Dokumentation: Bilanzworkshop "Kunst auf Lager"

Forschungsprojekte wie eines der HU Berlin in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam fördert die VolkswagenStiftung als Bündnispartnerin bei "Kunst auf Lager". (Foto: Gordon Welters für VolkswagenStiftung)
Forschungsprojekte wie eines der HU Berlin in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam fördert die VolkswagenStiftung als Bündnispartnerin bei "Kunst auf Lager". (Foto: Gordon Welters für VolkswagenStiftung)

Tagung "Kunst auf Lager", 11. und 12. September 2017, Schloss Herrenhausen

Organisatoren: Hermann Reemtsma Stiftung, Kulturstiftung der Länder, Ernst von Siemens Kunststiftung und 11 weitere Partner im Bündnis "Kunst auf Lager"

Ausstellungen stehen in Deutschland oft im Fokus der Öffentlichkeit – doch rund 80 bis 90 Prozent aller Sammlungsbestände der Museen werden kaum gezeigt und bleiben im Depot – verborgen, verstaubt, beschädigt und vergessen. Dass es dort aber regelrecht Schätze zu entdecken gibt, darauf hatte Niklas Maak 2012 in der FAZ hingewiesen. Sein Artikel "Kunst auf Lager“ gab einem Bündnis seinen Namen, das 2012 auf Initiative der Hermann Reemtsma Stiftung und der Kulturstiftung der Länder gegründet wurde und 2014 an den Start ging. Alle mittlerweile 14 privaten und öffentlichen Bündnispartner eint das Ziel, die Erschließung und Sicherung wertvoller Kulturgüter in Museumssammlungen umfassend zu unterstützen und die vergessenen Schätze wieder ans Licht zu holen. Auf Einladung der VolkswagenStiftung zog das Bündnis auf einer Tagung in Hannover-Herrenhausen eine Zwischenbilanz.

In seiner Begrüßung wies der Generalsekretär der VolkswagenStiftung Wilhelm Krull (Hannover) auf den "Geist von Herrenhausen" hin, in dem Leibniz fast 40 Jahre wirkte. Auch heute seien neue kreative Ideen gefragt. Die VolkswagenStiftung als Wissenschaftsförderin habe sich an dem Bündnis mit ihrer Initiative "Forschung in Museen" beteiligt; im Rahmen dieses Förderangebots seien 182 Projekte mit insgesamt 28 Mio. Euro gefördert worden. Weitere 23 Mio. Euro für 230 Projekte seien von den auf Kulturförderung ausgerichteten Partnern ausgegeben worden, ergänzte der Geschäftsführer der Hermann Reemtsma Stiftung Sebastian Giesen (Hamburg), dazu kämen 18,9 Mio. Euro seitens des Bundesforschungsministeriums für langfristige Vorhaben. Das Bündnis "Kunst auf Lager" verfolge zwei Ziele: zum einen die öffentliche Aufmerksamkeit auf die im Depot verborgenen Schätze zu lenken und zum anderen konkrete Projekte vor allem in kleineren und mittelgroßen Museen zu finanzieren. Drei Tätigkeitsfelder seien hier identifiziert: Erfassung/Erschließung, Konservierung/Restaurierung und – besonders kostspielig – Logistik, will sagen, Depotbauten und Lagervorrichtungen. Das Bündnis wolle nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Museen zeigen und mahnen, sondern es wolle appellieren: Jede Direktorin und jeder Direktor eines Museums, so Giesen, müsse wissen, welche Objekte sie oder er im Depot habe.

Moderatorin Shelly Kupferberg (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)
Moderatorin Shelly Kupferberg (Foto: Philip Bartz für VolkswagenStiftung)

In Session 1 "Depotware als Impulsgeber: Museumsstrukturen in Bewegung" wurde anhand einzelner Beispiele deutlich, welche Veränderungen die Arbeit mit der Sammlung auslösen kann. Im Gespräch mit der Journalistin Shelly Kupferberg berichtete der neue Direktor des Städel Museums Philipp Demandt (Frankfurt) vom Fund eines Gemäldes des französischen Salonmalers Jean-Léon Gérôme in einem der Städel-Depots. Das Bild war nicht einmal inventarisiert – als das Städel 1935 es geschenkt bekam, interessierte sich niemand für Salonmalerei. Es wanderte ins Depot und musste 2011 regelrecht neu entdeckt werden. Das Depot sei für ihn das "eigentliche Museum", ein enigmatischer Ort, an dem man über die Geschichte des Museums ebenso viel lernen könne wie über die Geschichte der Geschmacksbildung: Warum sei Gérôme vergessen worden? Doch was im Depot jahrzehntelang lagere, habe oft Schäden und müsse – bevor es gezeigt werden könne – restauriert werden. Die Initiative "Kunst auf Lager" sei für ihn unbedingt notwendig.

Den vom Bündnis geförderten Magazinneubau für das schleswig-holsteinische Landesmuseum Schloss Gottorf stellte Guido Wendt (Schleswig) vor. 180 Jahre Sammlungsgeschichte an sieben Standorten mit 200 historischen Häusern hätten dazu geführt, dass man zum Schluss weder gewusst habe, wie viele Objekte man genau besitze, noch, welchen Wert diese hätten. Um dies zu ändern, habe man 2013 einen Zukunftsplan aufgestellt; der Magazinneubau sei ein sichtbares Zeugnis dieser neuen Ordnung.

Im Suermondt-Ludwig-Museum wiederum hat der Gang ins Depot zu einer Ausstellung einer "Bürgerlichen Kunstkammer" geführt, die Michael Rief (Aachen) vorstellte. Der neu gestaltete Museumssaal empfinde in diesem historischen Gebäude nach, was das Aachener Bürgertum im 19. Jahrhundert angesammelt und wie es seine Schätze präsentiert habe. Historische Fotos von 1901 hätten 2016 als Vorbild für das Museum gedient.

Welche Rolle Depotschätze auch für die Identität der Menschen heute spielen können, zeigte das folgende Beispiel aus Ostsachsen: Der ehemalige Direktor der Städtischen Museen Zittau Marius Winzeler (Prag) berichtete über die Geschichte von 80 hölzernen Epitaphien des 16. und 17. Jahrhunderts, die jahrzehntelang in Holzverschlägen lagerten und beschädigt wurden. Diese Grabdenkmäler des Zittauer Bürgertums waren in den 1930er-Jahren aus den Kirchen entfernt, an das Museum gegeben und dort vergessen worden. Nach einem Pilot- und einem anschließenden neunjährigen Großprojekt seien sie heute wieder restauriert und in der Klosterkirche als Museumsraum ausgestellt.

In einem letzten Beispiel dieser Session berichtete der niederländische Historiker und TV-Journalist Pieter Eckhardt (Amsterdam) über das Projekt DWDD Pop-Up Museum: Zwanzig holländischen Prominenten, darunter Persönlichkeiten wie Robbert Dijkgraaf, Direktor des Instituts for Advanced Studies in Princeton, wurde die Möglichkeit gegeben, in 24 bedeutenden Museen des Landes gemeinsam mit den Chefkuratoren in die Depots zu gehen und dort "ihre" eigene Ausstellung zusammenzustellen. Das Ergebnis wurde in zwei gut besuchten Pop-Up Ausstellungen 2015 und 2016 im Allard Pierson Museum im Zentrum Amsterdams sowie im Fernsehen präsentiert und brachte damit auf einen Schlag das Thema "Museumsdepot" ins öffentliche Gespräch.

Die nächste Session unter dem provozierenden Titel "Vom Keller ins Rampenlicht: Restaurierung statt Neuerwerb" wurde vom stellvertretenden Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder Frank Druffner (Berlin) moderiert. Er berichtete von seinem Schlüsselerlebnis: dem Wiederaufbau und der Restaurierung des riesigen hölzernen Barock-Modells des Salomonischen Tempels in Hamburg. Im 17. Jahrhundert angefertigt stellte es – als von Gott übermittelter Bauplan – ein Symbol göttlicher Ordnung dar. Der Wiederaufbau und die Restaurierung sei die Bedeutung des Modells hat große Aufmerksamkeit erzeugt und viele Menschen ins Museum geholt. Druffner interviewte dann den Direktor der Kunsthalle Christoph Vogtherr (Hamburg). "Depots sind Chefsache!", betonte Vogtherr, denn hier fielen die Entscheidungen, was in der Schausammlung gezeigt werde und was im Depot bleibe. Vogtherr machte die Bedeutung dieser Entscheidung deutlich: Fiele sie nicht und wolle man alles zeigen, wäre dies aus seiner Sicht eine Bankrotterklärung. Wie aber mit der Doppelstruktur Museum/Depot umgehen? Druffner entwickelte als Zielvorstellung das "fluide Depot", den rascheren Wechsel zwischen Zeigen und Nicht-Zeigen, inklusive dem damit verbundenen Restaurierungsaufwand.

Wie es dazu kam, dass das Stundenbuch der Maria von Geldern aus dem 15. Jahrhundert im Depot der Staatsbibliothek wiederentdeckt wurde, berichtete nachfolgend Julia Bispinck-Roßbacher (Berlin). Als ein Wissenschaftler das Buch einsehen wollte, fand sich auf dem Schuber der Hinweis: "Objekt für die Nutzung gesperrt!" Farbabplatzungen und Pergamentbruch waren die Ursache für dieses Verbot. Jetzt werde das Stundenbuch mit Mitteln der Ernst von Siemens Kunststiftung mit Lupe und Pinselchen restauriert.

Eine Restaurierungsmaßnahme ganz anderer Art und anderen Ausmaßes stellte Karin Weigt (Dessau) vom Museum für Stadtgeschichte vor: die Eisenkunstguss-Sammlung von Ewald Barth. Ab 1920 hatte der Zahnarzt Barth 1800 zum Teil lebensgroße Exponate gesammelt; 1400 konnte er im 2. Weltkrieg aus dem Bombenschutt retten. Durch unsachgemäße Restaurierung und Rostfraß wurden sie stark beschädigt, bis sie nun durch Mittel der Kulturstiftung der Länder und ihres Freundeskreises wieder restauriert wurden. Diese Maßnahme wiederum war Initial für die räumliche Veränderung des ganzen Museums.

Einen ganzen Strauß weiterer überzeugender Förderprojekte von "Kunst auf Lager" stellte abschließend Martin Hoernes (München) von der Ernst von Siemens Kunststiftung vor: von der großen Mainzer Jupitersäule bis zum spätgotischen Grabower Altar. "Eine Förderkarawane ist in Gang gekommen." Hoernes beklagte, dass jedes Museum heute als Profitcenter behandelt werde, so dass es nicht mehr wie früher seine Expertise für andere, kleinere und mittlere Museen kostenfrei zur Verfügung stellen könne. Alles, aber auch alles müsse heute in Rechnung gestellt werden.

Audio: Expertengespräch "Open Access – Chance oder Ausverkauf?" mit Shelly Kupferberg (Moderation), Silke Oldenburg, Hanns-Peter Frentz, Prof. Dr. Gerald Maier und Dr. Christoph Lind. (Foto: Philip Bartz)
© VolkswagenStiftung

Auch Session 3 "Wunderkammer digital: Potenziale der Bestandserschließung“ begann mit der Vorstellung von drei erfolgreichen Beispielen: Helen Geyer (Weimar) von der Hochschule für Musik berichtete über die Erschließung, Vermittlung und Forschung an der Richard-Wagner-Sammlung, die der österreichische Brauereibesitzer Nicolaus Oesterlein ab den 1870er-Jahren zusammengetragen hat: Bücher, Zeitungsausschnitte, Theaterplakate, Kuriosa. Die Dokumente und Objekte seien nun für die Forschung erschlossen und könnten im Reuter-Wagner-Museum in Eisenach besichtigt werden.

Eine "Internet-Ausstellung" von Objekten aus der Amazonien-Sammlung stellte Andrea Scholz (Berlin) vom Ethnologischen Museum vor. Abgestimmt auf das Ausstellungskonzept der Amazoniensammlung im Humboldt-Forum entstehe hier mit Mitteln der VolkswagenStiftung eine Internetplattform, die auch von Vertretern indigener Gruppen in Venezuela, Brasilien und Kolumbien genutzt werden kann; statt Oberbegriffe als typisches Ordnungsprinzip westlichen Wissens würden hier Symbole für Ethnien und Gebrauchsfunktionen zur Strukturierung der Plattform genutzt.

Noch einen Schritt weiter ging Silke Oldenburg (Hamburg) vom Museum für Kunst und Gewerbe in ihrem Vortrag "Neue Nutzer – Sammlung zum Download": Um die Reichweite, Sichtbarkeit und Relevanz des Museums zu erhöhen und der Gesellschaft als Eigentümerin Zugang zu dem im Museum gelagerten Kulturerbe zu geben, verfolge man eine strikte Open Access Policy. 

Ob jedoch Open Access ein Erfolgsgarant ist oder den Ausverkauf des Museums bedeutet, war Thema der anschließenden Podiumsdiskussion, an der neben Silke Oldenburg noch Hanns-Peter Frentz (Berlin) von der bpk-Bildagentur Preußischer Kulturbesitz, Christoph Lind (Mannheim) von den Reiss-Engelhorn-Museen und Gerald Maier (Stuttgart) vom Landesarchiv Baden-Württemberg teilnahmen. Auf dem Podium waren alle Positionen vertreten: Oldenburgs bedingungsloses Open-Access-Bekenntnis stand der Zurückhaltung von Frentz gegenüber, der darauf hinwies, dass die großen Museen nur wenige Bilder vollständig gemeinfrei zur Verfügung stellten. Wer etwas kommerziell nutzen wolle, der solle auch etwas dafür bezahlen. Über die jahrelange Klage gegen eine Wikipedia-Nutzung eines Porträts von Richard Wagner im Netz berichtete Lind: Wagners Konterfei finde sich jetzt auf Tassen und Tüchern einer US-amerikanischen Merchandising Agentur. In der Diskussion wurde deutlich, dass es neben schwierigen kommerziellen und urheberrechtlichen Fragen auch ethische Aspekte z. B. im ethnologischen Kontext zu berücksichtigen gibt. Und schließlich wurde über die "Deutungshoheit" debattiert: Was tun, wenn ein digitales Objekt von radikalen politischen Gruppen genutzt wird und dazu auch noch von dem Museum qua Bildherausgabe legitimiert wird? Jede Einrichtung, so Maier, müsse hier eine Strategie entwickeln und diese auch regelmäßig überprüfen.

Audio: "Das ist DEINE Sammlung!" – Museen als kollektives Eigentum. (Foto: Philip Bartz)
© VolkswagenStiftung

In der anschließenden öffentlichen Abendveranstaltung diskutierten Martin Eberle (Gotha) von der Stiftung Schloss Friedenstein, die freie Journalistin Silke Hennig (Berlin), Sandra Kisters (Rotterdam) vom Museum Boijmans van Beuningen, Pia Müller-Tamm (Karlsruhe) von der Staatlichen Kunsthalle und Merete Sanderhoff (Kopenhagen) vom Statens Museum for Kunst. Der Sektionstitel "Das ist DEINE Sammlung – Museum als kollektives Eigentum" wurde kritisch hinterfragt – der Eintritt und das Wachpersonal machten ihr jedes Mal deutlich, so Hennig, dass sie im Museum eben nicht "zu Hause" sei. Müller-Tamm verwies darauf, dass der Gang ins Museum mit seiner ständigen Sammlung für viele Besucher(innen) viel mühsamer sei als der Besuch einer kuratierten Ausstellung. Diese biete dem Besucher ein Narrativ, was die Vermittlung dezidiert einfacher mache. Genau in diesem Punkt, so Sanderhoff, sei Digitalisierung eine Chance: Wie die Erfahrung mit der Massendigitalisierung der Objekte des Amsterdamer Rijksmuseums gezeigt habe, suchten sich Menschen über das Internet ohne Kuratierung ihren eigenen Weg durch die Sammlungsbestände. Gleichzeitig könne dadurch, sekundierte Kisters, das Depot geöffnet werden, ohne es in ein Schaudepot zu verwandeln und damit zu einer Art zweitem Museum zu werden. Dass die Digitalisierung gleichzeitig die Museen zu einer Umstrukturierung der Arbeit zwänge, führte Eberle aus: Bisher machten dort viel zu viele gut ausgebildete Menschen quasi "Handarbeit" – man müsse die Strukturen reorganisieren, auch um die vielen neuen Aufgaben der Museen überhaupt bewältigen zu können. In der folgenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, dass zwischen den traditionellen Aufgaben und der Digitalisierung quasi ein Verteilungskampf besteht, ohne dass man jedoch weiß, wie man den tatsächlichen und den virtuellen Besuch zueinander ins Verhältnis setzen kann. "Was bedeuten 20.000 Klicks für ein Museum, was 200 'echte' Besucher?"

In Session 4 "Chancen durch Wissenszuwachs“ wurden sechs verschiedene Projekte vorgestellt. Antje-Fee Köllermann vom Niedersächsischen Landesmuseum (Hannover) berichtete über die offene Werkstatt der Goldenen Tafel als gelungenen Versuch, neues Publikum zu gewinnen. Der Betrachter könne hier Aug in Aug mit dem einzelnen Objekt aus dem Jahr 1400 stehen. In der Folge experimentiere man mit Patenschaftsmodellen an einzelnen Altarfiguren, was zu einer neuen, vertieften Bindung zwischen Publikum und Museum führe.

Die Restaurierung des sogenannten Damaskuszimmers im Museum für Völkerkunde stellte Anke Scharrahs (Dresden) vor. 80 m² verbräunte Leim- und Firnisschichten dieser hölzernen Vertäfelung aus dem Jahre 1810 wurden und werden gereinigt – seitdem drei restaurierte Wände aufgestellt sind, sei das Museum ein Ort der Heimat für syrische Flüchtlinge geworden. Gleichzeitig arbeiteten zwei syrische Kolleginnen im Projekt mit: Ziel sei ein späterer Wissensexport in den Nahen Osten.

Dass Restaurierung manchmal vor dem vollständigen Verschwinden bewahrt, führte Johanna Eder (Stuttgart) vom Staatlichen Museum für Naturkunde aus: Die bis zu 200 Mio. Jahre alten Fischsaurierfossilien würden durch den ausblühenden Schwefel langsam zerstört. 25 Objekte seien befallen, die ersten sieben seien jetzt restauriert und könnten im klimatisierten Depot vom Publikum besichtigt werden.

Wie auch die kulturwissenschaftliche Forschung durch die Restaurierung einen neuen Schub bekommen hat, erläuterte Julia Radtke (Dresden) am Beispiel der "gläsernen Menschen“ der Stiftung Deutsches Hygienemuseum. "Gläserne Figuren“ sind eigentlich aus Zellulosekunststoff und wurden ab 1930 von den Dresdener Lehrmittelwerkstatt zur Gesundheitsaufklärung hergestellt, wurden aber – den Wirren des Nationalsozialismus, des Weltkrieges und der Nachkriegszeit zum Trotz – zu Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts.

Dass auch die Restaurierungsforschung selbst durch Projekte einen neuen Schub bekommen kann, zeigte Gisela Geiger vom Museum Penzberg. Hinterglasmalerei war zuvor nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Im Penzberger Museum aber befinden sich 14 Hinterglasbilder des Expressionisten Heinrich Campendonk, der über 40 Jahre mit wechselnden Bindemitteln und Pigmenten Glasmalerei betrieben hat – Restauratoren und Chemiker müssten, so Geiger, hier eng zusammenarbeiten.

Ein besonderes Beispiel ihrer Förderung stellte Verena Gantner von der Wüstenrot Stiftung (Ludwigsburg) vor, deren besonderer Fokus auf den Kulturgütern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegt. Diese sind besonders gefährdet, da ihre Erhaltungswürdigkeit oftmals noch in Frage steht: die Restaurierung Dietmar Roths sogenannter "Hegelwürste“, die 20-bändige Suhrkamp-Taschenbuchausgabe von Hegel, "zerkleinert, mit Gewürzen und Schmalz angereichert in Wurstdärmen an Holzgestell“, wie der Titel dieses Kunstwerks von 1974 offiziell heißt. Das Gemisch von Papier und Schmalz musste dringend konserviert werden.

Die schlichte Frage "Was können wir tun?" stand am Abschluss der Veranstaltung. Martin Hoernes stellte bei dem Podiumsgespräch unter der Moderation von Wilhelm Krull klar, dass private Stiftungen wie das Bündnis "Kunst auf Lager“ nicht an das Gewicht der öffentlichen Hand herankommen können, dass sie allenfalls Überzeugungsprojekte fördern könnten. Kathrin Ergelett (Hamburg) vom Bundesverband der Fördervereine Deutscher Museen für Bildende Kunst versprach, das Thema Depot, seine verborgenen Schätze und damit auch die notwendige Restaurierung in die Diskussionen der Fördervereine einzubringen – es könne nicht mehr nur um den prestigeträchtigen Erwerb neuer Objekte gehen. Regine Schulz (Hildesheim) vom Roemer- und Pelizaeus-Museum und Christiane Zangs (Neuss) vom Kulturausschuss des Deutschen Städtetags warben beide für ein Museumsgesetz, das die Museen endlich – wie die Archive – zu einer Pflichtaufgabe von Ländern und Kommunen werden lasse. Sonst werde an den Museen in jeder Krise der Rotstift angesetzt; außerdem könne der Bund nur bei einer Pflichtaufgabe – wie beispielsweise bei Kindergärten – auch einmal Geld den Kommunen direkt zukommen lassen. Zangs sicherte zu, das Depot als "schlummernden Schatz" als Thema in den Kulturausschuss des Städtetags mitzunehmen, forderte aber umgekehrt von den Museen, die Objekte in ihren Depots wenigstens vollständig zu inventarisieren. Kontrovers diskutiert wurde die Einführung einer Kostenposition "Sammlungspflege“ im Haushalt der Museen: So wichtig ein Sammlungspflegekonzept, wie vom Museumsverband gefordert, auch sei – ohne höhere Finanzmittel sei dies kaum zu bewerkstelligen.

Der Bilanzworkshop "Kunst auf Lager“ beschrieb anschaulich die breite Palette der Förderungen dieses Bündnisses und erörterte übergeordnete Fragestellungen. Bei den intensiven Diskussionen auf den Podien und mit dem Publikum wurden von verschiedenen Stimmen auch neue Forderungen an die Politik wie an die Museen selbst formuliert: Museen sollten wie Archive als Pflichtaufgabe des Staates definiert werden, um in finanziellen Notlagen Ländern und Kommunen eine direkte Unterstützung durch den Bund zu ermöglichen. Zum anderen wurde die Selbstverpflichtung diskutiert, das Depot in den Museen zur Chefsache zu machen, eine vollständige Inventarisierung durchzuführen und die Sammlungspflege durch die Formulierung als eigene Kostenposition im Haushalt sichtbar zu machen. Mit dem Begriff "das fluide Depot" wurde zudem ein dynamisches Verständnis der Dyade Museum/Depot für die Zukunft entworfen.

Dr. Vera Szöllösi-Brenig