Ausgestellte Weltbilder im Wertewandel

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Unter welchen Bedingungen dürfen Kunst-, Kult- und Alltagsobjekte aus ehemaligen afrikanischen Kolonien in europäischen Museen aufbewahrt und ausgestellt werden? Oder sollten sie bedingungslos zurückgegeben werden? Dies war Thema eines Herrenhäuser Forums am 25. Februar 2020.

Afrikanischer Artefakte: Schaukästen eines ethnologischen Museums in Deutschland (Foto: Andreas Praefcke - Ethnologisches Museum, Berlin-Dahlem).
Afrikanischer Artefakte: Schaukästen eines ethnologischen Museums in Berlin. (Foto: Andreas Praefcke - Ethnologisches Museum, Berlin-Dahlem).

Im November des Jahres 2017 beauftragte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron den senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, eine Stellungnahme zur möglichen Rückgabe von musealisierten Objekten aus ehemaligen Kolonien im subsaharischen Afrika zu entwickeln. Der "Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter" empfahl ein Jahr später konkrete Schritte. "Seither wurde viel diskutiert, aber sehr wenig zurückgegeben", sagt René Aguigah, Radiojournalist beim Deutschlandfunk und Moderator des Herrenhäuser Forums "Afrikanisches Kulturerbe in europäischen Museen".

Die Frage nach Restitution stelle sich nicht nur in großen Institutionen wie dem Berliner Humboldt Forum, betont Dr. Adelheid Wessler, Förderreferentin bei der VolkswagenStiftung: "Sie bietet eine Chance, Kolonialismus in seinen Auswirkungen bis heute zu thematisieren."

Überlegenheit und Trophäen

"Es gibt in Deutschland keinen politischen Willen, Objekte zurückzugeben, die als Raubkunst identifiziert wurden", stellt Prof. Dr. Jürgen Zimmerer fest, der an der Universität Hamburg im Arbeitsbereich Globalgeschichte lehrt. Seiner Meinung nach liegt das daran, dass dafür ein liebgewonnenes Weltbild aufgegeben werden müsste: "An die Vorstellung von der Überlegenheit europäischer Kultur- und Wissenssysteme traut sich niemand heran."

Grace Figur Besucher Übersee-Museum
Die Statue "Looking for Grace" der nigerianischen Künstlerin Sokari Douglas Camp nimmt Bezug auf die europäische Fremdherrschaft. (Foto: Übersee-Museum Bremen/Matthias Haase)

Auch Prof. Dr. Louis Henri Seukwa vom Department Soziale Arbeit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg ist sich sicher, dass eine Rückgabe weniger an technischen Details scheitere: "Wir brauchen eine politische Lösung auf höchster Ebene." Dazu gehöre zunächst, offiziell anzuerkennen, dass die fraglichen Objekte nicht in europäische Museen gehörten: "Es handelt sich dabei noch immer um eine Art Trophäen."

Ansprüche und Individuen

Aguigah verweist auf eine deutsche Stellungnahme der Staatsministerinnen Monika Grütters und Michelle Müntefering aus dem Dezember 2018. Darin wird empfohlen, die Herkunft fraglicher Objekte zu erforschen und diese wenn möglich zurückzugeben. Auch Dr. Mareike Späth, die ab März als Kuratorin für Ethnologie am Landesmuseum Hannover arbeiten wird, plädiert für eine sorgfältige Klärung unterschiedlicher Ansprüche im Rahmen einer Aufarbeitung von Sammlungsgeschichten: "Oft ist nicht eindeutig, wohin eine Rückgabe erfolgen müsste." In den Herkunftsregionen haben sich in der postkolonialen Zeit neue Staatssysteme entwickelt.

Ein wissenschaftlicher Blick auf die Geschichte eines Objekts sei auch immer der auf Individuen, so Späth: "Denen gilt es gerecht zu werden, ohne sich politisch instrumentalisieren zu lassen." Prominentes Beispiel sei die umstrittene Rückgabe von Gebeinen an den Staat Namibia, von dem sich bestimmte Gemeinschaften wie die der Herero nicht repräsentiert fühlten.

Halsschmuck Übersee-Museum Bremen
Der Halsschmuck aus der Sammlung Wulff ist eines der Exponate, das derzeit beforscht wird. (Foto: Übersee-Museum Bremen - Matthias Haase)

Simulation und Eindeutigkeit

Zimmerer sieht die Stellungnahme der Staatsministerinnen kritisch: "Die Politik schiebt hier Verantwortung auf die Museen, die aber gar nicht aus eigener Kraft restituieren können." Schließlich handle es sich bei den fraglichen Objekten in der Regel um staatliches Eigentum – es müssten also, ähnlich wie für die nationalsozialistische Raubkunst, erst gesetzliche Grundlagen geschaffen werden.

Die Aufforderung, durch Provenienzforschung zunächst die genaue Erwerbsgeschichte eines Objektes zu klären, hält er in bestimmten Fällen für eine "simulierte Aufarbeitung". Es gebe genug Objekte, bei denen solche Fragen bereits eindeutig beantwortet seien: "Mit deren Rückgabe könnte man sofort beginnen." Als Beispiele nennt Zimmerer das Brachiosaurus-Skelett im Berliner Museum für Naturkunde, die Büste der Nofretete im Neuen Museum Berlin sowie die Benin-Bronzen im Berliner Ethnologischen Museum und im Hamburger Museum am Rothenbaum.

Täter und Transparenz

Im Falle der Benin-Bronzen, so Zimmerer, habe die Britische Regierung vor ihrer Invasion im Jahr 1897 sogar angekündigt, den Feldzug durch den Raub der wertvollen Objekte finanzieren zu wollen. Dass heute das Königshaus von Benin und der nigerianische Nationalstaat konkurrierende Ansprüche an eine Rückgabe stellten, sei lösbar: "Wir übergeben die Bronzen einfach an eine Stiftung unter der Leitung der UNESCO und überlassen alles weitere der Herkunftsregion." Es könne ja wohl kaum die Aufgabe der Verwalter des Diebesguts sein, das zu regeln.

Besucher Figur Übersee-Museum
Koloniale Spuren: Ein Besucher des Übersee Museums Bremen betrachtet eine Figur aus dem Königreich Bamum, Afrika. (Foto: Übersee-Museum Bremen/Matthias Haase)

Seukwa pflichtet ihm bei: "Es steht den Erben der Täter nicht zu, zum Beispiel nach einer angemessenen Unterbringung in Museen vor Ort zu fragen – die Objekte wurden ja nicht aus Museen geraubt." Er fordert zudem maximale Transparenz anhand einer Forschung durch transnationale Teams, auch um Perspektiven zu verschieben: "Afrika ist noch immer als unterworfenes Objekt konstruiert."

Verantwortung und Versöhnung

Zimmerer weist auf die umfassende Symbolik der Raubkunst hin: "Mit den Bronzen wurde ein Teil des kulturellen und sozialen Gedächtnisses des Königreichs Benin außer Landes gebracht.” Und Seukwa ergänzt, dass er die Notwendigkeit, sich auf höchster politischer Ebene zum begangenen Unrecht zu bekennen, entsprechend symbolisch begreife: "Es geht mir nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, dass jemand die Verantwortung übernimmt." Das geschehe auch aus einer Angst vor Reparationsforderungen nicht – sei aber für eine Versöhnung mit den ehemals Kolonisierten unerlässlich.

Zimmerer erinnert an den überlegenen Blick der europäischen Völkerkunde als Grundvoraussetzung für Kolonialismus: "Wir müssen uns auch über die Rolle unserer Museen klar werden, die immer noch von einem eurozentristischen Blick geprägt ist."

Korsett Übersee-Museum Bremen
Aus der Sammlung Wulff statt dieses Herero-Korsett, das als Teil der Provenienzforschung im Übersee-Museum Bremen untersucht wird. (Foto: Übersee-Museum Bremen)

Tricks und Konsequenzen

Zimmerer mahnt: "In Europa erzählt man gerne von Errungenschaften wie Aufklärung, Menschenrechten und Gleichberechtigung, lässt aber außen vor, auf der Grundlage welcher Ausbeutungspraxis diese zustande gekommen sind." Auch Späth betont die Bedeutung einer Vergewisserung, welche Konsequenzen alte Weltbilder bis heute zum Beispiel in der Außenpolitik haben.

Zimmerer geht so weit, der aktuellen Bundespolitik in Hinblick auf Rückgabe- und Reparationsforderungen Taschenspielertricks vorzuwerfen. Offiziell lägen keine Forderungen aus Tansania vor, heiße es da – obwohl der tansanische Botschafter vor drei Wochen unter anderem im Tagesspiegel nicht nur das Skelett des Brachiosaurus aus dem Berliner Museum für Naturkunde zurückgefordert habe. "Die Benin-Bronzen werden seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zurückgefordert und die Büste der Nofretete seit den Zwanzigerjahren", ergänzt Zimmerer. Er gibt außerdem zu bedenken, dass es sich beim historisch gewachsenen Völkerrecht um ein System der ehemaligen Kolonialmächte handle.

Inventarlisten und Einreisebeschränkungen

Gemeinsam mit Bénédicte Savoy, Felwine Sarr und über 100 weiteren Erstunterzeichnenden habe er vor vier Monaten in der Wochenzeitung DIE ZEIT gefordert, ethnologische Museen sollen ihre Inventarlisten veröffentlichen, so Zimmerer: "Diese Informationen müssen sofort allen zugänglich sein." Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die der Kulturstaatsministerin untersteht und Trägerin der Staatlichen Museen zu Berlin ist, habe die Forderung allerdings bereits als absurd abgelehnt.

Kopfbedeckung Übersee-Museum Bremen
Diese Kopfbedeckung der Herero ist Teil der Sammlung Raaben, deren Geschichte im Übersee-Museum Bremen erforscht wird. (Foto: Übersee-Museum Bremen - Matthias Haase)

Die öffentliche Zugänglichkeit von Inventarlisten sei aber schon deshalb wesentlich, weil Kolleginnen und Kollegen aus den ehemaligen Kolonien oft nicht einmal ein Visum erhielten, um vor Ort forschen zu können, führt Zimmerer aus: "Einer unserer Doktoranden hatte angeblich eine zu schlechte Rückkehrprognose – was ist das denn für eine Augenhöhe?" Späth wiederum versichert, alle ihr bekannten Museen in Deutschland seien damit beschäftigt, Inventarlisten in Umlauf zu bringen: "Aus der Erfahrung meiner Arbeitswirklichkeit kann ich keinen Widerstand feststellen, die Museen öffnen sich solchen Prozessen."

Repliken und Sammlungserweiterungen

Im Publikumsgespräch stellt ein Besucher des Tagungszentrums Schloss Herrenhausen fest: "Ethnologische Museen haben kein koloniales Erbe, sie sind koloniales Erbe." Entsprechend müsse auch mit ihnen umgegangen werden. Zimmerer pflichtet ihm bei. Außerdem fragt der Besucher, ob nach einer Rückgabe von originalen Objekten deren Geschichte nicht ebenso gut mit Repliken erzählt werden könnte. Vielleicht seien noch nicht einmal Repliken notwendig, gibt Späth zu bedenken: "Überlegungen zu Bildung und Bewusstsein sowie zu zeitgenössischen Sammlungserweiterungen sind eine wichtige Herausforderung."

hölzerne Figur Melanesien
Eine hölzerne Figur aus Melanesien steht im Zentrum der Ausstellung "Aus den Augen? Postkoloniale Fragmente" des Übersee Museums Bremen und ist Ausgangspunkt für eine kritische Aufarbeitung des kolonialen Erbes wird. (Foto: Übersee Museum Bremen/Volker Beinhorn)

Ein anderer Besucher schlägt ein Eine-Welt-Museum vor. Späth weist darauf hin, die Dauerausstellung im Landesmuseum Hannover trage tatsächlich den Titel "Weltenmuseum". Dabei sei interessant, immer wieder zu fragen, welche neuen Aspekte sich aus der Verbindung oder Kategorisierung von Objekten ergeben: "Was wird als Kunst präsentiert, was als Ritualobjekt?"

Einzigartigkeit und Identität

Zimmerer hingegen fordert: "Wir brauchen ein Museum des kolonialen Blicks, kein Eine-Welt-Museum." Er habe für das neue Humboldt Museum in Berlin vorgeschlagen, darin dessen eigene Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken – und damit die des rassistischen Blicks. "Leider müssen Museen aber Geld einspielen – das tun sie auch, indem sie Besucher durch die Einzigartigkeit von Objekten anlocken", sagt Zimmerer, und ergänzt: "Wir sollten Museen nicht unter geschäftlichen Aspekten führen müssen."

Dabei sei der Umstand, über Museen zu verfügen, durchaus identitätsstiftend für ein Selbstverständnis als Kulturnation. Damit gehe aber auch immer ein Überlegenheitsgefühl einher: "Der historische Wettkampf der europäischen Staaten um deren Status als archäologische Weltmächte trug zu einem übersteigerten Nationalismus bei." Seukwa pflichtet ihm bei: "Es geht in dieser Debatte gar nicht so sehr um Afrika, sondern um Europa – die Konstruktion eines Anderen hat viel mit der eigenen Identität zu tun."

Autor: Thomas Kaestle

Die gesamte Podiumsdiskussion ist als Audiomitschnitt nachzuhören auf der Website von Deutschlandfunk Kultur.

Die erste Veranstaltung zum Thema mit dem Titel "Europas koloniales Erbe in Afrika" ist als Textbericht mit Videomitschnitt veröffentlicht.

Ein stiftungsgefördertes Projekt zum Thema wird in dem Beitrag "Sammlungsgeschichte gehört erschlossen" samt Videos der Geförderten dargestellt.