Studie zu Wissenschaftskulturen: Wo sind Impulse nötig?

Das Kuratorium der Stiftung hat Ende 2021 eine Studie zum Thema "Wissenschaftskulturen in Deutschland" initiiert und Joanneum Research gemeinsam mit Evaconsult, dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) und der Professur für Wissenschafts- und Technologiepolitik an der TU München mit der Durchführung beauftragt. Die Studie soll zum einen eine Bestandsaufnahme der tradierten und oftmals nicht hinterfragten Praxen der Wissensgenerierung leisten. Zum anderen sollen aus der aktuellen Zustands- und Problembeschreibung auch Lösungsansätze und Impulse für positive Veränderungen des Wissenschaftssystems abgeleitet werden. Es geht der Stiftung um Erkenntnisse, wie Wandel und Transformation von Wissenschaftskulturen gefördert und stimuliert werden können. Die Ergebnisse der Studie werden Ende 2022 vorliegen.

Die Studie wurde im Rahmen des Profilbereichs "Wissen über Wissen" in Auftrag gegeben. Mit unterschiedlichen Angeboten und Maßnahmen will die Stiftung hier gezielte Impulse zur Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen von Forschung, Lehre und Transfer in Deutschland geben. 

Drei Fragen an Georg Schütte, Generalsekretär der Stiftung

Georg Schütte steht an einem tisch vor einem Fenster, das mit langen Vorhängen verdeckt ist.
Dr. Georg Schütte, Generalsekretär der VolkswagenStiftung (Foto: Ludwig Schöpfer/VolkswagenStiftung)

Warum hat die Stiftung die Studie initiiert, wie sieht sie ihre Rolle in der Wissenschaftslandschaft?

Als größte private, gemeinnützige Wissenschaftsförderin in Deutschland sehen wir uns als Mitgestalterin der Wissenschaftslandschaft. Unseren Stiftungszweck, "Wissenschaft und Technik in Forschung und Lehre" zu unterstützen, wollen wir nicht nur dadurch erfüllen, dass wir spannende Forschungsprojekte finanzieren. Vielmehr wollen wir auch Debatten über die Rahmenbedingungen von Forschung, Lehre und Transfer in Deutschland anstoßen. Gemeinsam mit anderen Stakeholdern wollen wir überlegen, wie wir die Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens in Deutschland und darüber hinaus verbessern können. Die Gestaltung von Karrierewegen, disziplinäre Besonderheiten der Wissensproduktion, Förderregime oder Bewertungsmechanismen, all das macht die hiesigen Wissenschaftskulturen aus. Und diese nehmen wir mit der Studie in den Blick.

Was ist an dem gewählten Fokus auf Wissenschaftskulturen das Besondere, was macht das Thema so relevant und aktuell?

Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn – das zeigt sich nicht zuletzt in der Corona-Pandemie – ist ein zentraler Schlüssel zur Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können ihre Kreativität jedoch nur dann voll entfalten, wenn sie die nötigen Freiräume bekommen. Viel zu oft werden sie im täglichen Wissenschaftsbetrieb durch etablierte Gepflogenheiten und Zwänge begrenzt. Unsere Kolleginnen und Kollegen im britischen Wellcome Trust haben dies vor einiger Zeit in der von ihnen in Auftrag gegebenen Erhebung "What researchers think about the culture they work in" gezeigt. Sie verweisen dort etwa auf die negativen Effekte des hohen Publikationsdrucks in einzelnen Disziplinen.

Viel zu oft begrenzen etablierte Gepflogenheiten und Zwänge die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Welche Diskussionen sind notwendig bzw. welche Debatten möchte die Stiftung mit dieser Studie anregen?

Die Stiftung möchte den Blick aller beteiligten Akteure nach vorne richten. Die Studie dient nicht dazu, bestehende und wohlbekannte Missstände zu beschreiben. Wir wollen vielmehr Anstoß geben zu einer Diskussion über Wege hin zu einem System, das die bestmöglichen Bedingungen für wissenschaftliche Kreativität bietet. Diese Kreativität brauchen wir dringend – nicht nur zur Bewältigung aktueller und künftiger Herausforderungen, sondern generell als Elixier, um neue Wege zu neuen Erkenntnissen und neuem Wissen zu erkunden.

Drei Fragen an Michael Ploder, Projektleiter bei Joanneum Research

Portrait von Michael Ploder
Michael Ploder, Projektleiter bei Joanneum Research (Foto: Joanneum Research)

Wie setzt sich das Projektteam zusammen?

Joanneum Research ist die koordinierende Einrichtung in diesem Projekt. Sie ist interdisziplinär aufgestellt und besitzt langjährige und internationale Erfahrung im Bereich der Politikentwicklung und vor allem Politikevaluation in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Evaconsult bringt Kompetenzen und Kenntnisse zur Gestaltung des Wissenschaftssystems in das Projekt mit ein. Das DZHW ist ausgewiesen in der Auseinandersetzung mit Wissenschaftskulturen und Umfeldbedingungen von Wissenschaftler:innen in Deutschland und bringt seine Kompetenzen in der theoriebasierten Analyse sowie Ausgestaltung und Umsetzung empirischer Untersuchungen ein. Der Lehrstuhl für Wissenschafts- und Technologiepolitik der TU München verfügt über hohe Expertise, was die Erforschung der Auswirkung von Veränderungen der sozialen, politischen und institutionellen Rahmenbedingungen auf die Wissensproduktion und Arbeitskulturen betrifft. 

Wie ist die Studie aufgebaut, welche Elemente beinhaltet sie und wie gehen Sie methodisch vor?

Die Studie wählt inhaltlich einen systemisch ganzheitlichen und in der Methodik einen qualitativen, sehr kommunikationsorientierten Zugang. Damit sollen die unterschiedlichen Zugänge zur Entwicklung von Wissenschaftskulturen einzelner Akteursgruppen wie Wissenschaftler:innen, wissenschaftliche Institutionen und Förderorganisationen sowie die Wissenschaftspolitik berücksichtigt werden. Wissenschaftliche Erhebungen und der öffentliche Diskurs im Rahmen von Veranstaltungen ergänzen und begleiten einander im Laufe des auf knapp 12 Monate angelegten Projektes. 

Ausgehend von einer Literaturanalyse haben wir im April 2022 einen Workshop mit nationalen und internationalen Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis durchgeführt. Daraufhin haben wir das empirische Konzept noch einmal verfeinert. Weitere wichtige Anregungen zur Vorbereitung der Interviews ergaben sich aus zwei öffentlichen Veranstaltungen mit ausgewählten Expert:innen aus verschiedenen Bereichen des Wissenschaftssystems.

Wir formulieren auf Grundlage unserer Fallstudien Empfehlungen. 

Aktuell setzen wir ein breites Interviewprogramm mit unterschiedlichen Akteuren im Wissenschaftssystem um, das auch sechs disziplinäre Fallstudien einschließt. Die Ergebnisse werden wir wiederum in einem internationalen Workshop diskutieren. Auf dieser Grundlage formulieren wir schließlich Empfehlungen, die die Stiftung intern und extern diskutieren und ggf. in die weitere Gestaltung des Profilbereichs "Wissen über Wissen" einfließen lassen kann. 

Welche Leitfragen stehen dabei im Vordergrund?

Ausgehend von einer differenzierten Bestandsaufnahme in Deutschland wollen wir Problem-, Handlungsfelder, Ideen und Lösungsansätze im Hinblick auf einen positiven Wandel von Wissenschaftskulturen identifizieren. So fragen wir: Was brauchen die Wissenschaft und die nächste Generation von Wissenschaftler:innen, um hochwertige, kreative und gesellschaftlich relevante Forschung zu betreiben? Welche Erfolgsfaktoren und welche Barrieren gibt es in den gegenwärtigen Wissenschaftskulturen in Deutschland in Hinblick auf dieses Ziel? Und wie können diese gestärkt bzw. überwunden werden?

Wir fragen auch, wie sich die Veränderungen und Dynamiken in den Wissenschaftskulturen angesichts unterschiedlicher institutioneller Rahmenbedingungen konzeptionell erfassen lassen. Inwieweit sind hier Unterschiede in verschiedenen Disziplinen feststellbar? Und nicht zuletzt: Welche Impulse kann die VolkswagenStiftung – als Forschungsförderin und als wissenschaftspolitische Akteurin – setzen, um eine zukunftsgerichtete Transformation von Wissenschaftskulturen in Deutschland zu unterstützen?

Drei Fragen an Johanna Brumberg, zuständige Förderreferentin der Stiftung

Johanna Brumberg steht im Flur neben einer Wand mit silbergrauer Täfelung.
Dr. Johanna Brumberg, Förderreferentin der VolkswagenStiftung (Foto: Philip Bartz/VolkswagenStitung)

Wie ist die Stiftung in den Prozess eingebunden? Welche Rolle spielt sie beim Studiendesign oder der Entwicklung der Leitfragen? 

Die Stiftung hat die Studie in Auftrag gegeben und dabei den thematischen Rahmen sowie bestimmte Elemente der Studie definiert wie die Durchführung einer Metaanalyse der existierenden Forschung, die Integration von Expert:innenworkshops zur Spiegelung der aufgeworfenen Hypothesen oder die Durchführung von Fokusgruppeninterviews. Sie stellt also nicht nur Mittel zur Durchführung der Studie bereit, sondern ist Kooperationspartnerin des Teams. Wir gehen dieses Projekt gemeinsam an und tauschen uns eng über inhaltliche und organisatorische Fragen aus. Wir werden zusätzlich unterstützt von einem wissenschaftlichen Beirat, dem ausgewiesene Expert:innen angehören, die sich aus verschiedenen Disziplinen und Positionen heraus mit Fragen rund um Wissenschaftskulturen auseinandersetzen. Diese Diskussionen gehen ein in die Profilierung der Untersuchungshypothesen und die Schärfung der Leitfragen. 

In welchem Kontext der Stiftungsarbeit ist die Studie zu sehen?

Die Studie ist eine Aktivität des Profilbereichs "Wissen über Wissen", der als Teil der neuen Förderstrategie der Stiftung etabliert wurde. In diesem Rahmen möchten wir dazu beitragen, Wissen über Wissenschaft zu generieren, zu reflektieren, verständlich zu kommunizieren und strategisch anzuwenden. Unter anderem haben wir gerade ein neues Förderangebot aufgelegt, das die Wissenschaftsforschung in Deutschland stärken und so die Wissensbestände über die Rahmenbedingungen von Forschung und Lehre erweitern soll

Mit der Studie tragen wir selbst zur Generierung von neuem Wissen bei.

Mit dieser Initiative "Forschung über Wissenschaft" werden wir – ganz klassisch und wie man es von einer Förderorganisation erwartet – fördernd tätig. Mit der Initiierung und Mitwirkung an der Studie zu den Wissenschaftskulturen gehen wir jedoch einen Schritt weiter und tragen selbst zur Generierung von neuem Wissen bei. Diese Art von gemeinsamer Forschung ist auch für uns eine neue und spannende Erfahrung.

sollen die Erkenntnisse in die Stiftungsarbeit einfließen? In welchen Bereichen erwarten Sie Anregungen für Ihre Arbeit?

Die Stiftung möchte auf Basis der Ergebnisse zum einen reflektieren, ob ihre bestehenden Förderformate und -prozesse kreative, innovative und gesellschaftlich relevante Forschung tatsächlich bestmöglich unterstützen. Möglicherweise müssen wir ja existierende Instrumente und Aktivitäten anpassen. Zum anderen möchten wir Ideen ableiten, wie wir gerade im Profilbereich "Wissen über Wissen" unser Förderangebot so ausbauen können, dass ein positiver Wandel in der Wissenschaft unterstützt wird. Wichtig ist uns, auf Basis der Erkenntnisse eine breitere Debatte über notwendige Veränderungen anzustoßen und zugleich auch ins Handeln zu kommen. Wir wollen Maßnahmen ergreifen, um neuen Erkenntnissen und neuem Wissen den Weg zu bereiten. Hierzu werden wir im Profilbereich "Wissen über Wissen" die Wissenschaftsforschung weiter fördern und Pilotinitiativen unterstützen, in denen neue Arbeits- und Erkenntnisformen ausprobiert werden.

Die Stiftung möchte mit diesem Profilbereich Forschung über Wissenschaft fördern und gezielte Impulse zur strukturellen Verbesserung von Forschung und Lehre geben.