Die religiöse Legitimation von Gewalt – Leopoldina-Lecture anlässlich 500-jährigem Reformationsjubiläum

26. Sept 17

Wann lassen Islam und nachreformatorisches Christentum Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung zu? Wie greifen theologische und politische Argumentationen dabei ineinander? Exper(inn)en diskutierten in Hannover.

© VolkswagenStiftung

Veranstaltungsbericht zur 11. Leopoldina-Lecture der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Kooperation mit der VolkswagenStiftung im Schloss Herrenhausen am 5. September 2017

"Religion und Gewalt. Von der Reformation bis zur Gegenwart" mit Prof. em. Dr. Hans Kippenberg, Prof. em. Dr. Luise Schorn-Schütte und Prof. Dr. Rainer Godel (Moderation)

Konstante und Gemengelage

"Bis vor kurzem schien es Akademikern fast, als habe sich die Religion mit der Aufklärung erledigt", spitzt Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung, in seinem Grußwort zu. Und fügt an: "Jetzt ist sie wieder ins Zentrum wissenschaftlichen Interesses gerückt." Dieser Umstand ist eng mit einer zunehmenden religiös motivierten Gewalt verknüpft. Nahezu tägliche Nachrichten über Konflikte, Kriege und Terrorakte legten den Eindruck nahe, so Krull, Gewalt sei eine feste Konstante in religiösen Gesellschaften. Er fragt: "Ist diese Verbindung wirklich so offenkundig?" Sei es nicht vielmehr eine vielschichtige Gemengelage aus politischen und religiösen Faktoren?

"Ein Blick in die Vergangenheit kann sich lohnen", verspricht Krull – und erinnert an den Westfälischen Frieden: "Dessen Lösungsansatz bestand in einer Machtteilung, einer Neuformulierung der politischen Ordnung, und deren Sicherung durch Garantiemächte." Unter Umständen könne eine genauere Betrachtung sogar Optionen für den Umgang mit dem heutigen Syrien nahelegen.

Relevanz und Einsichten

Erstmals thematisiere eine Leopoldina-Lecture ein geisteswissenschaftliches Thema, wenn auch eines von großer Brisanz, erklärt Prof. Dr. Rainer Godel einleitend. Als Leiter des Studienzentrums der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina übernahm er die Moderation des Abends. Die Leopoldina leiste wissenschaftsbasierte Politikberatung, so Godel: "Am Ende dieses Diskurses kann allerdings kein konkreter Rat stehen – aber doch wichtige neue Einsichten."

Prof. Dr. Rainer Godel moderierte den Abend. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Prof. Dr. Rainer Godel moderierte den Abend. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Ein Jubiläum wie das 500-jährige der Reformation sei immer ein guter Anlass für einen Rückblick. Umso interessanter werde der jedoch, wenn bestimmte Konfliktfelder ihre Relevanz bis heute bewahrt haben. Zumal die Geschichte von Religions- und Konfessionskriegen viel weiter in die Gegenwart reiche, als man sich das oft bewusst mache.

Reformation und Recht

Prof. em. Dr. Luise Schorn-Schütte skizziert in ihrem Vortrag einen Überblick zu Zusammenhängen von Gewalt und Religion im Europa der Frühen Neuzeit. Sie ist Historikerin und lehrte zuletzt an der Goethe-Universität in Frankfurt. Die Zeit zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert sei durch Konfessionskriege geprägt gewesen, so Schorn-Schütte, die auf die Spaltung der westlichen Christenheit durch die reformatorische Bewegung, hervorgerufen durch Martin Luther, zurückzuführen seien.

"Die Debatten über eine legitime Gewaltanwendung gegenüber andersgläubigen Feinden gingen zwar von Deutschland aus, wurden aber in ganz Europa geführt", erklärt Schorn-Schütte. Dabei sei eine Vertiefung der Verzahnung von Religion und Politik zu beobachten – vor allem jedoch der Versuch, die Formen des traditionellen Rechts mit seinen etablierten Verfahrenswegen zu wahren. "Zwar wurde versucht, Gewaltanwendung zu legitimieren, doch konnte zunächst ein Krieg vermieden werden", erläutert Schorn-Schütte.

Widerstand und Krieg

Durch ein Stillhalteabkommen im Jahr 1526 auf dem Reichstag, dem zentralen politischen Gremium im alten Reich, war zunächst die endgültige Spaltung zwischen dem katholischem und dem lutherischem Lager vermieden worden. Der folgende Reichstag im Jahr 1529 hat dann zum Eklat geführt, als die katholischen Stände die Reichsacht über die Protestanten beschlossen haben und die Lektüre und Verbreitung der Schriften Martin Luthers verboten wurden. Reichsstände waren diejenigen Personen und Korporationen, die Sitz und Stimme im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hatten. Die Ächtung war gleichzeitig eine Gewaltandrohung: Derjenige, der geächtet wird, also die Protestanten, konnte damit rechnen, dass Gewalt gegen ihn ausgeübt wird, wenn er der religiösen Mehrheitsmeinung nicht folgte. Die protestantischen Stände erhoben sogleich Protest gegen den Mehrheitsbeschluss der Reichsacht als Rechtsmittel und Verfahren im Rechtsrahmen.

Die Historikerin Prof. em. Dr. Luise Schorn-Schütte berichtete über den historischen Werdegang der Protestanten. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Die Historikerin Prof. em. Dr. Luise Schorn-Schütte berichtete über den historischen Werdegang der Protestanten. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

"Mit dieser Gegenüberstellung der unterschiedlichen Instrumente war nun aber klar: Der Kaiser droht mit Waffengewalt gegen die nicht Gehorsamen, gleichzeitig fühlten sich die protestierenden Stände an die Mehrheitsentscheidung nicht gebunden – was laut geltendem Recht ebenfalls legitim war. Jede Konfession deutet damit das bestehende Recht als Legitimation der eigenen Forderungen", so Schorn-Schütte. Dies habe auch das Erörtern eines rechtmäßigen bewaffneten Widerstands eingeschlossen: "Die Fürsten berieten erstmals gemeinsam mit Theologen und Gelehrten eine legitime Gewalt gegen Andersgläubige – in einer politisch-theologischen Sprache."

Vor allem die Protestanten argumentierten in einer Vermengung von Römischem Recht und biblischer Auslegung. Schorn-Schütte führt aus: "Allerdings wurden von beiden Seiten die gleichen Begriffe für unterschiedliche Wahrheiten gewählt." Dies habe die Kommunikation immer weiter verhindert, sodass sich die Widersprüche im Jahr 1618 beim Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges entluden, der am Anfang in der Tat ein Religionskrieg gewesen sei.

Islamisches Reich und Territorialstaaten

Prof. em. Dr. Hans Kippenberg ist Religionswissenschaftler und lehrte zuletzt an den Universitäten Groningen und Bremen. Er beleuchtet in seinem Vortrag die Entwicklung des Islam zwischen dem 19. Jahrhundert und heute und berichtet über unterschiedliche Auffassungen von religiös legitimierter Gewalt. Mit dem Osmanischen Reich zerfiel im Jahr 1924, also vor nicht einmal 100 Jahren, ein islamisches Reich in souveräne Territorialstaaten. Dies war – und das sei wenig bekannt – ein wesentlicher Wendepunkt, an dem sich individuelle Perspektiven im Islam ausbildeten.

Bei dem Zerfall des Osmanischen Reiches ist das Modell seines Herrschaftsaufbaus zu berücksichtigen, führt Kippenberg aus. Denn es war ein Reich, das auch multireligiös war: An der Spitze derer, die das Reich auch militärisch getragen haben, standen zwar Sunniten. Sehr wohl hatten aber auch Christen und Juden in diesem Reich ihre Gemeinschaften gebildet. Der Vertrag von Lausanne, in dem die Siegermächte des Ersten Weltkrieges das Osmanische Reich zerschlugen, habe über die Grenzen der Nachfolgestaaten vor allem im Interesse religiöser Homogenität entschieden, berichtet Kippenberg: "Man wollte Einheiten politischer Art haben, die religiös homogen waren." Und fügt hinzu: "Das, was mit dem Wort 'Bevölkerungsaustausch' beschrieben wurde, war eine Schönfärberei. In Wirklichkeit waren es Vertreibungen nach Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften, nicht nach Zugehörigkeiten zu Sprachgemeinschaften." Im Endeffekt seien dadurch ethnische Verfolgungen möglich gemacht worden.

Sultan und Kalif

Wo bisher die Gewalten klar zwischen einem Sultan, der die militärische Herrschaft hatte, und einem Kalifen als religiösem Oberhaupt weltweit getrennt waren, so Prof. em. Dr. Hans Kippenberg, seien mit Mustafa Kemal Atatürk als Präsident der neuen Republik Türkei beide aufgelöst worden: "Das Sultanat ist im demokratischen Verfassungsrahmen eingespannt, das Kalifat wurde gänzlich abgeschafft." Damit habe das Symbol der Einheit des sunnitischen Glaubens, das Kalifat, eine empfindliche Leerstelle hinterlassen, erklärt er. "Der Kalif hatte den Vorsitz der Sunniten weltweit."

Der Religionswissenschaftler Prof. em. Dr. Hans Kippenberg skizzierte unter anderem die Entstehungsgeschichte des Islamischen Staats. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Der Religionswissenschaftler Prof. em. Dr. Hans Kippenberg skizzierte unter anderem die Entstehungsgeschichte des Islamischen Staats. (Foto: Philip Bartz / Leopoldina)

Dies sei der Ausgangspunkt des Entstehens verschiedener Gruppierungen gewesen, die das Kalifat für notwendig erachteten und seine Wiedereinführung anstrebten. "Sie wollten die Muslime weltweit wieder zu einer islamischen Lebensweise zurückführen; in eine islamische Gesellschaft, in der Angelegenheiten des Lebens gemäß den schiitischen Rechtssprüchen entschieden werden", erläutert Kippenberg. Ein Beispiel dafür findet sich seit 2014 in Syrien bzw. im Irak, wo Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen erklärt worden ist – und da auch mit dem Anspruch, dass dieses Kalifat nicht nur auf das Territorium bezogen ist, in dem es sich gebildet hat, sondern auch über dieses hinaus. Al-Baghdadi ist bereits seit Mai 2010 Anführer der dschihadistisch-salafistischen Terrororganisation Islamischer Staat.

Gleichzeitig hat der Wegfall des Kalifats die Position der Muftis gestärkt – religiösen Gelehrten, die Rechtsauskünfte, so genannte Fatwas, geben. Die sind jedoch nur bindend für jene, die die Autorität des Muftis anerkennen. Das führe zu einer fortschreitenden Fragmentierung von Glaubensauslegungen, berichtet Kippenberg.

Engagement und Gesinnung

Bereits im Jahr 1928 gründete sich in Ägypten die Muslimbruderschaft. Ägypten war bereits vor dem Zerfall des Osmanischen Reiches daraus losgelöst, was seine Ursache im sich ausbreitenden Kolonialismus hatte. Die Vereinigung der Muslimbrüder hatte das Ziel, eine islamische Lebensweise zu bewahren, verbunden mit dem Aufbau sozialer Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern. "In ihrer eigenen Auffassung sind sie Salafisten und folgen der Salafia, dem Modell des frühen Islam in der ersten Generation von Muslimen", erläutert Prof. em. Dr. Hans Kippenberg. "Der Religion wurde eine Außenseite gegeben, die sozialer Art ist."

Seit den 1920er Jahren haben sich die Muslimbrüder mit einer straffen Organisation bis nach Europa hin ausgebreitet. Die Muslimbruderschaft verfolgt dabei ein Phasenmodell: Zunächst sollen andere von der islamischen Botschaft überzeugt, dann islamische Institutionen im Meer der Ungläubigen errichtet werden. Zuerst steht also die Islamisierung der Gesellschaft, und ganz am Ende erst die Errichtung des islamischen Staats. Kippenberger erklärt: "Sie ermächtigen die Muslime als Aktivisten eines sozialen Islams, sozusagen als "Islam von unten"."

Palästina war bereits länger eine Hochburg der Muslimbrüder, die von Israel einschließlich der sozialen Institutionen in den 1970er Jahren anerkannt war. Dennoch wurde die erste Intifada, also der Aufstand gegen die israelische Besatzungsmacht im Westjordanland 1987, von Muslimbrüdern mitorganisiert. "Sie traten damit in die dritte Phase, also die Bildung eines islamischen Staates ein, da es nicht ausgeschlossen war, dass hier ein solcher Staat entsteht", berichtet Kippenberg. Als eine Folge des Widerstands gründet sich im Dezember 1987 die Hamas zur Verteidigung der islamischen Werte.

Besonders auch in Palästina verbreitet sich zu der Zeit die Auffassung, dass die Welt, in der die Muslime verkehren, verdorben von den westlichen Werten und Normen ist, sodass der wahre Islam nur noch in der Gesinnung existiert, nicht mehr in den sozialen Institutionen. "Mit dieser Gesinnungsethik tritt der Dschihadismus auf", erklärt Kippenberg. Der "Heilige Krieg", wie ihn der Prophet Mohammed in Medina geführt hat, diene dazu, nach der eigenen Überzeugung aktiv zu werden und zu handeln, also eine Ordnung nach den eigenen Überzeugungen zu gründen und auch zu verteidigen. "Ab jetzt ist die Toleranz Vergangenheit, ab jetzt ist Militanz angesagt", erklärt Kippenberg. "Denn auch heute noch", so Kippenberg, "legen viele die Geschichte so aus, dass die Suren, die aufrufen, die Ungläubigen zu töten, die letzte Offenbarung darstellen, die der Prophet Mohammed erhalten hat." Sie hebe in den Augen von Extremisten alle vorangegangenen Offenbarungen auf und legitimiere Terrorismus als Handeln nach dem Vorbild des Propheten.

Terrorismus und Allgemeinwohl

"Die etwa 16 Millionen Muslime in Europa reagieren auf die Auseinandersetzungen des Westens zum Beispiel im Irak oft zwiespältig", berichtet Kippenberg. "Die eine Seite sagt: Wenn sie uns dort terrorisieren, dann sind wir auch berechtigt, sie hier zu terrorisieren. Und die andere Seite sagt: Das ist grundfalsch, weil du das Allgemeinwohl der islamischen Gesellschaft aufs Spiel setzt, wenn du so handelst. Und in dieser Situation entsteht nun ein europäischer Islam."

Der ägyptisch-katarische Geistliche Yusuf al-Qaradawi ist Islamgelehrter und führendes Mitglied der Muslimbrüder – und eine große Autorität bei der Website "Islamonline.net", die bestimmte Fragen, die Muslime stellen, aufgreift und beantwortet. Zudem war er in Europa die treibende Kraft für die Etablierung des "European Council for Fatwa and Research" (ECFR) in 1997. "Es gibt also einen europäischen Islam, der auf das, was Muslime in Europa bewegt, reagiert. Auch die Gewaltfragen im Nahen Osten tauchen auf und werden in bestimmter Weise beantwortet", berichtet Kippenberg. Der ECFR wird unter anderem in Deutschland durchaus kritisch betrachtet. Beispielsweise hat das Landesamt für Verfassungsschutz von Baden-Württemberg 2011 festgestellt, dass laut dem Rat die Entwicklung eines Islam europäischer Prägung und einer Islam-Auslegung, die sich an demokratischen Werten und dem westlichen Verständnis von Menschenrechten und Selbstbestimmung orientiert, verhindert werden solle.

Kippenberg schließt seinen Vortrag mit der Erwähnung verschiedener Publikationen zum Islam und dem säkularen Staat. Er nennt unter anderem "Islam and the secular state: Negotiating the Future of Shari’a" von dem sudanesischen islamischen Rechtgelehrten und Rechtwissenschaftler Abdullahi Ahmed An-Na'im. Dieser argumentiere, dass ein wirklicher Islam, der nicht in den Händen von Mächtigen läge und manipuliert werde, nur unter dem säkularen Staat möglich sei. Zudem erwähnt er die Publikation "Europäischer Islam: Muslime im Alltag" von der Soziologieprofessorin Nilüfer Göle, die die gesamten Konflikte rund um den Islam in Europa aufgearbeitet hat, beispielsweise um Kopftücher, Minarette, das Beten in öffentlichen Räumen u. ä.. Sie hat die Kontrahenten an einen Tisch gebracht und die Themen durchdiskutieren lassen. "Und dabei zeigte sich, dass die Kontroversen eigentlich das sind, was konstruktiv und nicht destruktiv ist", resümiert Prof. em. Dr. Hans Kippenberg.

Deutungshoheit und Tradition

In der Diskussion bekräftigte Prof. em. Dr. Luise Schorn-Schütte die historische Bedeutung der Deutungshoheit. Ein Bellum Justum, ein gerechter Krieg also, sei im Europa der Frühen Neuzeit einer gewesen, der aufgrund der Verletzung des Vertrags zwischen einem Herrscher und seinen Untertanen entstand: "Das wurde auch theologisch begründet, blieb aber im Vertragsrahmen." Gemeinsame Begriffe dabei konsequent unterschiedlich auszulegen, habe jedoch zwangsläufig zum Krieg geführt.

Im Islam wiederum, so Prof. em. Dr. Hans Kippenberg, gründe sich die Rechtfertigung von Gewalt nicht auf Auslegung, sondern auf ein Handeln entsprechend dem Handeln von Vorbildern: "Die Entscheidung, in welcher Tradition ich handle und auf welche Vorbilder ich mich berufe, ist maßgebend." Dies führe zu einer zunehmenden Fragmentierung des Glaubens.

Thomas Kaestle