Globale Strukturen und deren Steuerung

Beendet im Dezember 2002

Seit dem Umbruch der Jahre 1989 bis 1991 lässt sich ein grundlegender Wandel der internationalen Beziehungen und ein vielschichtiger, noch nicht abgeschlossener Prozess zur Neustrukturierung des internationalen Systems beobachten. Während die vor 1990 liegenden Jahrzehnte durch eine bipolare Weltordnung, den Ost-West-Gegensatz, geprägt waren, erscheinen Akteure und Räume jetzt verändert. Neben dem früher dominierenden atlantisch-europäischen gewinnt der asiatisch-pazifische Raum an Bedeutung. Weltumspannende wirtschaftliche Verflechtungen, die Ausbreitung neuer Wertvorstellungen und Technologien sowie die damit verbundenen Risiken gehen einher mit dem Bewusstwerden kultureller Unterschiede, der Entwicklung von räumlichen Identitäten, Interessengemeinschaften und Machtkonzentrationen. Unternehmen nutzen Systemunterschiede, die vorteilhaft sind für sie, suchen und verwirklichen bisher wenig bekannte Wege für die Steuerung dezentraler Aktivitätszentren. Neue grenzüberschreitende Akteure stellen die Kontrolle und Regulierung der internationalen Beziehungen durch Staaten und die von ihnen gebildeten Organisationen in Frage.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Wandel und mit der Bildung globaler Strukturen und Ordnungsmuster möchte die VolkswagenStiftung durch den im Sommer 1997 eingerichteten Förderschwerpunkt anregen. Das Erkenntnisinteresse zielt auf die vielfältigen neuen Formen und uneinheitlichen Prozesse der "Globalisierung" sowie die Möglichkeiten, Prozesse eines Wandels in globalem Ausmaß zu beeinflussen und zu steuern. Von den Entwicklungen des internationalen Systems bleiben die Konzepte, Methoden und Theorien der damit befassten Wissenschaften nicht unberührt. Neue Richtungen und Disziplinen sowie die fächerübergreifende und internationale Wissenschaftskooperation gewinnen an Bedeutung.

Zielsetzung

Mit Blick auf den Wandel und die Bildung globaler Strukturen und Ordnungsmuster zu Beginn des 21. Jahrhunderts möchte die VolkswagenStiftung anregen zu:

- wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen und Erklärungen der vielfältigen neuen Formen und uneinheitlichen Prozesse der "Globalisierung",

- Analysen der Möglichkeiten zur Beeinflussung und Steuerung globaler Strukturen sowie der Probleme, Grundlagen und Formen einer Gestaltung von grenzüberschreitenden Beziehungen.

Erwünscht sind dabei

- die Verknüpfung empirischer Forschung mit der Weiterentwicklung von Konzepten, Methoden und Theorien,

- die gemeinsame Arbeit verschiedener Richtungen und Fächer in übergreifenden Zusammenhängen, auch bei der Aus- und Weiterbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs,

- der Austausch zwischen universitärer und außeruniversitärer Forschung, Ausbildung und Praxis sowie

- die internationale Wissenschaftskooperation.

Für die Thematik relevante Beiträge werden nicht nur von den Politik-, Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, sondern auch aus den Geistes- und Kulturwissenschaften erwartet. Bei bestimmten Fragestellungen sollte die interdisziplinäre Zusammenarbeit Natur- und Technikwissenschaften einschließen.
 

II. Thematik

Auf den Wandel globaler Strukturen beziehen sich folgende Fragen: Wie weit reichen die mit Etiketten wie Globalisierung, Fragmentierung, Regionalisierung oder Multipolarität versehenen Trends? Was ist ihnen gemeinsam, und worin unterscheiden sie sich? Sind die Trends tatsächlich neu, oder werden seit langem vorfindbare Entwicklungen nur verstärkt und beschleunigt? Was bringt den Strukturwandel hervor? Welche Gestaltungsprobleme wirft er auf? Die uneinheitliche Charakterisierung des Wandels weist auf die Bedeutung von Ideen und Normen für das Gewinnen analytischer Kategorien hin. Zugleich wirken Weltbilder und Überzeugungen über kausale Zusammenhänge oder normative Prinzipien handlungsorientierend. Sie sind deshalb auch für die Bildung von Ordnungsmustern und die Gestaltung der Beziehungen bedeutsam.

Ein hervorstechendes Beispiel für komplexe Steuerungsprobleme bieten transnationale Netzwerke weltweit tätiger Unternehmen, die für sie vorteilhafte Systemunterschiede nutzen. 

Governance-Strukturen solcher Unternehmen, ihre Effizienz und Effektivität können deshalb einen Ansatzpunkt für die angeregten Untersuchungen bilden. Die geografische Streuung ihrer Aktivitäten, deren staatliche Regulierung sich international und regional unterscheidet, legt eine dezentrale Organisation nahe. Für den dadurch erhöhten Koordinationsbedarf müssen Alternativen zu hierarchischen Steuerungsformen gefunden werden, die auch innerhalb von Unternehmen immer häufiger in Frage gestellt werden. 

Ordnungspolitisch bewegen sich die Gestaltungsalternativen für grenzüberschreitende Wirtschaftsbeziehungen zwischen privatautonomem Recht, das aus der Selbstorganisation der Wirtschaftssubjekte hervorgeht, und einer internationalen Wettbewerbsordnung, die wirtschaftsvölkerrechtlich geregelt und durch supranationale Organisationen untermauert wird.

"Globalisierung" bedeutet nicht das Ende politischer Steuerungsfähigkeit, aber die Bedingungen und Instrumentarien verändern sich. Das Denken in den Kategorien traditioneller Staatlichkeit – insbesondere die Gleichsetzung von "Regieren" mit Staatstätigkeit – verfehlt möglicherweise diese Veränderungen. Offen hingegen für unterschiedliche Formen der kollektiven Problembearbeitung durch zielgerichtetes öffentliches Handeln ist das Konzept Governance. 

Mit ihm lässt sich die Herstellung öffentlicher Ordnung auf unterschiedlichen Ebenen – von der regionalen bis zur globalen – und in unterschiedlichen Akteurskonstellationen bezeichnen. Letztere reichen von der Selbstkoordination gesellschaftlicher Akteure über "gemischte" Prozesse in (nationalen oder grenzüberschreitenden) Verhandlungssystemen bis zur Regelsetzung in internationalen Organisationen und Regimen. Daher richten sich wichtige Forschungsfragen darauf, unterschiedliche Formen von Governance systematisch zu erfassen und auf Probleme der Reichweite, des Verbindlichkeitsgrads und der Effizienz einzugehen. Steuerungsziele, Akzeptanz und Legitimität von Steuerungswirkungen sollten auch einer normativen Prüfung unterzogen werden.

Eine Antwort auf die Frage nach dem "Regieren" in globalen Strukturen bilden beispielsweise Abkommen über kooperative Implementation von Gesetzgebungen. Solche Verrechtlichungen sollen auch im internationalen System regulative Politik ermöglichen. Mit dem Ausbau der Vereinten Nationen zeichnet sich eine Umorientierung im Völkerrecht ab, das traditionell der Koordination unabhängiger Rechtssubjekte (souveräner Staaten) dient. 

Im Hinblick auf die Entwicklung einer verfassten Rechtsgemeinschaft verdienen Ordnungsnormen im Gemeinschaftsinteresse (etwa zum Schutz der Menschenrechte und der Umwelt oder zur Verteilung lebenswichtiger Ressourcen) eine besondere Beachtung. Damit gehen neue Aufgaben und neue Formen globaler und regionaler Verwaltungsgemeinschaften einher. Zu klären ist deren Verhältnis zu den Mitgliedsstaaten. Einer Analyse bedürfen auch neue Entwicklungen für die organisierte Rechtsdurchsetzung und Streitbeilegung.

Unter Effizienzgesichtspunkten ist zu fragen nach dem Verhältnis verschiedener einander ergänzender oder widersprechender Regimenormen, der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der zu ihrer Durchsetzung und Einhaltung getroffenen institutionellen Arrangements oder den Gründen für regionale (an Stelle globaler) Regelungen und Integrationsprozesse. Wie weit ist der verdichtete europäische Integrationsprozess Vorbild oder Anlass für andere regionale Vernetzungsversuche oder Blockbildungen? Wie werden die Beziehungen innerhalb solcher Kooperationsprozesse und Foren gestaltet? Wie verhalten sich die verschiedenen Regionalismen zueinander?
 

III. Fördermöglichkeiten

Einzeln oder miteinander kombiniert können gefördert werden:

- Forschungsprojekte (durch Bereitstellen von Personal- und Sachmitteln einschließlich Reisekostenzuschüssen)

- Wissenschaftliche Veranstaltungen mit begrenztem Teilnehmerkreis (bei Arbeitstagungen und Symposien sind in der Regel 30, bei Kursen und Sommerschulen 60 Teilnehmer als Obergrenze zu betrachten)

- Nachwuchsausbildung in Forschungs- und Ausbildungsprojekten unter Betreuung durch erfahrene Wissenschaftler (in Anlehnung an die allgemeinen Stipendienrichtlinien)

Über die mögliche Förderung von und von sechs- bis 24-monatigen Freistellungen ("Forschungsprofessuren") für Professoren/innen in Deutschland, die sich mit einem eigenen substanziellen Forschungsbeitrag an einem Projekt beteiligen, informieren wir Sie auf Wunsch gern detailliert. 
 

IV. Konkrete Hinweise zur Antragstellung enthält die beigefügte Checkliste.

Die VolkswagenStiftung kann Fördermittel nur an wissenschaftliche Einrichtungen vergeben. Bei Antragstellern außerhalb der Hochschulen und der allgemein bekannten außeruniversitären Forschungsinstitutionen sind daher Angaben notwendig zu Rechtsform, Satzung, Besetzung der Organe und Gremien, Gemeinnützigkeit, Etatgestaltung und Haushaltsprüfung der zu fördernden Einrichtung. Soweit ein Tätigkeitsbericht der Antrag stellenden Einrichtung vorliegt, wird um Übersendung gebeten.

Die VolkswagenStiftung nimmt keine Anträge in Bearbeitung, die in dieser oder ähnlicher Form gleichzeitig anderen Fördereinrichtungen vorliegen.