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Team:

Prof. Dr. Dr. Sigrid Weigel, Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin

Prof. Dr. Bernhard Jussen, Universität Bielefeld, Schule für Historische Forschung/Universität Frankfurt am Main, Historisches Seminar

Der Begriff des Erbes zeichnet sich dadurch aus, dass er – im Unterschied zu Konzepten wie Geschichte, Tradition oder Evolution – die verschiedenen Dimensionen von Überlieferung verbindet, indem er deren Zusammenspiel in der Organisation von Kontinuität und Veränderung und am Übergang von Natur und Kultur reguliert. Im Umgang mit dem Erbe regeln die Lebenden sowohl ihren Austausch mit den Verstorbenen als auch ihr Verhältnis zu den noch nicht Geborenen. Die modernen, gegenwärtig gültigen Erbekonzepte entspringen den weitreichenden Umbrüchen, die um 1800 anzusiedeln sind: Naturalisierung der Vererbung, Kodifizierung des Erbrechts, Politisierung und Nationalisierung des kulturellen Erbes, bürgerliche Familialisierung und Individualisierung, Verzeitlichung und Futurisierung. Das Projekt hat die Vor- und Nachgeschichte dieser Umbrüche untersucht.

Um die Genese der Engführung zwischen Familien- und Erbschaftsvorstellungen zu rekonstruieren, wurde in einem Teilprojekt danach gefragt, wie sich im Mittelalter das Verhältnis von Verwandtschaft, Jenseitsökonomie und Überlieferung gestaltet hat. Aufgrund der Verschmelzung von Familie und Erben analysierte ein weiteres Teilprojekt die Wechselwirkung von Erbrecht und Familienkonzepten in vormodernen und modernen Gesellschaften. Das erforderte eine vergleichende Untersuchung in diachroner Perspektive zu der Frage, welche Bedeutung Verwandtschaftsbegriffe in der Geschichte des Erbrechts haben, und umgekehrt, in Form welcher Regelungen (z.B. Adoption) das Erbrecht sich in der Familiengeschichte niederschlägt. Da die Literatur als ein Schauplatz für die Konflikte mit dem und die Sorge um das (Ver-)Erben betrachtet werden kann, las ein drittes Teilprojekt die Literatur des 19. Jahrhunderts daraufhin, wie in ihr die genannten Umbrüche in den Erbgesetzen und das veränderte Verhältnis in der Beziehung zwischen Vorfahren und Nachkommen zum Ausdruck kommen. Um in einem weiteren Teilprojekt die Vererbungstheorien der Moderne auf die Verhandlungen zwischen Kultur und Natur hin zu untersuchen, wurde danach gefragt, wo und in welcher Weise kulturelle Aspekte in genetischen Modellen zum Zuge kommen. Zu diesem Zweck wurde die Biologie der Vererbung auf explizite und implizite Motive zur Vererbung erworbener Eigenschaften hin untersucht. Schließlich wurden in einem fünften Teilprojekt die Politik des kulturellen Erbes und seine Verbindung zum nationalen Diskurs am Beispiel von Deutschland rekonstruiert und daraufhin befragt, ob und wie sich die anderen Aspekte von Erbschaft in dieser Ebene des 'symbolischen Kapitals' niederschlagen.

Das interdisziplinäre Format konzentrierte sich auf den Austausch zwischen historischen, rechtsgeschichtlichen, literatur- und kulturgeschichtlichen und biowissenschaftlichen Perspektiven. Gemeinsamer methodischer Bezugspunkt war eine kulturwissenschaftlich aufgefasste Begriffsgeschichte, die das Scharnier für die Verknüpfung der unterschiedlichen Untersuchungskonstellationen bildete. Darin kamen wissenschafts- und diskursgeschichtliche Perspektiven, Forschungen zur historischen Semantik und Analysen von literarischen und anderen Texten zum Zuge. Wird die Literatur als Archiv eines kulturell vermittelten Wissens über das Erben und Erbgesetze sowie als Schauplatz gelesen, auf dem die Konflikte im Umgang mit dem Erbe formuliert und imaginär ausagiert werden, so stellen auch andere textuelle Zeugnisse verschiedener Wissensregister das wichtigste Material dar, um die Erbschaftsvorstellungen, die Erbe-Politik und die materielle Kultur des Erbens und Vererbens in der Geschichte zu untersuchen.

Fortgeführt wird die Forschungsarbeit seit Juli 2007 im Projekt "Generationen in der Erbengesellschaft – ein Deutungsmuster soziokulturellen Wandels" (ebenfalls gefördert durch die VolkswagenStiftung im Rahmen des Programms "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften").