, seien immer mehr Institution bereit, bestimmten Forderungen, beispielsweise nach Absetzung einer Diskussion, zu leicht nachzugeben. "Das ist vorauseilende Feigheit." Allerdings, so Dorn, halte sie Optimismus für eine Bürgerplicht in einer liberalen Gesellschaft. Sie hoffe auf Entspannung, weil alle eine Verantwortung für die Gesamtgesellschaft hätten. "Das Eskalationsspiel bringt nichts."

Autor: Bruno Brauer