Wissenschaftskommunikation erforschen: Das KSCN

Wie kann Kommunikation mit diversen Zielgruppen gelingen? Wie können Prozesse der Forschung verständlich und das Innenleben beteiligter Institutionen transparent dargestellt werden? Und was braucht es, um Vertrauen in Wissenschaft zu stärken? 

Vier neu gegründete interdisziplinäre Forschungszentren in Kiel, Tübingen, Bonn/Dortmund und München werden im Rahmen der Initiative "Wissenschaftskommunikation hoch drei" gefördert, die langfristig bestehende Experimentierräume für die Wissenschaftskommunikationsforschung etablieren soll. In jedem der vier Zentren arbeiten Praktiker:innen der Wissenschaftskommunikation Seite an Seite mit Forschenden aus Fachdisziplinen und Kommunikationswissenschaften, jeweils mit einem anderen Fokus.

Das Kiel Science Communication Network (KSCN)

Portrait von Tom Duscher
Prof. Tom Duscher entwickelt an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel neue Formate der Wissenschaftskommunikation und ist fasziniert von der Idee, visuelle Codesign-Prozesse voran zu treiben. (Foto: KSCN)

"Wir wissen zu wenig über die Rezipienten unserer Visualisierungen", stellt Tom Duscher fest. "Es reicht nicht, etwas zu gestalten, es zu präsentieren und hinterher zu fragen, wie es gewirkt hat", sagt er. Stattdessen möchte der Kommunikationsdesigner schon während des Gestaltungsprozesses herausfinden, "was da eigentlich wahrgenommen wird."  

Die Forschenden im Kiel Science Communication Network haben insbesondere die emotionale Wirkung visueller Darstellungen im Blick - im Zentrum der Arbeit steht das neuartige Forschungsgebiet "Evolving Health". Auf verschiedenen Ebenen wollen sie die Reaktion der Rezipienten messen und analysieren. "Wissenschaftskommunikation soll als dialogisch und partizipativ empfunden werden", sagt die beteiligte Chemiedidaktikerin Ilka Parchmann. "Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir das mit unseren Designs erreichen." 

Wirkung von Bild und Prozess

Didaktiker:innen bringen aus der empirischen Bildungsforschung wertvolles Wissen über Lernen, Überzeugungen und Vertrauen mit. Im KSCN arbeiten sie eng mit Fachwissenschaftler:innen und Designer:innen zusammen, um die emotionale Wirkung visueller Medien zu bewerten - und zwar bereits im Verlauf der Entwicklung. Die Ergebnisse sollen in iterativen Schritten der Evaluierung und Optimierung in das Design einfließen. Und nicht nur das Produkt wollen die Forschenden untersuchen. Sie wollen die Interaktion der Beteiligten im Prozess des kooperativen Designs detailliert analysieren. "Ich bin gespannt auf die Aushandlungsprozesse, die sich dabei zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation entfalten", sagt Parchmann.

Portrait von Ilka Parchmann
Prof. Ilka Parchmann entwickelt, erforscht und lehrt als Chemiedidaktikerin am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik verschiedene Konzepte an Schnittstellen von Bildungs- und Wissenschaftskommunikation. (Foto: Axel Schön; Uni Kiel)

Wie nachhaltig interdisziplinäre Ansätze und die Verknüpfung verschiedener Akteure, Inhalte und Kontexte wirken können, hat Tom Duscher in seiner bisherigen Forschung erlebt und beschrieben. "Sie ermöglichen beiderseitiges Lernen und bilden oft die Grundlage für langfristigen Kapazitätsaufbau bei den Beteiligten: Für Nachwuchsforschende hat exzellente Kommunikation mittlerweile einen hohen Stellenwert und sie schätzen die Kreativprozesse der Künstler:innen und Designer:innen", beschreibt er. "Und Designer:innen begeistert die Detailgenauigkeit und das tiefe Wissen von Forschenden, sie sehen in der Zusammenarbeit einen substanziellen Beitrag zu einem besseren Verständnis dieser Welt." Duscher wünscht sich deshalb, "dass das KSCN auf struktureller Ebene mehr zukunftsfähige Modelle für die Kooperation von Wissenschaftler:innen und Designer:innen entwickelt." Ein logischer Schritt in die richtige Richtung ist für ihn die angedachte Einrichtung eines gemeinsamen Masterprogramms für Wissenschaftler:innen und Designer:innen. Die Studierenden könnten lernen, visuelle Medien für die Wissenschaftskommunikation im engen Austausch miteinander zu entwickeln, zu gestalten und zu erproben. "Und schon jetzt konnten wir durch die Förderung eine Stelle für eine Promovierende im Design besetzen", freut er sich. "Die Doktorandin kann mit ihrem Fachwissen in die Forschung der Fachdisziplinen diffundieren und sie steht im Dialog mit den Emotionsforschenden." 

Eine Gruppe von Menschen in einer wissenschaftlichen Ausstellung.
In Kooperation mit der Christian-Albrechts-Universität Kiel wurde mit „Digital Meta“ ein multimediales Exponat geschaffen. (Foto: KSCN)

Partizipatives Design 

"Im KSCN berücksichtigen wir zudem die Adressaten unserer Medien von Anfang an und entlang des gesamten Prozesses", ergänzt Ilka Parchmann. Rezipienten einbinden und Kooperationen über räumliche und disziplinäre Grenzen hinweg ermöglichen - das soll eine weitere Erfindung des KSCN. "Ich bin noch nicht sicher, ob Plattform die passende Bezeichnung für das ist, was uns vorschwebt", sagt Tom Duscher: "Ein Medienformat, das den partizipativen und interaktiven Designprozess visueller Darstellungen online widerspiegelt." In Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsmagazin ‘Spektrum der Wissenschaft’ soll ein Prototyp entstehen, der zum Beispiel an ein Wiki angelehnt sein könnte. Das Ziel: Alle Interessierten können sich an einem gemeinsamen Gestaltungsprozess beteiligen, passive

Rezipienten einbinden und Kooperationen über räumliche und disziplinäre Grenzen hinweg ermöglichen

Medienkonsumierende werden zu aktiv Mitwirkenden. "Möglicherweise wird es einen Art visuelle Moderation durch eine Bildredakteur:in brauchen, die Anregungen von Mitgestaltenden in Design Vorschläge übersetzt", überlegt Tom Duscher und denkt bereits weiter: "Spannend ist die Frage, ob perspektivisch künstliche Intelligenz diese Rolle übernehmen könnte. Zunächst setzen wir aber auf künstlerische Intelligenz."

Forschen in der kleinen Großstadt 

Inhaltlich bietet das Forschungsfeld Evolving Health reichlich Stoff für visuelle Kommunikation. Es ist eine Kieler Neuheit, wie der Biologe Hinrich Schulenburg erklärt. "Die medizinische und biologische Forschung der Christian-Albrechts-Universität hat einen starken Fokus auf der Co-Evolution von Mensch und Mikrobiom" - den Myriaden von Mikroorganismen, die einen wichtigen Teil unseres Körpers ausmachen. Die Betrachtung des Menschen als ‘Metaorganismus’, der neben Fleisch und Blut aus Bakterien, Pilzen und auch Viren besteht, fordert von der Wissenschaftskommunikation, sich mit verbreiteten Vorstellungen, Ängsten und Unsicherheiten vieler Menschen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig spiegelt der Begriff Evolving Health die Entwicklung der medizinischen Forschung, die Gesundheitsthemen aus zunehmend komplexen, vernetzten, systemischen Perspektiven betrachtet. "Und in dem Ausdruck des ‘Evolvierenden’ steckt auch für unser Netzwerk eine Menge Potential", merkt Parchmann an. "Bei neuen, sich entwickelnden Themen können wir die Kommunikation von Anfang an mitdenken."

Eine Hand vor einem Tablet.
Das Projekt „Digital Meta“ lädt zum Mitwirken und Ausprobieren ein. (Foto: KSCN)

"Nur die aufgeschlossene Haltung der Evolutions- und Mikrobiomforschung in Kiel macht unsere neue Form der intensiven Auseinandersetzung mit Wissenschaftskommunikation möglich", betont Tom Duscher. Das KSCN fügt sich in die Kieler Forschungslandschaft, in der es schon immer ungewöhnliche Zusammenschlüsse gibt, wie Duscher erzählt. Das liege am Standortvorteil der kleinen Großstadt: "Interessierte und engagierte Leute finden hier einfach zusammen." Diesen Vorteil will das KSCN ausbauen: Das Herz des Netzwerkes wird räumlich in der Seeburg verankert. Den ursprünglich als ‘Erholungsheim für Studenten und Professoren’ errichteten Bau an der Kieler Förde wollen die Beteiligten in einen Ort der Wissenschaftskommunikation umwandeln, der ganz für die Begegnung konzipiert ist 

Wissensvermittlung als Erlebnis  

‘Viewer Experience’ ist dabei ein Schlüsselbegriff. Menschen sollen ihren Besuch als attraktiv erleben und sich einbezogen fühlen; gleichzeitig gilt es, Informationen zu vermitteln. "Ob das gelingt, liegt nicht allein in der visuellen Gestaltung eines Ortes oder eines Mediums", sagt Tom Duscher. Es wird auch bestimmt davon, wie ein Mensch den Ablauf einer Begegnung erlebt, wie viel Spaß er dabei hat, ob er sie als anregend oder inspirierend empfindet. "Im Design gibt es etablierte Strukturen, User Experience zu entwickeln und zu evaluieren. Wir wollen testen, in wie weit sie auf die Viewer Experience in der Wissenschaftskommunikation übertragbar sind."

Die direkte Betroffenheit ruft in der Kommunikation andere Emotionen hervor, als wenn dieselben Themen aus gesellschaftlicher Perspektive angesprochen werden. 

Die Themen aus dem Forschungsfeld Evolving Health bieten dabei eine Besonderheit, erklärt Ilka Parchmann: "Gesundheitsthemen werden oft mit unmittelbarem Bezug zum eigenen Körper und dem persönlichen Wohlbefinden dargestellt." Die direkte Betroffenheit ruft in der Kommunikation andere Emotionen hervor, als wenn dieselben Themen aus gesellschaftlicher Perspektive angesprochen werden. "Für die Wissenschaftskommunikation ergeben sich hier spannende Fragen", sagt Parchmann. "Welche Wirkung erzielt ein auf die einzelne Person bezogenes Narrativ im Gegensatz zu einer gesellschaftlichen Perspektive? Und wie stark sollen Teilnehmende an der Kommunikation als Person selber eingebunden sein?"

Eine weitere Herausforderung für die visuelle Kommunikation sieht die Didaktikerin in der Bildarmut oder einseitigen Bildauswahl mancher wissenschaftlicher Bereiche: "Bestimmte Facetten der Forschung tauchen in medialen Darstellungen gar nicht auf, weil sie zu wenig greifbar sind", beschreibt sie. "Dieser Mangel an vielfältigen Darstellung kann eine verengte Vorstellungen von Abläufen in der Forschung bedingen." Beispielsweise könne der falsche Eindruck entstehen, Forschung in den Lebens- oder Naturwissenschaften sei allein von Technik und Geräten geprägt.

Ein zentrales übergeordnetes Anliegen ist es, das Vertrauen in Wissenschaft zu stärken.

Deshalb hält sie es für wichtig, auch bildarme Bereiche wissenschaftlichen Arbeitens in der Forschung des KSCN zu berücksichtigen. Tom Duscher erwartet, dass Erkenntnisse des Kieler Netzwerks in vieler Hinsicht auf bildärmere Forschungsdisziplinen sowie abstraktere Themen und Perspektiven übertragbar sein werden. "Ein zentrales übergeordnetes Anliegen ist es, das Vertrauen in Wissenschaft zu stärken", sagt er. Das KSCN wird vielen Fragen dazu nachgehen: Welche Formate und Kanäle eigenen sich, um wissenschaftsferne Menschen zu erreichen und anzusprechen? Wie können visuelle Medien helfen, wissenschaftliche Prozesse verständlich zu machen? Und kann dieses Verständnis eine Basis dafür sein, dass Menschen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen? 
"Mit unseren Erkenntnissen über die emotionale Wirkung wollen wir zu einem reflektierteren Umgang mit Visualisierungen in der Wissenschaftskommunikation aus allen Disziplinen beitragen", fasst Duscher seine Vision zusammen.

Kiel Science Communication Network

Neben Tom Duscher, Ilka Parchmann und Hinrich Schulenburg sind auch die Nachwuchsforschenden Dr. Carolin Enzingmüller und Dr. Melanie Keller Teil des KSCN-Teams. Sie sind als Projektleitende am IPN mit den Schwerpunkten Emotionen und Co-Design tätig.

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