Herausforderungen für Europa: 5 Fragen zu Europäischer Forschung über Europa

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Im Jahr 2017 wurde das Programm "Herausforderungen für Europa" erstmalig ausgeschrieben - und Europa gleich von mehreren Krisen erschüttert: der Krise um die Verteilung von Geflüchteten (2015), dem Brexit (2016) und dem Erstarken von Populismus in ganz Europa. Vier Jahre später kamen jetzt dreizehn geförderte Projekte zu einem Symposium zusammen.

Ansicht der Tagung Challenges for Europe
Das Symposium im Rahmen der Förderinitiative "Herausforderungen für Europa" fand vom 19. bis 20. Juli 2021 in Hannover statt. (Foto: VolkswagenStiftung)

Vom 19. bis 20. Juli 2021 trafen sich die dreizehn Projektteams aus den ersten beiden Ausschreibungsrunden des Programms "Herausforderungen für Europa" beim Statussymposium "Challenges for Europe", um erste Ergebnisse aus ihren Projekten vorzustellen und über die aktuelle Entwicklung zu informieren. Es gab den Beteiligten zudem die Gelegenheit zum Austausch und Netzwerken, für viele die erste Möglichkeit seit Beginn der Covid-19 Pandemie. Förderreferentin Dr. Annabella Fick zieht Résumé. 

Vor dem Hintergrund, dass die dritte Runde der Initiative gerade entschieden wurde und die vierte Runde mit dem Stichtag am 23. Juli startete, war das Statussymposium die ideale Gelegenheit, um die geballte Expertise der anwesenden Wissenschaftler:innen zu nutzen, um mehr über die Aufgaben und die Notwendigkeit der Forschung über Europa durch europäische Forschungsnetzwerke zu lernen.

Um den vorliegenden Wissensschatz einzusammeln, bat ich die Teilnehmenden mit Hilfe von Pinnwänden und einem Online-Chatroom ihre Gedanken mit allen zu teilen. Zusätzlich diskutierten drei Geförderte beim Abschlusspanel einige der Fragen gemeinsam mit den anderen Teilnehmenden. Von all diesen interessanten Impulsen und Überlegungen möchte ich gerne hier eine, notwendigerweise, kleine Auswahl vorstellen, die mir auf die ein oder andere Weise besonders wichtig erscheinen.

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Referentin Dr. Annabella Fick betreut das Förderprogramm "Herausforderungen und Potenziale für Europa". (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

Was kann gemeinsame Forschung zu Europa ermöglichen bzw. erreichen?

Warum ist es heute so wichtig und auch wichtig für die Zukunft? Daraus entwickelte sich eine spannende Debatte. Die Geförderten waren sehr enthusiastisch hinsichtlich der Möglichkeiten, die solche gemeinsamen Forschungsprojekte eröffnen. Die Projekte helfen nicht nur dabei, Hindernisse zu überwinden, sondern sie senden gleichzeitig auch eine starke europäische Botschaft aus. Die aktuellen Forschungsthemen werden immer mehr europäische und weniger nationale Themen. Die Forschenden selbst leben häufig diese europäische Identität in ihrer europaweit-verteilten Tätigkeit. Das trifft besonders für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu. Wichtig ist dabei für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, dass eine gemeinsame Sprache gefunden wird, nicht nur wortwörtliche eine Sprache zum gemeinsamen Austausch, sondern auch eine gemeinsame Sprache der Themen und Methodologien. Ein Teilnehmer betonte zudem, dass diese europäischen Forschungsprojekte besonders gebraucht würden in Ländern, in denen Forschende unter Druck gesetzt würden von nicht-demokratischen Autoritäten. Für diese Forschenden bedeuten die Drittmittelförderung und die Unterstützung ihrer Kolleginnen und Kollegen, dass sie ihre Arbeit weitgehend unbeeinträchtigt durchführen können. Nicht zuletzt zeigte die Corona-Pandemie das gemeinsame Forschung darüber hinaus hilft, dass Europaforschung widerstandsfähiger wird für Krisenzeiten. Durch den Austausch von Best-Practice-Beispielen und der gemeinsamen Aufgabe, Lösungen zu finden für die Herausforderungen zum Beispiel der Pandemie, wird die Wissenschaftslandschaft insgesamt gestärkt.

Um erfolgreiche Forschung in Europa zu ermöglichen, ist es essentiell wichtig, dass Europaforschung Raum und Zeit benötigt, um zusammenzukommen und gemeinsam Ideen zu wichtigen Themen auszutauschen. Dies zeigte das Statussymposium glasklar. Oft gibt es jedoch diese Art von ergebnisoffenem Austausch nicht. Konferenzen müssen konkrete Ergebnisse erzielen und die Teilnehmenden befinden sich meist unter verschiedenen Zwängen und Verantwortlichkeiten. Dennoch ist es besonders wichtig, europäische Themen offen zu diskutieren um innovativ zu bleiben und neu aufkommende Herausforderungen früh zu erkennen. Die Welt der Europaforschung ist immer noch recht homogen hinsichtlich ihrer Werte und Ideen. Daher sollte Forschung wirklich europäisch und nicht national gedacht werden. Es braucht hier eine möglichst uneingeschränkte geistige Haltung. Es war ebenfalls sehr klar, dass die Werte Europas aktuell sowohl von innen heraus als auch von außen verstärkt attackiert werden. Aus diesem Grund ist es von besonders hoher Priorität, dass die Kernwerte Europas durch den Beitrag von starker Forschung verteidigt werden.

The call is dedicated to the challenges and dynamics of change within Europe. (Photo: mode_list - fotolia.com)
Europa bei Nacht, aus dem Weltraum gesehen (Foto: mode_list - fotolia.com)

Vor welchen Problemen stehen europäische Forschungsprojekte?

In einer weiteren Frage wurden die Probleme adressiert, die auf dem Weg von erfolgreichen europäischen Forschungsprojekten auftauchen können. Hier wurden besonders ganz praktische Punkte genannt, wie Herausforderungen mit Verwaltungsabläufen, der Notwendigkeit, die zuständigen Projektkoordinierenden erfolgreich weiterzubilden, sowie die Bedeutung von einer guten Austauschbasis mit den verschiedenen Projektpartnern. Auch muss die Situation von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Blick behalten werden. Diese schultern häufig die Hauptbürde, da sie gleichzeitig die Aufgabe haben, sich akademisch zu qualifizieren durch ihre Doktorarbeiten und den Großteil der aktiven Forschung im Gesamtprojekt beitragen.

Wie identifiziert man gerade neu aufkommende Herausforderungen für Europa

Die Frage: "Wie identifiziert man gerade neu aufkommende Herausforderungen für Europa” brachte einige (vielleicht zu erwartende) Rückfragen: von welchem Europa sprechen wir denn? Der EU? Dem geographischen Europa oder von Europa und seinen wichtigsten Nachbarregionen? Diese Fragen sind alle sehr berechtigt und zeigen, dass es keine einfache Definition für Europa gibt. Insgesamt wurde hier klar, dass es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich ist, sich gerade entwickelnde Herausforderungen zu erkennen, da diese entweder bereits Teil von bestehenden Herausforderungen sind oder sie so plötzlich auftauchen, dass man damit nicht rechnen konnte, wie zum Beispiel dem Brexit. Dennoch gibt es einige Themenfelder, die großes Potenzial für zukünftige Forschung zu haben scheinen, wie eine historische Perspektive auf ungelöste Konflikte innerhalb Europas (zum Beispiel in der Ukraine, Nordirland oder in Katalonien). Es ist recht offensichtlich, dass das Finden von neuen, bisher wenig untersuchten Themen ein kniffelige Aufgabe bleibt. 

Es bleibt also weiterhin eine recht herausfordernde Aufgabe, neue Impulse für die Forschung zu Europa zu generieren. Trotzdem war es sehr erfreulich, die Antworten auf die letzte Frage zur hören, die lautet: "Was ist für Sie das Highlight der gemeinsamen Europaforschung? Würden Sie erneut solch ein Projekt starten und wenn ja, warum?". Auf den zweiten Teil der Frage gab es ein klares und überzeugtes Ja. Schon während des Statussymposiums beschlossen verschiedene Projektteams, dass sie in Zukunft an gemeinsamen Publikationen arbeiten möchten. Auch eine gemeinsame Projektarbeit im weiteren Verlauf erscheint eine definitive Option. Auch wurde klar, dass dieses Programm der VolkswagenStiftung den so notwendigen Raum des Austausches über Europa eröffnet. Durch die gemeinsame Arbeit an den Projekten ergeben sich immer wieder neue Fragestellungen und Perspektiven. Abschließend lässt sich feststellen, dass diese Förderinitiative ihren Platz hat in der Welt der Europaforschung. Sie ist grenzüberschreitender, als die Programme anderer nationaler Förderer und sie ist besser handhabbar als die großen Forschungsförderungen auf europäischer Ebene. Es ist eindeutig, dass weiterhin der Fokus auf der Kapazitätsentwicklung und der Nachwuchsförderung einen großen Wert hat, da das der Weg ist, um kreative und nachhaltige Lösungen für den Kontinent zu entwickeln.