Die "Lichtenberg" kommt zur Kur

Wie weit ich unter der Wasseroberfläche bin? Ich weiß es nicht genau, habe irgendwie das Gefühl dafür verloren. Ab und an sehe ich schemenhaft Flossen um mich herumwirbeln. Ein Schatten dann und wann, eine Berührung; dann wieder nur undurchsichtiges Einheitsgrau. Ich tauche auf, öffne die Augen und schaue in ein Gesicht, das lediglich eine Armeslänge entfernt ist. Auf Anhieb gelingt es mir nicht zu erkennen, welches der Tiere es ist, das sein nasses Zuhause gerade mit mir geteilt hat.

Professor Guido Dehnhardt gießt sich einen Eimer Wasser über den Kopf
Abkühlen vor dem Tauchgang mit seinen Robben: Prof. Guido Dehnhardt auf seinem Forschungsschiff (Foto: Fabian Fiechter)

"Es ist Henry", ruft mir eine dunkel gekleidete Gestalt vom Rand her zu, so als könnte sie das Fragezeichen hinter meiner Stirn sehen und deuten. Was ich zunächst nur als schemenhafte Figur wahrnehme, gießt sich plötzlich einen Eimer Wasser über den Kopf. Es ist Guido Dehnhardt, der sich anschickt, selbst zu den Robben ins Wasser zu steigen.

Guido Dehnhardt, die Robben und das Meer: Das ist eine Einheit, und sie besteht schon lange. Seit anderthalb Jahrzehnten erforscht der Biologe mit seinem Team aus Mensch und Tier, wie manche Meeressäuger sich visuell orientieren. Was zur Jahrtausendwende als von der Stiftung gefördertes "außergewöhnliches" Projekt mit den Seehunden Henry, Malte und Nick in der Eisbärenanlage des Kölner Zoos begann – in direkter Folge mit Anbindung an die Universitäten Bonn und Bochum –, fand 2008 seine Heimat in Warnemünde. Dort gründete der findige Forscher das Marine Science Center. Das am Übergang zum offenen Meer gelegene Areal umfasst einen abgetrennten Teil an der Spitze des Rostocker Jachthafens "Hohe Düne". Das Herz, das in dessen Mitte schlägt, heißt "Lichtenberg". Es ist ein Schiff, oder besser: eine "schwimmende Forschungsstation", die Dehnhardt nach der von der Stiftung geförderten Professur benannt hat. 

 

Seehung Filu stupst die Biologin Yvonne Krüger auf die Stirn.
Dipl.-Biologin Yvonne Krüger beim Training mit Seehund Filu. (Foto: Fabian Fiechter)

Als ich aus dem Wasser steige, robbt neben mir Seehund Henry – oder ist es Nick oder Moe? – an Land und auf mich zu, stupst mich an. Kurz berühre ich seine Barthaare, die Vibrissen, die hart kratzen und doch unglaublich sensible Sensoren sind. Jedes der etwa hundert Haare endet in einem Nervenknäuel, das die Spur eines Fisches auch bei rauer See zuverlässig herauszufiltern vermag. Das Sinnessystem der Seehunde ist im Zusammenspiel seiner Bausteine in der Lage, Meeresströmungen, Schiffsbewegungen, Fischschwärme und die eigene Geschwindigkeit miteinander zu verrechnen – ein perfektes Unterwasser-Navigationssystem.

Wie orientieren sich Seehunde im Wasser? Inzwischen weiß man: ganz anders als lange gedacht

Yvonne Krüger beobachtet Seehund Malte
Dank seiner extrem sensiblen Barthaare kann der Seehund unter Wasser selbst schwache Verwirbelungen wahrnehmen, wie sie etwa ein Fisch erzeugt. Yvonne Krüger hat für diesen Versuch über hydrodynamische Reize Seehund Malte die Augen blickdicht verschlossen. (Foto: Fabian Fiechter)

Mit den Vibrissen tauchen wir direkt ein in die Forschung des Lichtenberg-Teams. Gemeinsam untersuchen sie seit Jahren die unterschiedlichen Sinne, die es Seehunden ermöglichen, sich auf dem offenen Meer zu orientieren. Bei der Jagd folgt der exzellente Jäger den Fischen über die Wasserspur, die diese beim Schwimmen hinterlassen – selbst feinste Verwirbelungen fühlt er mit seinen Barthaaren. Inzwischen weiß man, dass das Tier über einen perfekt abgestimmten Mix aus Sinneswahrnehmungen vieles registriert. Es schmeckt auch den Salzgehalt, und wenn der Seehund auftaucht, riecht er vom Phytoplankton freigesetztes Dimethylsulfit. Signalisieren Salzgehalt, Planktondichte und ein paar andere Parameter den richtigen Mix, weiß er: Hier gibt es Fisch. 

Man überblickt kaum noch die Fülle an bahnbrechenden Erkenntnissen, die Dehnhardt und sein Team veröffentlicht haben. In einem der jüngsten Projekte, das gerade abgeschlossen wurde, gelangten die Wissenschaftler am Marine Science Center am Ende einer langen Reihe von Experimenten zum visuellen System der Seehunde wieder einmal zu Aufsehen erregenden Ergebnissen: "Seehunde sind in der Lage, Bewegungsmuster, die durch die Eigenbewegungen der Tiere von der sie umgebenden Umwelt im Auge entstehen, zu interpretieren", sagt Dr. Frederike Hanke. Dieses als "Optischer Fluss" bezeichnete Phänomen spielt für die Orientierung in der Umwelt eine wichtige Rolle, wird jedoch nur selten bewusst wahrgenommen. Er hilft dem Menschen beim Gehen das Gleichgewicht zu halten und seine Position im Raum zu erfassen. Am Schneetreiben lässt es sich gut erklären: Der Schnee fällt senkrecht zur Erde, aber beim Spazierengehen kommt es uns so vor, als käme er uns entgegen. Das Gehirn verarbeitet diesen widersprüchlichen Reiz; wurden Testpersonen vorübergehend entsprechend manipuliert, verloren sie das Gleichgewicht und fielen hin. 

Seehund im Versuchsaufbau vor einer Projektion unterschiedlicher Zeichen
Dipl. Biologin Christine Scholtyssek testet das Sehvermögen des Seehunds, der die korrekte Kombination an Zeichen auf dem Monitor erkennen soll. (Foto: Fabian Fiechter)

Für Seehund Malte verlief das Experiment so: In einem Verhaltenstest präsentierten ihm die Forscher auf einer Leinwand Punkte, die eine Vorwärtsbewegung simulierten. Nachdem ein Kreuz auf der Leinwand eingeblendet wurde, sollte der Seehund anzeigen, ob das Kreuz deckungsgleich mit der Bewegungsrichtung der Simulation war oder nicht. Das Tier erlernte den Umgang mit dem komplexen optischen Reiz innerhalb kürzester Zeit. "Unsere Experimente zeigen, dass Seehunde generell einen sehr guten Zugang zu großflächigen, nicht still stehenden Punktreizen haben", sagt Frederike Hanke, die derzeit mit weiterer Forschung zum Thema ihre Habilitation vorantreibt. "Und die unglaubliche Genauigkeit, mit der das Tier Abweichungen von der Bewegungsrichtung anzeigen konnte, ist beeindruckend".

Offenbar vermag der Seehund also Umweltreize, wie sie beispielsweise entstehen bei einer Bewegung durch partikelreiches Wasser, gemäß dem Modell des Optischen Fluss' zu verarbeiten. Diese Vorstellung erfordert ein Umdenken hinsichtlich der Bedeutung von im Wasser schwimmenden oder schwebenden Teilchen für die Fortbewegung und Orientierung von Seehunden oder anderen Meeresbewohnern. Bislang ging man davon aus, dass Schwebstoffe im Wasser die Sicht erheblich einschränken. Nun hat sich gezeigt, dass demgegenüber zumindest Seehunde regelrecht in der Lage sind, eine aufgrund von Partikelbewegungen entstandene visuelle Information zu verarbeiten und zu nutzen. "Insbesondere bei der Futtersuche und zum Abschätzen zurückgelegter Wegstrecken ist diese Fähigkeit zweifellos von großem Vorteil", sagt Hanke. 

Robbe vor Bildschirm
Geometrische Formen können Seehunde nur schwer erkennen. Bei dem Versuch im Bild stupst die Robbe mit der Schnauze nur dann gegen den Monitor, wenn sie ein ungleiches Paar Formen erkannt hat. (Foto: Fabian Fiechter)

"Optischer Fluss scheint demnach eine Informationsquelle, auf die sich Seehunde und möglicherweise weitere aquatische Organismen zur Kontrolle der Orientierung und Fortbewegung verlassen können", fasst Dehnhardt zusammen. Auf dieses Forschungsfeld – derzeit ein heißes Thema – will er sich künftig als eines von zweien in seinem letzten "Lichtenberg-Jahr" konzentrieren. So gelang es Wissenschaftlern andernorts zu zeigen, dass Bienen Entfernungen nicht wie bislang angenommen anhand ihres Energieverbrauchs bestimmen. Stattdessen beruht ihre Schätzung auf dem Bewegungsmuster, das beim Vorbeiflug an Blumen und anderen Objekten hervorgerufen wird – und damit ebenfalls auf optischem Fluss. "Es ist einfach an der Zeit, dass wir jetzt unsere äußerst umfassenden Analysen zu der Fülle an Wahrnehmungsspezialisierungen des Seehundes bündeln", bekräftigt Dehnhardt noch einmal die geplante Fokussierung der Forschungsaktivitäten.

In der Tat ist bemerkenswert, welchen Fragen die Wissenschaftler schon nachgegangen sind und worauf sie Antworten fanden. Wie beispielsweise sieht ein Seehund? Kann er Bild und Spiegelbild verarbeiten? Auf der Suche nach Antworten sind die Seehunde, versehen mit Strumpfmasken oder Kopfhörern, routiniert und engagiert bei der Sache. Sie signalisieren ihre Reaktionen durch das Berühren farbiger Bälle. Bei anderen Versuchsansätzen geht es um die Frage, wie sich Seehunde im Wasser zurechtfinden. Nutzen sie spezielle geografische Muster wie Riffe oder Felsformationen, die sie womöglich aus unterschiedlichen Perspektiven als gleichen Ort erkennen können? 

Sinneskünstler Seehund: Die Wahrnehmungsfähigkeiten der Robben faszinieren …

Robbe mit Kopfhöhrer
Die haptischen Wahrnehmungsfähigkeiten der Meeressäuger werden getestet, indem ihnen die Forscher Augen und Ohren verschließen. Hier wartet Filou mit Augenmaske und Kopfhörern, bis er für die Wahrnehmung einzelner Wirbelringe abtauchen darf. (Fotos: Fabian Fiechter)

Eine Überraschung war, als Teammitglied Nele Gläser vor einigen Jahren der Nachweis gelang, dass sich Seehunde des Nachts am Sternenhimmel orientieren. Die Positionen einzelner Sterne konnten sie sogar bedeutend besser bestimmen als manche Zugvögel – erstaunlicherweise sogar dann, wenn der "Bezugsstern" für die Orientierung des Seehunds durch eine Wolke verdeckt war.

Die Biologin Jenny Byl wiederum hat sich Akustik-Schall-Lokalisationen der Tiere vorgenommen. Robben können wie Menschen Geräusche, die von links und rechts kommen, blitzschnell erfassen und punktgenau orten. Doch wie ist es, wenn der Schall von vorn, hinten, oben oder unten kommt – schließlich haben die Tiere ja keine Ohrmuscheln, die Geräusche zielgenau erfassen und zielgerichtet bündeln. "Wir wollen den Hörmechanismus bei diesen Tieren möglichst im Detail entschlüsseln", sagt Jenny Byl. Für den Versuch legt sich der Seehund auf einer "Bettstation" auf die Seite und nimmt ein Beißtarget ins Maul. "Wir simulieren 'oben‘ und 'unten‘, indem wir die Tonsignale von links oder rechts auf dem stählernen Halbkreis präsentieren, der den Seehund umgibt. Am 'Bett' hat der Seehund zwei Antworttargets, mit denen er sagen kann, ob der Ton von oben oder unten kam."

Wenn man über so viele Jahre ein solch breites Forschungsfeld beackert, ist der Wunsch nach Fokussierung ebenso sinnvoll wie verständlich. "Wir wollen uns in den nächsten Jahren weiter auf die visuelle und die hydrodynamische Wahrnehmung und Verarbeitung von Flussfeldern konzentrieren." Letzteres meint: Wie verrechnet der Seehund verschiedene Einflüsse wie beispielsweise eine Strömung, die von der Seite drückt, oder Wirbel, die durch eigene Bewegungen oder die anderer Meeresbewohner entstehen, sodass am Ende seine Orientierung etwa bei der Jagd im Meer dennoch stets zielgerichtet bleibt und er das Ziel auch über große Distanzen punktgenau erreicht? Die Einblicke, die die Meeressäuger den Forschern gewähren, könnten auch Grundstein sein für neue bionische Konzepte, also die Suche nach "Erfindungen der belebten Natur, die als übertragene Systeme auch für den Menschen hilfreich sein könnten", wie Dehnhardt es formuliert.

Der mutige Sprung ins offene Wasser – werden alle Tiere zurückkehren?

Dehnhardt blickt aus einem Fenster des Forschungsschiffs in die Ferne
Blick aus einem Fenster der Lichtenberg: Guido Dehnhardt erhielt 2007 eine Lichtenberg-Professur der VolkswagenStiftung, die er seit 2008 an der Universität Rostock realisiert. (Foto: Fabian Fiechter)

Zudem hat Dehnhardt "echte Orientierungsexperimente" vor Augen; will sagen: Der nächste Schritt führt die Tier-Mensch-Teams auf das offene Meer. Seit Anfang 2016 laufen die Vorbereitungen dafür auf Hochtouren. Prinzipiell haben Tiere drei Möglichkeiten, sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Manche kennzeichnen ihren Weg: die "Hänsel und Gretel-Strategie". Einige Arten vermögen es immerhin, sich nach einer mentalen Karte zu richten – so speichern manche Säugetiere und Vögel ihre Umgebung als eine Art Landkarte im Gehirn. 

Und dann gibt es ganz besondere Könner wie etwa die Ameisen der Art Cataglyphis fortis, die in Tunesien unter Afrikas Sonne leben. Auf Wegen, die über Hunderte Meter kreuz und quer verlaufen können, flitzen die Tiere auf dem heißen Boden hin und her, um Futter für den Nachwuchs zu beschaffen. Sie entfernen sich dabei manchmal bis zu einem halben Kilometer vom unterirdischen Nest – bis sie auf dem kürzesten Weg, schnurgerade und direkt, dorthin zurückkehren. Wollte der Mensch eine ähnliche Leistung wie die Ameise erbringen, müsste er zig Kilometer im strukturarmen Gelände umherlaufen und dann geradlinig zum Ausgangspunkt zurückfinden: eine zweifelsohne ausgesprochen schwierige Aufgabe. Cataglyphis fortis nun nutzt die sogenannte Wegintegration: Die Ameisen sind in der Lage sich zu "merken", in welche Richtung und wie weit sie sich vom Nest entfernt haben. Daraus "errechnen" sie den direkten Rückweg. Und zwar bestimmen die eleganten Wüstenbewohner ihre Laufrichtung mittels eines Sonnenkompasses. Anhand des Polarisationsmusters des Sonnenlichtes, das sie mit speziellen Sehzellen am oberen Rand ihrer Augen wahrnehmen, können die Tiere erkennen, um wie viel Grad ihr Weg jeweils vom Stand der Sonne abweicht. Spezielle Kompassneuronen im Ameisenhirn verrechnen diese Informationen – und ermöglichen so einen Rückweg auf kurzer Strecke. Wie die Insekten jedoch bestimmen, welche Entfernung sie genau im Zuge ihrer "Ausflüge" zurücklegen, ist noch nicht ganz geklärt, da sie wohl nicht über einen optischen Kilometerzähler verfügen wie etwa Bienen. Vieles deutet darauf hin, dass bei ihnen eine Art Schrittzähler mitläuft. 

Seehund "Erik" von der Forschungsstation "Lichtenberg" des Marine Science Centre in Rostock-Warnemünde
Neun Seehunde, hier "Erik", leben rund um die Forschungsstation "Lichtenberg". (Foto: Fabian Fiechter)

Wie gelingt es nun aber den Seehunden, lange Zeit im Meer herumzustreifen und dann auf direktem Weg zurück zum Ausgangspunkt zu finden? Den entsprechenden Experimenten sieht das Lichtenberg-Team jedenfalls mit Spannung und Vorfreude entgegen. Die Wegstreckenversuche werde man allerdings zu Beginn nicht mit jedem Tier riskieren, schränkt Dehnhardt ein. "Ich bin mir eigentlich sicher, dass alle zu uns zurückkommen, aber bei dem einen oder anderen denke ich manchmal doch: Wer weiß, vielleicht nutzt der die Gelegenheit und macht sich auf nach Schweden", grinst er.

Die Biologin hält den Seehund an einer Seiten- und der Schwanzflosse
Hier trainiert Biologin Yvonne Krüger mit Malte und festigt so auch beider soziale Bindung. (Foto © Angelika Heim, Rostock)

Die Versuchsaufbauten planen und bauen die Wissenschaftler übrigens meistens selbst. "Jeder muss hier mit Flex und Stahlbohrer umgehen können", sagt er. Da trenne sich schon mal die Spreu vom Weizen. Spreu seien dabei jene, die vor allem aus "romantischen Gründen" kämen, um mit den Tieren forschen zu wollen. "Doch das sind keine Kuscheltiere"; eine gewisse Strenge im Umgang sei stets notwendig. So braucht es Handfestigkeit etwa beim täglichen Gesundheitscheck – eine Zahnkontrolle erhält plötzlich ein anderes Gesicht, hat man das Gebiss der Raubtiere einmal unmittelbar vor Augen oder die Finger dazwischen. Auch das Abtasten von Körper und Flossen auf der Suche nach möglichen Verletzungen oder Schmerzen gehört dazu und will ohne Angst erledigt sein. 

Denn die spüren die Tiere sofort. Vier bis sechs Wochen müssten potenzielle Teammitglieder daher erst einmal "zur Probe arbeiten und forschen", wie Dehnhardt es nennt, bevor entschieden werde, ob jemand ins Team passt; ein Team, das sich eben zusammensetzt aus Mensch UND Tier. "Wir haben eine große Verantwortung den Tieren gegenüber", sagt Dehnhardt. "Das ist die Schwelle, an der sich alles messen lassen muss!"  

Biologin mit Robbe
Dr. Frederike Hanke von der Robbenforschungsstation (Foto © Angelika Heim, Rostock)

Dehnhardt hat viele angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in all den Jahren betreut: Aktuell gehören vier Postdoktoranden, sechs Doktoranden, drei Masterstudentinnen sowie eine Staatsexamenskandidatin und ein Bachelorstudent zum Team. Die Vielzahl der durch die Bachelor- und Masterstudiengänge zu betreuenden Abschlussarbeiten machte es erforderlich, dass Dehnhardt eine neue Tiergruppe zu Forschungszwecken einführte: Kopffüßer. Sowohl mit Kraken als auch Sepien arbeiten jene Studierenden, die – zumeist aus den beiden Masterstudiengängen "Meeresbiologie" und "Diversität und Evolution" der Universität Rostock – den Weg zum Marine Science Center finden.

"In eine gute Ausbildung der Studierenden zu investieren, ist entscheidend", betont Dehnhardt. "Schließlich wollen wir und braucht die Gesellschaft exzellente Wissenschaftler und Forscher". Bei der Konzeption des Masterstudiengangs "Diversität und Evolution" sei ihm wichtig gewesen, dass umfassende Kenntnisse über den Artenreichtum, die Vielfalt organismischer Strukturen und Baupläne sowie die ihnen zugrunde liegenden evolutionären Zusammenhänge vermittelt werden. "Meine Kollegen und ich legen zudem Wert auf grundlegende theoretische Kenntnisse sowie für die Praxis erforderliches Methodenwissen der Taxonomie, Systematik und Morphologie sowie der Molekularbiologie."

Krake
Die zahlreichen vom Lichtenberg-Team zu begleitenden Abschlussarbeiten im Zuge der neuen Studiengänge erforderten es, eine neue Tiergruppe zu Forschungszwecken einzuführen: Kopffüßer. Mit Kraken (Bild) und Sepien arbeiten die Studierenden der beiden Masterstudiengänge "Meeresbiologie" und "Diversität und Evolution" der Universität Rostock. (Foto: Fabian Fiechter)

Der Studiengang beinhalte dabei nicht nur den zu erwartenden detaillierten Einblick in die vielfältige Welt der Pflanzen und Tiere, sondern bringe den Studierenden bereits früh ausgewählte Aspekte der Biodiversitätsforschung und der evolutionären Morphologie nahe: etwa das Konzept der raum-zeitlichen Dynamik von Arten und Lebensgemeinschaften oder aber, wie Lebewesen mit ihrer Umwelt interagieren. "Wir vermitteln den Teilnehmern die wissenschaftlichen Grundlagen, um tiefgreifende Veränderungen wie den Artenschwund und Klimawandel einordnen und verstehen zu können", fasst der engagierte Lehrer und Forscher zusammen. 

Der Masterstudiengang "Meeresbiologie" hingegen sei "hochgradig interdisziplinär" angelegt. "Wer Meeresbiologie studiert, ist meist äußerst forschungs- und anwendungsorientiert ausgerichtet", hat Dehnhardt beobachtet. "Diese jungen Frauen und Männer kommen hierher, um wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Fragestellungen in den Bereichen globaler Klimawandel, Eutrophierung oder Meeresverschmutzung zu untersuchen und zu den Problemlösungen beizutragen." Großer Standortvorteil sei dabei die enge Verzahnung mit Forschungsaktivitäten weiterer universitärer und außeruniversitärer Einrichtungen als auch die mögliche Spezialisierung im Bereich "regionale marine Ökologie". 

Man merkt an zahlreichen Details: Vieles trägt Dehnhardts Handschrift. Der Lichtenberg-Professor ist offenkundig auch im Universitätsbetrieb ausgesprochen engagiert. So wartete er im Bachelorstudiengang Biologie mit Lehrveranstaltungen auf, die auch heute noch nicht ganz selbstverständlich zum Ausbildungskanon gehören: Er unterrichtet soft skills wie scientific writing oder kreatives Schreiben und vermittelt nützliches und praktisches Wissen im Bereich Wissenschafts-PR. Und seit dem Wintersemester 2013 ist er zudem Geschäftsführender Direktor der gesamten Biowissenschaften der Rostocker Hochschule, nachdem er zuvor bereits drei Jahre das Amt des Vorsitzenden des Promotionsausschusses innehatte.

Und so bedingt eins das andere. Mehr akademischer Nachwuchs erfordert weitere Tiere, damit genug geforscht werden kann – und über die Tiere ergeben sich dann wieder neue Kontakte: durch die Kraken und Sepien beispielsweise gen Italien zur Zoologischen Station in Neapel, aber auch zu anderen wissenschaftlichen Einrichtungen der Mittelmeeranrainer. Sie ergänzen bestehende Kooperationen unter anderem zu den Universitäten in Edinburgh, Manchester und Bristol in Großbritannien, Tallin in Estland, Lund in Schweden oder zur Texas AM University in den USA. Aber auch mit Zoologischen Gärten wie dem Tierpark Hagenbeck in Hamburg oder dem Nürnberger Zoo arbeiten die Warnemünder zusammen. So ist die schwimmende Forschungsstation zugleich zu einem Zentrum der Meeresbiologie geworden, das sich in immer mehr Farben und Facetten malt.

Verschnaufpause für die "Lichtenberg": Das Schiff wird überholt und kommt zur Kur

Lichtenberg wird abgeschleppt
November 2015: Die LICHTENBERG wird in die Werft geschleppt. Dort war sie das letzte Mal 2008. Seinerzeit wurde das einstige Fahrgastschiff der DDR in Polen entkernt und in Warnemünde neu aufgebaut. (Foto: Fabian Fiechter)

Und diese Station namens "Lichtenberg" hat sich nun nach gut sieben Jahren erstmals wieder vom Fleck bewegt. Mitte November verließ sie ihren Standort an der Warnemünder Ostmole und wurde die Warnow aufwärts in die Tamsen-Werft nach Gehlsdorf geschleppt. "Das Schiff musste jetzt turnusgemäß überholt werden bis hin zu einem neuen Anstrich", sagt Lichtenberg (Dehnhardt) über Lichtenberg (Schiff). "Eigentlich wird das Schiff von Grund auf neu; nur der Name, der bleibt!"

Dipl. Physiker Lars Miersch
Der Physiker und Ingenieur Dr. Lars Miersch begleitete bereits 2007/08 den aufwändigen Um- und Ausbau des einstigen Fahrgastschiffes in Polen. (Foto: © Angelika Heim, Rostock)

Und von Grund auf heißt auch von Grund auf. Die Technik werde teils kaum wiederzuerkennen sein; die Arbeitsplätze der angehenden Forscherinnen und Forscher werden modernisiert; das ins Deck eingelassene Probebecken wird überdacht, um Experimente standardisiert und vergleichbar auch bei Regen durchführen zu können – und zudem wird das ganze Schiff behindertengerecht umgebaut. "Dazu muss sogar die Reling komplett entfernt und weiter außen angebracht werden, damit die Durchgänge an Deck breit genug auch für Rollstühle sind", führt Dehnhardt aus. Geplant war ein Aufenthalt von dreißig Tagen – und durchgeplant ist alles. "Nur auf die Farbe für den neuen Außenanstrich haben wir uns immer noch nicht einigen können", sinnierte der Lichtenberg-Professor noch an jenem Tag im November, an dem das Schiff bereits in die Werft überführt wurde.

Betreut wird der gesamte Werftaufenthalt von Dr. Lars Miersch – auch er eine der Urkonstanten im Team. Der Physiker und Ingenieur begleitete bereits 2007/08 den aufwändigen Um- und Ausbau des einstigen Fahrgastschiffes in Polen. "Wir haben damals viele Eigenleistungen erbracht. Nur so war es überhaupt möglich, einigermaßen im kalkulierten Kostenrahmen zu bleiben", sagt Miersch. Auch diesmal sei es gut gewesen, möglichst viel selbst in der Hand behalten und den Prozess direkt begleitet zu haben.

Blick in die Becken rund um die Lichtenberg mit Versuchsaufbau.
Set-up von Doktorandin Jenny Byl. Sie untersucht, wie Seehunde unter Wasser Schall lokalisieren. (Foto: Fabian Fiechter)

Die Tiere blieben in der Zeit in ihrem angestammten Areal im Wasser und wurden am Standort weiter versorgt. Der "Standort", wie er von allen immer recht bescheiden genannt wird, ist im Übrigen nicht nur einzigartig in Europa, sondern auch weltweit inzwischen die größte Robbenforschungs- und -haltungsanlage. Kein Wunder, dass Interessierte aus der ganzen Welt vorbeischauen. Rund 45.000 Besucherinnen und Besucher strömten zuletzt zwischen April und November zur Station an der Ostmole. Nach Anmeldung kann man mit den Robben auch schwimmen und tauchen – eine wichtige Finanzierungsquelle für das gesamte Projekt. 

Drei Wissenschaftler in einem kleinen Boot
Guido Dehnhardt mit Dr. Sven Wieskotten und Dr. Lars Miersch (von vorn) (Foto: Fabian Fiechter)

"Unser Konzept, Forschung hautnah live erlebbar zu machen, ist aufgegangen", freut sich Guido Dehnhardt. Bis zum September 2016 läuft noch die Förderung über die Lichtenberg-Professur der VolkswagenStiftung, spätestens dann will man finanziell autark sein. "Wir werden wohl auch danach personell klarkommen", ist der Chef der Station überzeugt, der die Kosten für den eigentlichen Unterhalt der Station allerdings bei dieser Einschätzung ausdrücklich nicht einbezogen hat. 

Das Engagement der Mitarbeiter rund um Guido Dehnhardt jedenfalls beeindruckt. Ein halbes Dutzend von ihnen ist von Beginn an oder den Großteil der Zeit "an Bord", und man hat das Gefühl, sie geben wirklich alles für die Tiere und die Station. An einen geregelten Acht-Stunden-Tag denkt hier niemand. Die Station ist rund um die Uhr besetzt; die Wissenschaftler selbst sind es, die abwechselnd die Nachtschichten übernehmen. In manch einem der vergangenen Winter hieß das dann schon mal: alle zwei Stunden raus und Eis aufbrechen. "Man muss das schon lieben, um diese Intensität hier auszuhalten", bringt es einer aus der Gruppe auf den Punkt. 

Dehnhardt selbst merkt man in jedem Augenblick an, dass die Nähe, das bedingungslose Vertrauen im Team zueinander und die jahrelange Zusammenarbeit ihm sehr viel bedeuten und eines der Qualitätsmerkmale all des Geleisteten sind. "Sobald ich selbst hier loslege, wechsle ich die Perspektive, denke und sehe die Welt wie eine Robbe", schiebt er einen letzten Gedanken nach. Oder nein, einen vorletzten. "Wenn ich dann Robbe bin, habe ich für Vieles den richtigen Blickwinkel." – Dieser allerletzte Zusatz, der muss noch sein! 

Lichtenberg-Professorin Fleur Kemmers untersucht antike Münzen in ihrem Archiv an der Universität Frankfurt. Weiße Gipsabdrücke der bereits erforschten Münzen dienen dabei als Referenzmodelle. (Foto: Philipp Reiss)

Die Lichtenberg-Professuren der VolkswagenStiftung

Die "Lichtenberg-Professuren" sind aktuell letztmalig ausgeschrieben, Stichtag ist der 5. Juni 2018. Die neu eingerichtete Initiative "Lichtenberg-Stiftungsprofessuren" stellt die Nachfolge der bisherigen Initiative dar.