"Experiment!": Mehr Geld fürs Risiko und Test eines Losentscheids

Im Gespräch: Ulrike Bischler und Pavel Dutow, Koordinatoren der Förderinitiative "Experiment! – Auf der Suche nach gewagten Forschungsideen" der VolkswagenStiftung, erläutern das neue teil-randomisierte Auswahlverfahren.

Dr. Ulrike Bischler, VolkswagenStiftung (Foto: Julia Fischer)
Dr. Ulrike Bischler, VolkswagenStiftung (Foto: Julia Fischer)

Knapp sieben Millionen Euro, 67 bewilligte Projekte, insgesamt rund 2300 Anträge – seit inzwischen vier Jahren unterstützt die VolkswagenStiftung in ihrer Initiative "

Experiment!" Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die besonders innovative und risikoreiche Forschungsideen in den Natur-, Lebens- und Technikwissenschaften erkunden. Jetzt modifiziert die Stiftung das bislang gewohnte Auswahlverfahren: Zusätzlich zu den von einer unabhängigen Jury ausgewählten Projekten werden ab 2017 weitere Vorhaben aus den zum Programmziel passenden und qualitativ uneingeschränkt förderbaren Anträgen ausgelost.  Warum erprobt die VolkswagenStiftung solch ein neues Verfahren? Und wie wirkt sich dies auf die am Programm interessierten Wissenschaftler(innen) und ihre Anträge aus?

Frau Bischler, Herr Dutow, was genau wird sich ab der nächsten Förderrunde bei "Experiment!" ändern?

Dr. Ulrike Bischler: Zwei Änderungen haben wir vor: Zum einen werden künftig mit 30 bis 40 Bewilligungen doppelt so viele Projekte pro Auswahlrunde gefördert. Zum anderen wird das bisherige Auswahlverfahren durch einen Losentscheid ergänzt und später evaluiert. Künftig sind drei Akteure am Verfahren beteiligt: die Förderabteilung in der Vorauswahl, die Jury zwecks Bestenauslese und Qualitätssicherung sowie – ganz neu – der Zufall, der für mehr Diversität sorgt und garantiert ohne Bias entscheidet. 

Dr. Pavel Dutow: Konkret wird es so ablaufen, dass nach der Vorauswahl unsere Jury mit ihrem Expertenwissen die überzeugendsten 15 bis 20 Projekte auswählt. Die Jury wird zudem alle weiteren Anträge identifizieren, die den Qualitätserwartungen entsprechen. Aus diesen qualitativ überzeugenden Anträgen werden weitere 15 bis 20 Projekte ausgelost. Somit erhalten auch einige der nächstplatzierten Anträge eine Förderchance, die es nicht ganz in die von den Gutachterinnen und Gutachtern favorisierte Spitzengruppe geschafft haben. An der Antragstellung wird sich übrigens nichts ändern.

Warum ein neues Auswahlverfahren, hat sich das bisherige Prozedere nicht bewährt? Oder haben Sie den Eindruck, nicht die richtigen Vorhaben zu fördern?

Ulrike Bischler: Nein, ganz im Gegenteil. Die bisherigen Bewilligungen waren gut ausgewählt. Mehreren Geförderten ist es gelungen, später Drittmittel für ein größeres Projekt einzuwerben. In einem Fall wurde sogar ein Patent erteilt. Und erwartungsgemäß sind ein paar Konzepte nicht aufgegangen oder nur ansatzweise gelungen – echtes Wagnis bedeutet ja gerade, dass nicht alles gelingt. Bei der Projektauswahl ist also Risikobereitschaft gefragt. Denn für "Experiment!" ist typisch, dass Vorarbeiten nur rudimentär oder gar nicht vorhanden sind, die helfen könnten, den Projektverlauf zu prognostizieren. Unsere interdisziplinäre Jury geht dieses Risiko mit und setzt nicht nur auf eine "sichere Bank" – was die gescheiterten Projekte belegen. 

Wenn Sie mit den bisher ausgewählten Projekten zufrieden waren, wie kam es dann überhaupt zur Änderung im Programm? 

Pavel Dutow: Ein Ausgangspunkt war die Feststellung der Jury, dass die Anträge Jahr für Jahr besser geworden sind, was sich übrigens völlig mit unserem Eindruck deckt. Daher sind wir froh, dass das Stiftungskuratorium unseren Vorschlag aufgenommen hat, ab sofort doppelt so viele gewagte Ideen zu fördern. Zugleich wünschen wir uns noch mehr Vielfalt bei den geförderten Themen. Und hier gelangt unsere von der Personenzahl her begrenzte Jury an ihre Grenzen, da sie – egal wie groß – nie alle Gebiete gleich gut überblicken kann. Manch lohnenswertes Projekt könnte bei der Auswahl schlicht übersehen werden. Daher haben wir uns mit Alternativen befasst, ohne die risikobereite Juryauswahl aufzugeben.

Das Los zur Auswahl wissenschaftlicher Projekte einzusetzen, erscheint mindestens ungewöhnlich. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ulrike Bischler: Die Idee stammt aus der Wissenschaft, in der über Ergänzungen zum Peer Review diskutiert wird, die zu mehr Fairness beitragen können. Per Losentscheid können leichter Ideen zum Zuge kommen, die entweder umstritten oder fachlich nur ansatzweise in der Jury repräsentiert sind. Auch Minoritätsthemen und kleine Wissenschaftszweige werden mit dem Los gleichbehandelt. Pavel Dutow: Ein weiterer entscheidender Vorteil liegt darin, dass das Los unparteiisch ist und so etwaiger unbewusster Bias keine Rolle spielt. Da das Los aber bezüglich Qualität blind ist, sind sich alle Beteiligten einig, dass Expertenwissen zur Qualitätssicherung weiterhin unverzichtbar ist. In "Experiment!" gewährleistet die Jury, dass schwache Anträge vom zusätzlichen Losverfahren ausgeschlossen bleiben. 

Die Stiftung wird bei "Experiment!" jetzt also ein teil-randomisiertes Verfahren testen. Werden Sie das Verfahren dann künftig auch bei anderen Initiativen einsetzen?

Ulrike Bischler: Der Losentscheid und das gesamte Auswahlverfahren werden evaluiert, um zu erfahren, ob sich die Erwartungen erfüllen. Wir hoffen, dass unsere Geförderten die unabhängige Begleitforschung unterstützen, damit wir und die scientific community nach dem Ende der Erprobungsphase besser über die Vorzüge und Fallstricke eines Loselementes Bescheid wissen. Ob das Los dann Schule machen wird, wird sich zeigen.

Hintergrund: Die Förderinitiative "Experiment!"

Alle Informationen zur Förderinitiative und zur Antragstellung finden Sie unter "Experiment! – Auf der Suche nach gewagten Forschungsideen". Die nächsten Stichtage sind der 5. Juli 2017 und der 1. August 2018.