Veranstaltungsbericht: Herrenhäuser Symposium "Weltwissen – Kleine Fächer"

Auch Bauforschung (hier am Naumburger Dom) zählt zu den "Kleinen Fächern". (Foto: Jelca Kollatsch für VolkswagenStiftung)
Auch Bauforschung (hier am Naumburger Dom) zählt zu den "Kleinen Fächern". (Foto: Jelca Kollatsch für VolkswagenStiftung)

Herrenhäuser Symposium "Weltwissen – Kleine Fächer"

18./19. Oktober 2017, Schloss Herrenhausen, Hannover

Am 25. April 2018 ist der erste Stichtag in der neuen Förderinitiative der VolkswagenStiftung "Weltwissen – Strukturelle Stärkung 'kleiner Fächer'". Zum Auftakt dieses neuen Förderangebots lud die Stiftung interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Geistes- wie der Naturwissenschaften ein, sich über die spezifische Situation Kleiner Fächer auszutauschen und Ansätze zu diskutieren, welche Maßnahmen zu ihrer Stärkung an der Universität bzw. in der Hochschullandschaft fruchtbar sein könnten. Denn: Die VolkswagenStiftung behauptet nicht selber zu wissen, wie den Kleinen Fächern geholfen werden kann. Sicher ist nur, dass viele Kleine Fächer heute an den Universitäten in einer schwierigen Lage sind und oft allein durch eine Emeritierung eines einzelnen Professors oder einer Professorin in ihrer Existenz bedroht sein können. Die Stiftung möchte diesen Fächern mit ihrem bewusst offenen Angebot – auch standortübergreifend – Hilfe zur Selbsthilfe geben. Dabei wird sie von den beiden Kerngedanken geleitet, dass eine strukturelle Stärkung eines Kleinen Fachs an einer Universität die Beteiligung der jeweiligen Hochschulleitung erfordert (Förderlinie 1) und dass der Dialog mit der Öffentlichkeit ein wichtiger Baustein in diesem Selbstverortungsprozess darstellt (Förderlinie 2).

Doch was ist überhaupt ein "Kleines Fach"? In seiner Begrüßung griff der Generalsekretär der VolkswagenStiftung Wilhelm Krull (Hannover) auf ein Bild des Münchner Gräzisten Michael Hose zurück, der die Kleinen Fächer – in Spiegelverkehrung des Scheinriesen Tur Tur bei Michael Ende – als "Scheinzwerge" bezeichnete: Je näher man ihnen komme, desto größer erwiesen sie sich. Ihr Forschungsgebiet umfasse oft viele tausend Kilometer große Regionen, die historische Entwicklung über Jahrhunderte hinweg, die Beherrschung verschiedener Sprachen und den Einsatz zahlreicher unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden. Der Stiftung gehe es nicht um "Artenschutz" bedrohter Disziplinen: Sie wolle die Dynamik der Wissenschaft berücksichtigen, gleichzeitig aber auch die Hochschullandschaft in ganz Deutschland im Blick behalten. Die Arbeitsstelle Kleine Fächer in Mainz leiste hier unverzichtbare Arbeit, um die Veränderungen des Gesamtsystems sichtbar zu machen und bemühe sich gerade um eine neue Kartierung der Kleinen Fächer nach einem überarbeiteten Kriterienkatalog. Was jedoch fehle, seien Maßnahmen, die die Bedeutung des Wissens eines Kleinen Fachs für die Wissenschaftslandschaft in Deutschland jenseits der einzelnen Hochschule reflektierten. Wie ist die Lage der Kleinen Fächer im In- und Ausland? Welchen strukturellen Herausforderungen stehen sie gegenüber und wie kann es gelingen, sie zu meistern?

In einem ersten Podiumsgespräch unter der Leitung der zuständigen Programmreferentin für die neue Förderinitiative der VolkswagenStiftung, Adelheid Wessler, ging es um Kleine Fächer in der (Berufs-)Praxis. Gesprächspartner(innen) waren mit Gesa Füßle (Hamburg) von der Agentur Textfuß/jetzt Flüchtlingshilfe, Viktoria Müller (Göttingen) von der Studienberatung der Philosophischen Fakultät und Uwe Schmelter (Berlin), früher Goethe-Institut Ostasien, drei Personen, die alle ein Kleines Fach studiert hatten (Komparatistik, Musikwissenschaft, alte Anglistik) und nun beruflich in unterschiedlicher Form mit Kleinen Fächern zu tun haben. Auf die Frage, welche im Studium erworbenen Kompetenzen im Beruf wichtig seien, wurden sowohl interkulturelle Kompetenz, Differenzierungskraft wie auch Sprachkompetenz und Vermittlungsfähigkeiten vorgebracht. Einig waren sich die drei Gesprächspartner(innen), dass die Leidenschaft für das Fach sehr wichtig sei, dass sich die Studierenden heute aber schon früh mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigten. Was jedoch sind tatsächlich geeignete Berufsfelder? Erwähnt wurden Museen, der diplomatische Dienst und große Unternehmen. Die Vorstellung, man könne als Absolvent eines Kleinen Fachs danach erfolgreich ein Assessment-Center für einen Managementposten in einer Bank überstehen, wurde in der Diskussion ad absurdum geführt: Spätestens am Mathematiktest mit Differentialgleichung würden hier viele Kandidat(inn)en scheitern.

Die Keynote des Herrenhäuser Symposiums hielt die Mediävistin Henrike Lähnemann (Oxford) mit dem Titel: "Das Weltwissen spätmittelalterlicher Nonnen. Von der globalen Relevanz und von Expertenwissen". Letzteres wollte Lähnemann zum einen als Begriff verstanden wissen, der sowohl das Wissen der Nonnen in Klausur wie auch das Wissen der Kleinen Fächer selbst bezeichnet. Gleichzeitig spießte sie damit kritisch eine Bemerkung des früheren britischen Erziehungsministers Michael Gove auf, der bei der Brexitabstimmung gesagt hatte, die Briten "have had enough of experts". Lähnemann erläuterte ihre These von der großen Bedeutung der Nonnenforschung an drei Beispielen: der Ebstorfer Weltkarte, den Wienhäuser Dokumenten und den Lüner Briefen. Expertenwissen zu sehr lokalen Themen habe globale Bedeutung, da Forschung hier erstens Rich Data für die Wissenschaft produziere, zweitens mit außeruniversitären Einrichtungen kooperiere und drittens sogar Social Impact im Sinne der britischen Forschungsevaluation des Research Council UK schaffe. Nach letzterem Kriterium wären 2013 beispielsweise ein Fünftel aller Forschungsgelder vergeben worden. Bei der Evaluation müssten britische Wissenschaftler nachweisen, dass eines ihrer Projekte tatsächlich "lebensverändernd" gewirkt habe. In ihrem Fall habe das Lüner Forschungsprojekt dieses Kriterium erfüllt, da die heute im Kloster lebenden Nonnen in einem Video bestätigt hätten, dass Lähnemanns Forschung ihr eigenes Mittelalterbild radikal verändert habe. Universitätsintern habe die Evaluation den positiven Effekt gehabt, dass ihre mediävistische Forschung mehr Sichtbarkeit gewonnen habe.

Sektion 1 war der aktuellen Situation der Kleinen Fächer weltweit gewidmet. Für Deutschland beschrieb der Initiator der Arbeitsstelle Kleiner Fächer Norbert Franz (Potsdam) die Entwicklung: Bereits 1974, als im Zuge der Massenuniversität einige Fächer sichtbar nicht mitwuchsen, sei eine erste Kartierung der sogenannten Kleinen Fächer an deutschen Universitäten als zweibändige "Struktur- und Funktionsanalyse" im Auftrag des Deutschen Hochschulverbands erfolgt. Mit der Einführung der Bologna-Reform 2000 sei die frühere Einheit von Fach, Studiengang und Lehrstuhlinhaber(in) aufgebrochen worden. Bei der Kartierung 2007 habe man sich am Studienfach im alten Magistersystem orientiert und dann Quantitäten festgelegt. Ein Fach mit max. drei Lehrstühlen an einer Universität sei als "klein" klassifiziert worden. 98 der 119 damals bestimmten Kleinen Fächer seien in den Geisteswissenschaften beheimatet. In dem jetzt begonnenen Projekt würden die Kleinen Fächer nach einem neuen Kriterienkatalog kartographiert. Wichtig sei in jedem Fall eine detaillierte Beschreibung und Analyse der Entwicklungsbedingungen im Sinne eines "Habitat". Franz stellte drei Thesen vor: Erstens sollte das jeweilige "Habitats" international definiert werden; gerade in Deutschland sei man noch zu stark im deutschen Kontext verhaftet. Zweitens solle man sich bewusst sein, dass die Konzeption des Kleinen Fachs mit der Humboldt’schen Bildungsidee verbunden sei: Es gehe um die geistige Welt der Ideen; das Fremde, auf das man sich einlasse, werde in die eigene Welt inkorporiert. Diesen Bildungsgedanken in der heutigen Zeit weiterzuverfolgen, stelle für die Kleinen Fächer eine besondere Herausforderung dar. Drittens benötigten die Kleinen Fächer auf der nationalen wie europäischen Ebene dringend eine Repräsentanz. Franz brachte die Gründung einer "Clearing-Stelle" auf europäischer Ebene ins Spiel und lobte die Arbeit der Expertenkommission "Kleine Fächer in Baden-Württemberg". 

Auch HRK-Präsident Horst Hippler (Bonn) schloss sich dieser positiven Einschätzung an – es gebe hier ein sehr starkes Commitment der Universitäten – und definierte dann in seinem Beitrag die Kleinen Fächer als "Hüter unseres kulturellen Wissens". Die HRK sehe als Handlungsbedarf erstens die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Kleinen Fächern, zweitens eine große Verantwortung seitens der Hochschulen und der jeweiligen Landespolitik und drittens die Setzung und Einhaltung wissenschaftlicher Standards innerhalb des einzelnen Faches. Auch Hippler betonte, dass es nicht um "Artenschutz" gehe, sondern um Weiterentwicklung in einem sich wandelnden System. Um die Kleinen Fächer auf europäischer Ebene sichtbar zu machen, arbeite die HRK mit der französischen Conférence des présidents d'université CPU zusammen. Ziel sei, Methoden für eine gemeinsame europäische Kartierung zu entwickeln. Allerdings sei festzustellen, dass die Geisteswissenschaften ganz allgemein in einigen Ländern unter erheblichem Druck stünden. Der folgende Beitrag unterstrich diese Feststellung. 

Der Keltologe und Vizedekan Peter Schrijver (Utrecht) beschrieb daraufhin die Situation in den Niederlanden. Die Finanzierung der Universitäten erfolge hier allein nach den Studierendenzahlen. Es gebe Geld pro Studienanfänger, pro Diplom und dazu addierten sich die Studiengebühren. Die Folge sei, dass kleine, i. e. "studentenarme" Fächer, unter starkem Druck stünden. Auch Schrijver sah die Lösung in der Definition neuer "Habitate": Es gehe um (1) die Integration des Kleinen Faches bzw. mehrerer Kleiner Fächer in breitere Studiengänge wie z. B. die "European Languages and Cultures" in Groningen; (2) die Ausbildung von Area Studies wie in Leiden, wo sich beispielsweise die Russlandstudien, Japanstudien, Chinastudien, Lateinamerikastudien und der antike Mittelmeerraum (mit 31+106+78+27+24 Studierenden) zusammengetan hätten; (3) die Vernetzung in breite Studiengänge wie den Liberal Arts and Sciences; (4) nationale Vernetzung, z. B. Verlegung von Portugiesisch innerhalb der Niederlande von Utrecht nach Leiden. Kleine Fächer seien oft zwar "studentenarm", dafür "forschungsstark": 22 der 37 ERC-Grants der Niederlande seien beispielsweise in den Kleinen Fächern beheimatet. Für die National Research School "Anchoring Innovation" hätten sie zuletzt 18,8 Mio. Euro eingeworben. Das ändere aber nichts daran, dass in den Niederlanden Deutschland als Hort der Kleinen Fächer wahrgenommen werde.

In Sektion 2 wurden unter dem Titel "Innovativ statt prekär – nachhaltige Strukturen zur Stärkung der Kleinen Fächer" drei Maßnahmen beispielhaft vorgestellt. Mit "PONS – Brücke: Netzwerk Klassische Archäologie für ein Kerncurriculum und zur Motivierung von Studienortwechseln im Inland im Rahmen der gestuften Studiengänge BA/MA"  wurde ein Projekt präsentiert, das von der VolkswagenStiftung 2010 in der Ausschreibung "Bologna – Hochschule der Zukunft" gefördert worden war und das mittlerweile 22 Universitäten in Deutschland mit insgesamt 13 Fächern – allein 9 Standorte der Klassischen Archäologie – umfasst. Etwa 25 % der Studierenden, so Initiator Johannes Bergemann (Göttingen), seien mobilitätsbereit. Ziel sei ein freier Studienortswechsel der Studierenden, unter Mitnahme der Punkte und ohne Exmatrikulation, was einen Vertrag zwischen den Institutionen nötig gemacht habe. Eine Herkulesaufgabe. 7 Jahre nach Projektstart sei diese wichtige Stufe bewältigt. Im zweiten Beispiel ging es um die "Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies", die die Islamwissenschaftlerin GUDRUN KRÄMER (Berlin) vorstellte. Idee dieser Förderung der Exzellenzinitiative sei eine disziplinenbasierte Multidisziplinarität für 15 Doktorand(inn)en pro Jahrgang an drei Berliner Institutionen: Freie Universität, Humboldt-Universität sowie das Zentrum Moderner Orient. Jedes Jahr würden sich 150 bis 180 Kandidat(inn)en bewerben. Bei der Auswahl seien Sprachkenntnisse sehr wichtig, aber auch die Persönlichkeit des Kandidaten bzw. der Kandidatin und ob es sich um ein überzeugendes Projekt handele. Was das Fortbestehen der Graduate School nach der Exzellenzförderung betreffe, so helfe hier die evidente gesellschaftliche Relevanz der gemeinsamen Fragestellung. Der Arbeitsmarkt der Absolvent(inn)en, so Krämer, sei international; spätere Heimkehrer würden in Deutschland sofort einen Arbeitsplatz finden. 

Das letzte Beispiel in dieser Sektion wurde von Universitätspräsident Walter Rosenthal mit dem Orientalisten Tilman Seidensticker (beide Jena) präsentiert. Es gelte, eine fächer- und fakultätsübergreifende Zusammenarbeit in der Gestaltung attraktiver Studienangebote zu entwickeln. Dazu habe Jena auch einen Universitätsbund mit Leipzig und Halle gebildet, um gemeinsam über Ländergrenzen hinweg erfolgreich Projekte in den Bereichen Forschung und Lehre voranzutreiben. Aufgezählt wurde eine ganze Palette Kleiner Fächer, von der Kaukasiologie über die Wissenschaftsgeschichte bis zur Filmwissenschaft. Ein großes Problem sei, wie man Mobilitätsanreize für Studierende und Lehrende zwischen den drei Städten, so geographisch nahe sie auch beieinander lägen, schaffen könne. Ein Semesterticket gebe es nicht, so dass jede einzelne Fahrt individuell abgerechnet werden müsse. Um neue Ideen in Jena zu ermutigen, sei im Juli 2017 die "Akademie für Lehrentwicklung"  beschlossen und jetzt gerade eröffnet worden. Sie unterstütze Initiativen zur Weiterentwicklung der Lehre im Rahmen wettbewerblicher Antragsverfahren. Zusätzlich zum bereits bestehenden Lehrpreis der Universität sollen durch geeignete Förderlinien Anstöße für die Konzeption und Implementierung neuer Lehrkonzepte gegeben werden. In der Diskussion wurde deutlich, dass praktische und administrative Schwierigkeiten wie die Anrechnung von Studienleistungen zwischen den Universitäten, Semestertickets etc., die in Deutschland viele Probleme bereiten, in der Schweiz beispielsweise nicht bestehen.

Erforschung und Erhalt von Kulturgütern der ganzen Welt – auch in Museen – ist ohne die Beiträge der "Kleinen Fächer" nicht zu denken. (Foto: Daniel Pilar für VolkswagenStiftung)
Erforschung und Erhalt von Kulturgütern der ganzen Welt – auch in Museen – ist ohne die Beiträge der "Kleinen Fächer" nicht zu denken. (Foto: Daniel Pilar für VolkswagenStiftung)

In einem sehr gut besuchten öffentlichen Abendvortrag widmete sich der Direktor des Voraderasiatischen Museums Markus Hilgert (Berlin) der Fragestellung "Warum die Gesellschaft Kleine Fächer braucht". Mit Blick auf die Bedarfe beispielsweise der Museen forderte Hilgert, dass es um die Verfügbarkeit von Wissen gehen müsse und nicht um den Erhalt eines Kleinen Faches als Fach. Er verdeutlichte dies anhand von zwei Beispielen: Das Forschungsprojekt ILLICID, das von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie und GESIS durchgeführt wird, will den illegalen Handel mit Kulturgut aus Syrien und dem Irak untersuchen. Dazu seien assyriologische Kompetenzen ebenso notwendig wie kriminalistische Methoden der Dunkelfeldforschung. Deutschland sei in diesem illegalen Handel ein bedeutender Markt- und Transitstaat. In einer Pilotstudie sollen effiziente Verfahren und Instrumente zur Erhebung, Dokumentation und Analyse von Informationen über den illegalen Handel mit Kulturgut in Deutschland entwickelt und erprobt werden. Als anderes Beispiel nannte Hilgert das "Zentrum für Digitale Kulturgüter in Museen (ZEDIKUM)": Hier gehe es um die Zusammenarbeit von Assyriologen und Archäologen mit Spezialisten für 3D-Technologien: Welche Scanverfahren sind für welche Kulturgut-Objekte geeignet? In diesem Projekt arbeite der Assyriologe mit einem Game-Designer zusammen, damit die Objekte möglichst optimal im Internet dargestellt werden. Es sei ihm insgesamt unverständlich, warum der Kulturgutschutz in diesen Kleinen Fächern nicht Teil der Curricula sei. Abschließend trug Hilgert, der auch Vorsitzender der Expertenkommission der Landesinitiative "Kleine Fächer" in Baden-Württemberg ist, die fünf Impulsbereiche der Landesinitiative vor: Die Einrichtung eines "Strukturfonds ‚Kleine Fächer‘" als Incentive, die Einsetzung eines "Zukunftsrats" als landesweite Kommunikations- und Moderationsplattform, die Einrichtung einer "Forschungsstelle strukturschwache wissenschaftliche Kompetenzen" zur wissenschaftlichen Dokumentation, dazu ein Maßnahmenpaket für Transfer und Sichtbarkeit sowie das Bemühen um Vernetzung mit anderen Bundesländern.

In der nächsten Sektion wurden in der Moderation von Antje Tepperwien (Hannover), Teamleitung in der VolkswagenStiftung, drei unterschiedliche Beispiele geförderter Projekte in den Kleinen Fächern – nicht Strukturförderung wie im neuen Förderangebot – vorgestellt. Freigeist-Fellow Nikolas Gestrich (Frankfurt a. M.) stellte im Gespräch mit der zuständigen Programmreferentin der VolkswagenStiftung Johanna Brumberg (Hannover) sein Projekt "Markadugu: the relationship of urbanism and trade to state power in the Segou region of Mali" vor. Dabei geht um die Erforschung der Beziehungen und Verflechtungen von Städten und Staaten am mittleren und oberen Nigerlauf zwischen dem 5. und 19. Jahrhundert n. Chr. Methodisch werden Grabungsergebnisse, Schriftquellen und mündliche Überlieferung zusammengeführt – Archäologie und Geschichte/Oral History. Gestrich machte Länderunterschiede deutlich: Im Gegensatz zu Deutschland, wo Archäologie ein Kleines Fach ist, sei es in Großbritannien ein großes Fach, das in öffentlichem nationalen Interesse stehe. Am University College London, wo er promoviert habe, hätten 70 Wissenschaftler(innen) aus 40 Ländern gearbeitet. Er führe jetzt seine Forschung in Frankfurt fort, da hier viel Kompetenz im Umgang mit Oral History vorhanden sei. 

Das zweite Projekt in dieser Sektion stellte Christoph Mackert (Leipzig) vom Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek im Gespräch mit Thomas Kempf (Essen), Mitglied des Vorstands der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, vor. Ein Drittel der 800 Signaturen umfassenden Sammlung ausgelöster Fragmente werde im Rahmen des internationalen Vorhabens "Fragmentarium" katalogisiert und auf der gemeinsamen Webseite  präsentiert. Am Handschriftenzentrum in Leipzig seien verschiedene Sprachkompetenzen, Kunstgeschichte, Materialwissenschaften, Wasserzeichenkunde und Einbandkunde miteinander vereinigt. Seine größte Sorge sei: "Uns bleibt die Kundschaft aus der Universität weg". Es gebe anscheinend immer weniger Wissenschaftler(innen), die in der Lage seien, mit diesen historischen Quellen zu arbeiten; stattdessen fänden sich auf mediävistischen Tagungen auch immer mehr Privatpersonen, die ihrer Leidenschaft nachgingen. In der folgenden Diskussion wurde dann das Selbstverständnis der historischen Hilfswissenschaften kritisiert, die sich noch immer zu disziplinär ausrichteten und ihren Forschungsfokus nur auf den europäischen Kontext beschränkten. Als drittes Beispiel stellte Antje Zare (Hamburg) im Gespräch mit Adelheid Wessler das Projekt "'Naturgetreue Objekte' im Spannungsfeld zeitgenössischer medizinischer Wissenschaft und Repräsentationsformen" vor, das an der dortigen Zentralstelle für wissenschaftliche Sammlungen durchgeführt wird. Es geht um eine medizinhistorische Moulagensammlung der Kaiserzeit. Durch die Förderung der VolkswagenStiftung konnte eine institutionelle Verstetigung der Sammlung erreicht werden. 

In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass Kleine Fächer in der Regel eng mit außeruniversitären Institutionen im Bereich des Kulturerbes zusammenarbeiten. Hervorgehoben wurde auch, dass gerade diese Fächer nicht nur durch die Auswirkungen der Bolognareform geschwächt worden seien, sondern auch durch den Theory Turn der 1990er-Jahre an den Universitäten; der darauf folgende Material Turn unterstütze sie wieder. Schließlich wurde kritisch hinterfragt, warum es beispielsweise im deutschen akademischen System nicht möglich ist, sich mit der Planung und Kuratierung einer Ausstellung an der Universität zu habilitieren. 

Zum Abschluss des Symposiums leitete Wilhelm Krull eine Podiumsdiskussion über Förderperspektiven und -bedarfe. Andrea Frank (Essen) vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und Thomas Kempf von der Krupp-Stiftung saßen den beiden Wissenschaftlern Tassilo Schmitt (Bremen) vom Vorstand des Philosophischen Fakultätentags und Stefan Pfeiffer (Halle) von der Mommsen Gesellschaft gegenüber. Frank erläuterte die Förderchancen Kleiner Fächer in unterschiedlichen Programmen des Stifterverbands und nannte die Weiterentwicklung der Lehre, den Communicator-Preis, Stiftungsprofessuren  sowie den "Transfer-Audit" als Service zur Weiterentwicklung der Kooperationsstrategien von Hochschulen mit externen Partnern. Als Maßnahmen der Krupp-Stiftung erwähnte Kempf Stiftungsprofessuren, z. B. die Stiftung der Professur für Alte Geschichte in Köln, sowie die Förderung des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs Greifswald mit seinem Forschungsschwerpunkt zum Ostseeraum. Im Vergleich zu dem Bedarf könnten die Programme der privaten Förderer allerdings "nur homöopathische Dosen" darstellen. Kempf forderte, dass das Thema Kleine Fächer daher auf der politischen Ebene verhandelt und zu einer Angelegenheit von Bund und Ländern gemacht werden müsse. Im Zentrum sollten unbedingt die Nachwuchsförderung und damit die Weitergabe von Wissen an die nächste Generation stehen. An dieser Stelle setzte auch Stefan Pfeiffer an, der ebenfalls die Einrichtung einer Clearing-Stelle für Kleine Fächer in Deutschland forderte. Auf der Grundlage der durch die Arbeitsstelle Kleiner Fächer erarbeiteten Kartierung solle diese sicherstellen, dass bei Streichung oder Umwidmung von Professuren Kleiner Fächer an einzelnen Universitätsstandorten die Forschungsexpertise – so sie für Deutschland relevant ist – eine Überlebenschance habe. Schließlich kritisierte Schmitt, dass bei dieser Auftaktveranstaltung der Förderinitiative der VolkswagenStiftung zu sehr "der Konsens zelebriert" wurde, und hinterfragte dann das neue Förderangebot der VolkswagenStiftung: Warum werde dort nicht definiert, was ein Kleines Fach sei – wolle man diese Entscheidung den Gutachtern überlassen? Warum werde eine substanzielle Eigenbeteiligung der Universitäten gefordert? Das sei nicht umsetzbar, hier gebe es eine gläserne Decke, wie man in den Philosophischen Fakultäten nur allzu gut wisse. Schmitt griff auch die Forderung nach einer Clearing-Stelle auf. Bei den Hochschulleitungen gebe es, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, wenig Interesse und wenig Unterstützung. Deswegen sei die Einrichtung einer Clearing-Stelle notwendig, in der nicht – wie beispielsweise beim Zukunftsrat ‚Kleine Fächer‘ in Baden-Württemberg – die Hochschulleitungen dominierten. Um an Einfluss zu gewinnen, werde der Philosophische Fakultätentag sich bemühen, in den Senat der DFG einen eigenen Vertreter bzw. eine eigene Vertreterin zu entsenden.

In der lebhaften Schlussdiskussion mit den Teilnehmer(inne)n des Herrenhäuser Symposiums war man sich darin einig, dass es nicht darum gehen könne, "bedrohte Fächer" wie bedrohte Tiere in einem Zoo zu bewahren; es gelte der Dynamik des Wissenschaftssystems Rechnung zu tragen. Hingewiesen wurde auch auf die unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Disziplinen bzw. Disziplinenfeldern: Während in den Naturwissenschaften eher neue Subdisziplinen entstünden, gebe es in den Geisteswissenschaften die Tendenz, ein neues Fach herauszubilden. Was den Vorschlag der Einrichtung einer "Clearing-Stelle" betrifft, wurde sowohl die Bezeichnung als auch die genaue Rolle dieser Stelle hinterfragt: Solle sie nur Transparenz herstellen oder auch ein Sprachrohr für Kleine Fächer sein und Lobbyarbeit betreiben? Welche politische Funktion könne sie haben zwischen der Notwendigkeit, einen Wissensbestand für Deutschland zu sichern und gleichzeitig die Autonomie der einzelnen Hochschulen zu wahren? Als wichtige Verbündete der Kleinen Fächer wurden sowohl außeruniversitäre Institutionen des Kulturbereichs wie auch die Öffentlichkeit ausgemacht. In diesem Sinne wurde das neue Förderangebot der VolkswagenStiftung mit ihren beiden Förderlinien nachdrücklich begrüßt.

Die zweitägige Veranstaltung mit ihren rund 120 Teilnehmer(inne)n stellte die Vielfalt der Kleinen Fächer in ihrer ganzen Breite dar und bot ein großes Spektrum möglicher Vorgehensweisen zur Stärkung eines Faches durch strukturelle Maßnahmen. Mit dem Vorschlag einer "Clearing-Stelle" wurde eine politische Forderung formuliert, die nur dann eine Chance auf Umsetzung haben dürfte, wenn sie auf einen breiten Konsens aller Akteure der Wissenschaft gestützt wird. Interessant ist, dass von den Symposienteilnehmer(inne)n die Finanzierung der Hochschulen nach der Anzahl der Studierenden nicht hinterfragt wird. Dabei könnte die derzeit denkbare Lockerung des Kooperationsverbotes von Bund und Ländern dazu genutzt werden, für von der Mainzer Arbeitsstelle "zertifizierte" Kleine Fächer einen anderen Finanzierungsmodus auszuhandeln: eine Art "Kleine Fächer-Zulage". Schließlich wurde auf der Veranstaltung immer wieder deutlich, dass die Dynamik des Wissenschaftssystems nicht nur quantitative Verschiebungen, sondern auch qualitative Veränderungen bewirkt, die aber von der Wissenschaft selbst noch nicht als hochrelevantes Forschungsthema entdeckt sind.

Bericht: Dr. Vera Szöllösi-Brenig