Autonomes Fahren: Wer wagt es?

Datum

Diskussion über Ethik im Spannungsfeld mit technischem Fortschritt: Im Herrenhäuser Forum am 15. Januar 2019 debattierten Expertinnen und Experten über die Zukunft selbstfahrender Fahrzeuge.

Als Elon Musk einmal gefragt wurde, wann der Zeitpunkt kommen werde, dass die Politik autonomes Autofahren verbieten würde, fragte er zurück, wann denn die Politik das Autofahren mit menschlichen Fahrern endlich verbietet. Die Basis seiner Gegenfrage ist die aktuelle Statistik über Verkehrstote – wohlgemerkt durch menschliche Fahrer verursacht: Allein in Deutschland gebe es pro Jahr über 3.000 Tote durch Autoverkehrsunfälle, bestätigte Jurist Eric Hilgendorf während des Herrenhäuser Forums "Autonomes Fahren - wohin steuern wir?". In Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur hatte die VolkswagenStiftung dazu eingeladen – das Auditorium von Schloss Herrenhausen in Hannover war voll besetzt.

Grafik eines autonomen Fahrzeugs im Straßenverkehr.

Audio: Herrenhäuser Forum "Autonomes Fahren – Wohin steuern wir?"

Es diskutierten Prof. Dr. Barbara Lenz, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Berlin, Prof. Dr. Markus Maurer, TU Braunschweig, Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf, Universität Würzburg, Dr. Wiebke Zimmer, Öko-Institut e. V.

Moderation: Korbinian Frenzel, Deutschlandfunk Kultur

Hilgendorf, Strafrechtler und Experte für Roboterrecht an der Universität Würzburg, erklärte, dass es mit autonomen Fahrzeugen weniger Unfallopfer im Straßenverkehr gäbe, da sie das Risiko menschlichen Versagens am Steuer minimieren könnten. Die Einführung des autonomen Autos bedeute somit zuerst mehr Sicherheit für die Bevölkerung.

 Five women and men sit on a podium and discuss
Auf dem Podium (v.l.n.r.): Moderator Korbinian Frenzel, Markus Maurer, Barbara Lenz, Wiebke Zimmer und Eric Hilgendorf. (Foto: Nico Herzog für VolkswagenStiftung)

Doch wann genau tritt der sichere Zustand ein, in dem "normale" neben autonomen Autos zusammen "glatt" durch den Verkehr gleiten? Das diskutierten auf dem Podium neben Eric Hilgendorf auch der Ingenieur Markus Maurer, Professor von der Technischen Universität Braunschweig, die Verkehrsforscherin Barbara Lenz vom deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie Wiebke Zimmer vom Öko-Institut e. V..

Falsche Prioritäten?

Zimmer bezeichnete die Forcierung einer schnellen Einführung autonomer Autos als verfehlt und appellierte eindringlich, in der gesellschaftlichen Debatte dem selbstfahrenden Auto keinen höheren Stellenwert als dem Umweltschutz einzuräumen. "Wir haben den Klimawandel, wir haben gravierende Umweltverschmutzungsprobleme und wir haben die Einführung autonomer Autos. Um was sollte sich die Politik zuerst kümmern?" 

Chancen des autonomen Fahrens: Videointerview mit den Podiumsgästen

Welche Chancen bieten autonome Fahrzeuge? Prof. Dr. Barbara Lenz, Prof. Dr. Markus Maurer und Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf erklären im Interview ihre Sicht darauf. (Video: VolkswagenStiftung)
Mrs. Barbara Lenz speaks in a microphone
Laut Barbara Lenz vom deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gelte heute wie in der Zukunft dasselbe: Wer längere Distanzen zurücklegen muss, wählt zuerst das Auto. (Foto: Nico Herzog für VolkswagenStiftung)

Das eigene autonome Auto kannibalisiere also auch in der Zukunft andere Fortbewegungsarten wie die S-Bahn-Fahrt zur Arbeit oder die Fahrradfahrt zum Supermarkt, führte Lenz aus. Wer ein Auto besitze, benutze es automatisch mehr als andere Transportmittel. Wie gern die Deutschen ihre vier Räder haben, zeige, dass sich der Bestand von gekauften Autos beständig jedes Jahr um eine halbe Million erhöhe. Einig waren sich Zimmer und Lenz, dass man bei allen Prognosen dennoch nicht abschätzen könne, wie hoch die Akzeptanz gegenüber dieser neuen Technologie tatsächlich ausfallen werde.

Dass immerhin die Bürger Hannovers einem digitalisierten Auto nicht skeptisch gegenüberstehen, zeigte die Fragerunde an das Publikum: Mindestens die Hälfte aller Hände ging hoch, als gefragt wurde, wer sich vorstellen könne, ein selbstfahrendes Auto zu nutzen.

 The audience answers a question
Wer kann sich vorstellen, ein selbstfahrendes Auto zu nutzen? Mindestens die Hälfte aller Hände des Publikums ging hoch. (Foto: Nico Herzog für VolkswagenStiftung)

Offene Debatte notwendig

Dass beileibe noch nicht alle in ein autonomes Auto einsteigen würden, selbst wenn diese flächendeckend vorhanden wären, griff Markus Maurer vom Institut für Regelungstechnik der Technischen Universität Braunschweig in seinem Beitrag auf und plädierte für eine offenere Debattenkultur. Die Ingenieure autonomer Autos sollten ihre Entscheidungen transparenter machen, "denn hier entscheiden Techniker, die nicht ethisch ausgebildet worden sind, aber dennoch ethische Entscheidung mit der Programmierung der Software treffen."

Die Lehre aus dem Dieselskandal könne für Autohersteller nicht sein, politische Regeln vermeintlich zu akzeptieren und diese durch die Hintertür wegen Rentabilitätsbedenken dann zu umgehen. Autohersteller und ihre Techniker sollten sich offensiv mit den Risiken autonomer Autos auseinandersetzen und einen verständlichen Dialog über das tatsächliche Können und Nutzen der selbstlernenden Systeme mit der Gesellschaft führen. Noch lange seien nicht alle Entscheidungen getroffen, wie sich das Fahrzeug in bestimmten Situationen idealerweise verhalten solle. 

Mrs. Wiebke Zimmer speaks into a microphone
Wiebke Zimmer vom Ökoinstut e.V. plädiert dafür, dem selbstfahrenden Auto keinen höheren Stellenwert als dem Umweltschutz einzuräumen. (Foto: Nico Herzog für VolkswagenStiftung)

Abwägen zwischen Gesetz und menschlichem Pragmatismus

"Ich bin gespannt darauf, was passiert, wenn das Auto mit sich selbst verhandelt", sagte Maurer und führte ein Beispiel für eine schwierige Situation an: Würde ein Lieferwagen mitten auf der Straße parken, warte der Autofahrer zumeist, bis die andere Spur frei werde und überhole dann den Wagen. Doch was, wenn das selbstfahrende Auto weiß, dass es auf gar keinen Fall die durchgezogene Linie zwischen zwei Fahrbahnen überrollen darf? Theoretisch säße man dann mit dem autonomen Auto hinter dem Lieferwagen fest und würde zudem einen endlosen Stau hinter sich verursachen.

Der normale Autoverkehr funktioniere nämlich nur reibungslos, weil Fahrer ständig Abwägungsentscheidungen zwischen Verkehrsgesetzen und menschlichem Pragmatismus treffen, erklärte der Wissenschaftler. Ein Algorithmus der diese Entscheidungen ebenfalls fällen könnte, müsste Entscheidungen anhand des Kontexts treffen. Laut Maurer "eine unglaublich schwere Aufgabe, die reale Welt maschinell nachzubilden." Ethische und gesellschaftliche Abwägungen von Beginn an in der Programmierung digitaler Anwendungen mitzudenken – nicht nur ein lohnenswerter sondern ein notwendiger Forschungsansatz, den die Förderinitiative "Künstliche Intelligenz - ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft von morgen" der VolkswagenStiftung unterstützt. Für die Förderung können sich interdisziplinär arbeitende Geistes- und Technikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler bewerben.

Risiken des autonomen Fahrens: Videointerview mit den Podiumsgästen

Welche Risiken sie in Bezug auf autonomes Fahren sehen, erklären Prof. Dr. Barbara Lenz, Prof. Dr. Markus Maurer und Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf im Interview. (Video: VolkswagenStiftung)
 Mr. Eric Hilgendorf speaks in a microphone during a panel discussion
Wer haftet in der Zukunft beim Verkehrsunfall eines autonomen Autos: der menschliche Fahrer, die selbstlernende Maschine oder der Hersteller? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Strafrechtler und Experte für Roboterrecht Eric Hilgendorf. (Foto: Nico Herzog für VolkswagenStiftung)

Das deutsche Verkehrsrecht sei ein sehr umfassend geregeltes Rechtsgebiet, erklärte Professor Hilgendorf, und dennoch sei es nicht immer offensichtlich, wer die Verantwortung in einem Schadensfall trage. Die Frage, ob Mensch oder Maschine "haftbar" sind, sei eine knifflige, der wir uns in Zukunft nun häufiger stellen müssten.

Daraus ergibt sich auch die Frage: Ist in Zukunft beim Verkehrsunfall eines autonomen Autos der menschliche Fahrer verantwortlich oder die selbstlernende Maschine,  die zwar eine grundsätzlich rechtskonforme Programmierung besitzt, sich vielleicht aber fahrlässige Fahrweisen von anderen Autofahrern abschaut oder durch gewisse Freiheiten bei der Entscheidungsfindung selbstständig Menschen in Gefahr bringt? Es bleibt eine spannende Debatte.

Autorin: Valerie Lux