Was hat die Förderung der Evolutionsbiologie gebracht?

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Projektbeschreibung: Die Ausbildungskonzepte

Rund hundert Teilnehmer(innen) haben vom 7. bis 9. Juli 2014 im Schloss Herrenhausen zurückgeblickt auf ein Jahrzehnt erfolgreicher Förderung von Projekten zur "Evolutionsbiologie". Auch die vier von der Stiftung geförderten Ausbildungskonzepte wurden zum Abschluss der Initiative vorgestellt.

Nicht zuletzt der eklatante Mangel in Lehre und Ausbildung – und demzufolge auch an Absolventen und evolutionsbiologisch arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – war Anlass genug für die VolkswagenStiftung, sich mit der "Initiative Evolutionsbiologie" nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Unterstützung der Lehre zu engagieren. Vier Ausbildungskonzepte wurden im Zuge zweier Wettbewerbsrunden auf den Weg gebracht, jeweils gefördert mit mindestens rund 300.000 Euro. Die Curricula an den Universitäten in München (LMU), Potsdam, Münster und Tübingen schrieben alle auf ihre eigene Weise Erfolgsgeschichte. Ihre Vorstellung in Herrenhausen bildete den Auftakt der dreitägigen Schlussveranstaltung zum Stiftungsengagement in Sachen Evolutionsbiologie. Sie alle haben Besonderes zu bieten.

Munich Graduate Program for Evolution, Ecology and Systematics (München)

Der Master-Studiengang "Munich Graduate Program for Evolution, Ecology and Systematics", kurz EES LMU in München qualifiziert den wissenschaftlichen Nachwuchs noch im Studium unmittelbar für eine Karriere in der Evolutionsbiologie. Den Übergang in die Wissenschaft so fundiert und gleitend wie möglich zu gestalten: Das ist die Kernbotschaft des Ausbildungskonzepts.

Das Neue an diesem international ausgerichteten Ausbildungsgang ist eine an sich uralte Idee, die an den Massenuniversitäten von heute jedoch nur selten Verwirklichung findet: die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Die Studierenden kommen vom ersten Semester über die Rotation durch mehrere Labore in Kontakt mit verschiedenen Forschungsfragen und -themen sowie einer Vielzahl experimenteller Techniken und Forschergruppen. Der potenzielle wissenschaftliche Nachwuchs erhält auf diese Weise schon früh einen engen Draht zu den Dozenten.

Die frühe Beteiligung an der Forschung mit Laborarbeit, Posterpräsentationen, Kongressbesuchen und dem Schreiben eigener kleiner Anträge mache das Programm wohl einzigartig in Deutschland, sagte Justyna Wolinska, die das Curriculum im Schloss Herrenhausen vorstellte. Die Idee ist so einfach wie überzeugend: Studenten lernen eben mehr, wenn sie Inhalte unmittelbar praktisch erfahren, statt sie nur im Seminar sitzend zu konsumieren. Ein motivierendes Sprungbrett in die Wissenschaftlerkarriere ist das – ebenso substanziell und fordernd wie behutsam angelegt.

Selbst im europäischen Kontext ist das Konzept etwas Besonderes. Lediglich in den Niederlanden an der Universität Groningen und in Schweden an der Universität Uppsala gibt es vergleichbare forschungsfokussierte Ausbildungsprogramme. Da ist es nur konsequent, dass sich die Münchner mit beiden Universitäten zusammengetan und ein übergreifendes, gemeinsames europäisches "Master-Programm für Evolution" im Rahmen der Erasmus Mundus Förderung initiiert haben. Außerdem mit im Boot: die Universität Montpellier in Frankreich und in den USA die Harvard-Universität. Die Erasmus-Studierenden lernen alle Standorte kennen. Sind sie in München, werden sie in das EES LMU integriert und verstärken so den lokalen Master-Studiengang. Inzwischen können die Studierenden – es läuft bereits der 7. Jahrgang – sogar für Kongressreisen oder Forschungsaufenthalte an anderen Universitäten Fördergelder beantragen; damit lernen sie ein weiteres Prozedere kennen, das sie ihr Wissenschaftlerleben lang begleiten wird.

"Integrated Approaches to Teach and Study the Role of Evolution for the Emergence of Biological Complexity" (Münster)

Das zweite Ausbildungskonzept ist angesiedelt an der Universität Münster. Dort unterstützt die Stiftung das Curriculum "Integrated Approaches to Teach and Study the Role of Evolution for the Emergence of Biological Complexity". Das Besondere hier ist eine breit aufgestellte Graduate School, die sogar Kurse in Philosophie integriert; ein "Evolutionary Think Tank12, der unter anderem handverlesene Scholars von überall her für sechs Monate nach Münster holt, sowie ein sogenanntes "Special Study Program Evolutionary Biology", das im Rahmen des Biologie-Masterstudiengangs etabliert wurde. Es richtet sich nicht nur an Biologen, sondern auch an Sozialwissenschaftler.

Hier gibt es neben den erwartbaren Lehrmodulen über Evolution, Ökologie und Verwandtes auch solche zu "Biocomputing", mathematischen Modellierungen sowie Lehrangebote zu Versuchsmodellierung und Experimentaldesign oder über Statistik in Biologie und Ökologie. Integriert in die Förderung durch die Stiftung ist auch eine Juniorprofessur an der Universität Münster zum Themenfeld Molekulare Evolution.

"Evolution across Scales" (Potsdam)

"Evolution across Scales" lautet der Titel des evolutionsbiologischen Ausbildungskonzepts an der Universität Potsdam. Neben den Bio- und Umweltwissenschaften sind hier Geowissenschaften, Klimafolgenforschung und Theoretische Physik eingebunden. Entsprechend wird das Konzept getragen von zahlreichen universitären und außeruniversitären Einrichtungen am Standort Potsdam.

Das Besondere: Exzellenten Studierenden steht ein Intensiv-Lehrangebot im Rahmen der Master-Studiengänge "Ökologie, Evolution und Naturschutz", "Biochemie und Molekularbiologie" sowie "Bioinformatik" offen. Die Besten der Besten finden zudem Aufnahme in einer "Evolution across Scales Core Group". Sie haben dann die Möglichkeit, in einer der am Ausbildungskonzept beteiligten Forschergruppen ein eigenes kleines Projekt zu bearbeiten. Auch können sie spezielle Lehrveranstaltungen und gegebenenfalls Kongresse besuchen sowie Kurse bei ausländischen Kooperationspartnern belegen. Ferner erhalten sie die Gelegenheit, sich im Wettbewerb mit anderen um Kick-off-Stipendien zum Start einer Promotion zu bewerben.

Die Core Group umfasst zur gleichen Zeit maximal zehn Studierende und bildet ein Netzwerk, das in die Zukunft gerichtet ist. Bislang waren rund 30 Master-Studenten Teil dieser Gruppe.

Darüber hinaus sind Sommerschulen und Workshops in das Ausbildungskonzept eingebunden, etwa die Sommerschulreihe "Tectonics, Climate and Evolution in East Afrika" oder ein Workshop zu "Sexual Selection". "Auf diesem Weg haben sich alle, insbesondere aber die Besten unter den Studierenden in extrem kurzer Zeit exzellent qualifiziert; zudem haben sich wechselseitig internationale Kontakte ergeben oder vertieft, von denen bereits einige Studierende nachhaltig profitieren", sagte Dr. Michael Hofreiter, der das Curriculum in Hannover vorstellte. Das "Modell Potsdam" sei auf diese Weise bereits in alle Welt hinausgetragen worden.

"EvE: Evolution and Ecology Forum" (Tübingen)

In Tübingen heißt die übergreifende interdisziplinäre Plattform "EvE: Evolution and Ecology Forum" und das universitäre Ausbildungsprogramm "Tübingen in Evolution, Evolution in Tübingen". Hier sind es Biologen, Geowissenschaftler, Informatiker, Archäologen und Paläontologen, die fächerübergreifend den Anspruch verfolgen, die Erforschung evolutionärer Prozesse als Schnittmengen-Wissenschaft zu etablieren.

Das Besondere in Tübingen: Die Partner adressieren im großen Verbund mit ihrem Konzept gleich zwei Öffentlichkeiten. Die Fachöffentlichkeit erreichen sie zum Beispiel über interdisziplinäre Ringvorlesungen an der Universität. Und den potenziellen wissenschaftlichen Nachwuchs holen sie dort ab, wo er allmählich mit Wissenschaft in Berührung kommt, von Wissenschaft an sich aber zumeist noch keine Vorstellung hat: in der Schule. "Wenn wir engagierte Studierende für das Fach gewinnen wollen, müssen wir sie schon vor dieser Zeit für das Thema begeistern; bereits als Schüler sollten sie eine Vorstellung davon bekommen, was Evolution aus 'moderner Perspektive' betrachtet bedeutet", erläuterte Professor Nico Michiels jetzt in Hannover.

Der umtriebige Wissenschaftler nutzt dabei alle Chancen, die sich ihm bieten.  So gelang es im etwa als Teilnehmer eines Gremiums zur Überarbeitung von Schulbüchern, die dort allgegenwärtigen Fossilien sacht beiseite zu schieben und durch moderne, zukunftsweisende Aspekte und Beispiele aus der Evolutionsforschung zu ersetzen.

Zum anderen mussten die Regierungspräsidien Baden-Württembergs die Lehrinhalte an die verkürzte Schulzeit anpassen und Lehrpläne grundlegend überarbeiten – ein weitere perfekte Gelegenheit, mithilfe von Fachberatern die Curricula zu modernisieren, Lehrerfortbildungen auszurichten und die Evolution zumindest im Unterricht an Baden-Württembergs Schulen zu evolvieren.

Und als Bonbon sozusagen ließ man Lehramtsstudierende auch noch Spiele für den Biologieunterricht entwickeln. Mit "Evolution in a box" stehen inzwischen bewährte Lernelemente bereit, die Evolution greif- und erfahrbar machen. Bislang haben die Studenten 15 solcher Module entwickelt. Wie gut die Spiele sind, testen die versammelten Mitglieder des Verbunds natürlich selbst – bei gemeinsamen Spieleabenden.

Dann ist da noch der inzwischen bald zwanzig Mal vergebene "EvE Förderpreis für Evolutionsbiologie". Prämiert werden Arbeiten, deren Ergebnisse auf dem Einsatz evolutionärer Methoden fußen, die aber nicht aus der klassischen Evolutionsbiologie stammen.

All diese Elemente fördern die Initiatoren weiter und nehmen mit der vor zwei Jahren angelaufenen "Graduate School for Evolutionary Studies" zugleich die nächste wissenschaftliche Ebene in den Blick: die Doktoranden. Evolutionsforscher sollen sich hier für eine – wissenschaftliche – Karriere nach der Promotion qualifizieren können. "Die Einsatzmöglichkeiten für Evolutionswissenschaftler sind vielfältig und nehmen stetig zu", sagt Nico Michiels, der damit ebenfalls beinahe vorzeitig ein Fazit der Veranstaltung zieht und gleichsam die Stiftung beruhigt zurücklässt, die dieses für alle Seiten so erfolgreiche Engagement nun nach einem Jahrzehnt beendet.